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DER STANDARD 3.11.99, Seite 73
Wider die Verteufelung und die Verherrlichung des Männlichen
Gerhard Amendt plädiert für eine Neuorientierung der geschlechtsspezifischen Arbeits- und Rollenteilung
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Alter von acht Jahren mit der Familie in eine Frankfurter Appelwoikneipe zog und von Männern wie Frauen zu fortgeschrittener Stunde mit fröhlich verschmitzten Augen jener eigentümliche Gassenhauer gegrölt wurde: Die Männer sind alle Verbrecher und ihr Herz ist ein finsteres Loch ... und dann, daran erinnere ich mich besonders gern, weil ich an den Männern zu zweifeln begonnen hatte, kam der erlösende Satz: ... aber lieb sind sie doch! Dieses Frotzeln ist zwischenzeitlich wohl gänzlich untergegangen. Jenes Sowohl-als-auch ist abgeschafft und einer Welt von starren Gegensätzen zwischen den Geschlechtern gewichen. Heute noch darauf zu bestehen, dass die Männer auch liebenswerte Seiten haben, gilt weithin nicht gerade als politically correct.
Der Ruf der Männer ist eher miserabel. Deshalb hat schon Time Magazine 1994 auf der Titelseite vorsichtig angefragt: Sind Männer wirklich so schlecht? Das Titelbild zeigte einen Mann mit Anzug und Krawatte, aus dem ein Schweinskopf herausragte. Die Frage schien fällig, weil in den USA eine Lorena Bobbitt ihrem Mann im Schlaf den Penis als Strafe wegen seiner Schlechtigkeit abgeschnitten hatte, und die Feministin Barbara Ehrenreich dazu verlauten ließ, dass die meisten Frauen damit einverstanden seien.
Was ist es, was Männer angeblich zu Schweinen macht, und was bei nicht wenigen Frauen archaische Rachegefühle auslöst und die "Schwanz-Ab"-Parole in eine barbarische Wirklichkeit verwandelt? Die Antworten dazu liefert der moderne Feminismus; nicht nur in seinen Streitschriften, sondern gerade auch in seinen wissenschaftlichen Publikationen. Was wird den Männern da so alles vorgeworfen? Nicht nur den deutschen, österreichischen oder amerikanischen Männern, nein, allen und nicht nur den zeitgenössischen, sondern durch die Geschichte und über alle Kontinente hinweg? Behauptet wird: Männer vertreten die technische Rationalität und bekämpfen die Emotionalität; sie zerstören die Umwelt und missachten die Natur; sie sind gewalttätig und nicht einfühlsam, sie haben Kriege ausgelöst statt den Frieden zu wahren, und sie wollen immer nur das eine und nie das andere; die Männer sind friedlos und aggressiv, die Frauen hingegen friedfertig; die Männer brauchen Sex, um Nähe zu spüren, bei den Frauen sei es umgekehrt; alle Männer sind potentielle Vergewaltiger; sie sind Antisemiten, die Frauen hingegen nicht; und auch die Shoa ist das Werk der Männer, und letztlich verkörpern alle Mütter das Gute und alle Väter das Böse.
Und irgendwo steht es dann ausdrücklich, dass der Penis die Wurzel allen Übels sei! Eben der kleine Unterschied mit den entsetzlichen Folgen! Folgen wir dieser Kritik, für die es seitenlange Literatur-Listen und marktrennerische Büchertitel gibt, dann stehen wir vor einem globalen Scherbengericht: Hier die guten Frauen, dort die bösen Männer. Und dann das Trostreiche: Der Feminismus einmal an die Macht gekommen, steht für eine lichte Zukunft - das Ende der Männerwelt.
Soviel Verheißungsvolles weist nicht nur auf Selbstidealisierung sondern auf hochkarätige Vorfahren hin. Der Feminismus hat sich kurzerhand die Idealisierungen des Weiblichen zu eigen gemacht, wie sie von der Frankfurter Schule vor allem von meinen Lehrern Max Horkheimer in Abhandlungen über die Familie und in den Debatten der 68er Bewegung vor allem von Herbert Marcuse über die Zukunft der Revolution vertreten wurden. An die Stelle der gescheiterten proletarischen Revolution sollte die heilende Welt der Frauen treten.
Wer wird ernsthaft die Konflikte zwischen Männern und Frauen verleugnen wollen? Dass Männer dabei die Bösen und Frauen die Guten seien, zeugt zwar von Realitätsblindheit. Nur, sie ist weit verbreitet. Sie beherrscht das Gros feministischer Forschung - einmal ganz grobschlächtig, dann wieder feinsinnig, und sie beherrscht das Alltagsbewusstsein. Statt die Gegenseitigkeiten des Geschlechterarrangements zu verstehen, reimt sich feministische Forschung fast immer auf weibliche Opfer und männliche Täter; und das, wie gesagt, nicht im kleinen, sondern im universellen Maßstab. Und wer schuldig ist, trägt selbstverständlich auch die Verantwortung für die Geschichte - auch das universell. Danach sind Frauen nur Bystander in der Geschichte. So einfach ist zumeist das Geschlechterarrangement wissenschaftlich gestrickt, stabil wie eine Großwetterlage ohne absehbare Änderungen.
Die spannendste Frage wird jedoch gar nicht erst gestellt: Warum schweigen Männer zu all den Vorwürfen? Möchte der Missverstandene nicht eigentlich die Klärung, der Beleidigte die Wiedergutmachung und der Diskriminierte sein Recht? Nichts von alledem unter Männern. Verteidigung kommt nicht in Frage. Sie schweigen beharrlich; sei es in der Politik, den Institutionen, und eisern in den Wissenschaften, die für den Diskurs der Vernunft bezahlt werden. Und obendrein hat das eiserne Schweigen etwas zutiefst Beleidigendes für Frauen. Wollen die Männer Missliebiges totschweigen, Beschämendes verklemmt belächeln, oder macht sich hier die Arroganz gegenüber einer sich selbst bereits wieder abschaffenden feministischen Wissenschaft breit? Im männlichen Schweigen scheint mir hingegen tiefe Beschämung am Werk. Worüber aber? Dass man, zum Beispiel, die kulturell eingeschliffenen, im eigenen Unbewussten tief verankerten Vorstellungen, Frauen rundum zu befriedigen, nicht einhalten kann. Das reicht, um Männern die Sprache zu verschlagen.
Erst recht verweigern natürlich auch die Männer den Feministen den Diskurs, die feministischer als diese zu allem Ja und Amen sagen. Der vermeintlichen Schlechtigkeit der Männer könnte man die Verstocktheit demnach noch hinzufügen! Verblüffenderweise geschieht das nun gerade nicht. (Beschämte Arroganz, peinliche Botmäßigkeit und eigentümliche Mischungen aus beidem beherrschen die meisten Männer. Aber beides ist kein Letztes - allenfalls Sackgassen.) Und weil diesmal die Frauen dazu schweigen, fragt man sich, ob die durch Hilflosigkeit matt Gesetzten den weiblichen Unmut bereits hinreichend kühlen? Die Männer ein großer Trupp beschämter kleiner Jungen, so sprachlos in sich zerknirscht, dass sie sich nicht einmal mehr empören! Was von existentieller Bedeutung könnte sich dahinter für Männer verbergen? Betrachten wir in einem Seitenwechsel die Verteufelung der Männer einmal aus deren Selbstverständnis. Wenn Männer alle Schlechtigkeiten dieser Welt sich leisten können, locker ohne Widerstand, müssen sie dann nicht grenzenlos mächtig sein? Sozusagen die Herren der Schöpfung, wenn auch einer negativen, aber immerhin ihrer Schöpfung! Wer so mächtig wäre, der müsste mit seinen Mitteln auch das Gute spielerisch können; er müsste das nur wollen. Können täte er es auf jeden Fall. Keimt da nicht Hoffnung auf, als Mann zu guter Letzt Anerkennung von den Frauen doch noch zu beziehen? Möglicherweise verteufeln die Frauen die Männer zu allmächtigen Missetätern, weil das ihre Art ist, an ihre klammheimlichen Wunschwelt zu erinnern: die Männer mögen Herr der Lage sein, einen Arbeitsmarkt ohne Arbeitslosigkeit betreiben, immer ausreichendes Einkommen abliefern, Frieden sichern, immer der zuverlässige Versorger sein, der noch Zeit für seine Frau und Kinder hat und auch an das Andere denkt!
Und noch eins: Ist die Verteufelung des Männlichen vielleicht gar nicht so sehr politisch, sondern viel eher psychologisch zu verstehen? Dann ließe sich fürwahr munkeln, dass die Frauen bitterlich darüber enttäuscht sind, dass die Männer ihnen das nicht geben, was sie gerne von ihnen hätten. Sie sind so bitter enttäuscht, dass sie die Männer abwerten und sie wie Fußabtreter der Geschichte behandeln. Und hier zeigt sich, dass Männer wie Frauen gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Was die Frauen aus Enttäuschung schäumen lässt, beschämt die Männer abgrundtief. Sie flüchten zum Selbstschutz in Arroganz und Sprachlosigkeit. Anders könnten sie die Kränkung ihres Scheiterns nicht ertragen. Ich sehe nur zwei Wege aus diesem Dilemma: Der eine hat sich in den USA zu einer mächtigen Männerbewegung gemausert. Die Männer strengen sich noch mehr an als früher, um die Wünsche ihrer Frauen zu erfüllen. Daraus beziehen sie Lebenssinn. Diese Männer nennen sich Promise Keepers, eben weil sie ihre Versprechen halten wollen. Unterstützt werden sie von ihren Frauen, den Women of Promise Keepers.
Diese Männer sagen stolz, dass sie die Kritik der feministischen Bewegung beherzigt und daraus ihre Konsequenzen gezogen haben. Die Bewegung zählt Millionen und füllt bereits die größten Baseballstadien der USA.
Der zweite Weg ist komplizierter, weil er Veränderungen in der psychischen Tiefenstruktur von Männern wie Frauen voraussetzt. Denn was immer in den Geschlechterbeziehungen nach außen sich bereits geändert haben mag: die Umwälzung muss auch die inneren Dimensionen der gegenseitigen Erwartungen verändern. (Nur hat das jedoch nichts mit Frauenförderquoten zu tun.)
Eine Perspektive fürs nächste Jahrtausend: Männer verzichten darauf, Frauen zwanghaft materiell versorgen zu wollen - egal was die Frauen wollen. Und die Frauen verzichten darauf, Männer zwanghaft emotional versorgen zu wollen - egal was die Männer wollen. Letztlich muss die Arbeits- und Rollenteilung auf beiden Seiten zum Vorteil der Gegenseitigkeit aufgehoben werden.
Gerhard Amendt, Professor für Soziologie, Institut für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen.
Frankfurter Rundschau 20.12.99
Der gegenwärtige
Vater, der am Rand der Familie steht
Über allein erziehende Frauen, veränderte
Mütterlichkeit und die Sehnsucht der Kinder nach Väterlichkeit
/ Von Gerhard Amendt
Die politischen Parteien haben das Thema Familie entdeckt, so jüngst die CDU auf ihrem "kleinen Parteitag". Der Bremer Sozialwissenschaftler Gerhard Amendt gehört zu den wenigen Wissenschaftlern in Deutschland, die über die Beziehungen in den Familien forschen. Das Thema Vatersehnsucht fasst er im folgenden Beitrag zusammen. Es ist das gekürzte Kapitel aus: Vatersehnsucht. Annäherung in elf Essays, 50 Mark, ISBN 3887224523. Zu beziehen mit Scheck über Universität Bremen, Institut für Geschlechter und Generationenforschung, Postfach 330 440, 28334 Bremen.
Das Phänomen der allein erziehenden Mütter unterliegt einer eigentümlichen Wahrnehmungsdynamik. Einmal werden sie als Opfer widriger Männlichkeit und gesellschaftlicher Vernachlässigung, ein andermal als Verheißung einer besseren Mutter-Kind-Beziehung wahrgenommen. Einmal handelt es sich um ein dunkles Schicksal, das andere Mal um eine verheißungsvolle Chance. Aber immer wird der fehlende Vater, sei es, dass er unbekannt ist, er sich seinen Pflichten entzieht oder er gar nicht erst willkommen war, als Grund des allein Erziehens angegeben.
Alleinerziehen ist im alltäglichen Verständnis gleichbedeutend mit einem fehlenden Vater. Nun scheint das aber nur eine eigentümlich begrenzte Wahrnehmung wiederzugeben. So legt unsere Befragung von mehr als 1000 Frauen und 500 Männern ein wesentlich facettenreicheres Verständnis vom allein Erziehen nahe, als es allgemein, aber ebenso wissenschaftlich üblich ist.
Allein erziehen als Synonym für eine Frau, der nichts anderes übrig bleibt, als ohne Kindesvater sich durchzuschlagen, das ist eine weit verbreitete Vorstellung. Aber es ist keineswegs der einzige Grund des allein Erziehens. Eine ganz ausgefallene Variante des allein Erziehens, die zunehmend bedeutungsvoller wird, spielt sich in Familien ab, in denen wir es am wenigsten vermuten würden. Nämlich in Familien, die vollständig in dem Sinne sind, dass Vater und Mutter als Mann und Frau zusammenleben. Der Vater ist darüber hinaus verfügbar und pflegt eine pflicht- und recht selbstbewusste liebevolle Beziehung zu seinen Kindern. Diese völlig andere Form des allein Erziehens wird nicht nur weitgehend übersehen, sie ist auch der Wissenschaft bislang entgangen.
Nachdem wir die Ergebnisse unserer Männerbefragung ausgewertet hatten, lag es nahe, dass wir den Begriff des allein Erziehens ganz wesentlich zu erweitern hatten. Andernfalls würden wir die Wirklichkeit heranwachsender Jungen und Mädchen nicht angemessen wiedergeben. Es hat sich nämlich gezeigt, dass der physisch fehlende Vater allein kein ausreichendes Kriterium ist, um das Wesen des allein Erziehens zu begreifen. Der verschwiegene Typus der allein erziehenden Mutter, auf den wir bei unserer Männerbefragung gestoßen sind und für den die Mütterbefragung schon schwergewichtige Anzeichen lieferte, ist entgegen dem Alltagsverständnis gerade dadurch charakterisiert, dass der Vater im besten Sinne gegenwärtig ist.
Das Besondere an diesem Typus ist allerdings, dass die Mutter seine väterliche Gegenwart nicht zur Kenntnis nehmen will oder sie einzuschränken versucht. Er stört nämlich ihren Lebensentwurf vom Kinder Erziehen ohne väterlichen Eingriff. Dieser Mann lässt sich an den Rand des familiären Geschehens drängen.
Kurz und gut, es ist ein Mann, der wenig Neigung spürt, den Erwartungen seiner Kinder auch dann noch zu entsprechen, wenn seine Ehefrau sich ihm in mannigfaltiger Weise in den Weg stellt, und es ihm schwer macht, seiner Väterlichkeit selbstverständlich nachzugehen. Und zwar eine Väterlichkeit, die von Gefühlen, Einfühlungsvermögen, männlicher Autorität und Geduld getragen wird. Eben eine Väterlichkeit, die weit über das alltägliche Brotverdienen hinausgeht.
Man könnte aus der Sicht dieser Männer sagen, dass sie Väter sein wollen, dass aber die Ehefrau ihnen diesen Wunsch, der zugleich ihr Recht und ihre Pflicht ist, in äußerst feinsinniger Weise streitig macht. Dieser Muttertypus verdrängt, wie wir noch sehen werden, den Wunsch der Kinder nach Väterlichkeit. Letztlich soll er auf die Rolle des Brotverdieners zurückgestutzt werden. Solches Verhalten ist sicher eine mächtige Quelle, aus der die Vatersehnsucht heftig sprudelt.
Diese Art, allein zu erziehen, lässt die Kinder andere Erfahrungen machen, als das beim Tod des Vaters der Fall sein würde. Ein toter Vater ist etwas gänzlich anderes als ein Vater, der wie ein Toter, nämlich seelenlos, in der Familie lebt. Für die Kinder kommt es darauf an, wie die Mutter ihre Beziehung zum Vater gestalten will und welche Väterlichkeit sie ihm streitig macht, egal ob er abwesend ist oder ob er mit ihnen unter einem Dach wohnt.
Aus der Sicht auf die Mutter wird das allein Erziehen weniger eine Frage des fehlenden Vaters sein, sondern wie sie sich als Mutter der gemeinsamen Kinder auf den Vater bezieht. Große Bedeutung gewinnt diese Frage regelmäßig auch nach Scheidungen, bei denen bislang noch über 80 % der Mütter das Sorgerecht erhalten. Die Feststellung, dass es Frauen gibt, die in vollständigen Familien leben und aktiv den Vätern den Zugang zu den Kindern verwehren, ist eine aufrührerische These, weil die öffentlichen Debatten seit mehr als drei Jahrzehnten davon ausgehen, dass die Väter der Kern aller Übel beim allein Erziehen seien.
Die vielfältigen Formen, in denen familiäre, postfamiliäre sowie stieffamiliäre Lebensweisen heute auftreten, legen allerdings eine entsprechend differenzierte Wahrnehmung nahe. Und zwar ganz besonders dann, wenn es zu verstehen gilt, wie sich das allein Erziehen darauf auswirkt, wie Männliches und Weibliches im erwachsenen Leben dieser Kinder dargestellt wird. Hier soll ganz besonders die Entstehung von Männlichkeit untersucht werden, da im öffentlichen Bewusstsein Männlichkeit beinahe schon wie eine Naturkategorie gehandelt wird, die sie aber nicht ist.
Wir verabschieden uns damit nicht nur von der recht weit verbreiteten Entgegensetzung von männlichen Tätern und weiblichen Opfern, die bevorzugt auf allein Erziehende angewendet wird. Aber nicht nur das, ohne die Marginalisierung mütterlicher Hausarbeit im öffentlichen Bewusstsein in Abrede zu stellen, gehen wird davon aus, dass selbst unter anerkannt misslichen Verhältnissen Frauen über ein bislang unentdecktes Potenzial verfügen, mit dem sie sich zur Wehr setzen können.
Und diese Gegenwehr findet nicht nur im politischen Raum statt. In besonderer Weise bestimmt die Gegenwehr, wie Frauen ihre Beziehungen zum Ehemann und den Kindern als einen privaten Kosmos von Loyalitäten und Ausgrenzungen gestalten. So betrachtet treten dann Selbstbewusstsein und zielgerichtete Handlungen in den Vordergrund, die zumindest in der polarisierten Welt von bösen Tätern und guten Opfern bislang nicht vorgesehen waren. Damit rückt auch in den Mittelpunkt unseres Interesses, wodurch Frauen eigentlich in den Status von allein Erziehenden geraten. (. . .)
So können wir im Wesentlichen zwischen vier Anlässen unterscheiden, die Frauen zu allein Erziehenden machen. So kennen wir das allein Erziehen
- als Folge des Todes des Partners, sei es durch Krankheit, Krieg oder Unfall, und anschließende Witwenschaft;
- als Folge von Scheidung, die selbst gewollt, gemeinsam vereinbart oder vom Ehepartner eingereicht wurde;
- als einen Lebensentwurf, der den Mann als Vater ausschlägt und ebenso die Männlichkeit des Mannes nicht begehrt; und
- als breit strömende psychische Reaktion auf enttäuschend verlaufene Beziehungen zu Männern, die sich von der Kindheit bis ins erwachsene Leben erstrecken.
Mit diesen vier Typen des allein Erziehens verlasse ich die gängige Unterscheidung, welche die Vielfalt von Familienkonstellationen in die starren Blöcke von "intakt normalen" und "nicht-intakt abweichenden" Familien gliedert. Stattdessen wende ich mich den psychosozialen Familiendynamiken zu, die den Alltag des Familienlebens beherrschen. Eine solche psychosoziale Sicht auf die so genannte normale Familie anzuwenden, ist für viele wahrscheinlich so ernüchternd wie weiland Sigmund Freuds Einsicht, dass im psychischen Bereich der Gegensatz von normal und krank sich ebenfalls nicht aufrechterhalten lässt.
Was also haben die Anlässe, die zum allein Erziehen führen oder verführen gemeinsam und was unterscheidet sie? In allen vier Anlässen fehlen den Söhnen und Töchtern die Väter. In den ersten drei Formen fehlt er als erfahrbare Person gänzlich oder die längste Zeit. Der große Unterschied liegt in der vierten Form. Nur hier "fehlt" er den Kindern, obwohl und gerade weil er die meiste Zeit verfügbar ist und obwohl er sich um eine lebendige Beziehung zu ihnen bemüht. Wir haben das Paradoxon, dass der Vater anwesend ist und zugleich doch fehlt, dass er Vater sein will, aber nicht zum Zuge kommt. (. . .)
Nun kehre ich zu den Reaktionen der Frauen auf ihren Status als allein erziehende Frauen zurück. Allein erziehen nach dem Verlust des Partners durch Tod oder Krankheit wird sicher anders erlebt als das allein Erziehen, wenn der Vater des Kindes der Mutter nur flüchtig bekannt ist und sie oder er zu keiner Zeit den Wunsch hegte, eine dauerhafte Beziehung einzugehen und elterliche Pflichten zu übernehmen.
Die Reaktionen der Frau als Mutter und als Ehefrau sind deshalb so bedeutsam, weil es von ihnen wiederum abhängt, wie die Kinder auf das Fehlen des Vaters reagieren. Wird es ihnen möglich sein, sich vom fehlenden Vater ein eigenes Bild zu machen, oder müssen sie schlimmstenfalls ohne inneres Bild von ihm auskommen? Werden sie in ihrer Weise den Verlust des Vaters betrauern können, oder fühlen sie sich dazu angehalten, sich den Gefühlen ihrer Mutter anzuschließen, egal wie sie selber den Verlust ihres Vaters erleben? Dürfen sie über den Verlust des Vaters nicht trauern, weil die Mutter sie stattdessen unbewusst - mitunter aber auch ausdrücklich - auffordert, sich ihrem verdammenden Urteil über den enttäuschenden Ehemann anzuschließen? (. . .)
Welche grundlegenden Unterscheidungen lassen sich nun im Hinblick auf die Anlässe treffen, unter denen Frauen zu allein Erziehenden werden?
Der erste Anlass zum allein Erziehen
Eine Frau wird zur Witwe. Sie wird den Tod des Partners in den meisten Fällen als Verlust für sich wie für die Kinder erleben. Sie verliert ihren Partner, die Kinder verlieren ihren Vater. So werden die Kinder den Verlust des Vaters und die Mutter den Verlust ihres Partners betrauern. Sowohl die Kinder wie ihre Mutter werden obendrein den Schmerz des anderen einfühlsam nachvollziehen. Auf jeden Fall werden die Kinder durch ihre Trauer um den verlorenen Vater nicht in einen Loyalitätskonflikt mit der Mutter gestürzt. Sie können ihren Gefühlen der Trauer stattgeben. Nicht zuletzt weil sich ihnen niemand entgegenstellt.
Obwohl der Vater hier zukünftig fehlen wird, wird die Mutter versuchen, ihn symbolisch zu vertreten, und zwar für all das, wofür der Vater zu seinen Lebzeiten konkret gestanden hat. (. . .)
Der zweite Anlass zum allein Erziehen
Der Vater geht durch Scheidung verloren. Dieser Anlass unterscheidet sich in vielen Fällen von der Vaterlosigkeit durch Tod dadurch, dass die Geschiedenen die Frage nach der Schuld für ihre gescheiterte Beziehung zwischen sich hin- und herschieben. Das verstrickt viele Kinder in Loyalitätskonflikte. Sie fühlen sich einem Elternteil gegenüber besonders zu Nachsicht und Loyalität verpflichtet. Das kann sowohl der Vater wie die Mutter sein.
Wenn Kinder in Loyalitätskonflikte geraten, wird von ihnen erwartet oder glauben sie, dass einer der Eltern dieses täte, um den so genannten bösen Elternteil zu verleugnen. Im Todesfall hingegen gibt es keine Schuld, die zwischen den Partnern hin- und hergeschoben werden könnte.
Mütter neigen wie die Väter im Scheidungsfall bewusst oder unbewusst dazu, die Kinder an der Klärung der Schuldfrage zu beteiligen. Vielfach kommt es dazu, dass die Vaterlosigkeit deshalb eintritt, weil die Kinder den Verlust der mütterlichen Liebe fürchten, wenn sie am Vater konkret und symbolisch festhalten. Als eine Folge daraus geben sie den Vater auf. Sie verleugnen ihn. Was ihnen bleibt, ist eine tiefe unbewusste Vatersehnsucht, die im Leben mit der allein erziehenden Mutter keinen oder einen kaum gesicherten Platz hat. Dieser Sehnsucht offen nachzugehen und den fehlenden Vater zu verlangen, überfordert viele Kinder.
Die offen geäußerte Sehnsucht nach ihm könnte nämlich der mütterlichen Fantasie, sie könne uneingeschränkt die Väterlichkeit ersetzen, vor Augen führen, dass der Vater nicht zu ersetzen ist und das die Kinder ihn wirklich wollen und nicht nur eine von der Mutter eingesetzte Ersatzfigur. Der Mutter aber die Sehnsucht nach dem Vater zu zeigen, davor fürchten sich viele Kinder. Sie fürchten sich vor solchen Äußerungen, weil die Mutter sich selber überfordert und glaubt, den Kindern Schmerz und Trauer über den verloren Vater ersparen zu können. Und zwar dadurch, dass sie ihn - wie sie meint - ersetzt.
Die Kinder fürchten sich natürlich auch dann, wenn sie merken, dass die Mutter ärgerlich über den Vater ist und ihn über den Tod hinaus mit abwertenden oder gar hassenden Gefühlen verfolgt. Die Kinder fürchten, dass der mütterliche Zorn sich auch gegen sie wenden könnte, wenn die Größenfantasien der Mutter mit der Sehnsucht der Kinder nach dem Vater zusammenstoßen und sie die Vergeblichkeit ihrer großartigen Wünsche schmerzlich erkennen muss. (. . .)
Der dritte Anlass zum allein Erziehen ist ein Lebensentwurf
Das allein Erziehen als Lebensentwurf beruht auf dem starken Wunsch, den Vater und gleichzeitig das Männliche als das dem Weiblichen Entgegengesetzte zu verleugnen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Angst vor der Männlichkeit, Neid auf das Männliche und Geringschätzung des eigenen Genitalen, zwanghaft fixierte Konkurrenz mit der Männlichkeit oder unbewusster Hass auf das Väterliche etc. können dazu den lebensgeschichtlichen Hintergrund bilden. Mitunter wird dieser offene, zumeist jedoch unbewusste Hass auch politisch rationalisiert. (. . .)
Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass allein Erziehen als Lebensentwurf auch empfänglich für die Zeugung durch anonyme Samenspender ist. Damit lässt sich die Abhängigkeit der Frauen vom Mann als Erzeuger verleugnen. Das Bild des konkreten Mannes, der für die körperliche Vereinigung und die Zeugung steht, lässt sich so noch am ehesten in Abrede stellen. (. . .) Dieser Typus allein erziehender Frauen kann dann die Abhängigkeit der Empfängnis vom "Genital" des Mannes endlich verleugnen. Sie geben sich der Fantasie von der Parthenogenese hin: Ich bin so großartig, dass ich keine Männer brauche, denn mein Hass auf sie hat mein Leben frei gemacht. (. . .)
Der vierte Anlass ist eine Reaktionsbildung auf eine enttäuschende Partnerschaft
Der Anlass, "als Frau alleine in einer vollständigen Familie zu erziehen", stellt eine komplexe psychische Reaktionsbildung dar. Ihr liegen zumeist enttäuschende Partnerschafts- und gleichzeitig leidvolle Gesellschaftserfahrung zu Grunde. Wie bereits gesagt, wurde dieser Typus bislang weder kulturell noch von der Wissenschaft wahrgenommen. Das Bild von der vollständigen Normalfamilie wirkt noch immer wie ein Denkverbot, über ihre Abläufe nachzudenken.
Dieses Motivbündel, das zum allein Erziehen treibt, steht deshalb im Mittelpunkt meiner Erörterungen. (. . .) Ich habe diesen Typus allein Erziehen in vollständigen Familien genannt. (. . .)
Mein Sohn, der geheime Vertraute meiner Frau
Obwohl Frauen heutzutage an fast allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens beteiligt sind, sind die affektiven Einstellungen darüber trotzdem sowohl unter Frauen wie unter Männern noch immer äußerst widersprüchlich. (. . .) Diese polarisierten Gefühle über Mütter werden letztlich nur diejenigen aufgeben können, die an moralischen Urteilen über Frauen als Mütter wenig, dafür aber umso mehr an der Lösung von Konflikten interessiert sind. Eben jener Konflikte, in die Frauen geraten, wenn sie die gesellschaftlich notwendige, aber nur halbherzig anerkannte Aufgabe übernehmen, die Kinder zu erziehen.
Weil die meisten Menschen noch als Erwachsene unterschwellig darüber ärgerlich sind, dass ihre eigene Kindheit nicht so war, wie sie sich das eigentlich gewünscht haben, ziehen sie es vor, sich Mütterlichkeit als etwas Naturhaftes vorzustellen. Mit dieser selbst gebastelten Sicht scheinen sich viele Menschen recht erfolgreich von der Notwendigkeit zu befreien, auf die eigene Lebensgeschichte zurückzublicken. (. . .)
Der mächtigste Widerstand gegen eine kommunikationsbereite Verständigung zwischen den Geschlechtern scheint mir bei Männern wie Frauen gleichermaßen in der Angst zu liegen, dass sie ihre jeweiligen Machtsphären verlieren könnten. Deshalb wird keine Debatte über die Beziehungen der Geschlechter wesentlich weiter als über gesetzliche Absichtserklärungen hinauskommen, solange Männer und Frauen sich gegenseitig die Spaltung von Mächtigen und Ohnmächtigen, von Tätern und Opfern, von Vernunft und Gefühl als Zuschreibungen entweder zu Männlichem oder Weiblichem bis zum folgenlosen Überdruss vorhalten.
Wer seine eigene Machtsphäre verleugnet oder so tut, als würde er sie nur widerwillig praktizieren, der versucht zumindest, sich dagegen zu immunisieren, dass er nach den Folgen seiner Machtausübung befragt wird. Aber es gibt nicht nur männliche und weibliche Machtsphären, die nicht nur ihre eigene Logik haben, sondern die miteinander verbunden sind und sich vor allem gegenseitig in aller Widersprüchlichkeit hervorbringen.
Keine der Machtsphären, sei sie nun vorwiegend von Männern oder Frauen besetzt, kann ohne die andere bestehen. Die klassische Machtsphäre der Männer außerhalb des Hauses wäre ohne die klassische Machtsphäre der Frauen innerhalb des Hauses nicht vorstellbar. (. . .)
Auch die Beziehungen von Müttern zu ihren Kindern sind hierarchisch strukturiert. Sie sind Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse. Jede Abhängigkeit ist ein Machtverhältnis, weil Schwäche den anderen stärker macht. Was nicht heißt, dass der andere seine Macht auch gebraucht. Aber auf jeden Fall hat er sie. Am mütterlichen Verhalten, das kulturell gern als Ausdruck der Machtlosigkeit fantasiert wird, lässt sich nun zeigen, in welchen Weisen Mütter über ihre Macht verfügen, die man vorzugsweise als Beziehungsmacht bezeichnen könnte.
Es geht dabei vor allem darum, wie Mütter in unserer Epoche auf die Söhne eingewirkt haben und deren Männlichkeit ganz maßgeblich hervorgebracht haben. Dabei ist die Mutter als Teil einer Paarbeziehung - eines ganz individuellen Herrschaftsarrangements - zu sehen und ihre Rolle nur mit den Handlungen und ganz besonders den zeitgenössischen väterlichen Unterlassungen zu verstehen. (. . .)
Es scheint so, als würden für viele Mütter die Söhne immer bedeutsamer, ja, geradezu kostbarer werden. Die Beziehung zu ihrem Sohn wird für sie zu einer lebenslangen Bindung, die lebenslang sinnstiftend wirkt. Sie hat eine andere Bedeutung als die zu Töchtern. Das geht weit über die Erwartung hinaus, dass der Sohn die Mängel seines Vaters ausgleichen möge. Das Sinnstiftende scheint unter anderem auch darin zu bestehen, dass sie ihren Sohn nach eigenen Vorstellungen von besserer, ja, einer anderen als der kulturell gängigen Männlichkeit gestalten möchten.
Es geht um noch mehr. Nämlich darum, dass dieser Typus von Mutter den Sohn so formen möchte, dass er später einmal als erwachsener Mann eine bessere Männerwelt hervorbringt, die ihren geheimsten Entwürfen, ihren Illusionen entspricht. Der Sohn wird zum Hoffnungsträger einer sozialen Utopie verwandelt. Das weist auf eine veränderte Mütterlichkeit hin, die den Verlauf der Kindheit verändert. (. . .)
Den Wandel von geschützter Kindheit zu einer von Wünschen erwachsener Frauen beeinflussten Mutter-Sohn-Beziehung haben wir in der Männerbefragung unter anderem mit einer Frage überprüft: Hatten Sie in ihrer Kindheit den Eindruck, der heimliche Vertraute ihrer Mutter zu sein? (. . .) (Die Frage berührt zentrale Aspekte, unter denen Kinder ihre Geschlechteridentität entwickeln. Zum einen sollte kein Kind der Vertraute eines Elternteils sein und zum anderen zerstört eine geheim gehaltene Bindung an einen Elternteil über kurz oder lang die Sphäre der Kindheit. Die Grenze, die dabei überschritten wird, ist die zwischen den Generationen.) Was beschreibt den Status eines Vertrauten im Allgemeinen?
Von einem angemessenen Vertrautenstatus wird man sinnvollerweise nur dann sprechen, wenn zwei Personen von halbwegs gleicher intellektueller Ausstattung und emotionaler Reife sich gegenseitig ins Vertrauen ziehen. Vertrauter für andere zu sein, setzt immer eine hinreichend symmetrische Machtausstattung zwischen den Beteiligten voraus. Andernfalls können sie sich nur schwer gegenseitig verstehen. (. . .)
Strukturell verheißt deshalb das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern als das von Vertrauten etwas äußerst Ungewöhnliches. Denn wo das Kind auf die Stärke, Zuverlässigkeit und Überlegenheit der Eltern setzen kann, die das Kind beschützen und überhaupt den Schonraum der Kindheit erst hervorbringen, verkehrt sich das Überlegenheitsverhältnis im Vertrautenstatus. Allmählich wechselt ein Elternteil in die Position des Unterlegenen. Die Tochter oder der Sohn, die zum Vertrauten eines Elternteils werden, erleben eine für ihr Alter unangemessene Erhöhung. Es wird ihnen eine Bedeutung zugewiesen, die ihrer Reife nicht entspricht. Damit werden die Rollen von Eltern und Kindern verkehrt, die den weiteren Verlauf der Kindheit beeinflussen.
Unsere Frage an die Probanden, ob sie der geheime Vertraute ihrer Mutter waren, handelte jedoch nicht nur vom Status des Vertrauten, sondern von einer zusätzlichen Besonderheit. Sie besteht darin, dass der Sohn der geheime Vertraute seiner Mutter ist. Dadurch wird die Vertrautheit von einer Atmosphäre des Geheimnisvollen umlagert, die nicht gelüftet werden darf. (. . .) Auf jeden Fall werden durch das Geheimnisvolle neue Grenzen innerhalb der Familien gezogen, die die Grenze zwischen den Generationen verwischen; eben die zwischen Eltern und ihren Kindern. Das Wissen um das Geheimnis teilt die Familie in Wissende und Unwissende auf. So können auch Geschwister vom diesem Wissen ausgeschlossen werden, um eifersüchtige Rivalitäten zu vermeiden. Auf jeden Fall darf der Vater oder der Stiefvater dem Kreis der Wissenden nicht angehören, wenn Mutter und Sohn sich zu einem Geheimnis verschworen haben. Besteht ein solches Geheimnis zwischen Vater und Tochter, so ist die Mutter die ausgeschlossene. (. . .)
Zu Recht wird der Sohn - nicht weniger die Tochter - das mit Verschwörerischem verbinden. Zumal das Bündnis zwischen ihm und der Mutter gegen den Vater gerichtet ist. Allein daraus bezieht es seine Brisanz und allein daraus ergeben sich für ihn mannigfaltige Komplikationen. Denn über kurz oder lang wird die geheime Beziehung ihn in turbulente Situationen stürzen. Weil er aber von beiden Eltern abhängig ist und weil er vor allem beide liebt, wird der Konflikt nicht offen zu Tage treten. Folglich wird der Sohn in Loyalitätskonflikte verstrickt, die ihn zu zerreißen und dann zu vereinsamen drohen. (. . .)
Der Sohn hat sich "entschlossen", den Wünschen der Mutter nachzugeben, den Vater zu verdrängen und schlimmstenfalls ihn sich zum Feind zu machen. Facettenreich wie dieser Status des geheimen Vertrauen der Mutter nun einmal ist, sieht er den Vater nicht nur als seinen Feind, sondern er fürchtet noch immer dessen Stärke. Vielleicht hat er diese Stärke nicht mehr gegenüber seiner Ehefrau, aber immer noch gegenüber dem Sohn. (. . .)
Wenn der Sohn dem Kontrakt mit der Mutter zugestimmt hat, gewährt sie ihm besondere Zugangsrechte zu ihren intimen Gefühlen, ihren Wünschen sowie ihren kritischen Äußerungen über seinen Vater - ihren Ehemann. Daraus erwachsen dem Sohn dann Pflichten. In schwerwiegenden Fällen gewährt sie ihm sogar Zugangsrechte zu ihrem Körper.
Das kann letztlich eine Inzesthandlung sein, aber genauso zählen dazu die zahlreichen inzestuösen Verwicklungen. Solche, die sich beispielsweise hinter Reinlichkeitsritualen verbergen, die der Mutter den physischen Zugriff oder die symbolische Beschäftigung mit dem Genital des Sohnes gestatten oder den Sohn an nachwirkenden euphorischen sexuellen Erregungszuständen, aber auch an der quälend erlebten sexuellen Unzufriedenheit beteiligen. (. . .)
Die Beziehung als geheimer Vertrauter lässt beim Sohn offen gebliebene Inzestfantasien nicht nur wieder auferstehen, sondern überführt sie in eine unheimlich heimliche Handlungsbereitschaft. Das Inzestuöse wird zwischen Mutter und Sohn zur Beziehungsfarbe und lässt sich jederzeit abrufen. Der Kontrakt kennt schlafende Phasen. Sie treten ein, wenn die Mutter sich dem Lebenspartner wieder annähert und der Sohn "überflüssig" ist.
Das zeigen die nachfolgenden Fallbeschreibungen. Der Verlauf des Ödipuskomplexes endet in diesen Fällen nicht damit, dass der Sohn seine auf die Mutter gerichteten Fantasien aufgibt und sich mit dem Vater abermals identifiziert. Vielmehr geschieht das Gegenteil. Er soll seine Fantasien aufrechterhalten. Er kann sie dauerhaft in der besonderen Nähe zur Mutter beibehalten und in übergriffige Handlungen verwandeln. Diese können von ihm selbst oder von der Mutter höchst feinsinnig ausgehen.
Den gängigen Gewaltschibboleth aus dem Vater-Tochter-Inzest werden wir hier nicht finden. Das Inzestuöse fordert aber vom Sohn einen hohen Preis. Er entwertet nicht nur den Vater, sondern er macht ihn sich zum Feind. Der Sohn ist damit in eine Beziehung eingebunden, die Züge eines lang sich hinziehenden rituellen Vatermordes trägt. Der Vater wird nicht tatsächlich ermordet. Vielmehr wird das, wofür er steht, beseitigt. Im Sohn werden Fantasien von einer Überlebensgemeinschaft mit der Mutter für die Zeit nach dem Vater wach. Das Frevelhafte besteht nicht nur darin, dass sie sich zur symbolischen Vatertötung zusammenfinden, sondern dass die schweigende Unzufriedenheit der Frau die Beziehung zum Sohn rechtfertigen soll. Genau das ist es aber, was die geheime Vertrautheit individuell wie kulturell zerstörerisch macht.
Die Mutter verschiebt nicht nur den Konflikt zwischen den Generationen. Sie geht darüber noch hinaus, indem sie den Sohn zum zukünftigen Männlichkeitsmodell idealisiert. Er möge unter ihrer Anleitung besser werden als sein Vater es als ihr Partner je war. Damit wird die Kindheit für diese Söhne außer Kraft gesetzt, die Kinder vor den Ansprüchen der Erwachsenen schützen sollte. Sie schafft damit bei ihrem kindlichen Sohn jene Einstellung, die es ihm auch später als selbstverständlich erscheinen lässt, dass Frauen an Männer Erwartungen herantragen, die sie sich eigentlich selbst erfüllen sollten. (...)
Siehe von Gerhard Amendt auch:
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