paPPa.com informiert:
Der Geschlechterkampf
Mädchen haben heute bessere Chancen als Jungen,
behaupten Soziologen. Braucht das vermeintlich starke Geschlecht bald besondere
Unterstützung?
Die Welt, was Frauen gern beklagen, gehört den Männern - im Parlament, an der Börse, auf dem Bau. Dabei, so könnten die Damen zu Recht anführen, scheint die Evolution das anders im Sinn gehabt zu haben.
Jungen mögen zwar stärker und größer sein, aber sie sind auch anfälliger, verwundbarer, und zwar von Anfang an. Bei 1.000 Geburten überleben 7,3 Jungen (6,3 Mädchen) nicht. Das erste Lebensjahr stehen von 1.000 Kindern 5,5 Jungen (Mädchen 4,4) nicht durch. In Kindergarten und Schule werden sie alsbald von den Mädchen abgehängt. In einem englischen Vorschultest fielen doppelt so viele Jungen durch wie Mädchen. Das ist keine Frage der Intelligenz, sagen die Experten - Jungen entwickeln sich einfach anders. Jungens sind vor allem hippelig und unkonzentriert. So belegt ein britischer Pädagogenreport, daß der typische 13-, 14jährige Knabe sich vier oder fünf Minuten konzentrieren kann, das gleichaltrige Mädchen mehr als doppelt so lang. Nur im Bereich Mathematik liegen die Burschen vorn.
Jungen brechen häufiger die Schule ab, ohne je einen Abschluß zu machen. Lediglich auf der Uni stellen sie noch eine knappe Mehrheit, aber die Schere schließt sich. Eine Frage der Zeit nur, bis sich die Nachteile der XY-Männchen auch in der gesellschaftlichen Machtfrage niederschlagen? Der frühere französische Kulturminister Jack Lang deutet das in seinem Buch "Die Welt von morgen gehört den Frauen" jedenfalls an.
Mehr Jungen verunglücken tödlich bei Sport und Spaß wie Auto-, Motorrad- oder Skifahren. Sie begehen weit mehr Straftaten als ihre weiblichen Pendants und kommen öfter in den Knast (von 10 377 Strafgefangenen unter 25 Jahren waren 1997 lediglich 295 weiblich). Sie profilieren sich als Hooligans, rauchen mehr, trinken mehr, begehen mehr Selbstmorde und sind auch öfter arbeitslos.
"Es ist heute fast politisch unkorrekt, ein Junge zu sein", faßte die Harvard-Psychologin Carol Gilligan, die mit Mädchen-Forschung berühmt wurde, das moderne Jungen-Dilemma zusammen. Sind Jungen die Verlierer der postindustriellen Gesellschaft?
Seit Menschengedenken, sagen Sozialwissenschaftler wie der Harvard-Professor William Julius Wilson, gehörten für die Männer Arbeit, Ehe und Vaterschaft zusammen. Männer lernen ihr Sozialverhalten durch sie. Mit dem gleichzeitigen Niedergang von Arbeit und Ehe werden manche jungen Männer zu ungelenkten Geschossen: vaterlos, ungebildet, ungelernt, unverheiratet, arbeitslos. Wie explosiv diese Mischung ist, zeigen die Innenstädte von Amerika, die Vorstädte von Paris oder Marseille und manche Gegenden in den neuen Ländern. Allein in Frankreich beträgt die Arbeitslosigkeit bei den unter 25jährigen 27 Prozent.
Die Entwicklungspsychologin Penelope Leach (s. Interview) meint, Jungen lernen anders, reifen anders und bedürfen größerer persönlicher Fürsorge und der Zivilisierung durch die "kognitiveren" Mädchen.
Jungen, so Leach, sind motorischer als kleine Mädchen, sind lauter und unordentlicher. Sie brauchen mehr persönliche Zuwendung, bekommen sie aber nicht in vollen Krippen, Horten oder Klassen mit vielen anderen lauten Jungs und netten, kleinen, stillen Mädchen. Wenn kleine Jungen aggressiv, destruktiv, ungehorsam sind, werden sie erst vor die Tür gestellt und im schlimmsten Fall in die Sonderschule abgeschoben, weil keiner mit ihnen fertig wird, schon gar nicht die weiblichen Lehrer.
Jungen sind anders, und ihr Anderssein bedarf anderer Antworten von Eltern und Erziehern. So fruchten, laut Leach, verbale Tadel bei Jungen gar nicht. Das endlose "Hör auf!", "Setz dich hin!", "Sei ruhig!" sei kontraproduktiv.
Da Frauen größere kommunikative Talente haben und inzwischen längere Schulzeiten vorweisen können, sind sie gegenüber Männern im Vorteil. Denn Jobs, die eine gewisse Schulbildung verlangen, wachsen zahlenmäßig, und solche, die keine Qualifikation brauchen, werden weniger. So schätzt das Bonner Arbeitsministerium, daß bis 2010 nur noch zehn Prozent der Jobs in Deutschland für Ungelernte geeignet sind. 1976 lag diese Quote noch bei 35 Prozent.
Wie kann man den knabenfeindlichen Trend umkehren? Die Sozialwissenschaftler antworten kurz und knapp: mit der Zwei-Eltern-Familie. Die Anwesenheit des (vorzugsweise) "biologischen" Vaters in der Familie ist so wichtig, daß sie alle anderen Faktoren nebensächlich macht. William Galston und Elaine Kamarck, zwei Soziologen, die für Clinton gearbeitet haben, behaupten, "die Beziehung zwischen Vater im Haus und Verbrechen ist so stark, daß sie die Beziehung zwischen Rasse und Verbrechen und niedrigem Einkommen und Verbrechen auslöscht".
Christine Brinck
Graphik: DER BILDUNGSTREND - Aufholjagd der Mädchen - ist die weitere Karriereentwicklung nur eine Frage der Zeit?
FRAUEN HOLEN AUF - Die Schere schließt sich, die Zahl der weiblichen Studenten steigt.
Bild: VON DER BARBIE-PUPPE ZUM COMPUTER - Mädchen vor dem PC. Auch im Bereich der Zuwachsindustrie Datenverarbeitung holen die Frauen auf
BEIM PRÜGELN EINE EINS! Schon kleine Jungen sind aggressiver, destruktiver und ungehorsamer als Mädchen. Sie brauchen mehr persönliche Zuwendung
SCHÖNE NEUE WELT - Wird in dieser Generation schon die Machtfrage zwischen den Geschlechtern neu geregelt werden?
Der kleine Prinz - Erzieht sie den Mann, den wir uns wünschen?
Geliebte Jungs?
Die britische Entwicklungspsychologin und Bestsellerautorin
Penelope Leach zur neuen Benachteiligung der Jungen
FOCUS: Frau Leach, sind Jungen heute eine gefährdete Art?
Leach: Früher waren Mädchen definitiv in fast allen Bereichen die Benachteiligten. Die Situation hat sich umgekehrt. Ich glaube, die männliche Hälfte der Bevölkerung leidet heute - bis zu einem gewissen Grad - unter der Befreiung der weiblichen Hälfte.
Das Problem scheint mir zu sein, daß wir die Jungen immer noch nicht zu den Männern erziehen, die wir uns wünschen. Das ist das Unfaire an der Sache.
FOCUS: Unfair, weil die Mütter den Söhnen bestimmte Dinge gar nicht beigebracht haben?
Leach: Ja, oder weil sie Angst vor ihren Söhnen bekommen haben. Vielleicht verlieren die Mütter den Mut oder die Kontrolle, so daß die Jungen mit ihrem wild zirkulierenden Testosteron das Gefühl haben, unkontrolliert zu sein.
Und dann hört man die Frauen sagen, wie widerlich diese Männer sind. Aber jeder Mann war mal irgend jemandes geliebter kleiner Junge.
FOCUS: Was ist passiert? Warum können wir diese Lücke nicht schließen?
Leach: Ich denke, das Problem entsteht, weil die Jungen nicht entsprechend bevatert wurden. Ich bedauere besonders die ganz jungen Männer. Sie versuchen, Mann zu sein, und wissen gar nicht, wie das geht, weil ihre Mütter und ihr kulturelles Umfeld sie darauf nicht vorbereitet haben. Ich hoffe, die nächste Müttergeneration wird es besser machen.
FOCUS: Welche Rolle spielen die Väter heute?
Leach: Wenn man ein, zwei Generationen zurückschaut, muß man sagen, daß sie heute eher mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als früher.
Früher aber pflegten viele Jungen, eine Menge Zeit damit zu verbringen, Männern hinterherzutrotten, von ihnen zu lernen, wie man Sachen macht, dies hält, jenes holt. Jungs hatten so eine Art Lehrlingsstatus. Das ist vorbei. Mädchen hingegen erleben das noch, in der Küche oder beim Einkauf . . .
FOCUS: Warum tun sich die Jungen mit der Anpassung schwerer?
Leach: Die Unterschiede in der Hirnreife sind bekannt, und dann sind Jungens sehr motorisch im Vergleich zu den kognitiveren Mädchen. Ich nehme an, daß die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir erleben, für die Jungen härter sind als für die Mädchen.
Auf der eine Seite kommt es zur Beschränkung des Lebens- und Bewegungsraums: Nirgendwo können Kinder allein hingehen, keines spielt mehr vor der Tür, der Sport wird reduziert. Auf der anderen Seite erhöht sich die Stimulanz, etwa durch Computerspiele. Beide Faktoren sind für die Jungen härter zu ertragen.
Heute soll ein Junge ein ganzer Kerl sein - und gleichzeitig eine hingewandte, sich kümmernde Person. Das ist ein größerer Widerspruch als alles, was man von den Mädchen verlangt. Denen sagt man nur: Du kannst weiblich, sexy und zugewandt und all das sein, was Frauen schon immer waren. Und du kannst auch noch kompetent sein.
FOCUS: Können Jungen überhaupt noch etwas richtig machen?
Leach: Wir geben ihnen keine Verantwortung, wir behandeln sie nicht so nett wie unsere kleinen Mädchen - und dann werden sie es auch nicht.
FOCUS: Wann beginnen sich Unterschiede in der Entwicklung zu manifestieren?
Leach: Sehr früh. So legen neuere Untersuchungen nahe, daß Jungen im Alter von ein bis zwei Jahren mehr unter Gruppenbetreuung leiden als Mädchen. Es könnte gut sein, daß sie durch die Gruppenbetreuung aggressiver, weniger sozial und weniger bereit sind, Autorität anzuerkennen. Das könnte sehr wohl ihre Lernfähigkeit in den ersten Schuljahren beeinflussen.
FOCUS: Inwiefern?
Leach: Wir wissen, daß Jungen kognitiv später dran sind. Vielleicht müssen Jungs durch Vorbilder und Beispiele lernen, weil sie nicht so gut aus Büchern lernen. Ich bin immer ganz erschüttert, daß für beide Geschlechter Schulbildung ein ziemlich unmögliches Unterfangen ist. Mädchen lernen besser in reinen Mädchenschulen, Jungen besser in gemischten Schulen. Das zeigen Forschungsergebnisse.
FOCUS: Gibt es eine Chance für eine Umkehr?
Leach: Ich will das mit einem Bild beantworten. Nehmen wir einen Schulhof. Früher haben dort die Jungs Fußball gespielt und die Mädchen sich unterhalten. Immer wieder rannten dann die Jungen die netten kleinen Mädchen um. Dann hat man gesagt, Fußball ist schön und gut, aber wir müssen die Schulhöfe so organisieren, daß Mädchen mehr Platz bekommen. Ich glaube, damit sind wir zu weit gegangen.
Es ist an der Zeit, den Freiraum für die Jungen zu organisieren und die Balance wiederherzustellen.
Es war nötig, sich um die Mädchen zu kümmern, aber jetzt ist es Zeit, sich wieder den Jungen zuzuwenden und ihnen klarzumachen, daß sie willkommen sind auf dieser Welt, daß wir an ihnen genau das schätzen, was sie von Mädchen unterscheidet. Zum Beispiel, daß sie so schnell rennen können - auch wenn sie dabei furchtbares Geschrei machen.
Bild: KLEINE LEHRLINGE - Jungen lernen durch Arbeit - vor allem durch "Bevaterung"
"Wir erziehen die Jungen immer noch nicht zu den Männern, die wir uns wünschen" PENELOPE LEACH, ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIN
VATER AM BALL - Väter - sofern vorhanden - verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern als früher
Siehe auch:
Fachtagung
"Alter Zopf und neue Hüte"
Geschlechtsdifferenzierte Pädagogik in der Jugendhilfe - Stand und
Perspektiven
- 15./16.10.98, 9.30 - 16 Uhr, im FEZ Berlin, Anmeldung und Info unter 030-509 93 42
Einführungsreferat
"Typisch Mädchen - typisch Junge? Geschlechtsbezogene Pädagogik
zwischen Klischeebildung und Veränderung" Referent/-innen: Mechthild
Bereswill, Reinhardt Winter
Arbeit in Arbeitsgruppen u.a.:
- Nein sagen ist nicht genug - Prävention von sexuellen Mißbrauch
an Mädchen und Jungen
- Methoden der Jungenarbeit
[Siehe auch: