DIALOG - Landesverband Baden-Würtenberg - informiert:
Dr. Jirina Prekop ist Diplom-Psychologin und Bestseller-Autorin von
(alle erschienen im Kösel-Verlag, München).
Sie ist führende Vertreterin der Festhaltetherapie, die sich im Zusammenhang mit der systemischen Therapie den Beziehungsstörungen widmet.
Festhalten als Lebensform und als Therapie. Einen Menschen in seiner seelischen Krise oder in einer Beziehungskrise in den Arm zu nehmen und so lange festzuhalten, bis er seine Wut herausschreit und seine Wut ausweint, ist eine ursprüngliche Lebensweise. Sie macht möglich, dass der Mensch vor ungelösten Konflikten nicht flüchtet, sondern diese offen ausdrückt und aussöhnt. Dies ist gelebte Liebe schlechthin.
Jirina Prekop verbindet die systemische Therapie nach Bert Hellinger (‘Kopf und Herz’) mit der von ihr in Deutschland eingeführten Festhaltetherapie (‘Bauch und Herz’).

PREKOP, Jirina: DER KLEINE TYRANN, erweiterte Neuauflage, Kösel-Verlag, 1995
Das Sippengewissen sorgt für den Ausgleich
Es gibt zwei Gewissen. Jedes wirkt auf seine Weise. Das persönliche Gewissen macht emotional betroffen, empfindet Behagen und Unbehagen, urteilt was Gut und Böse ist, belohnt den >Sittlichen< mit Anerkennung und gibt ihm einen besonders guten Platz in der Sippe, während es den Schuldigen verurteilt und ihm den Platz in der Sippe verweigert. Hier wirken sich die Maßstäbe unserer Erziehung aus. Das Sippengewissen wirkt völlig anders. Es wirkt zwar im Verborgenen des persönlichen Gewissens, aber unabhängig von Normen des jeweiligen Zeitgeistes. Es richtet sich nicht danach, wie sich der Mensch verhält. Als eine übergeordnete Instanz wahrt das Sippengewissen stets über die Ordnung im System der Sippe. Es sorgt dafür, daß jeder, der sich hier einbrachte, sein Recht auf Zugehörigkeit innerhalb dieses Systems bekommt. Dazu gehören nicht nur die Guten - die bekommen das Recht auf ihre Stelle ohnehin -, sondern auch die ausgestoßenen schwarzen Schafe, die Gehaßten, die Verlassenen und die Ausgeklammerten. Das Sippengewissen sorgt für den Ausgleich und setzt für den Ausgeklammerten einen Nachfolger ein, der dann die Lücke füllt bzw. in das gleiche >schwarze Loch< hineingezogen wird. Die Wirkung des Sippengewissens kann man sich als die >Gottesmühlen< vorstellen, die >bis in das dritte und vierte Glied< gehen. So folgt dem Selbstmörder in der nächsten Generation der andere nach, manchmal auf die gleiche Art und Weise. Er identifiziert sich mit ihm und mit seinem Schicksal. Ein Enkel macht für seinen wegen Betrugs ausgestoßenen Großvater den Ausgleich und wird zum perfektionistischen Bürgermeister. Die Stelle des Vaters, der von seiner Frau als schwacher Partner verstoßen wurde, nimmt sein Sohn ein und lebt die Stärke, die sich der Vater nicht traute. Das Kind macht also den Ausgleich. Es opfert sich auf, indem es für den anderen lebt. Dies geschieht unbewußt, so wie uns das ganze Sippengewissen unbewußt bleibt. Es wirkt im Verborgenen der Seele und macht erst durch den Schmerz auf sich aufmerksam, der durch eine Störung der systemischen Ordnung entstand. Dann tritt derjenige, der für die Herstellung des Gleichgewichtes eintreten soll, in die entstandene Lücke. Ob er will oder nicht, muß er dann seinen systemischen Auftrag erfüllen, oft für den Preis seiner Selbstaufgabe.
Kinder in gestörten familiären Systemen
Kinder von heute sind durch die Störungen der systemischen Ordnung schwer geprüft. Was kommt auf sie gehäuft zu? Jede dritte Ehe im deutschsprachigen Raum wird heute geschieden, und die Scheidungsrate nimmt weiter zu. Vor allem die fehlende Konfliktfähigkeit ist hierfür verantwortlich. Es erweist sich bei Hans, was das Hänschen schon lernte: War es damals nicht brav, wurde es in sein Zimmer bzw. in die Besenkammer geschickt und durfte sich entweder mit Musik trösten oder ganz alleine vor sich hin weinen. Aufgrund dieser Prägung zieht sich der Ehemann, der mit seiner Frau einen Konflikt hat, in sein Zimmer oder in seine eigene Wohnung zurück und flüchtet sich in seine Arbeit, um seiner Depression zu entgehen. Ehen gehen meist im Haß auseinander und nicht in gegenseitiger Achtung. So erlebt das Kind seine Eltern nicht als Einheit, sonder gespalten. Wenn es sich mit einem Elternteil solidarisiert, macht es sich am anderen schuldig, es steht dazwischen. Nichtsdestoweniger nimmt es häufig die schwere systemische Last auf sich, einen von den beiden zu vertreten bzw. sich mit ihm zu identifizieren und so auf das Kind-Sein zu verzichten.
Lucas, der Terminator
Die Mutter, die zu einem therapeutischen Seminar kommt, hat für ihren achtjährigen Sohn Lucas schon eine vorgefertigte Diagnose: Er sei ein kleiner Tyrann. Wie im Buch beschrieben sei er maßlos frech zu ihr, tituliere sie >blöde Kuh<, wenn sie nicht gleich willig ist, boxe er sie, schikaniere sie beim Essen und gebe ihr Schuld für seine schulischen Mißerfolge. Gegen seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Bernd führe er einen brutalen Krieg. Lucas sei schon als Kind schwierig gewesen, weil er Neurodermitis hatte. Ganze Nächte habe er sich von ihr kratzen und eincremen lassen, sie habe ihm stets zu Diensten stehen müssen. Ihr Mann habe ihr nicht geholfen, sondern sie schmoren lassen. Den Schatten, der sich auf die Ehe legte, habe man nicht mehr auflösen können und die Ehe zerbrach schließlich. Die Mutter hat inzwischen einen neuen Lebenspartner, der Vater lebt alleine. Um die Erziehung der Söhne sorgt er sich nach wie vor nicht, obwohl er auf dem gemeinsamen Sorgerecht bestand. Im Gegenteil, er hetzt gegen die Mutter, wo er nur kann. Während des Gesprächs stört Lucas unzählige Male, indem er nach allen möglichen Sachen verlangt. Trotz mehrerer Verbote macht er dauernd die Handtasche seiner Mutter auf. läuft immer unruhiger herum und tut, als schieße er mit einem imaginären Gewehr. Das Bild eines Terminators! Die Schildmütze, die er partout nicht ablegt, erinnert an den Helm eines Soldaten im Nahkampf. Um den Bauch trägt er einen Gürtel mit einer Pistole, die Arme zieren Aufkleber mit Tätowierungen. Sobald er die Chance bekommt, seine Familie aufzustellen,* tut er es unerwartet gesammelt und ernst. Die Eltern trennt er deutlich und stellt sie weit auseinander. Sich selber stellt er vor den Vater, und seinen Bruder vor die Mutter, so daß er seinen Bruder konfrontiert. Den Lebenspartner der Mutter stellt er mit dem Rücken zur Familie ganz an den Rand. Eine unbedeutsame Randfigur! Auf den ersten Blick merkt man, daß er für seinen Vater und gegen die Mutter kämpft. Nach dieser Aufstellung vertritt auch der jüngere Bruder den Vater, jedoch im guten Sinne als Helfer und Verteidiger der Mutter. Die beiden Brüder tragen also den Kampf der Eltern weiter aus, während die Eltern nur noch auf der Ebene der Rechtsanwälte miteinander verkehren. Untersucht man, wie die herrische Aggressivität bei Lucas entstehen konnte, so wird deutlich, daß einerseits die Eheproblematik sowie die ehemalige Sonderstellung als Sorgenkind entscheidenden Einfluß haben, aber es fällt auch auf, daß der Vater wegen der außerordentlichen Betreuung des Kindes schon damals auf ein Nebengleis abgestellt wurde. Lucas besetzte schon als Säugling den Platz des Vaters im Ehebett, und er setzte auch später die Vertretung des Vaters fort. Die fehlenden Väter spielen in vielen Fällen eine große Rolle. An dieser Stelle wollen wir keine genaue Analyse dieser Erscheinung vornehmen, obwohl es verlockend wäre, sich einmal damit zu befassen, warum viele Männer das Technische, das heißt das Leblose so bevorzugen. Wir wollen uns hier darauf beschränken, daß das männliche Vorbild weitgehend fehlt. Die heutigen Väter verachten zum großen Teil ihre eigenen Väter, die sich mit Krieg und den politischen Verwirrungen die Hände beschmutzten. Zugleich aber sagen sie sich auch von der positiven männlichen Stärke los, zu der die Aggressionskraft im Sinne eines entschiedenen Herangehens an das brennende Problem gehört. (Das lateinische Wort >aggredi< hat nicht nur eine zerstörerische Bedeutung, sondern auch eine positive im Sinne von >jemanden angehen, jemanden für sich zu gewinnen suchen<.) Diese Kraft fehlt vielen Männern in ihrer Ehebeziehung, aber auch bei der Erziehung ihrer Kinder, vor allem dann, wenn sich ein größeres Problem stellt. Viele Männer verzichten auf ihre väterliche Kraft aber auch deshalb, weil sie in ihrer Herkunftsfamilie, die aus verschiedenen Gründen kinderarm war (>vaterlose< Gesellschaft nach dem Krieg, Geburtenplanung usw.), zu lange im Bann ihrer Mutter geblieben und dadurch zum Muttersohn geworden sind. Der Junge trat an der Seite seiner Mutter für deren Mann auf. Da er sich nach dem Vorbild der Mutter richten mußte, konnte er aber das Männliche nicht entfalten. Er wurde höchstens ein Abbild eines Mannes, eine Annäherung an ein Ideal, so wie die Frau es sich in ihrer Phantasie erträumte: ein Traummann, ein Prinz. Seine Schwester zog in der Kleinfamilie den kürzeren, fühlte sich allein gelassen nicht nur von der Mutter, sonder auch von dem zu harten, kriegerischen bzw. dem sensiblen, zum Außenseiter gewordenen Vater. Häufig ging sie mit ihm einen geheimen Solidaritätspakt ein. Später, als erwachsene Frau, suchte sie sich dann einen Mann, der das Gegenteil von dem zu strengen Vater sein sollte. Sie suchte sich einen sanften, weichen Mann. Frauen, die besonders innig mit ihrem Vater verbunden waren, sich aber aus Angst vor Inzest nicht voll auf ihn einlassen konnten, wählten einen Ehepartner, der ihrem Vater sehr ähnlich war. Auch er sollte ein sanfter, nachgiebiger Mann sein. So entstand bei den heutigen Frauen das Bild des idealen Mannes: der Softie. Weg von dem Mann mit der Baritonstimme, der sich mit Männern auf Fußballplätzen und bei Boxkämpfen herumtreibt, der herzhaft in eine Gänsekeule hineinbeißt, hin zum lyrischen Tenor, der mit Kindern spielt und mit ihnen Müsli ißt. Für eine Freundschaft zwischen Mann und Frau ist ein solcher Softie sehr geeignet. Weniger aber für die Familie, wo dieser Softie Vater eines starken Sohnes sein soll. Ohne es selber geahnt zu haben, hat er eine systemische Verstrickung mitgeheiratet. Die Frau neigt dazu, die beneidenswerte Mutter-Sohn-Beziehung aus der sie als Mädchen ausgeschlossen war und die sie sich nur mit Schmerz anschauen konnte, jetzt zu erleben. Nun, da sie Mutter geworden ist und einen Sohn bekommen hat, erlaubt sie sich, die Liebe, die sie damals nicht bekommen hat, zu leben, indem sie das Muster ihrer Herkunftsfamilie wiederholt. Der Sohn bekommt daher mehr Gewicht als der Vater. Dem Softie-Ehemann aber fehlt die Kraft, seine erste Stelle bei der Frau zu erobern und den Sohn auf die zweite Stelle, nämlich die des Kindes zu setzen. Zweifellos spielen aber auch noch andere Einflüsse eine Rolle. Die emanzipierte Frau von heute nimmt sich das Recht, genauso stark zu sein wie der Mann. Unter den fortgesetzten Ver-strickungen im System der Herkunftsfamilie gerät jedoch das sonst gut gemeinte Streben oftmals aus den Fugen. Die Eman-zipation findet im Kopf statt, im Herzen und im Bauch aber sitzt Angst, Wut und Haß, denn der Sohn entwickelt sich zum kleinen Tyrannen, der Vater fällt völlig aus und die Mutter fühlt sich nicht einmal als Mutter stark, sondern ohnmächtig. Wie verhext! Was aber wie ein verhextes Schicksal ausschaut, ist im Grunde nur die Auswirkung der nicht versöhnten ursprünglichen Beziehungen. Der Haß gegen die eigene Mutter oder den Vater lebt wieder auf. Manche Frauen spüren in einer solchen verzweifelten Lage, daß sie ihre weibliche Stärke entwickeln müssen. Das einfachste Mittel, um stärker als der Mann zu sein, ist, den Mann schwach zu machen, noch schwächer als er war, als sie ihn kennenlernte. Tatsächlich versucht sie ihn seelisch zu kastrieren, sobald sie seine Softie-Art nicht mehr braucht. Wenn er nämlich als unverbindlicher Freund bzw. als Liebhaber nicht mehr zählt, sondern nur als ihr nächster Verbündeter, als Mann und als Vater des Kindes, ihre verbindlich zur Seite stehen sollte, vermißt die Frau seine männliche Unterstützung. Sie fühlt sich alleine, allein gelassen, alleinstehend, alleinerziehend. Sie kann es durchstehen, weil sie in dieser durchorganisierten Gesellschaft sozial abgesichert ist. Um die fehlende moralische Unterstützung zu bekommen, verbindet sie sich mit anderen alleinerziehenden Frauen. Aber diese Stütze birgt auch eine Gefahr. Die Frau fühlt sich in ihrer Meinung bestätigt, daß der Mann nichts tauge. >Ach die Männer! Die drücken sich vor ihrer Verantwortung. Sie sind Egoisten! Sobald das Kind auf die Welt kam, war es mit der Ehe aus. Die Konkurrenz mit einem Sohn konnte er nicht ertragen.< Anstatt ihn zurückgewinnen zu wollen, ihn auf eine weibliche Weise zum Mannsein zu verführen, gibt ihm die Frau einen Laufpaß. Da viele Männer heute zur Übernahme ihrer Vaterrolle (im Sinne des männlichen Vorbildes, des Haltgebens, des Beschützens) nicht in der Lage sind (siehe dazu die vorherigen Ausführungen), läßt er sich leicht zur Karikatur degradieren und davonjagen. Er läßt es zu, daß er in Verruf kommt, weil er nicht rechtzeitig das Unterhaltsgeld zahlt und sein Kind an den Wochenenden mit Hollidayparks, McDonald und Computerspielen total überfordere, so daß es dann jeden zweiten Montag in der Schule durch seine Konzentrationsstörungen auffalle. Die Erziehung überläßt er seiner Frau, unabhängig davon, ob er mit ihr noch zusammenlebt oder geschieden ist. Keiner von den beiden hat bis dahin auch gelernt, wie man Meinungsverschiedenheiten austragen und einen Kompromiß schließen kann. So wird Erziehung immer mehr zur Frauensache. (Bei Vorträgen über Erziehung beobachte ich immer wieder, daß nur etwa vier Prozent der Teilnehmer Väter sind.) In der Regel haben auch Jugendämter und Scheidungsrichter wenig Vertrauen in die Väter, so daß sie ihnen selbst größere Söhne nicht zusprechen. Es stellt sich die Frage, welche Lösung die bessere wäre. Die mütterliche Erziehung des Sohnes gegen den Vater ist in jedem Falle schädlich. Entweder muß sich der Sohn dann auf die Seite des Vaters schlagen und wird durch die Identifikation mit ihm genauso zum schwarzen Schaf, oder er vertritt seinen Vater, indem er seine Rolle als Beschützer seiner Mutter nachahmt. Dadurch aber wird er überfordert und entfernt sich von seinem eigenen Selbst. Die Geschichte von Lucas und seinem Bruder hat diese Probleme deutlich gezeigt. Ohne die Verarbeitung der systemischen Problematik kann Lucas nicht anders, als für seinen Vater zu kämpfen. Solange dieser von der Mutter, von dem anderen Sohn und auch von den Jugendämtern verachtet wird, muß Lucas seine Mutter durch das Tyrannisieren kleinmachen und seinen Bruder, aber auch alle anderen piesacken.
Mit freundlicher Empfehlung
DIALOG - Landesverband Baden-Würtenberg Tel.: 0711-813 149