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World vom 1. Juni 1998
(sda/chk)Jahrelang hatte die Förderung von Mädchen in den Augen der US-Öffentlichkeit absolute Priorität. Nun setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass dabei die Bedürfnisse der Buben womöglich sträflich vernachlässigt wurden.
Von Birgitte Duseau
Nach der Serie von Bluttaten in US-Schulen, die allesamt von Jungen verübt wurden, schlagen Experten Alarm. "Wir haben es mit einer grossen nationalen Krise des Knabenalters in Amerika zu tun", sagt der Psychiater William Pollock von der renommierten Harvard-Universität. "Die Schulhof-Schiessereien sind nur die Spitze eines Eisberges."
Gewaltbereit und problembeladen
Zahlen belegen, dass es um den männlichen Nachwuchs in den USA schlecht bestellt ist. Im Pubertätsalter begehen fünfmal soviele Jungen wie Mädchen Selbstmord. Sie werden 15 Mal häufiger Opfer von Gewalttaten, ganz zu schweigen davon, dass sie erheblich mehr davon verüben.
Jungen machen 90 Prozent der Disziplinarfälle aus. Millionen von Knaben werden in den USA wegen Konzentrationsschwierigkeiten und Zappeligkeit mit Medikamenten vollgestopft. Viermal mehr Jungen als Mädchen gehen vorzeitig von der Schule ab. Ebensoviel mehr haben psychische Probleme.
Jahrelang vernachlässigt
Doch bisher wurde gezielt nur auf die Schwierigkeiten geblickt, mit denen sich Mädchen in der US-Gesellschaft herumschlagen müssen - zu Unrecht, wie der Psychotherapeut Michael Gurian aus Spokane im Bundesstaat Washington findet. "Vor ein paar Jahren war es noch nicht politisch korrekt, auf Jungen achtzugeben", sagt er. "Unsere Kultur ist in dieser Frage gerade erst aufgewacht."
An der Harvard-Universität leitet inzwischen die Psychologin Carol Gilligan, die vor 15 Jahren Pionierarbeit zur Fragestellung der Mädchenerziehung leistete, eine Forschungsarbeit zum Thema Knabenentwicklung.
Getrennter Unterricht
Gurian, der im Juni ein Buch mit dem Titel "A Fine Young Man" herausbringt, scheut jedenfalls nicht davor zurück, Tabus zu brechen. Jungen und Mädchen lernten einfach unterschiedlich, deshalb sei es ratsam, sie zumindest teilweise getrennt zu unterrichten.
Die besonderen Probleme der Jungen und ihre grössere Körperbetontheit dürften nicht länger ignoriert werden. Vor allem die Schulen seien heutzutage völlig auf weibliches Verhalten eingerichtet, so dass immer nur Jungen bestraft würden.
Pollack sieht die Einsamkeit von Jungen in der Cowboy-Kultur der Vereinigten Staaten begründet. Jungen würden zu früh von ihren Müttern getrennt und von Schulen und Umwelt zur Gefühlsarmut erzogen, kritisiert der Harvard-Psychiater in seinem kurz vor der Veröffentlichung stehenden Buch "Real Boys".
Auf der anderen Seite verlangten Frauen heutzutage mehr Gefühlsbetontheit von ihren Söhnen und Männern. Wie Gurian plädiert auch Pollack dafür, Jungenschulen wieder salonfähig zu machen. Ausserdem müssten wieder mehr männliche Lehrer eingestellt und die Lehrpläne überprüft werden.
Erleichterte Mütter
Die Hinwendung zu den Problemen von Jungen wird von vielen Frauen alles andere als ablehnend aufgenommen. Besonders Mütter reagieren erleichtert auf einen Diskurs, der ihren Söhnen zugesteht, wild und zappelig zu sein. Sie trauen sich wieder, bei Elternabenden zu kritisieren, dass Jungen im Namen der Gleichberechtigung mit fünf Jahren stricken lernen sollen - obwohl ihnen in diesem Alter die dafür notwendige feinmotorische Fähigkeit noch fehlt.
Übereinstimmend plädieren die Experten dafür, dass sich die Väter stärker um ihre Söhne kümmern müssen. Pollock nennt seinen Ansatz "pro-feministisch". "Wir müssen uns um die Jungen sorgen", sagt er. "Ich glaube nicht, dass es irgend jemandem nutzt, wenn die Frauen zwar an die Macht kommen, andererseits aber die Männer und damit 50 Prozent der Bevölkerung ungebildet und bewaffnet in der Gegend herumirren."
Kommentar von Karin Jäckel zu "Jungen in USA sträflich vernachlässigt"
Bei uns gewittert's gerade grauslig. Das ist die richtige Stimmung, um auf diesen höchst bemerkenswerten und auch auf Deutschland zutreffenden Beitrag einzugehen.
Als Mutter dreier Söhne im Alter zwischen 22, knapp 17 und 11 Jahren kann ich mitreden. In der Tat schadet die derzeit absolut einseitige Förderung von Mädchen Jungen ganz erheblich, da Jungen "von der öffentlichen Hand" - also im KIGA und mehr noch in der Grundschule sowie den ersten Jahren der weiterführenden Schulen - so erzogen werden, daß sie zugunsten einer mädchentypischen Erziehung verdrängen müssen, Jungen zu sein. Es wird ihnen jede natürliche Vitalität systematisch abzuerziehen versucht, denn es soll zwar "starke" Mädchen, aber keine starken Jungen geben.
Das Lippenbekenntnis, Jungen und Mädchen geschlechtsneutral erziehen zu wollen und keinen wegen seines Geschlechtes zu bevorzugen oder zu diffamieren, ist zwar beliebt aber reine Theorie. In der Praxis erlebt man als Söhne-Mutter, daß Jungen Stricken usw. lernen müssen, Mädchen aber keinesfalls lernen, mit Hammer und Säge umzugehen. Man erlebt auch, daß der Besuch von Selbstverteidigungskursen für Mädchen als etwas Positives gelobt, bei Jungen hingegen als Beweis für Aggresionslust abgewertet wird. Dazu gehört, daß Wildheit bei Mädchen als Temperament bewundert, bei Jungen als Verhaltensstörung kritisiert wird. Man erlebt, daß Mädchen ihren Lehrerinnen buchstäblich am Hals hängen und Jungen harsch abgewiesen werden, wenn sie ein Problem nicht ohne Hilfe lösen können. Klar ist, daß Jungen nicht mehr raufen und toben dürfen, - insbesondere löst schon das "Abknallen mit gestrecktem Zeigefinger" wahre Wutanfälle der Pädagoginnen und schamhaftes Beiseiteblicken der wenigen Kollegen aus. Mädchen hingegen werden dazu ermutigt, "power" zu zeigen; insbesondere dann, wenn es gegen Jungen geht. Wie ein Mädchen Jungen richtig zwischen die Beine tritt, wird den Mädchen im Sportunterricht vermittelt.
Nein, ein USA-Problem ist dies alles nicht. Es ist ein feministisches, ein Emanzipationfolgen- Problem. Es will nur niemand sehen. Die Männer, die heute als Söhne der 68er Generation an die Macht streben, haben das Emanzipationsdenken so verinnerlicht, daß sie zwischen berechtigtem und unberechtigtem Anspruch kaum unterscheiden können. Und die junge Generation, welche die Auswirkungen einer fehlgesteuterten Emanzipation an der eigenen Haut spürt, schreit in Aggressionsagonie auf und wird von der Macht-Generation nicht verstanden. Die Einsicht, daß hier etwas falsch läuft und wie schwerwiegend es ist, wird verdrängt, weil niemand sich gern Versagen quittiert.
Vermutlich muß wieder erst aus USA laut werden, was hier auch schon brüllt, damit die Leute hierzulande sich trauen, die Ohren aufzusperren und Mißstände zu benennen. Ob dies dann etwas nützt, wage ich derzeit jedoch zu bezweifeln.
Jungen als Opfer Auszüge aus der Studie: Kinder und Jugendliche als Tatverdächtige und Opfer von Straftaten - Auswertungen der Polizeilichen Kriminalstatistik für den Freistaat Bayern - 1999 http://www.polizei.bayern.de/kriminalistik/statistik/jugend.pdf
Kapitel 4.3 Seite 24: Kinder als Opfer nach Geschlecht: "1999 waren 55% der Opfer Jungen, 45% der Opfer Mädchen."
Kapitel 4.4 Seite 26: Sexueller Mißbrauch von Kindern: "Entgegen der Berichterstattung in den Medien und der Meinung in der Bevölkerung unterliegen die Opferzahlen beim sexuellen Missbrauch nur geringen Schwankungen ... Bei den oben dargestellten Delikten fällt auf, dass bei sexuellem Missbrauch von Kindern Mädchen als Opfer überrepräsentiert sind. Ihr Anteil an den Opfern bewegt sich durchgehend zwischen ca. 74% und 76%. Bei Kindesmisshandlung werden dagegen die Buben mit einem Anteil von 56,3% an allen Opfern häufiger als Mädchen Opfer.
Kapitel 4.7 Seite 28: Jugendliche als Opfer nach Geschlecht Anders als bei den Kindern werden männliche Jugendliche häufiger Opfer von Straftaten als weibliche Jugendliche. Ungefähr zwei Drittel der Opfer sind Jungen. ... unterscheidet sich die Opferverteilung noch deutlicher als bei den Kindern. 97% der männlichen Jugendlichen werden Opfer eines Rohheitsdelikts, dagegen nur 74% der weiblichen Jugendlichen. Umgekehrt werden nur 3% der männlichen Jugendlichen Opfer einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung, aber 26% der weiblichen Jugendlichen.
taz Bremen Nr. 5930 vom 4.9.1999 Seite 31
Bei immer mehr Kindern von alleinerziehenden Müttern fehlt die männliche Bezugsperson / Auch im Unterricht: Grundschulen haben fast nur Frauen im Kollegium
Manchmal sind Männer Mangelware. Zu Hause, wenn den Kindern der Vater fehlt. Und dann auch in der Grundschule, wo es kaum Lehrer gibt. "Wie Motten das Licht", sagt der Schulpsychologe Walter Rukita, suchten die Kinder dann nach einer männlichen Bezugsperson.
An der Grundschule an der Stader Straße unterrichten derzeit 17 Frauen und ein Mann. Der eine Lehrer sei zuweilen schon eine Attraktion auf dem Schulhof, erzählt die Leiterin Christa Bauer. Vor allem für die Jungs sei der einzige männliche Lehrer wichtig: "Die hängen sich richtig an ihn an", erzählt Bauer. Immer wieder suchen die Kids Körper-Kontakt - ganz besonders bei dem männlichen Kollegen, meint die Leiterin.
Denn bei 30 bis 40 Prozent der Kinder an ihrer Grundschule fehle schon zu Hause der "Bezug zu Männern", schätzt Christa Bauer. Diese Kinder wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf, mit gar keinen oder wechselnden männlichen Bezugspersonen. Das Defizit an Vorbildfunktion zu Hause kann auch die Grundschule mit vorwiegend weiblichen Lehrkräften nicht auffangen. Die wenigen männlichen Grundschullehrer sind darum bei den Kids heiß begehrt.
Die Erfahrung hat auch Andrea Hartmann, Lehrerin an der Stichnathstraße gemacht. Ihre Kollegen werden oft ganz anders begrüßt. Viel häufiger als bei Lehrerinnen springen die Kinder begeistert an ihnen hoch, suchen Anschluss. Da merke man emotionale Defizite, sagt Hartmann. Und zwar ganz deutlich.
Die Lehrer sind deshalb so begehrt, weil die Kinder Erfahrung suchen: Wie ist der? Und was macht er, wenn ich lieb oder böse bin? Die wollen wissen, wie sich ein Mann verhält, erklärt Schulpsychologe Walter Rukita.
"Die einzigen Männer in der Grundschule sind ja oft Schulleiter und Konrektoren", sagt Lehrerin Andrea Hartmann. Und auch die wären oft einfach schon alt. Da entstehe leicht ein Großvaterbild. Auch um gegen die Aggression mancher Kids anzukommen, sei ein Mann von Vorteil, sagt Schulleiterin Bauer. "Unser Kollegium ist schon älter", berichtet sie. Manchmal komme man den kleinen Übeltätern gar nicht so schnell hinterher, wie man müsste.
Für die Schulpsychologen birgt diese "schiefe Situation" an den Grundschulen arge Probleme. Denn hier komme es vor allem auf Beziehung an, nicht nur auf pure Wissensvermittlung. Die Folge des Vater- und Lehrermangels in den ersten zehn Lebensjahren: Wichtige Entwicklungen in der Sozialisation bleiben aus. Ein Problem, das die Schulpsychologen wohl noch die nächsten zehn bis 20 Jahre verfolgen wird, glaubt Rukita. Vor allem, wenn die älteren Leiter bald aus dem Schuldienst scheiden. Und männlicher Nachwuchs nicht in Sicht ist.
Denn wenn es keine Vaterfigur gibt, an denen sich die Jungs abarbeiten können, suchen sie sich eine - zur Not im Fernsehen, erklärt Walter Rustika. Und das wären nicht zu selten die falschen: "Machotypen, die ganz alten Klischees", sagt der Schulpsychologe. Und das berge möglicherweise schon die nächsten Probleme: Gewalt und Aggression.
An der Grundschule Stader Straße ist jetzt eine Stelle frei geworden. Gerne hätte Christa Bauer einen neuen Kollegen gehabt. Dann hätte sich die Situation dort etwas entspannt.
Selbst SPD-Bildungssenator Willi Lemke wollte sich darum bemühen, dass die Stelle von einem Mann besetzt wird. Auch die Gleichstellungsbeauftragte wollte beide Augen zudrücken, erklärte Lemke der taz. Aber selbst das hat nichts genützt. Für die gewünschten Fächer Mathe, Musik und Sport mit Primarstufenausbildung war kein Lehrer in Sicht. Am vergangenen Mittwoch fiel die Entscheidung: Im November kommt eine neue Kollegin an die Stader Straße.
Die Quote an der Grundschule Stichnathstraße sei dagegen richtig "top ", sagt Lehrerin Andrea Hartmann. Unter insgesamt rund 30 KollegInnen waren bislang drei Lehrer, ein Schulleiter und ein Referendar. Aber der Referendar konnte nicht übernommen werden. Der gehe nach Niedersachsen. Quoten- und altersmäßig sei das einfach "schade".
Das fast reine Frauen-Kollegium an der Grundschule an der Stader Straße ist kein Einzelfall. Seitdem die Orientierungsstufe in den 70ern aus der Grundschule abgezogen wurde, seien männliche Lehrer selten geworden, erzählt Christa Bauer. Vorher, in der Volksschule war das Männer-Frauen-Verhältnis "noch Halbe-Halbe." Viel verändern wird sich in Zukunft allerdings nicht. Der Nachwuchs an den Unis, der sich für das Lehramtsstudium Primarstufe eingeschrieben hat, ist zum großen Teil immer noch weiblich: An der Uni Bremen kommen sieben Studentinnen auf einen Studenten. Tendenz gleichbleibend. Auch von den 110 Referendaren im Primarstufenbereich im Land Bremen sind 95 Frauen, so die aktuellen Zahlen aus dem Landesinstitut für Schule. p i p e
Frankfurter Rundschau 22.07.1999
Von "Power Girls" und "armen Kerlen"
Benachteiligt die Schule die Jungen? / Bange Fragen und die vorsichtige Suche nach Antworten
Von Wibert Tocha
FRANKFURT A.M. Nichts als Probleme machen sie, die Männer. Und die Jungen auch. Die Lehrerinnen und Lehrer jedenfalls können ein Lied davon singen. "Ihr Lernverhalten und die Konzentration lassen zu wünschen übrig", sagt der Berufsschullehrer Franz Frimmersdorf, "oft stören sie das Sozialklima, etwa durch negative Kommentare zu den Beiträgen anderer oder indem sie andere nicht ausreden lassen." Frimmersdorf ist auch Mitarbeiter der Arbeitsstelle "Erziehung zur Gleichberechtigung" im Hessischen Landesinstitut für Pädagogik und hat für interessierte Lehrerkollegen den "Arbeitskreis Jungen" ins Leben gerufen. Die beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen sind sich einig: Aggressionen, Belästigungen und Grenzüberschreitungen gehen meistens von den Jungen aus. Zwar gebe es, sagt Frimmersdorf, auch den Typus des introvertierten Jungen. Aber der sei eher ein Außenseiter mit "atypischem Jugend- und Jungenverhalten".
Das deckt sich mit den Beobachtungen der Frankfurter Grundschullehrerin Ursula Kerntke. "Die Leistungen der Mädchen sind besser", sagt sie, "sie sind interessierter und fleißiger, und sie haben weniger Probleme, ihr Wissen im Unterricht konstruktiv einzubringen." Viele Jungen hätten dagegen Probleme, eine positive Lernhaltung zu entwickeln; das könne sich bis zur untergründigen oder offenen Verweigerungshaltung steigern. Das sei freilich nicht die Schuld der Jungen oder das Versagen der Lehrerinnen und Lehrer, findet Kerntke. "Die Art, wie in der Schule gelernt wird, kommt Jungen nicht entgegen." Vieles sei zu kopflastig, nötig seien "mehr Bewegung, mehr Experiment, mehr Handarbeit".
Ob offen eingestanden oder nicht, treibt derzeit viele Pädagogen die bange Frage um: Haben wir vor lauter Bemühen, die Mädchen stärker in den Mittelpunkt zu stellen, die Jungen vergessen? Kerntke: "Nachdem wir gerade gelernt haben, daß Mädchen besondere Aufmerksamkeit brauchen, machen wir in den Schulen die Erfahrung: Es sind die Jungen, die Extra-Aufmerksamkeit benötigen."
Die Zahlen jedenfalls sind eindeutig: 32 Prozent der Mädchen, aber nur 24 Prozent der Jungen besuchten im Jahr 1995 das Gymnasium - ein Trend, der sich seitdem eher noch verschärft hat. Dagegen gehen 13 Prozent der Mädchen, aber 16 Prozent der Jungen auf die Hauptschule; noch augenfälliger ist es bei der Sonderschule: Nur zu einem Drittel besuchen diese Schule Mädchen, dafür zu zwei Dritteln Jungen. Und in Hessen waren im Jahr 1997 nur 850 Mädchen ohne Hauptschulabschluß - aber 1587 Jungen.
Kann das so bleiben? Jahrelang war die Diskussion von der Frage bestimmt, wie es möglich sei, an den Schulen die Mädchen besonders zu unterstützen. Die feministische Forschung ging davon aus, daß Mädchen vielfältige Benachteiligungen an den Schulen erleiden müssen: Sie werden nicht richtig wahrgenommen von den Lehrern, belästigt von den Jungen, an den Rand gedrängt in den Naturwissenschaften, im Sport und im Computerkurs. Eine solche Betrachtung, stellt Ulf Preuss-Lausitz, Erziehungswissenschaftler an der Technischen Universität Berlin, fest, habe heute fast nur noch historische Bedeutung. An die Stelle der Frage, wie es möglich sei, die "Mädchen-Stärken" (so ein Buchtitel aus dem Jahr 1993) zu entwickeln, sei ein Blickwinkel nötig, der auch die alltägliche Abwertung der Jungen sehe. Der Erziehungswissenschaftler plädiert in einem Beitrag für die Zeitschrift Pädagogik für das Konzept "Kinder-Stärken": Ziel müsse es sein, abgewertete und benachteiligte Kinder aufzuwerten. Darunter seien mindestens so viele Jungen wie Mädchen. Preuss-Lausitz: "Die Emanzipation der Mädchen muß die Emanzipation der Jungen einbeziehen."
Jungen schneiden bei den heute stark im Vordergrund stehenden "Schlüsselqualikationen" schlechter ab als Mädchen: "Sie sind oft konkurrenzorientiert, die Mädchen dagegen teamorientiert", sagt Frimmersdorf. "Das hat Folgen im Berufsleben, wo einige Unternehmen sich wundern, daß die Teamfähigkeit mit Sonderkursen, die viel Geld kosten, trainiert werden muß."
Die Mädchen liegen vorn. Aufgrund ihrer Kommunikations- und Sprachfähigkeit und ihres Schreibverhaltens werden sie von Lehrern beiderlei Geschlechts besser zensiert. Bei den Schülerinnen, unterstreicht Preuss-Lausitz, funktioniere auch die Erziehung zu Werten wie Toleranz und Demokratie besser. Und: Beim Schulziel der Selbständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit sei es um die Generation der "Power Girls" und ihren aufgeschlossenen Lehrerinnen nicht schlecht bestellt - das sei aber, so Preuss-Lausitz, kein Anlaß, über die "armen Kerle" zu jammern, die an den Rand gedrängt würden, wohl aber Grund für die Forderung: Die Schule muß "nicht nur mädchengerecht, sondern auch jungengerecht werden".
Wie kann das gelingen? Die Männer fehlen. Das fängt an im Kindergarten, wo erst allmählich männliche Erzieher in die weibliche Domäne eindringen, und setzt sich fort in den Schulen, vor allem in den Grundschulen. Obwohl fünfzig Prozent der Schüler Jungen sind, gibt es in der Grundschule in Frankfurt, in der Kerntke tätig ist, 16 Klassenlehrerinnen und nur einen Klassenlehrer - kein Einzelfall.
Zwar ist der Anteil der männlichen Lehrkräfte an "höheren" Schulen größer - eine Folge der Geschlechterhierarchie, die an der Spitze immer noch Männer und nur weiter unten Frauen bevorzugt. Das ändert aber nichts daran, daß der "eine Mann" an der Grundschule - nicht selten der Schulleiter - entschieden zu wenig ist. "Den Jungen fehlen positive männliche Identifikationsfiguren", sagt Frimmersdorf. "Intakte" Familien werden seltener, die Zahl der Alleinerziehenden nimmt zu. Und oft fällt der Vater, der "noch da ist", als Ansprechpartner aus, "es gibt zuwenig Kommunikation zwischen Sohn und anwesendem Vater", sagt Frimmersdorf.
Kerntke unterstreicht, daß bei vielen Kindern, konfrontiert etwa mit der Kritik der alleinerziehenden Mutter am abwesenden Vater, nur noch ein "So wollen wir die Männer nicht" übrig bleibe - aber, so fragt Kerntke, "woran sollen sich die Jungen orientieren?" Bei dieser Frage gehe es in der Schule weniger um die Inhalte des Unterrichts, sondern um Alltagsvorbilder, die die Jungen benötigten, um einen "Ausschnitt vom Männerleben, den man glauben kann: Der Lehrer kümmert sich um mich, er hat Geduld, er spricht mit mir". Ohne diese Erfahrung pendelten die Jungen zwischen Abgrenzung, problematischen Vorbildern wie dem halbwüchsigen Aufschneider mit dem Handy, der am benachbarten Kiosk steht, und der Suche nach Anerkennung in der Jungen-Clique. Kerntke: "Jungen werden benachteiligt, weil sie niemanden haben, nach dem sie sich richten können. Fünfzig Prozent Jungen brauchen fünfzig Prozent Lehrer."
Was sonst noch tun? Preuss-Lausitz beläßt es bei dem allgemeinen Hinweis, daß aus der unabhängig voneinander geführten Diskussion über "die Mädchen" und "die Jungen" ein vielfältiger Chor werden müsse: "Der Chor selbstsicherer und kooperativer Kinder." Von der Forderung nach getrenntem Unterricht hält er wenig. Dennoch ist absehbar, daß diese Forderung bald umgekehrt erhoben werden wird: weniger, um den Mädchen zu helfen, sondern um die Jungen besonders zu unterstützen. Ursula Kerntke hat mit solchen differenzierten Gruppen gute Erfahrungen gemacht. Mit einer Jungen-Gruppe hat sie kürzlich mehrere Tage lang im Schulgarten gearbeitet. Die Jungen waren kooperativ, zufrieden mit ihrer Arbeit und stolz. Der übliche Streit fiel aus.
Auch Frimmersdorf plädiert für eine "reflexive Koedukation".
Dahinter verbirgt sich zum einen das allgemeine Ziel, den Unterricht so
zu gestalten, daß Mädchen und Jungen miteinander und voneinander
lernen können; "alle", sagt Frimmersdorf, "sollen ermutigt
werden, Selbstvertrauen und Eigenverantwortlichkeit zu erwerben, aber auch
Schwäche und Hilfsbedürftigkeit einzugestehen". Zum anderen
hält er es für sinnvoll, Jungen und Mädchen zeitweise getrennt
zu unterrichten, etwa im Computerkurs. Er verweist auch auf die Laborschule
in Bielefeld, die gute Erfahrungen mit einer getrennten "Mädchenkonferenz"
und einer "Jungenkonferenz" gemacht hat; in der Laborschule gibt
es zudem einen "Haushalt(s)paß" auch für Jungen: Dieses
Workshop-Angebot umfaßt Alltagsfähigkeiten vom Kochen über
die Wäschepflege bis hin zur Kindererbetreuung. Gewonnen ist, da sind
sich alle einig, schon viel, wenn ein Bewußtsein für das Problem
entsteht.
Siehe auch:
© paPPa.com e.V. - Stand dieser Seite: 18.2.2001 - eingestellt
am 14.09.1999
- Fundstelle: http://www.paPPa.com/emanzi/jungeusa.htm -
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