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TAZ vom 28.2.98
"Reine Frauenförderung
ist eine Sackgasse"
Getraude Krell (*)
über Männerförderung als neuer Weg zur Chancengleichheit
taz: Seit ihrem Bestehen fördert die taz die Frauen, es gibt einen Quotierungsbeschluß, Frauenseiten, Frauenredakteurinnen und trotzdem sind wir an dem Punkt in der Krise - was raten Sie uns?
Gertraude Krell: Vielleicht sollte die taz mehr in Männerförderung und Managing Diversity investieren, als sich bei der Frauenförderung zu verschleißen.
Wie kamen Sie darauf, sich mit dieser US-Managementstrategie zu befassen?
Bei aller frauenpolitischen Sympathie hatte ich Probleme mit dem Etikett Frauenförderung. Denn wenn es um Maßnahmen geht, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, wie etwa Teilzeitarbeit, sollte es eher Familienförderung heißen. Außerdem klebt an der sogenannten Frauenförderung der Geruch des Mangels, als ob Frauen defizitäre Wesen seien, die ein bißchen Nachhilfe brauchen. Die reine Frauenförderung ist eine Sackgasse.
taz: Ist das Konzept Managing Diversity auf hiesige Verhältnisse übertragbar?
Ja, denn das wesentliche dieser Strategie ist, daß Arbeitsbedingungen geschaffen werden, bei denen niemand ausgegrenzt wird, egal ob Schwarz oder Weiß, Mann oder Frau, Wessi oder Ossi, Mütter oder Väter, Beamte oder Angestellte, Teilzeit- oder VollzeitmitarbeiterInnen, hetero- oder homosexuell. Diversity heißt Vielfalt und diese Vielfalt wird positiv bewertet. Es geht darum, daß ein multikulturelles Unternehmen geschaffen wird und nicht eine dominierende Gruppe das Wertgeflecht bestimmt und die anderen sich anpassen müssen. Das setzt Energien frei, die dem Output zugute kommen und nicht mehr in Konflikten und Frust aufgesogen werden.
Was bringt Unternehmen dazu, Management Diversity anzuwenden?
Wenn zum Beispiel die Arbeitszufriedenheit gering ist und Minderheiten mit einer hohen Fluktuationsrate oder vielen Fehlzeiten auffallen. Oder wenn es für diejenigen, die nicht zur sogenannten dominaten Gruppe (weiß, männlich) gehören, geringe Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Das alles schlägt mit Produktionseinbußen auf das Unternehme zurück.
Was kann ein Unternehme tun, um dies abzufangen?
Der konkrete Handlungsbedarf kann zum Beispiel durch eine Mitarbeiterbefragung ermittelt werden. Wenn etwa eine Gruppe von Mitarbeitern oder Mitarbeiterinnen sagt, wir werden von den anderen nicht für voll genommen, kann zunächst einmal mit bewußtseinsbildenden Maßnahmen (Awarness Trainings) versucht werden, für die Probleme derer zu sensibilisieren, die nicht zur dominanten Gruppe gehören, um zu erkennen, daß Vielfalt, richtig gemanagt, durchaus Vorteile bringt.
Ist das nicht ein sehr idealistisches Konzept?
Man braucht natürlich einen langen Atem. Den Wandel zu einem wirklich multikulturellem Unternehmen kriegt man nicht von heute auf morgen hin. Managing Diversity ist ein sogenannter Top-Down-Ansatz. Das heißt, Veränderungen in Unternehmen müssen zunächst die volle Unterstützung des Top-Managements haben und dann von oben nach unten durchgesetzt werden. Die Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle und brauchen Anreize.
Welche?
In großen Unternehmen werden Führungskräfte regelmäßig beurteilt. Werden dabei ihre Anstrengungen und Erfolge in Sachen Chancengleichheit berücksichtigt, dann ist das ein Signal. In den USA gibt es auch Unternehmen, die die leistungsorientierte Vergütung ihres Managements unter anderem von Chancengleichheit abhängig machen.
(*) "Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle": Gertraude Krell ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. Sie veröffentlichte zuletzt "Chancengleichheit durch Personalpolitk. Gleichstellung von Frauen und Männern in Unternehmen und Verwaltungen", Gabler-Verlag, Wiesbaden 1997, 89 DM
Nürnberger Nachrichten 27.10.98
Bamberger Institut erwartet von Politik Perspektivenwechsel
Schattendasein für Väter
Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur
ein Frauenproblem
BAMBERG (dpa) – Väter sollen nicht länger ein familienpolitisches Schattendasein führen. Das Staatsinstitut für Familienforschung in Bamberg erwartet von der Politik einen „Perspektivenwechsel“.
Bisher habe man Familie zu sehr von der Warte der Frau und Mutter aus betrachtet. In Zukunft müßten die Väter gleichberechtigt in den Mittelpunkt rücken, sagte Institutsleiter Prof. Laszlo Vaskovics. So habe die Möglichkeit des Erziehungsurlaubs bisher das Ziel verfehlt, Vätern die Betreuung der Kinder zu erleichtern. Eine Untersuchung ergab, daß nur zwei Prozent der Väter Erziehungsurlaub nehmen, obwohl ein Fünftel großes Interesse daran zeigt.
Der Wegfall des Haupteinkommens sei für junge Familien finanziell nicht tragbar, solange es keinen Ausgleich dafür gebe. „Das Dilemma der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird zwar erkannt, es wird aber ausschließlich als ein weibliches Problem verstanden“, kritisierte Vaskovics. Das entspreche nicht mehr der gesellschaftlichen Realität.
Das Staatsinstitut für Familienforschung, das seine neuen Räumlichkeiten der Öffentlichkeit präsentierte, ist als Einrichtung des Familienministeriums der Universität Bamberg angegliedert. Die zwölf Soziologen, Psychologen, Pädagogen und Ökonomen beraten Staats- und Bundesregierung in familienpolitischen Fragen und begleiten Modellprojekte.
Siehe hierzu auch bereits gemeldete Nachrichten:
"Für uns funktioniert Gleichstellung nur im Miteinander" sagt dfb-Landeschefin (deutscher frauenbund sachsen) Ursula Beyer. "Wir wollen keinen Betonfeminismus". Bei Politikerinnen wie Christina Schenk habe sie dagegen den Eindruck, es gehe "zu viel gegen die Männer".
Ähnlich scheinen auch viele PDS-Mitglieder zu denken: Bei der Kür der sächsischen Landesliste wurde die für Platz zwei vorgeschlagene Christina Schenk, als frauenpolitische Sprecherin für die PDS in der Bundestagsgruppe an die achte Position weitergereicht. Den ihr zugedachten Platz eroberte (Barbaran) Höll. ... "Der derzeitige Gesellschaftszuschnitt schadet Männern genauso wie Frauen" stimmt Höll sichtlich betroffen einer Mutter zu, die an alltäglichen Barrieren für den schwergeschädigten Sohn "langsam kaputt geht", während ihr Mann 18 Stunden am Tag Akkord arbeitet.
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