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Tagesspiegel vom 9. März 1998:
Statt Vettern- nun Cousinenwirtschaft?
Die Mißerfolge der Frauenbewegung sind mangelnder Sinn für
die Wirklichkeit geschuldet
Von Sibylle Krause-Bruger (*)
Auf einer Tagung zu Frauenmacht und Frauenkarriere trat jüngst eine junge "Kommunikationswissenschaftlerin" mit hochgezogenen Brauen und mit sicherem Schritt ans Rednerpult und verkündete dem staunenden Publikum, was feministische Sache sei. Zu ihren Füßen saßen Gleichstellungsbeauftragte, Verbandsfrauen und Funktionärinnen, Abgesandte von Personalräten oder Behörden. Die meisten von ihnen lauschten ergriffen den Worten der Streiterin fürs gleiche Geschlechterrecht, die natürlich haargenau wußte, wie zu Ämtern und höheren amtlichen Weihen zu kommen sei. Immerhin hatte sie ein rundes Dutzend Führungsfrauen befragt und war dabei zu den erwünschten Ergebnissen gekommen, die sich allesamt, was wunder, nahtlos in den Katalog gängiger feministischer Klischees einfügten. Danach, wie man weiß, sind Männer grundsätzlich perfide und Frauen grundsätzlich edel, schieben Männer sich alles Posten zu und gehen Frauen grundsätzlich leer aus, entwickeln Männer grundsätzlich für das wahre Leben keinen Sinn, die Frauen aber haben es erfunden.
Dabei sind dann die Männer ausschließlich damit beschäftigt, Strategien zum Erhalt ihrer Macht zu entwickeln, weil sie ja alles andere, Familie und Kinder etwa - was gehen den Bock die Lämmer an? - überhaupt nicht interessiert. Sie ziehen die Strippen, sie bilden Seilschaften, und wenn Kolleginnen im Büro, im Betrieb oder auf Sitzungen mit Ansprüchen auftreten, entwickeln sie sofort "Gegenstrategien", um die armen, hilflosen, wohlmeinenden Frauen auszutricksen. Männer, so wie sie nun einmal sind - machtbesessen, egoistisch, sich aufplusternd - pflegen Rituale des Beschäftigtseins, um ihre Bedeutung zu unterstreichen. Diese oberflächlichen Wesen sehen auf Außenwirkungen, unsere lieben seelenvollen Frauen hingegen schauen sanft auf´s menschlich Wertvolle. Kurzum: Da ist eine Verschwörung im Gange, Gut gegen Böse, Höllenhunde gegen Himmelserscheinungen.
Wie also kann man der besseren weiblichen Welt zum Durchbruch verhelfen? Ganz einfach, sagt die reine feministische Lehre, indem man neben die männlichen Seilschaften die weiblichen "Netzwerke" stellt - "horizontal und vertikal". Statt Vetternwirtschaft zum gerechten Ausgleich die Cousinenwirtschaft. Mit deren Hilfe soll es gelingen, die männliche Solidarität auszuhebeln, dem männlichen Lebensrhythmus, der stumpfen Wiederholung, das empfindsame weibliche Lebensgefühl entgegenzusetzen. Wo die rücksichtslosen männlichen Arbeitsweisen auf die Karriere eines grundgütigen Weibes durchschlagen, wo man aufgefordert wird, auch noch den Samstag seiner Arbeit zu opfern, was ganz und gar unweiblich ist, möge man ein Zeichen setzen und sich verweigern.
Wenn es früher genügte, ein Mann zu sein, um Karriere zu machen, so soll es nur ausreichen, eine Frau zu sein, um aufzusteigen. Auch Margarethe Nimsch, die gestürzte hessische Umweltministerin, sah sich wohl in dieser feministischen Pflicht, als sie eine Parteifreundin begünstigte, als sie das weibliche über das öffentliche Wohl stellte. Und die Hamburger Sozialsenatorin, deren Fall gleich hinterher kam, wird womöglich, wie es doch richtig weiblich ist, ihren schönen Familiengefühlen gefolgt sein, als sie einer Institution, der ihr Mann als Geschäftsführer diente, einen satten Auftrag zuschanzte. Vielleicht ist es ja ganz unausweichlich, daß Frauen, deren Karriere auf der Weiblichkeitsschiene, sprich dem Quotenwesen, vorankommen ist, aus dem Weiblichkeits- und Empfindsamkeitskult nicht mehr herausfinden; vielleicht sind sie auf immer Günstlinge und Opfer des Proporzes zugleich.
Zweifellos hängen jedoch blamablen Mißerfolge auch damit zusammen, daß Gleichstellungs-, Universitäts-, Frauen- und Selbstbeauftragte in der Begeisterung über ihren virtuellen Feminismus die Wirklichkeit überhaupt nicht mehr wahrnehmen wollen. Wie sonst käme man auf die Forderung, eine Top-Frau solle sich gewissermaßen stilbildend, samstags oder sonntags jeder beruflichen Anforderung entziehen? Nicht minder lebensfremd erscheint es, alle Rivalität auf Männlich-Weibliche zu verkürzen, wo doch in einer Leistungsgesellschaft auch die Männer im erbitterten Wettstreit liegen und wo unter Frauen die Stutenbeißerin immer noch weitaus beliebter zu sein scheint als die vielbeschworene weibliche Solidarität.
Es ist eben um ein Quentchen zu einfach, allein auf Taktiken und Techniken zur Herstellung von mehr Gleichheit zu vertrauen. Wo das Hauptproblem der Kinderbetreuung gelöst ist, bringen letztlich nur Talent, Fleiß, Durchsetzungsvermögen, Organisationstalent etc. den gewünschten beruflichen Erfolg. Alle anderen Mätzchen führen zurück ins Ghetto, führen zum Verlust des so mühsam erkämpften weiblichen Ansehens.
* Die Autorin lebt als freie Publizistin in Stuttgart.
DER SPIEGEL 44/1998 vom 26.10.98
Matthias Matussek
Karrieren:
Sieg im Scheitern
Die Quotenfrauen sind dabei, sich von der Quote zu
emanzipieren
- und werden Politikerinnen
Auf einige Medien-Beobachter mochte die Begrüßungsparty der neuen Bonner Parlamentsfrauen einen desolaten Eindruck gemacht haben. So sehen keine Siegerinnen aus, sagten sie sich, sondern Schiffbrüchige. Sie sahen Frauen, die jammerten, die ratlos waren oder sich sogar schämten, und andere, die trotzig mit dem Fuß aufstampften wie die Juso-Chefin Andrea Nahles, die ausrief: "Es gibt soviel Mitleid für Männer." Und keines für Frauen wie Nahles.
Allerdings ging es hier nicht um Mitleid, sondern um Politik. Was passiert war? Gerade war Wolfgang Thierse von der Fraktionsspitze für das Amt des Bundestagspräsidenten nominiert worden. Er hatte gegen Christel Hanewinckel gesiegt, die sich aufstellen ließ, weil sie eine Frau ist.
Das war natürlich bitter, denn wer eine ganz normale politische Wahl zur Kampfabstimmung über das eigene Geschlecht hochmöbelt, riskiert im Falle der Niederlage einen mörderischen Identitätsverlust.
Kurz darauf bedauerte Karin Junker, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, in den "Tagesthemen", daß sich nicht einmal eine Gegenkandidatin für das Bundespräsidentenamt finden ließ.
Das war es also, das bizarrste Spektakel der Regierungsbildung: die Selbst-Abschaffung der Quotenfrau genau in dem Moment, in dem sie mit Karacho in den Zielbahnhof einfahren sollte.
Doch sie starb nicht vor Barrikaden finsterer Männerbünde, sondern an innerer Auszehrung - an der ihr eingebauten Legitimationskrise. War es Dummheit oder Unfähigkeit, die Frauen scheitern ließ?
Nehmen wir an, es war das Gegenteil, es war das demokratische Gespür dafür, daß Sexismus kein brauchbares Programm ist. Kein Scheitern also, sondern ein Sieg. Die Mehrheit der Parlamentarierinnen zauderte, politische Ämter aus den falschen Gründen zu reklamieren. Die Quotenfrau emanzipiert sich von der Quote und wird zur Politikerin.
Schade eigentlich. Man hatte sich an sie gewöhnt, die Quotenfrau, Sie war die Inge Meysel des politischen Parketts. Einfach da, mit Vorwurfs-Stimme und Frauenauftrag. Man wußte nie, warum sie so wütend war, und hatte immer den Verdacht, daß sie sich darüber ärgert, daß sie die Quotenfrau ist. Aber schließlich: Man nimmt mit, was man kriegen kann, nicht wahr?
Doch plötzlich will sie gar nicht mehr, die Quotenfrau. Die Kernministerien der neuen rotgrünen Regierung gingen widerstandslos an die, die sich nach innen und nach außen qualifiziert hatten, also an Männer und Frauen, unbeeindruckt vom sexistischen Dauersound politischer Korrektheit. Und als die SPD, nach internem Gemetzel, den bisher von Rudolf Scharping gehaltenen Fraktionsvorsitz in einer letzten opportunistischen Zuckung quotenmäßig vergeben wollte, lehnten die sozialdemokratischen Spitzenfrauen in Serie ab.
Man wolle sich nicht als faulen Kompromiß zur Verfügung stellen, hieß es instinktsicher. Natürlich mußte man die Ablehnung den eigenen Reihen mit feministischem Augenzwinkern verkaufen: Was Männer freiwillig zur Verfügung stellten, sei im Grunde wertlos. Doch genau damit hat die Quotenfrau zum erstenmal die Quote zur Disposition gestellt.
Sie erkennt: Die Quote ist genau das Problem, als dessen Lösung sie sich empfiehlt. Sie "befreit" die Frau, indem sie sie degradiert. Nun, nachdem Frauen den Bluff durchschaut haben, kann darüber gesprochen werden: Die Quotenfrau war tatsächlich von Männern erdacht worden mit dem Ziel, Frauen zu beleidigen. Hier die Hintergründe: Wie schaffen wir es, fragten sich ein paar misogyne Strippenzieher, die sich irgendwann in den siebziger Jahren in einer als alternativen Wohnküche getarnten konspirativen Skatrunde trafen - wie schaffen wir es, das Fünfziger-Jahre-Klischee der infantilen Trotzfrau über die Zeiten zu retten?
Nachdem man sich einen Kasten Bier und die Highlights aus dem "Lolita"-Video reingezogen hatte, kam die Idee ganz spontan: Wir backen uns die Quotenfrau. Wir errichten Laufställe in der Gesellschaft und ganz besonders in den Parteien, wo sich das "schwache" Geschlecht mal so richtig austoben darf.
Es war das soziologische Äquivalent zum Frauencatchen. Bald konnte jede Quoten-Kämpferin in der Arena mit ironischem Applaus und gutmütigem Nicken der männlichen Öffentlichkeit rechnen. Frauen von Klasse blieben den Kämpfen fern und machten Karriere aus keinem anderen Grunde als dem außergewöhnlicher Leistungen.
Die Quotenfrau wurde unter Frauen nie richtig populär. Da hatten sich vor allem die rot-grünen Veranstalter verrechnet, die mit ihrem Werbeversprechen, jeden zweiten Spitzenjob an Frauen zu vergeben, weibliche Mitglieder für die Parteien gewinnen wollten. Frauen winkten nach wie vor ab.
Nur jedes vierte SPD-Mitglied ist weiblich - in manchen Ortsvereinen war der Anteil in den zwanziger Jahren höher. Selbst bei den Grünen stellen Frauen nur ein Drittel. Daß mittlerweile ein gutes Drittel aller sozialdemokratischen und weit mehr als die Hälfte aller grünen Bundestagsmandate von Frauen gehalten werden, daß es also mehr weibliche Häuptlinge als Indianer gibt, beweist einmal mehr die kluge Analyse von Cora Stephan: "Die Frauenbewegung hat nur ihren eigenen Funktionärinnen nennenswert genützt."
Aber, nehmen wir an, sie haben gelernt. Und sie schauen nun gelassen zu, wie zumindest auf der Spitzenebene alles auf Normalmaß herunterschrumpelt, selbst bei den Grünen: Trotz 50-Prozent-Quote ist nur ein Drittel ihrer Minister weiblich, ganz wie das Parteivolk. Die Quotenfrau ist erledigt.
Sicher gibt es noch Nachhutgefechte, besonders bei den feministischen Kommentatorinnen, die Verrat an der Sache wittern. Die der "Frankfurter Rundschau" möchte den Kampf um die Quote mit allen Mitteln, auch dem der "Erpressung". Es gehe um den "Nachweis, daß Frauen alles können" - als dienten Regierungsbildungen dazu, sexistische Profilneurosen zu therapieren. Gerade weil doch keiner und keine daran zweifelt, daß "Frauen alles besser können", muß sich die politische Verantwortung im Staat nicht mehr von solchen Grillen in Atem halten lassen.
Wenn etwa die Kommentatorin der "Tageszeitung" gegen die Quotenverletzung den "fundamentalistischen Geschlechterkampf " ankündigt, wirkt das nur noch wie schrille Satire aus den Siebzigern. Sie droht mit "Machobeschimpfe und Unterdrückungsgejammer", mit der alten leeren Lärm-Masche also, und zwar so lange, bis die Kerle "völlig entnervt, in die Enge getrieben und gargekocht sind".
Die Kerle denken gar nicht mehr daran, Nerven zu zeigen, und die Frauen erst recht nicht. Gemeinsam spüren sie: Das Frauenbild, das solche Kämpferinnen entwerfen, ist das von abgebrühten Vierjährigen, die wissen: Wenn ich vor der Supermarkt-Kasse nur laut kreische, fällt das Überraschungsei fast von allein in den Korb.
Sie, die Spitzenfrauen, verweigern sich diesem Klischee von der Frau als ewigem Kind. Nein, dazu geben sich Ingrid Matthäus-Maier oder Gunda Röstel, Herta Däubler-Gmelin oder Kerstin Müller längst nicht mehr her. Sie wissen: Die fetten Luxus-Zeiten, in denen man sich mit studentischen Geschlechterhysterien aufhalten konnte, sind vorbei. Es gibt ernstere Probleme.
Sicher, ab und zu liefern auch Mandatsträgerinnen noch die kämpferischen Routine-Nummern fürs Publikum. Etwa, wenn die Grüne Christine Scheel im "Stern" den weiblichen Machtanspruch mit dem Satz begründet: "Frauen können besser mit Geld umgehen." Das ist ungefähr so zwingend wie die Aussage: Männer können besser duschen und erfordert im Grunde genommen den sofortigen politischen Führerschein-Entzug.
Doch ist das nur noch als Entertainment gemeint. Vor diesem neckisch-dummen Zeug ist man tatsächlich einmal in die Knie gegangen? Heute ist es nur noch Quatsch für die bunten Seiten. Nehmen wir an.
Das bringt natürlich wiederum die Männer in die Bredouille. Sie hängen nämlich an der Quotenfrau. Etwa dieser sympathische grüne Delegierte aus dem Berliner Bezirk Mitte. Seine Bezirksversammlung, berichtete er letzte Woche auf dem Landesausschuß, habe einen donnernden Protest verabschiedet, nahezu einmütig. Sie verurteilte die Mißachtung der Frauenquote bei Besetzung der Bonner Spitzenjobs.
Allerdings, sagt er ein wenig verlegen, "waren wir nicht quotiert". Was? "Wir waren 14 Männer. Und nur eine Frau."
Das ist nun allerdings ein Problem: Selbst den politischen Geschlechterkampf gegen die Männer müssen nun die Männer selbst besorgen.
[Anmerkung paPPa.com: Was Matussek nicht vielleicht nicht weiß ... Bei den Lila-Grünen gilt eine Frauenstimme schon lange soviel wie X-Männerstimmen. Dort ist das Matriarchat Wirklichkeit - Frauen sind gleicher - und zwar mindestens X-fach ... Lassen wir Matussek also weiter träumen ... und die neue Regierung arbeiten ...]
Diskurs 1/1997, Zitat von Hanne Isabell Schaffer, Professorin an der Stiftungsfachhochschule in München:
"Dazu müssen aber auch Frauen sich ein Stück weit verabschieden von herkömmlichen Konzepten: Sie müssen ihr Familienarbeitsmonopol aufgeben. Ich habe soeben bei weiblichen Studierenden eine Umfrage über ihre Studien- und Karrieremotivation gemacht. Es hat sich für mich als Kardinalfrage herausgestellt, welche von diesen Studentinnen sich eine lebenslange hauptverantwortliche Erwerbsarbeit vorstellen kann - keine einzige."
FAZ, 13.10.98 - Glosse:
Schwesterinnen
Rm. Wiederum war die Buchmesse ein Fehlschlag. Wiederum hat man nur von den "Schriftstellern" gesprochen und nicht, wie es schon um der Elfriede Jelinek willen längst geboten war, von den "Schriftstellerinnen und Schriftstellern" ?
Dafür hatte aber Schröder im Wahlkampf gesagt: "Meine Freundinnen und Freunde"; unangebrachte Vermutungen nahm er um der Sache willen in Kauf. Unriskant wäre es demgegenüber, etwas für einen verdienten Berufsstand zu tun und nur noch von "Krankenschwesterinnen und Krankenschwestern" zu reden.
Längst ist die Trennwand zwischen Mensch und Tier durchlässig. Darum sollte man "Adler und Adlerinnen" sagen, andererseits zu den Katzen immer die Kater fügen ("Katzen und Kater haben nun einmal eine andere Seele als Hündinnen und Hunde").
Natürlich muß sich niemand von Quälgeistinnen und Quälgeistern so weit treiben lassen, daß er im Wald nach Pilzinnen und Pilzen sucht. Aber wenn der Wind stark bläst, darf die Schälin oder der Schal dichter um die Hälsin oder den Hals gelegt werden.