DIALOG informiert:
Referate der „DIALOG“-Fachtagung, Teil III
Dr. med. Michael Meusers, Arzt für Kinder- und Jugendpsychatrie, Kinderarzt, Leitender Arzt am Gemeinschaftskrankenhaus Witten/Herdecke, Klinikum der Universität Witten/Herdecke
Thema: Aus der Perspektive der Kinder. Sorgerecht - Sorgepflicht. Psychopathologische Folgeschäden bei Kindern im Sorgerechtsstreit
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
hoffentlich gelingt es mir gegen die Nahrung die Ihren Magen jetzt beschwert anzukommen. Ich möchte Sie jetzt gerne auf eine ganz andere Sichtweise locken.
Ich stelle Ihnen keine Studie vor, aber ich möchte versuchen, aus der Sicht des Kindes zu schildern, was Trennung/Scheidung- und Sorgerechtsprozeß anschließend bedeutet, und stütze mich sozusagen auf meine Erfahrung mit Kindern als Kinder- und Jugendpsychiater. Wir sehen viele Kinder nach Gerichts-, nach endgültigen Urteilen, die trotzdem dann noch Behandlung brauchen und daraus formt sich auch mein Weltbild über dieses Problem.
Wir sehen sicherlich nicht Kinder, die einen Trennungs-/Scheidungsprozeß gut überstanden haben, auch wenn ich keine Studien zitieren werde. In den letzten 10 oder 20 Jahren hat es in Deutschland wie auch in Frankreich und den USA, viele Untersuchungen über Beziehungsentwicklungen gegeben, in den ersten Lebenswochen und ich finde die so interessant und so aufregend, daß ich Ihnen das ein bißchen nahe bringen möchte. Es ist nämlich der Start ins Leben gewesen, von uns allen, und diese Untersuchungen geben eine Sichtweise wieder, die vielleicht das ganze Leben beleuchtet. Es ist nicht so, daß wenn Menschen auf die Welt kommen, daß wir beziehungslose Wesen sind und das unsere Eltern es sind, die uns in die Beziehung locken, es ist genau umgekehrt. Ihr Neugeborenes oder Säugling blickt Ihnen ins Gesicht, ahmt Ihre Mimik nach und sie reagieren. Ob sie nun Mutter oder Vater sind, daß Kind nimmt diese Veränderung wahr und reagiert wiederum darauf. Sie pflegen übrigens, in aller Regel sich an die Regel Ihres Kindes zu halten, egal wie alt sie sind, und ob es ihr eigenes Kind ist oder nicht. Sie brauchen nur auf die Straße zu sehen, wenn jemand mit dem Kinderwagen vorbei kommt und die Anverwandschaft möchte gerne dem Kind irgendwie nahe sein, sie gehen auf 40 cm in die Nähe. Sie benutzen so Sachen wie „da da da“, auch wenn sie schon promoviert sind und sie machen auch bestimmte Schaukelbewegungen mit dem Kind, alles Dinge die auf das Nervensystem des Kindes auf seine Möglichkeiten, Wahrnehmungen zu haben, abgestimmt sind. Zumindest weltweit identisch, egal ob es in China, Japan oder Europa ist. (Die eigentliche Muttersprache entsteht viel später.)
Das Geheimnis dieses Prozesses ist die Initiative zur Kommunikation, sie geht vom Kinde aus. Um es dann noch etwas schärfer zu sagen: "Das Kind manipuliert seine Eltern, es verändert etwas in der Welt und zwar am Anfang im Gesicht der Eltern." Und dieses Motiv, ein Kind verändert etwas in seiner Umgebung, scheint der Motor der Entwicklung für Kinder zu sein. Das Gefühl die Umgebung steuern zu können, und das ist nicht ein Prozeß, der in der Pubertät beginnt, wenn wir als Erwachsene den Eindruck haben, wir könnten unsere Kinder nicht mehr erziehen, sie würden uns entgleiten, sondern das beginnt ganz am Anfang, sozusagen ein zentrales Motiv von uns allen, wir als Kinder können unsere Eltern verändern.
Es gibt eine zweite, wesentliche Voraussetzung für eine gute Entwicklung. Es ist nach vielen Studien wahrscheinlich ziemlich gleichgültig, ob sie einen ganz stringenten, relativ festgelegten Erziehungskurs haben, oder ob sie eher eine großzügige Erziehung haben; es scheint, alle diese Erziehungsstile scheinen eine geringe Rolle zu haben für´s ganze Leben. Aber ein anderer Faktor spielt eine große Rolle für das Kind: es wichtig, daß Ihr Erziehungsstiel vorhersagbar ist und nicht nach chaotischen Regeln erfolgt, und nicht nach dem Besuch einer Erziehungsberatungsstelle oder gar eines Kinderpsychiaters sich so verändert, daß es für das Kind nicht mehr vorhersagbar wird, also die Vorhersagbarkeit elterlichen Verhaltens ist die zweite wichtige Voraussetzung.
Die dritte wichtige, ich könnte sehr viel mehr nennen - ich möchte mich aber auf die drei beschränken: Die dritte wichtige Voraussetzung ist, daß Kinder lernen, ihre Emotionen, ihre Gefühle, ihre triebhaften Bedürfnisse zu steuern, und das passiert über ein verhältnismäßig einfachen Vorgang. Der Grund, daß sie ihre Lust zu essen um eine halbe Stunde oder Stunde zurückstellen, mit dem Gewinn als Familie gemeinsam am Tisch zu sitzen, das heißt, Beziehung zu bekommen, ist der Vorgang, der es uns in allen Varianten ermöglicht, beziehungsfähige Menschen zu werden . Wir lernen unsere plötzlich ungesteuert auftretenden Bedürfnisse einzuschränken, um den Gewinn von Beziehungen, das heißt wir lernen, Verzicht zu leisten.
Diese drei Dinge, ich lasse viele andere Gesichtspunkte weg, die einen als Kinderpsychiater einfallen. Wenn Sie diese 3 Motive nehmen und sich fragen, was wird aus diesen 3 Dingen, wenn es zu einer Trennung und schließlich Streit um das Sorgerecht kommt? Das ist heute morgen schon mehrfach angeklungen, die Kinder, die wir kennenlernen, erleben an erster Stelle, daß ihre Eltern plötzlich Dinge tun, die so sind, daß die Kinder sie in keiner Weise mehr beeinflussen können. Dabei spielt eine ganz besondere Rolle, daß aus der Perspektive der sich trennenden Eltern gut verständlich ist, daß die gegenseitige Kritik nicht nur in die Zukunft geht, sondern auch in die Vergangenheit. Was früher mal gut miteinander zu sein schien erscheint, erleben die Kinder in der Konfliktphase der ehelichen Trennung als plötzlich entwertet, in Frage gestellt. Also Formulierungen wie "Vielleicht hast Du das denn früher niemals ernst gemeint“ und da glaube ich, muß ich keine Beispiele benennen, das werden wir alle kennen. Dieser Vorgang bedeutet für die Kinder zum einem die Vergangenheit, die Sicherheit darüber, daß die Vergangenheit richtig war, wird in Frage gestellt, wird verunsichert. Sie ist sozusagen die Lebenserfahrung der Kinder, sie ist nicht mehr als die Lebensgrundlage, die Zukunft zu gestalten.
Das Zweite ist das die Zurückstellung von Bedürfnissen, um Beziehungen zu bekommen, die in dieser Phase in der Regel in den Familien keine wesentliche Rolle mehr spielt, die Erwachsenen sind in aller Regel mit anderen Problemen beschäftigt. Insofern haben Kinder das Gefühl, daß ihre Rücksichtnahme mehr der Unterstützung der Erwachsenen dient denn der Zuwendung. Die Art, wie Kinder mit diesem Erleben umgehen, ist sehr stark Lebensalter abhängig. Das wurde heute morgen schon im Ramen der ersten zitierten Studien deutlich und ich würde gerne noch einmal darauf ein bischen eingehen. Und zwar würde ich beginnen mit dem Alter der etwa 3-, 6- bis 7-Jährigen. Das sind ja, wenn Sie so wollen, hilflose Wesen. Und diese Hilflosigkeit, die diese Kinder im Grunde haben, lösen sie dadurch, daß sie ausgesprochene Allmachtsphantasien haben. Daß sie häufig die Idee haben, daß die Umgebung die Dinge nur deswegen tut, weil sie es wollen. Das ist das eine Weltbild, was die Kinder haben. Das zweite ist, daß für die Kinder in diesem Alter überhaupt nicht zählt, warum sie etwas tun, sondern es zählt das Konkrete wie sie es tun und was sie tun. Sozusagen, wer mir Essen und Trinken und Kleidung gibt, ist mein Freund, oder im Kindergarten heißt es dann: wenn der eine Junge dann sein Auto verloren hat, daß dann der andere Junge sagt: „Wenn ich Dir dein Auto finde, bist du dann mein Freund?“ Es geht sozusagen im Grunde über sehr äußerliche Dinge und wenn es in dieser Zeit zur Trennung/Scheidung kommt, dann liegt es nahe, daß die Beteiligten sich in besonderer Weise in dieser Ebene um das Kind kümmern.
Wenn ich meinen Beitrag hier halten müßte, um Ihnen verständlich zu machen, warum aus meiner Sicht das Verhalten von Menschen in Trennung und Scheidung plausibel ist, dann würde ich sagen, es macht in der Tat viel Sinn, Vieles zu tun was den Partner entwertet, weil die Menge der Entwertung irgend wie passend sein muß zu den Gefühlen der immer noch bestehenden Zuneigung. Das muß irgendwie ausgeglichen sein bei den Eltern, man hält es schlecht aus, sich zu trennen, wenn nicht platt gesagt, auch der Haß oder die Abneigung mindestens so groß ist wie die vergangene Liebe.
Aus der Perspektive der Kinder ist es allerdings tragisch, weil sie plötzlich konkrete Handlungen ihrer Eltern erleben, die verbunden sind damit, daß sie ausgesprochen gegensätzlich sind und für Kinder zwischen 3 und 6 bis 7 Jahre bedeutet das häufig, daß die Eltern nicht vorhersagbar sind, sondern was in einem Haushalt gilt, gilt im anderen nicht und umgekehrt. Sozusagen: die Ordnung der Welt ist auf den Kopf gestellt. Viele Kinder retten sich, indem sie sich eine eigene Welt bauen, insofern erleben wir axellierte, vorgereifte Kinder nach Trennung und Scheidung, wenn sie das in diesem Alter durchgemacht haben. Aber auch später scheinbar ein Stückchen reifere Kinder, die dabei aber auf die Sicherheit früherer Erfahrung verzichten müssen. Und es wird unter diesen Aspekt verständlich, daß je früher Erlebnisse in dieser Weise stattfinden, desto schwieriger wird die Langzeit-lebensbewältigung.
Im Alter 6-9 spielt dieses Äußere nicht mehr diese zentrale Rolle, also die Kinder sind in der Regel sehr viel pfiffiger, die Eltern gegeneinander auszuspielen und ihren Gewinn davon zu haben, mit noch mehr Geschenken zu Weihnachten, aber sie haben ein anderes Problem, es ist das Alter, wo die meisten Kinder verhältnismäßig gut erziehbar sind. Das heißt, in diesem Alter haben die Kinder ein hohes Interesse zu lernen. Es hat schon einen inneren Sinn, daß die Schule mit etwa Sechs beginnt. Das heißt, Gefühle spielen in dem Alter eine verhältnismäßig geringere Rolle im Verhältnis zu dem, was dann kommt. Und wenn Kinder in diesem Alter erstmalig sozusagen Scheidung/Trennung ihrer Eltern erleben, dann haben sie nicht die Ruhe, die Zeit des Dazulernens zu nutzen, sondern sie verpassen diese Jahre, weil plötzlich Emotionen über sie herüberbrechen, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. Jungen äußern das häufig durch Ausleben von Aggression, Mädchen ziehen sich viel häufiger zurück, wobei ich sagen muß, daß wir in der jüngeren Zeit erle-ben, daß die Mädchen sich den Jungen anpassen, und umgekehrt. Aus unserer konkreten Klinikerfahrung, erleben wir das Mädchen es nicht so anders machen wie Jungen.
Zwischen 9 bis 12 und 13 bekommen am Beginn der Pubertät Gefühle sozusagen Farbe. Es ist ja so, daß auch schon Kleinkinder Gefühle haben, aber die Wirkliche Wucht und Power von Gefühlen entsteht in den Kindern so am Beginn der Pubertät. In dieser Altersgruppe vor 12 verwickelt in einem Scheidungs/Trennungsverfahren bedeutet, daß die Kinder erleben, daß die Gefühle sie total überwältigen und so erleben wir in dieser Zeit viele Kinder, die versuchen, durch scheinbare Zurückhaltung oder durch scheinbares Unterdrücken, das scheinbare fast cool wirken, irgendwie Herr dieser überflutenden Gefühle zu werden. Kinder können sich in dem Alter häufig nicht mit anderen Menschen über ihre Gefühle unterhalten, sie erleben sie sozusagen primär prozeßhaft.
Wenn Sie jetzt 3 Jahre weiter gehen, so etwa 12 bis 15, dann erwerben die Kinder eine Fähigkeit dazu. Sie sind plötzlich in der Lage, die Gefühle anderer sich vorstellen zu können, nachempfinden zu können. Es gibt auch Kinder, die das schon mit 9 oder 10 können, aber im Prinzip ist das so die Reihenfolge. Stellen Sie sich vor, [ich denke jetzt an einen konkreten Jugen, den ich in dieser Woche gesehen habe] ein Junge, bei dem sich im Alter von 12 Jahren die Eltern trennten, und aus meiner Perspektive der Vater der Verlierer war. Da der Junge das entsprechende Alter hatte, bekam er vom Richter die Möglichkeit, sich zu entscheiden, wo er zunächst wohnen wollte, beim Vater oder bei der Mutter. Trotz erheblicher Beratung durch uns, ist es der Mutter bis heute hin unglaublich schwer gefallen, die Entscheidung des Jungen zu akzeptieren. Wir haben nämlich eine einfache Voraussage gemacht, wir haben der Mutter gesagt, ihr Sohn wird sich für seinen Vater entscheiden, und er wird nach einem halben Jahr etwa wechseln. Und so ist es auch gekommen. In diesem Alter entscheiden sich auffallend viele Kinder dazu, den Schwächeren - aus ihrer Sicht - den schwächeren Elternteil zu unterstützen, unter Aufgabe eigenen Entwicklungsfortschrittes. Die Kinder merken dann nach einiger Zeit, daß es nicht geht, und wechseln zurück zu dem Elternteil, wo sie das Gefühl haben, psychisch überleben zu können. Das hat hierbei noch nichts mit Besuchsrecht zu tun, sondern nur mit dem Gefühl „Wo muß ich leben?“. Aber dies tun nicht alle Kinder, wir kennen auch, vor allem gut begabte Kinder, die diesen Schritt nicht vollziehen, die bei diesem Elternteil, von dem sie meinen, er brauche die größte Hilfe, bleiben. Also die Frage, aus Kindersicht, wer kann besser erziehen, ist eine geradezu fatale Frage.
Das Alter 12 bis 15, jenseits von 15. Sie wissen, daß Jugendliche dann ihre eigene Lebensansicht suchen, ihre eigenen Wege gehen, sich langsam von uns loslösen. Man könnte die Illusion haben, Eltern spielen in diesem Alter keine große Rolle, sofern sie Kinder diesen Alters haben, täuschen sie sich, sie täuschen sich ganz erheblich. Wenn Sie sich als Mensch aus einer solchen Gemeinschaft lösen und einen eigenen Stil finden, dann müssen sie immerhin noch wissen, ob die Beurteilung der Vergangenheit zutreffend war oder nicht. Ob sie sozusagen die alte Beurteilung bleibt. Trennung und Scheidung für Kinder und Jugendliche 16, 17, 18, heißt häufig die eigenen Identität ein Stück zu verlieren, das Gefühl zu haben, das wogegen ich mich wehre, was ich gar nicht so gut finde, verliert plötzlich die Art der Beurteilung, die bisher galt.
Ich kenne eine ganze Reihe Menschen, die jenseits von 20 erleben, also im Alter 25 bis 30, eigene Kinder haben, die erfahren, daß sich ihre Eltern nach etwa 30 Jahren Ehe schließlich scheiden lassen, und obwohl das ganze äußerlich betrachtet, harmlos abläuft, ein Sorgerechtsverfahren hat in diesem Alter wirklich keine Chance mehr, trotzdem bedeutet es für diese jungen Erwachsenen, daß häufig das Gefühl, ob ihr Glaube, daß die Eltern vorübergehend mal glücklich zusammengelebt haben, nicht vielleicht eine Täuschung war. Und im nächsten Schritt, ob der Glaube, daß die eigene Beziehung stabil ist, nicht vielleicht auch eine Täuschung ist. Das heißt, selbst junge Erwachsene haben Mühe zu erleben, wenn die eigene Kindheit, noch nach so viel Jahren, eine andere Beurteilung bekommt.
Ich mache jetzt einen Schnitt, und komme mit einem ganz anderen Gesichtspunkt: Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten, wie man sich trennt, da gibt es den sozusagen „jahrelangen Konflikt“, bei dem die Kinder manchmal früher wissen als die Eltern, daß Trennung ein gutes Unternehmen sein könnte. Da gibt es die Trennung / Scheidung, die plötzlich passiert, ohne das etwas passiert ist, und dann gibt es die Trennung / Scheidung, die aus heiterem Himmel mit heftigen Auseinandersetzungen stattfindet. Sozusagen drei Varianten. Im Rahmen der Sprechstunde, oder im Rahmen der Gespräche mit Eltern und Kindern, ein auffallend hoher Anteil, oder die meisten unserer Patienten kommt aus Familien, wo sich die Eltern getrennt haben, stellen wir fast regelhaft eine Frage, auf die wir fast regelhaft keine Antwort bekommen. Wir fragen nämlich die Eltern oder das Elternteil, das uns das Kind vorstellt, „Welchen Gewinn haben Sie aus der Trennung gezogen? Wofür hat sich das Unternehmen gelohnt?“. Und ich muß einfach sagen, daß es mir immer wieder so geht, ich selber habe weder als Kind eine Trennung durchgemacht, noch jetzt, insofern bin ich vielleicht inkompetent für dieses Thema, aber ich finde es trotzdem immer wieder eindrucksvoll, daß auch nach Jahren der Trennung es außerordentlich schwer fällt, Trennung / Scheidung unter dem Gesichtspuntkt des Gewinnes auzuschauen. Und ich benenne das bei dem Thema, das ein Teil der Kinder gut schildern kann, daß die chronischen Auseinandersetzungen der Eltern durchaus eine Trennung rechtfertigen. Aus der Perspektive von Kindern ist dieser Gesichtspunkt nämlich ein ganz entscheidender. Trennung / Scheidung bedeutet ja für die Kinder, daß sie auf Vieles verzichten, nicht selten auch darunter leiden, daß die finanziellen Ressourcen der Familie sehr schwierig werden. Die Kinder fragen sich wahrscheinlich viel häufiger als die Eltern: hat sich das Unternehmen gelohnt? Oder anders herum: Kinder können sich mit der Trennung / Scheidung, soweit sie unsere Patienten sind, häufig viel eher positiv verbinden, wenn am Ende eine positive Bilanz steht.
Die Frage des Gewinnes oder daß sich das Ganze gelohnt hat, spielt eine zentrale Rolle. Es spielt für alle drei Varianten der Trennung / Scheidung eine Rolle, aber im besonderem Maße sicherlich auch für diese erste. Die andere Form der Trennung, die für die Kinder überraschend kommt, plötzlich kommt, und bei der sie dann erleben, daß sie nicht mitgestalten können, folgt bei vielen Kindern einem Muster, was man in ganz anderen Zusammenhängen kennt. Sie werden überrascht sein, aber ich komme kurz auf etwas ganz anderes zu sprechen: Die Amerikaner haben einen Vietnamkrieg geführt, Sie können sich wahrscheinlich noch erinnern, 55.000 Tote, aber mehrere hunderttausend Menschen, die schwere seelische Verletzungen davongetragen haben. In den USA gibt es Hurikans, das weiß man vorher - sozusagen, daß heißt, die Amerikaner hatten die Möglichkeit, ein erhebliches Maß an Forschung zu betreiben über sogenannte seelische Störungen nach schweren seelischen Verletzungen. Diese Forschung ist hochinteressant, weil sie nämlich deutlich macht, eine ganze Reihe von Phänomenen, denen man sonst erstaunt gegenüber steht. Und diese Forschung hat ergeben, daß die, und das war auch ein Hintergrund dieser Forschung, man hat sehr viel Psychotherapie mit ehemaligen Vietnamsoldaten gemacht, die Ergebnisse waren nur nicht gut. Und dann erst hat man gelernt, daß man mit anderen Konzepten Therapie machen mußte, und die Ergebnisse wurden um vieles besser.
Wenn Sie sich überlegen, ein Kind erlebt die Trennung / Scheidung wie ein letztendlich plötzliches Gewitter, was über es kommt, dann reagiert es wie Erwachsene etwa auf Autounfälle oder ähnliche Dinge. Es kann diese Gefühle, die aufkommen, anläßlich dieser Ereignisse, es wird von diesen Gefühlen so überflutet, daß es diesen Gefühlen keine Worte gibt, keinen zeitlichen Ort, keinen räumlichen Ort. Es bleibt sozusagen etwas übrig, von der Trennung / Scheidung, was die Kinder kaum beschreiben können, wenn man sie danach fragt. Wenn man überlegt, wie verletzend dieser ganze Vorgang für Eltern ist, dann wird es verständlich, daß es den Versuch gibt, in Familien über diese Vorgänge möglichst nicht dauernd zu sprechen. Aus der Perspektive der Kinder heißt es aber, sie haben keine Möglichkeit, gedanklich, kognitiv die Vorgänge, wärend sie passieren, zu refelektieren, und damit trennen zu können vom übrigen Leben. Ich erinnere Sie noch einmal daran, daß selbst über 20-jährige, wenn sie nicht nachvollziehen können, an welcher Stelle die Biographie der Ehe der Eltern einen Knick bekommen hat, also an welcher Stelle es plötzlich auseinander ging, daß selbst in diesem Alter Menschen oft das Gefühl haben, ihre Wahrnehmung der Eltern aus ihrer Kindheit muß irgendwie falsch gewesen sein. Wenn also in einem Trennungs-/Scheidungsprozeß Kinder keine Worte über das, was stattfindet haben, nicht voraussehen und sagen, was als nächstes passiert, nicht verständlich irgendetwas an Handwerkszeug haben, zu verstehen, warum ihre Eltern in dieser Weise reagieren, dann bleibt für die Kinder ein Gefühl übrig, was zwar sehr unangenehm ist, was aber nicht steuerbar ist.
Stellen Sie sich vor, es gibt so ein Schlüsselerlebnis: die Eltern streiten wüst im Wohnzimmer bei Sonnenuntergang draußen, und es riecht nach Kartoffeln und dieses Kind, 3 Jahre später, ist mit einem Freund oder Freundin zusammen und es riecht wieder nach Kartoffeln, und es ist Sonnenuntergang zufälligerweise, dann kann es sein, daß die Gefühle von damals plötzlich wieder da sind, und keiner weiß warum. Nur wenn die Kinder in dieser Zeit kognitiv, also gedanklich, nachvollziehen können, daß das damals mit all dem nur damals, nur in dem Raum, zu der Zeit stattgefunden hat, und mit dem heute in einer anderen Situation nichts zu tun hat, nur wenn sie das gedanklich trennen können, dann können sie auch in solchen Situationen wieder Herr ihrer Gefühle werden, und z. B. unangenehme Gefühle zuordnen, dem Damals, und nicht dem Hier und Jetzt. Diese Tatsache ist nicht zu unterschätzen, sie hat dazu geführt, daß man z. B. bei Flugzeugentführungen versucht, relativ bald mit den Betroffenen ausführlichst über alle Geschehnisse zu sprechen, damit sie eben nicht, wenn sie das nächste mal in der Straßenbahn sitzen und es ist der selbe Bezugsstoff wie im Flugzeug, plötzlich die Gefühle der Flugzeugentführung wieder haben. Das folgt ganz ähnlichen Regeln.
Und in diesem Rahmen den Eltern auch verständlich zu machen, daß die Zeit der gelungenen Beziehung eine Zeit ist, die die Eltern vielleicht im Rückblick immer noch nicht in Frage stellen. Ich möchte das noch einmal an einem Beispiel klar machen: Wenn Sie heute nach hause fahren, und auf dem Heimweg mit dem Auto verunglücken, werden Sie wahrscheinlich nicht die Ansicht haben, daß es grundsätzlich falsch war, je Auto zu fahren. Anders ist es für Kinder, die Trennung / Scheidung erfahren haben. Sie kommen auf die Idee, es sei möglicherweise grundsätzlich falsch, Beziehungen einzugehen, die zu einer Ehe führen, oder gar die Illusion zu haben, lebenslang zusammen zu bleiben. Es ist etwas, über das man mit Worten in der einzelnen Familie sprechen muß, um den Zeitpunkt den Kindern verständlich zu machen, wo man das Gefühl hatte, nun geht das Schiff wirklich in eine andere Richtung, ohne daß die ersten Jahre oder Jahrzehnte deswegen falsch waren. Also diese Standortbestimmung für Kinder ist etwas, was sich Kinder von ihren sich trennenden Eltern wünschen würden. Im übrigen würden sie sich wünschen, daß sie in irgendeiner Weise die Eltern weiterhin beeinflußen können, also in irgendeiner Weise mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden, trotz des Scheidungsverfahrens.
Einen weiteren Wunsch, den ich jetzt hier nicht mehr als Kinderpsychater äußere, ist der, daß ich glaube, die meisten Kinder wünschen sich eine Person, die ihnen das Verhalten ihrer Eltern verständlich macht. Diese Person braucht nicht Teil des Verfahrens zu sein, in dem Sinne, daß sie an irgendeiner Stelle Macht hat mit zu drehen, aber sie sollte das Know-How haben, Kindern verständlich zu machen, warum die Mutter, der Vater heute so und wenige Wochen später anders reagiert.
Die Idee, man könne bestimmen, wer besser ist für die Sorge, ist aus Sicht der Kinder geradezu schädigend in meinen Augen, denn es entwertet einen ihrer Elternteile, der immerhin z. B., und das ist so glaube ich ein Faktor, den man tatsächlich nicht wegrücken kann, die Hälfte des Chromosomensatzes geliefert hat - sicherlich das, auf was sich alle einigen können. Ganz gleich, wie die Elternteile sind: Von jedem stammt wirklich die Hälfte, und wer würde schon gerne diese Hälfte haben, wenn er sagt, die ist nicht gut. Also der Versuch, Sorgerecht unter dem Aspekt zu machen, wer der bessere ist, ist aus Sicht der Kinder etwas, in meinen Augen, Schädigendes. Und insofern würde ich aus der Sicht der Kinder auch sagen, kann das nicht Teil eines Sorgerechtsverfahrens oder der Trennung / Scheidung sein. Das gemeinsame Sorgerecht ist sicher aus der Sicht der Kinder die ideale Lösung.
Aber es gibt etwas, was dagegen spricht, das will ich nicht verschweigen. Nicht etwa aus der Sicht der Kinder, sondern aus einer ganz anderen Sicht, das ist eine völlig neue Idee in unserer Gesellschaft. Wir haben zwar Riten und eine Kultur, wie man Beziehungen schließt, wir haben aber leider keine Kultur und keine Riten, wie man eine Beziehung beendet. Und ich glaube, daß das ein Teil ist, daß wir ausgesprochene Mühe haben, uns mit Trennung / Scheidung auch zu versöhnen. Selbst wenn Sie auf eine Beerdigung gehen - übrigens der Tod eines Elternteils ist in der Regel weniger verletzend als Trennung / Scheidung - und Sie erinnern sich nachträglich daran, dann gibt es in der Regel auch neben der Trauer Dinge, an die Sie sich gerne erinnern. Das wäre etwas, was ich mir von einem solchen Ritus „Trennung / Scheidung“ wünschen würde, irgendwie eine Kultur dazu, irgendwie Ideen, was denn die gelungene Trennung / Scheidung ist, sozusagen als Standard in unserer Gesellschaft.
Wir wissen, daß wird nicht allen gelingen, aber man kann wenigstens dann mit dem Prozeß als Kind zufrieden sein, und auch zufrieden sein mit seinen Eltern. Insofern denke ich, daß dieser Versuch, des gemeinsamen Sorgerechtes ein verwegener ist, weil er so neu ist, nichts desto weniger würde ich dafür, aus meiner Sicht, dafür plädieren, ihn zu verfolgen. Aber ich glaube, man muß akzeptieren, daß auf diesem Weg viele Versuche scheitern werden, das ist zu neu. Also, als Kind würde ich mir den Berater im Trennungs- Scheidungsverfahren wünschen, ich würde mir am Ende wünschen, ich wüßte wie die Geschichte der Eltern genau war.
Und ich würde mir noch etwas wünschen - ich komme noch einmal darauf zurück, Kinder haben das Urbedürfnis zu steuern - ich würde mir nicht ein Recht auf Kinder wünschen, sondern ich würde mir lieber als Kind ein Recht auf Elternschaft wünschen. Das ist nämlich dummerweise meines Wissens nach nicht einklagbar. Ich kann kein Elternteil belangen, weil es sich, aus welchen Gründen auch immer, um Elternschaft drückt. Und im Rahmen des Verfahrens vielleicht plötzlich nicht mehr erreichbar ist. Also aus der Sicht eines Kindes würde ich mir sozusagen einen Rechtsanspruch auf Elternschaft, und zwar auf einergermaßen ordentliche Elternschaft wünschen. Und ich denke, dieses Recht würde ich höher ansiedeln als das des Erwachsenenrechts auf Kinder. Sie merken, der Kinderpsychiater sieht es vielleicht tatsächlich anders, aber vielleicht würde das ganze Verfahren viel einfacher werden, wenn die Kinder eine bessere Position hätten. Wir haben in einer ganzen Reihe von Fällen, nachdem sie einschließlich durch das OLG geregelt waren, trotzdem der Zoff weiterging, mit getrenntlebenden Eltern zum Teil in zwei verschiedenen Räumen gleichzeitig, Vater in einem - Mutter im anderen, denn sie waren nicht mehr bereit, miteinander in einem Raum zu sitzen, darüber verhandelt, ob sie bereit sind, ihre Rechte, ihre Kinder zu sehen, aufzugeben zugunsten der Tatsache, daß die Kinder Rechte haben sie zu sehen. Und wir haben uns angeboten, als Vermittler, einschließlich Telefonnummer, daß die Kinder die Möglichkeit haben, sich an uns zu wenden, wenn sie glauben, daß dieses Recht irgendwie infrage gestellt sei. Wir haben eine ganze Reihe von Fällen, wo das gut funktioniert und wo die Kinder darüber selber bestimmen - nach dem Motto: „Wenn ich am Freitagabend meine Hausaufgaben gemacht habe, und die Pflichten in dem einen Haushalt hinter mich gebracht hab, ist es meine freie Entscheidung, ob ich am Wochenende meinen Vater oder meine Mutter besuche oder nicht“. Ich muß Ihnen sagen, daß ich aus Kindersicht nicht so gut damit leben könnte, wenn ich per Gerichtsbeschluß die Auflage bekäme, 14-tägig meinen Vater oder Mutter zu besuchen. Mir kommt es ein bißchen vor wie ein Stückchen Freiheitsberaubung, denn selbst meine beiden Töchter haben keinesfalls im 14-tägigem Rythmus Lust gehabt, mit mir was zu unternehmen, obwohl wir in Frieden zusammenleben. Dies gab es auch mal, daß sie mehrere Wochen hintereinander weder mit Vater noch mit Mutter irgendetwas Großes unternommen haben, sondern selber etwas gemacht haben. Also auch dieser Gesichtspunkt würde dafür sprechen, den Kindern Rechte einzuräumen, und nicht eine paritätische Verteilung der Freizeit.
Ich bin gespannt, wenn ich das richtig sehe, ist der nächste Redner ein Richter, wie die anderen Referenten diese, meine Positionen sehen, auch wenn ich selber leider an der weiteren Veranstaltung nicht mehr teilnehmen kann.
(Referat erstellt nach Tonaufzeichnung durch Seve Rockel und Manfred Swars Tel.: (0177) 6350728.)