paPPa.com informiert:
Kinderrechte sind unteilbar! - Väterdemo
in Berlin 18. Juni 2005
Nutzlos,
schädlich, rechtswidrig !
Babyklappen
und anonyme Geburt in Deutschland
Rede auf der Demonstration der "Väter
im Aufbruch"
Berlin, Gendarmenmarkt 18. Juni 2005
Dr.
Bernd Wacker, terre des hommes Deutschland. V.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich spreche zu Ihnen im Namen des Kinderhilfswerks
terre des hommes Deutschland. Man kann diesen Namen übersetzten mit
"Für eine Erde der Menschlichkeit". Zur Zeit unterstützen
wir 464 Projekte in 26 Ländern der Erde. Selbstverständlich sind
wir auch in den vom Tsunami verwüsteten Regionen Südostasiens
anwesend. Zusammen mit unseren einheimischen Partnern versuchen wir dort,
den aktuellen ebenso wie den längerfristigen Bedürfnissen der
von der Flut heimgesuchten Bevölkerung gerecht zu werden. Doch nicht
davon soll hier und heute die Rede sein.
Sprechen möchte ich hier vielmehr über die
Bundesrepublik Deutschland und über eine Form der angeblichen Hilfe
für Mutter und Kind, die uns zunehmend Sorge macht: Ich meine die
Babyklappe und das Angebot der Anonymen Geburt, von der viele Menschen
hierzulande immer noch glauben, dass sie als ein wirklicher Beitrag zur
Humanisierung dieser Gesellschaft zu betrachten sind. terre des hommes
hat zwischen 1967 und 1996 mehr als 2800 verlassene Kinder aus verschiedenen
Kriegs- und Krisengebieten der sog. Dritten Welt zur Adoption in deutsche
Familien vermittelt. Ein Großteil davon waren Findelkinder. Mit vielen
von ihnen stehen wir bis heute in engem Kontakt. Unsere Erfahrung mit diesen
Menschen hat uns skeptisch gemacht – skeptisch gegenüber allen Angeboten,
die Vätern/Müttern die Möglichkeit bieten, sich ohne gründliche
Information, ohne Erkundung von Alternativen und ohne rechtlichen Schutz
der Interessen der Kinder auf immer von diesen Kindern zu trennen. Wir
lehnen Babyklappen und anonyme Geburt ausdrücklich ab, weil wir sie
für nutzlos, schädlich und rechtswidrig
halten.
Lassen Sie mich diese drei Aspekte ganz kurz beleuchten.
1. Babyklappe bzw. Anonyme Geburt sind inzwischen fünf
Jahre alt. 1999/2000 wurden die ersten dieser Einrichtungen gegründet.
Zur Zeit ist von ca. 80 Klappen und einer wohl noch höheren Zahl von
medizinisch begleiteten Angeboten zur anonymen Geburt in Kliniken auszugehen.
Genaue Angaben existieren nicht. Ihre stärkste Legitimation bezogen
diese Einrichtungen von Anfang an aus dem Argument, mit ihrer Hilfe ließe
sich die Zahl von jährlich ca. 20-40 getöteten oder zum Tode
ausgesetzten Neugeborenen deutlich reduzieren. Babyklappe und anonyme Geburt,
so die Behauptung, böten die letzte Chance, das Leben auch jener Neugeborenen
zu retten, die ohne diese Einrichtung von ihren Müttern getötet
würden.
Den Beweis für diese Behauptung allerdings sind
die Betreiber bis heute schuldig geblieben. Fakt ist: Die Zahl der Aussetzungen
und Tötungen von Neugeborenen ist seit 2000 nicht zurückgegangen.
Dies gilt auch für Städte und Regionen, wo solche Einrichtungen
vergleichsweise leicht erreichbar gewesen wären. Konkret: 2002 wurden
14 Neugeborene lebend, 20 wurden tot aufgefunden. 2003 gab es 12 lebend
und 34 tot aufgefundene Säuglinge, 2004 wurden 14 Neugeborene lebend
und 18 tot aufgefunden. In diesem Jahr sind bereits 9 tot und 4 lebend
aufgefundene Kinder zu verzeichnen. Diese Zahlen sind der laufenden Berichterstattung
in den diversen Medien entnommen, sind also sichere Mindestzahlen. Eine
amtliche Statistik existiert nicht. Dafür, so die Auskunft aus dem
Familienministerium, sei kein Geld da.
Doch auch diese Mindestzahlen untermauern zur Genüge,
worauf viele Fachleute aus der psychosomatischen Frauheilkunde und Geburtshilfe
schon seit langem aufmerksam machen: Die Tötung eines Neugeborenen
(und die Entsorgung seines Leichnams) folgt einer anderen Psychodynamik
als die geplante Aussetzung eines Kindes in der Klappe oder seine anonyme
Geburt in einer Klinik. Mütter, die ihre Kinder unmittelbar nach der
Geburt töten oder einfach sterben lassen, befinden sich in der Regel
in einem psychischen Ausnahmezustand. Sie haben Ihre Schwangerschaft (auch
vor sich selbst) verleugnet, werden von der Geburt überrascht und
reagieren in Stress und Panik. In dieser Situation ziel- und zweckgerichtet
zu handeln, Alternativen zu erwägen und auszuwählen, ist ihnen
unmöglich.
Kurz: Die Klappe klappt nicht.
2. Damit zum zweiten Aspekt: Babyklappen und anonyme
Geburt sind nicht nur nutzlos, sie sind darüber hinaus auch schädlich.
Zwar wissen wir nicht, wie viele Neugeborene in diesen Einrichtungen tatsächlich
hinterlassen, d. h. willentlich anonymisiert und des Grundrechtes auf Kenntnis
ihrer Abstammung beraubt wurden. Sicher aber ist, dass die Zahl dieser
Kinder erheblich über der Marge liegt, die nach den allgemein angenommen
Tötungszahlen eigentlich anzunehmen gewesen wäre. Nach Angaben
der ehemaligen Justizministerin von Baden Württemberg dürfte
sie sich auf mindestens 150 Säuglinge pro Jahr belaufen. In Berlin
liegt sie im Durchschnitt der letzten Jahre ca. viermal so hoch wie die
Zahl der dort getöteten Kinder. Anders gesagt: Babyklappen und anonyme
Geburt retten kein Menscheneben, sondern schaffen zusätzlich Findelkinder.
Sie bieten die ideale Gelegenheit, den – aus welchen Gründen auch
immer – unerwünschten Nachwuchs schnell und unbürokratisch zu
entsorgen. Denn, um dies noch einmal zu betonen, Babyklappen und anonyme
Geburt stehen jedem offen, nicht nur den oft beschworenen "Schwangeren
in höchster Not". Dem Missbrauch sind Tür und Tor geöffnet
Wer tatsächlich dahintersteht, wenn ein Kind in die Klappe gelegt
oder anonym geboren und im Krankenhaus zurückgelassen wird, wissen
wir nicht. Tatsächlich immer nur die Mütter? Oder ist hier nicht
ebenso auch an ablehnende Ehemänner, auf Anonymität Wert legende
Lover, an den Zuhälter oder auch an den die Folgen eines Inzests vertuschenden
Vater der Kindsmutter zu denken? Und sind nicht, sozusagen umgekehrt, Babyklappen
und Krankenhäuser mit anonymer Geburt ein geradezu idealer Ort auch,
um Kinder vor ihren Vätern ein für allemal geheim zu halten?
3. Damit zum letzten Aspekt: Babyklappen und Angebote zur
anonymen Geburt sind nicht nur nutzlos und schädlich,
sie sind unseres Erachtens auch rechtswidrig. Ohne jeden Nachweis,
dass sie tatsächlich Leben retten, greifen sie tief in die Grundrechte
des Kindes ein und verunmöglichen ihm ein für allemal das Wissen
um seine Herkunft. Was den allermeisten von uns selbstverständlich
ist, wird hier einer immer zahlreicher werdenden Gruppe von Kindern systematisch
verweigert. Zugegeben: Längst nicht alle Adoptivkinder setzen sich
intensiv mit der Frage nach ihren familiären Wurzeln auseinander.
Dennoch ist es ein gravierender Unterschied, ob ein Adoptierter beschließt,
seine Herkunftsfamilie bewusst nicht zu suchen, oder ob ihm diese Möglichkeit,
hier eine eigene Entscheidung zutreffen, von vornherein versagt wurde.
Nie werden diese Kinder erfahren, wer ihre Mütter waren,
wie ihre Väter aussahen, ob es Geschwister gibt, Großeltern,
Onkel, Tanten. Und schlimmer noch: Sie werden sich ein Leben lang fragen,
warum sie nicht nur weggeben, sondern auf diese ganz spezielle Weise weggelegt
wurden. Was hat – so werden diese Fragen lauten – meine Mutter, meinen
Vater, meine Eltern daran gehindert, sich nach Alternativen zu Klappe und
Anonymität umzusehen? Warum haben sie mich, wenn sie mich schon nicht
bei sich behalten wollten oder konnten, nicht regulär zur Adoption
gegeben? War ich ihnen nicht einmal soviel wert? War (und bin ich) von
Anfang an überflüssig gewesen?
Der
Gesetzgeber hat in den letzten Jahren vier Gesetzesentwürfe vorgelegt,
die Babyklappe und anonyme Geburt legalisieren und die hier einzuhaltenden
Verfahren regeln sollten. Sie alle sind ausnahmslos schon im Vorfeld gescheitert
– gescheitert an unserer Verfassung und dem aus ihr resultieren Familienrecht,
das die vorgegeben Rechte der Kinder schützen und die Väter in
die Entscheidung zur Freigabe der Kinder zur Adoption eingebunden wissen
will. Gegen die Praxis der anonymen Geburt wird inzwischen von Staatsanwälten
in Hamburg, in Neuss, in Mannheim und Karlsruhe wegen des Verdachts auf
Personenstandsfälschung und Verletzung der Unterhaltspflicht ermittelt.
Die
Betreiber und Befürworter stört das alles nicht. Die Praxis läuft
wie gehabt. Allzu viele Staatsanwaltschaften und Jugendämter – und
erst recht die Politik – halten sich vornehm zurück. Nicht eine einzige
Babyklappe ist bis heute geschlossen worden.
Im
Interesse der Kinder und Betroffenen appelliere ich an Sie, an diesem Skandal
nicht länger vorbeizugehen. Informieren sie sich! Melden sie sich
zu Wort! Tragen sie zur Aufklärung bei! Bestehen sie darauf, dass
es nicht nur Elternrechte, sondern auch Elternpflichten gibt!
Die
Kinder haben es verdient.
Danke.
Zur
weiteren Information:
terre
des hommes (Hg.): Babyklappe und anonyme Geburt – ohne Alternative? Dokumentation
einer Fachtagung. Osnabrück 2003
Christine
Swientek: Die Wiederentdeckung der Schande. Babyklappen und anonyme Geburt.
Freiburg im Breisgau 2001
Im
Internet: www.tdh.de/content/themen/weitere/babyklappe/position_tdh.htm
-> NEXT: Impressionen vom 18.
Juni 2005
Leitseite Väterdemo
2005
paPPa.com-Homepage