paPPa.com bittet:

    An den Bundeskanzler
    Herrn Gerhard Schröder

    10. März 99

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,

    mit Enttäuschung, großem Bedauern und Unverständnis habe ich heute aus dem Bundesvorstand des Vereins "Väteraufbruch für Kinder" erfahren, dass Sie am 29. März des Jahres keine Zeit haben werden, eine Delegation von Vätern und Müttern unseres Landes zu empfangen, die sich mit aller Kraft dafür einsetzen, nach einer Scheidung/Trennung weiterhin gemeinsam Eltern ihrer Kinder zu bleiben.

    Als Begründung führte Ihre Sekretärin Gerlinde Zimmer Ihre, Herrn Schröders, enge Terminplanung an, welche in der ersten Jahreshälfte "ganz im Zeichen der deutschen EU Ratspräsidentschaft" stehe.

    Diese Begründung, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, kann ich als gesellschaftlich und politisch interessierte Bürgerin UND Wählerin nicht nachvollziehen.

    Immerhin waren Sie in Ihrer bisherigen kurzen Amtszeit keineswegs außchließlich der großen Politik verpflichtet, sondern hatten ganz im Gegenteil schon sehr oft Muße, sich zum Beispiel für Lifestyle-Magazine als Hobby-Model und Zigarrengenießer ablichten zu lassen oder an Fernseh-Talkshows teilzunehmen und etwa der Frage Gehör zu verschaffen, ob Sie nun Ihre Haare färben oder nicht.

    Selbstverständlich ist Ihnen etwas Spaß und Abwechslung herzlich gegönnt. Ebenso selbstverständlich ist ein medienfreundlicher, populistischer Kanzler nicht zwingend ein schlechter.

    Aber, und dies ist ein sehr großes ABER, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sind Ihnen als gewähltem Volksvertreter die Anliegen von jährlich weit über hunderttausend Scheidungskindern, die nach der Trennung ihrer Eltern mehrheitlich den Vater verlieren, wirklich weniger wichtig als Ihre privaten Vergnügungen und keinen Zeitaufwand wert?

    Schreit nicht die jeweilige "Regierung" unseres Landes immer lauter, daß immer mehr Kinder vaterlos aufwachsen, weil fast jede zweite Ehe zerbricht? Dass immer weniger Väter aufgrund der Scheidungsfolgen Unterhalt zahlen können? Dass in Städten mittlerweile mindestens 40 Prozent aller Sozialhilfeempfänger alleinerziehende Mütter sind? Dass immer mehr Kinder verarmen? Dass die Jugendkriminalität rasant wächst und die davon betroffenen Kinder/Jugendlichen mehrheitlich vaterlos aufwachsen? Dass Scheidungswaisen erschreckend oft unter Schulproblemen und Angstneurosen leiden, Verhaltensstörungen entwickeln, psychosomatisch erkranken bis hin zum Selbstmord usw.?

    Wird nicht allenthalben beklagt, wie Frauen und Kinder darunter leiden, dass sich die Väter nicht um ihre Kinder kümmern? Und werden nicht schon längst Programme entwickelt, wie man der Väter habhaft werden könne, damit sie ihre Pflicht gegenüber ihren Kindern ernst nehmen?

    Wie ist es dann aber zu verstehen, dass Sie, Herr Bundeskanzler, keine Zeit für eine Delegation ausgerechnet der Väter haben, die sich unbedingt um ihre Kinder kümmern wollen ? Keine Zeit für Väter, die aus überwiegend egoistischen Gründen der Mütter und der deutschen Rechtssprechung, welche die UN- Kinderrechtskonvention immer noch nicht verifiziert, keine Chance haben, ihre Kinder zu sehen?

    Sollte es wirklich so sein, dass Sie als mehrheitlich gewählter oberster Interessenvertreter unseres Landes an den Interessen eines ständig größer werdenden Bevölkerungsanteils weniger Interesse zeigen als an lächerlichen Repräsentationsvergnügungen?

    Oder ist es vielleicht eher so, dass Sie das Ausmaß der Leiden von Scheidungswaisen und ihrer per Gerichtsbeschluß zu Zahlvätern/müttern degradierten Eltern bisher noch nicht verifizieren konnten?

    Dass Ihre Weigerung, eine Delegation dieser Eltern persönlich zu empfangen und ihr Anliegen ernst zu nehmen, auf reiner Unkenntnis der menschlich traurigen und gleichzeitig wegen ihres gigantischen Ausmaßes gesellschaftlich kaum finanzierbaren Scheidungsfolgen basiert?

    Für den Fall, dass letztere Vermutung zutrifft, sende ich Ihnen beiliegend mein Buch "Der gebrauchte Mann. Abgeliebt und abgezockt. Väter nach der Trennung" zur Information.

    Mit dem Wunsch, dass Ihnen für die Zukunft stets ein harmonisches Familienleben beschert sein möge und Sie die Alltagsnöte der Väter und Mütter nie am eigenen Leibe erfahren, für deren Empfang Ihr Terminkalender zu eng war,

    grüßt Sie

    Dr. Karin Jäckel

     paPPa.com e.V. - Eltern im Internet, Berlin

    An den Bundeskanzler
    Herrn Gerhard Schröder
    Bundeskanzleramt
    Adenauerallee 139-141

    53113 Bonn

    per Telefax: 0228-56 23 57

    12. März 1999

    Ihre Absage für den 29. März 1999 - "Väter radeln für Gerechtigkeit"

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,

    Sie haben keine Zeit am 29. März 1999, um eine Delegation von Mitbürgern zu empfangen, die ca. 3 Millionen Menschen repräsentieren, deren Schicksal eines gemeinsam hat: Sie haben das Recht verloren, ihre Kinder oder Enkelkinder oder Schwestern bzw. Brüder weiterhin lieben und Verantwortung für sie übernehmen zu dürfen oder müssen zumindest ernsthaft darum bangen. Jährlich kommen ca. 200.000 Kinder und damit Väter, Mütter, Großeltern und Geschwister hinzu, die Elternteile und/oder Verwandte verlieren.

    In der letzten Legislaturperiode wurde die Reform des Kindschaftsrechts beschlossen, zum Teil gegen erheblichen Widerstand aus den Reihen Ihrer Partei und mit großem Gezeter aus den Reihen Ihres Koalitionspartners. Die Umsetzung dieser Reform greift nicht und das wollen Menschen, die ihre Kinder verloren haben, Ihnen verdeutlichen.

    Mit Ihrer Absage scheuen Sie die Öffentlichkeit und internationales Publikum, zumal Deutschland familienpolitisch hinter allen EU-Ländern hinterherkinkt (Ihr französischer Kollege sprach vom "Gesetz des Dschungels" und meinte damit Deutschland - paPPa.com informiert fortlaufend über die europäische Entwicklung in diesem Bereich).

    Hier ist die Politik erneut und verstärkt gefordert - andere Länder haben es vorgemacht, nur Deutschland verharrt in allgemeiner Lethargie. Sie geben als Bundeskanzler die Leitlinien für die Politik vor - oder eben auch nicht oder wirken, wenn es um Familienfragen geht, geradezu kontraproduktiv.

    Sie haben die Bitte um einen Termin derart beantworten lassen, dass man evtl. im Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend geneigt sein könnte, eine Delegation zu empfangen ... Klingt es nicht gerade zynisch, wenn Sie, Herr Bundeskanzler, Männer, die die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen wollen, ausgerechnet in das Ministerium schicken, das ein "Ein-Eltern"-Familien-Modell (Mutter mit Kind und den Staat als ideellen Vater) favorisiert?

    Dieses Minsterium - an der Spitze Frau Christine Bergmann - macht vor allem mit Horrormeldungen und sexistischem Getöse von sich reden, da sie erkennen muss, dass die Ausgrenzung natürlicher Väter aus der Verantwortung und die Hineinnahme des Staates als ideellen Vaters zu enormen Kostenexplosionen im Jugend-, Sozial- und Gesundheitsbereich führt - aber die Konsequenzen nicht sehen kann und will, weil man die "Heilige Kuh" der "Frauenpolitik" nicht anzurühren bereit und fähig ist.

    "Männer, schämt Euch! Jede 3. Frau ist von häuslicher Gewalt betroffen" (so u.a. der Berliner Kurier vom 20.12.98) - Belege werden nicht genannt.

    "Bergmann will gegen säumige Väter härter vorgehen" - Die Welt vom 30.12.1999 schreibt: "Familienministerin Bergmann betonte: "Jene Väter müssen merken, dass es ihnen wirklich an den Kragen geht und die Zwangspfändung droht. Sie dürfen nicht so ungeschoren davonkommen." Untermauert werden diese Meldungen mit Zahlenwerken, die einer Überprüfung keinesfalls standhalten. Ihrem Haus liegt hierzu bereits aufschlussreiche Korrespondenz vor.

    Hier wird wissentlich ignoriert, wieviel Väter zahlen, oft bis an die Grenze des eigenen Leistungsvermögens, mitunter darüber hinaus - nur um nicht den Kontakt zu den Kindern zu verlieren. Ignoriert wird auch, dass ebenfalls viele Mütter nicht zahlen; vergessen wird, dass ca. 2/3 der Unterhaltspflichtigen den Kontakt zum Kind gänzlich verloren haben - wobei der Staat tatenlos zusieht, den Umgangsboykott zuweilen sogar noch befördert. Uns erreichen täglich Beschwerden über entsprechende Verhaltensweisen in deutschen Jugendämtern und/oder Familiengerichten. Ganz zu schweigen von der Besteuerung geschiedener Männern mit Kindern, die wie Singles besteuert werden - auch wenn sie fortan für zwei Haushalte aufzukommen haben.

    Und dieses Ministerium beschäftigt sich - wertet man die Pressemeldungen aus - zu 90% mit der immer wieder behaupteten, meist aber nicht nachgewiesenen, Benachteiligung der Frau im allgemeinen und im Besonderen - von Buxtehude bis Süd-Senegal - und wird nun von jeder 2. Frau unter 25 deshalb höhnisch belächelt, die längst nicht mehr an die Unterdrückung der Frau glauben können, siehe AP-Meldung zum Frauentag. Die Ressorts Familie, Senioren, Jugend stehen ganz unten auf der Rangliste politischer Prioritäten - von Vätern und deren Familien ganz zu schweigen ...

    Apropos Familie: Mit Interesse haben wir zur Kenntnis genommen, wie eine führende Dame aus Ihren Reihen öffentlich definiert hat: "Familie ist, wer aus dem gleichen Kühlschrank isst ..." Wir meinen: Familie ist aus der Perspektive des Kindes das Netz aller Verwandten, gleich ob sie unter einem Dach leben oder an unterschiedlichen Orten dieser Welt. Wir wissen nicht, welchen Familienbegriff Sie sich zu eigen machen. Wir wissen nur, dass Verantwortung für Kinder nicht an der Kühlschranktür endet ... Nur Barunterhalt ist auch verantwortungslos, Herr Bundeskanzler.

    Es fällt uns schwer, Ihnen "Familienfeindlichkeit" nachzusagen angesichts Ihres welt- und zukunftsfernen Familienbegriffes. Die Mitglieder der andere, nicht an der Regierungsverantwortung beteiligter Parteien scheinen einen - zumindest aus (nur) Kindersicht - realistätsnaheren Familienbegriff, der über den Kühlschrank und das gemeinsame Dach hinausreicht, für sich in Anspruch zu nehmen und freuen sich, mit uns am 29. März 1999 ins Gespräch zu kommen.

    Im Namen auch von Millionen Trennungswaisen wünschen wir Ihnen für diese Form rot-grüner Politik - gleichgeschlechtliche Ehen, Singles mit Kind und Patchwork-Families, "Kind ja - aber bitte ohne Vater" (Carola Schewe, VAMV, vom Bund gefördert mit 15 Millionen DM jährlich) - eines nicht: viel Erfolg.

    Vielleicht hören wir in anderer Form dann doch noch von Ihnen - es ist an der Zeit.

    Mit trotzdem freundlichem Gruß

    paPPa.com e.V. - Eltern im Internet

    P. S. Freuen Sie sich mit uns auf die betroffenen Menschen, die Ihnen zu Ihrer Absage und allen damit verbundenen Themen schreiben werden. Diesen Brief an Sie (und einige andere) finden Sie unter
    http://www.paPPa.com/aktion/radvater.htm

    Rüdiger Meyer-Spelbrink - 12. März 1999

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,

    mir großer Überraschung erfuhr ich von Ihrer Absage, die "radelnden Protestväter" zu empfangen. Ich bin enttäuscht, da Herr Danzebrink Sie seit dem 5.1. immerhin 6 mal anschreiben und sogar einmal persönlich vorsprechen musste, um nun diese Absage zu bekommen. Sie haben "keine Zeit", weil wichtige EU-Verpflichtungen vorgehen. Nicht einmal ein kompetenter Vertreter aus Ihrem Haus ist für solche Väter in sehr schwierigen Situationen abkömmlich? Europa ist die Zukunft, Kinder sind aber auch die Zukunft. Und das eine ist nicht ohne das andere zu erreichen!

    Vielmehr habe ich den Eindruck, dass Sie die volle Tragweite dieses Problems noch nicht erkannt haben. So ging es mir neben sicher vielen anderen auch. Leider werden einem meist durch die eigene Betroffenheit die Augen geöffnet. Früher dachte ich: "Wenn Väter nach einer Scheidung die Kinder nicht sehen dürfen, muss das doch seinen Grund haben. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat; es gibt Jugendämter, Beratungsstellen, Familiengerichte. Wenn ein Vater also sein Kind nicht sehen darf, dann hat er sich bestimmt etwas zu schulden kommen lassen".

    Dann kam meine Scheidung und ich musste die Realität kennenlernen. Dabei habe ich für mich und meine Kinder noch sehr großes Glück gehabt, da ich als alleinerziehender Vater unter "meiner Entsorgung" nun gerade nicht leiden muss. Aber: ich habe unzählige Väter kennengelernt, denen es ganz anders ging. Und mit etwas Pech wäre es mir sicherlich auch nicht anders ergangen. Im Laufe der Jahre habe ich Fälle kennengelernt, da kommt selbst bei mir als unbetroffenen Vater das Gefühl von Wut und Ohnmacht auf.

    Ich will darauf nicht näher eingehen. Sie könnten sich einen schnellen Überblick verschaffen, wenn Sie nur auszugsweise in die Ihnen zu übergebenden Fälle schauen würden. Bei dem ersten Fall würden Sie noch denken, dass die Schilderung sicherlich sehr subjektiv ist; einige Fälle später würden Sie meinen, dass es sicherlich immer ein paar unglückliche Misstände gibt (selbst in Deutschland). Aber letztendlich würden auch Sie erkennen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Sie würden die Dringlichkeit erkennen, dass sich auf jeden Fall etwas ändern muss.

    Möglicherweise sind Sie auch der Meinung, dass das seit letztem Jahr geltende neue Kindschaftsrecht mit der offiziellen Möglichkeit des gemeinsamen Sorgerechts für Abhilfe sorgt. Dies ist jedoch ein Trugschluss, die Reform bewirkt kaum etwas:

    a. Solange es unzählige Förderungen und Hilfen für Mütter, aber kaum für Väter gibt,

    b. solange die Politik sich für Untersuchungen zur Lage der Mütter interessiert, die Lage der Väter aber nicht hinterfragt,

    c. solange es leitende Mitarbeiter in Jugendämtern gibt, die Mütter vor dem gemeinsamen Sorgerecht warnen,

    d. solange Vorurteile bestehen, letztlich gehöre das Kind sowieso zur Mutter,

    e. solange in der Praxis Mütter eigenmächtig den Vater-Kind-Umgang festlegen können, wenn noch kein Urteil vorliegt,

    f. solange alleine schon aufgrund so mancher Verfahrensdauer (bis es zu einer Umgangsregelung kommt) die Gefahr der Vater-Kind-Entfremdung besteht

    g. solange gerade durch das Boykottieren von gemeinsamen Eltern-Gesprächen durch Mütter vor Jungendämtern der sicherste Weg ist, ein gemeinsames Sorgerecht zu verhindern,

    h. solange Mütter die Möglichkeit haben, trotz bestehender Umgangsregelung nahezu sanktionslos den Vater-Kind-Umgang zu unterlaufen,

    kann man von einer Reform kaum sprechen.

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Vor einiger Zeit habe ich beim Zahnarzt in einer eher unbedeutenden Illustrierten gelesen, dass Sie mit dem Vater der Kinder Ihrer jetzigen Frau recht gut auskommen. Soweit die Schilderung so zutrifft, ist es schön für Sie, den Vater und die Kinder. Wahrscheinlich trübt das Ihren Blick auf die Nöte und Belastungen, die leider viele andere Väter haben. Von einem Bundeskanzler hätte ich mir aber da etwas mehr Feingefühl für einen nicht unbeträchlichen Teil der Bevölkerung erwünscht.

    Es geht um das Heranwachsen unserer Kinder und um Ihr Recht auf beide Eltern. Dies kann sich nicht dadurch ändern, weil sich die Eltern nicht mehr verstehen. Und es geht auch um die legitimen Ängste, Sorgen und Leiden der betroffenen Väter. Wer diese Probleme nicht erkennen will, verkennt eine der gesellschafts- und familienpolitischen Folgen der Veränderungen der Familien in der heutigen Zeit und versagt sich seiner Verantwortung hierzu. Insbesondere, als dass die Folgen der Scheidungskinder weitere erhebliche Probleme in unserer Gesellschaft schaffen, mit denen Sie sich, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, dann noch oft genug werden beschäftigen müssen.

    Insoweit bitte ich Sie, Ihre Entscheidung zu überdenken, ob Väter im März über 200 Km umsonst nach Bonn radeln müssen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Rüdiger Meyer-Spelbrink