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Die Presse, Wien, vom 10.6.98
Ein "Presse"-Gespräch von ANNELIESE ROHRER
Wäre ich ein Mann, es würde mich sehr interessieren, warum Frauen um acht Jahre länger leben. Es gibt aber keine Untersuchungen darüber, weil Männer nicht gern zugeben, daß Frauen ihnen hier überlegen sind." Betty Friedan, die diese Frage bei ihrem Wien-Besuch aufwirft, läßt in einem "Presse"-Gespräch deutlich erkennen, daß sich der Feminismus nun, nachdem er Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung ein gutes Stück weitergebracht hat, um die Männer kümmern sollte; und darum, daß es künftig für beide Geschlechter mehr um die Lebensqualität denn um Wachstumsraten gehen sollte.
Die männlichen Vorstellungen von "Erfolg" müßten hinterfragt werden - sehr zum Wohle der Männer, wie sie meint. Ihr Ansatz- und Ausgangspunkt ist dabei eben die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen. Friedan glaubt, daß sich in einer Gesellschaft, in der sich die Männer mehr um die Erziehung ihrer Kinder kümmern würden, deren Lebenserwartung erhöhen ließe. Ihre eigenwillige These dazu: "Der ganze Unterschied beginnt ja mit der Erziehung der Kinder. Männer könnten eine neue Stärke entwickeln, die Kindererziehung verlangt Flexibilität, verlangt eine Bereitschaft zur ständigen Änderung." Das könnte für Männer nur von Vorteil sein.
Betty Friedan (77), die sich in den sechziger Jahren mit ihrem Buch "Der Weiblichkeitswahn" an die Spitze der amerikanischen Frauenbewegung katapultierte, dann die mächtige "National Organization of Women" (NOW) gegründet hat, lenkt nun ihre Aufmerksamkeit auf den männlichen Teil der Gesellschaft. Der Vorteil für die Frauen dabei ist: Diese können ihre volle Gleichberechtigung nur dann erreichen, wenn Männer in der Familie mehr Verantwortung übernehmen.
Arbeit und Familie, die Vereinbarkeit von beiden, ist also das neue Thema der Grande Dame des amerikanischen Feminismus. Ihre Antworten sind Europäern durchaus geläufig: Kinderbetreuungseinrichtungen, job sharing, verkürzte Arbeitszeit. Wenn man sie allerdings darauf aufmerksam macht, daß bei den hohen Kosten der außerfamiliären Kinderbetreuung in den USA, bei Konzepten wie Teilzeitarbeit und job sharing nur Frauen der Mittelschicht profitieren würden, wird sie unduldsam: "In Amerika nimmt jede Änderung, jede wichtige soziale Veränderung, jede Änderung der Werte von der Mittelschicht ihren Ausgang. Wir sollten da nicht scheinheilig sein. Es ist immer die Mittelschicht."
Was aber machen Frauen mit schlecht bezahlter Arbeit, wie können sie mit der Bezahlung einer Teilzeitbeschäftigung überleben? Friedan will von "unteren Schichten", von einer Arbeiterklasse nichts hören. Das Problem existiert für sie nicht. Wütend argumentiert sie von der Annahme ausgehend, daß jeder in Amerika zum Mittelstand gezählt werden will. Wenn es also zwei Gehälter braucht, um zur Mittelschicht gezählt zu werden, Frauen also ihren Teil zum Einkommen beitragen, dann sollten Männer auch zur Kindererziehung beitragen.
Nochmals: Was aber ist mit den Frauen, die schlecht verdienen? Wie können die sich die Kinderbetreuung in den USA überhaupt leisten? Friedan: "Sie sollen so viel Geld verdienen, wie sie nur können. Was heißt hier leisten? Geld, Geld, Geld. Haben Sie je von Geld gehört? Geld ist notwendig, auch für die Kassiererin im Supermarkt." Die Lösung liege nur darin, sich ein besseres Einkommen zu verschaffen.
Der Rest des Konzepts ist ein europäisches: Die Gesellschaft muß die Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, öffentliche Förderung von Kindergärten, Firmeneinrichtungen zur Kinderbetreuung, Karenzurlaub, Anrechnung von Kindererziehungszeiten im Berufsleben - für Männer wie Frauen. Ihr Beispiel: An amerikanischen Universitäten gilt die Regel, daß man sechs Jahre Zeit hat, eine permanente Professur zu erreichen. Danach ist der Traum vorbei. Nun sollte man für jedes Kind ein Jahr hinzurechnen - und zwar für Väter und Mütter gleichermaßen.
Im Berufsleben stellt Friedan heute das amerikanische Karrierekonzept allerdings in Frage: "Wir müssen es ändern." Es müsse mehr auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr auf Lebensqualität geachtet werden. Und überhaupt: Wer sagt denn, daß Frauen heute ihre Kinder unbedingt dann bekommen müssen, wenn sie - zwischen 20 und 30 - ihre Karriere planen? Warum muß denn Kindererziehung und Berufstätigkeit unbedingt gleichzeitig stattfinden? Wo steht geschrieben, daß moderne Frauen nur eine Karriere im Auge haben sollten? Im nächsten Jahrtausend werden sie im Laufe ihres Berufslebens an zwei oder drei verschiedene denken können.
Und diese Entwicklung der Mittelschicht-Frauen - über andere will Friedan ja nicht sprechen - muß eben zwangsläufig die Männer verstärkt einbeziehen. Sie kenne die Gegner der Frauenbewegung, die immer nachweisen wollen, daß Kinder am besten am Rockzipfel der Mütter aufgehoben sind, aber Untersuchungen zeigen eben, daß dies nicht stimme.
Im Gegensatz zu anderen Interviews in Amerika bestreitet Friedan in Wien, daß der Feminismus in Amerika einen echten Rückschlag zu fürchten habe. Es gebe zwar eine Gegenbewegung, aber diese sei "marginal". Friedan: "Der Feminismus ist nicht tot. Kein amerikanischer Politiker würde es wagen, zu sagen: Frauen zurück an den Herd."
Copyright "Die Presse", Wien
Die Presse, Wien, vom 9.6.98
Vorbei sind die Zeiten, als uns das weibliche Geschlecht wegen angeblicher Benachteiligung leid tun mußte. Der Spieß hat sich schmerzlich umgedreht. Oder anders: Wir haben erst jetzt erkannt, wie arm viele Männer sind. Da ist einmal der Vatertag. Was, Sie wußten gar nicht, daß letzten Sonntag Vatertag war? Typisch! Aber am ersten Sonntag im Mai haben Sie sicher ein herrliches Frühstück bereitet und die Mutter an ihrem Freudentag mit einem Blumenstrauß erfreut? Arme Väter! Da dürfen sie sich kinderwagenschiebend vor ihresgleichen lächerlich machen, und das unbedankt. Doch weitaus beunruhigender erscheint uns, was in jüngster Zeit sogar ernstzunehmende Zeitungen füllte. "Männer lieben sich zu Tode", lautete etwa eine Schlagzeile. Wie sollen wir das verstehen? Mit dem Wunderpotenzmittel Viagra oder ohne dasselbe? - denn um dieses ging es auf jeden Fall. Männer in Gefahr, soviel ist klar. Von Viagra verfolgt. Entweder sie können nicht, wie sie wollen, oder sie müssen mehr, als sie sollen, oder wie oder was? Die Männer können einem leid tun. Andererseits: Auch die Frauen leiden. Viagra wird beim Small talk großgeschrieben, alle Witze handeln davon. Und während sich die Männer zu Tode lieben, sind die Scherze bei Gott nicht zum Totlachen. EM.
Kinder machen Väter fit
Hamburg (ots) - Wenn Väter abends gestreßt von der Arbeit kommen, dann wollen viele am liebsten erst einmal die Beine hochlegen. Für die Kinder bleibt dann nur noch wenig Zeit übrig. Wer seiner Gesundheit etwas Gutes tun will, sollte es jedoch genau anders herum machen und noch eine Runde mit den Kindern spielen.
Die Zeitschrift "Vital" weist in ihrer neuesten Ausgabe (Nr. 10/98) auf eine Untersuchung zweier amerikanischer Psychologinnen hin. Die verglichen Männer, die wegen ihrere Karriere kaum Zeit für ihre Kinder haben, mit solchen, die trotz Erfolg im Beruf regelmäßig und häufig Zeit mit ihren Kindern verbringen. Das Ergebnis: Die spielfreudigen Väter waren insgesamt in einer besseren gesundheitlichen Verfassung. Die Karriere-Papas litten dagegen viel häufiger unter psychischem Streß, Rückenschmerzen, Kopfweh und Schlaflosigkeit. Gesundheitswissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld weist darauf hin, daß die Beschäftigung mit den Kindern nach Feierabend nur scheinbar eine Doppelbelastung ist: "Das Spielen mit den Kindern macht den Kopf frei und baut Streß ab."
Siehe auch "Friedan: Kinderbetreuung verlängert Männer-Leben" - Die Grande Dame des US-Feminismus, Betty Friedan, vertritt eine eigenwillige These: Würden sich Männer mehr um die Betreuung ihrer Kinder kümmern, könnten sie ihre eigene Lebenserwartung erhöhen.