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Stuttgarter Zeitung v. 2.5.98:
Polizeistatistiker entlarven den weiblichen Trend zur Straftat als ein ganz besonderes Emanzipations-Phänomen
Sie werden immer brutaler, die Weiber, klarer Fall. An den Stammtischen glaubt das jedenfalls fast jedermann schon längst zu wissen. Als Beweis können angstgeplagte Herren der Schöpfung neuerdings sogar den Jahresbericht der Waiblinger Polizeidirektion zitieren. Der Anteil der Frauen an den Übeltätern steige im Rems-Murr-Kreis kontinuierlich, steht dort im neu eingeführten Unterkapitel über die ¸¸Kriminalität weiblicher Tatverdächtiger'' zu lesen. Überproportionale Wachstumsraten bei den weiblichen Übergriffen gebe es unter anderem im Bereich Gewaltdelikten. Ein Umstand, den die Gesetzeshüter auf eine besondere Art des Strebens nach Emanzipation zurückführen. Weibliche Angehörige von Jugendbanden und Skinhead-Gruppen täten sich mitunter durch besondere Gewaltbereitschaft hervor, ¸¸um ihre Gleichberechtigung zu unterstreichen''. Beim Diebstahl wiederum, so jedenfalls interpretieren die Rems-Murr-Ordnungshüter ihre Statistik, könne man inzwischen sogar von ¸¸dem typischen Frauendelikt'' sprechen. Binnen zehn Jahren sei hier die Zahl der Verdächtigen weiblichen Geschlechts um sage und schreibe 64 Prozent gestiegen.
Statistiken allerdings und deren Interpretationen sind ein schwieriges Terrain, das gilt auch für geschlechtsspezifische Polizeizahlen über Tatverdächtige. Ein Umstand, der beim männlichen Anteil am angeblich frauentypischen Delikt namens Diebstahl deutlich wird. Tatsache ist nämlich laut Statistik auch, daß die klauenden Herren der Schöpfung sich hier keineswegs die Schau stehlen lassen, sondern nach wie vor eine satte Zwei-Drittel-Mehrheit behaupten. Der räuberische Glanz vergangener Jahre allerdings ist etwas verblaßt. Schließlich durfte sich das sogenannte starke Geschlecht vor zehn Jahren noch ¸¸rühmen'', bei stolzen 75 Prozent der Diebstähle den Tatverdächtigen gestellt zu haben.
Sorgen, daß die Männerbastion Verbrechen endgültig durch weibliche Raubzüge geschleift wird und die Frauenquote dort in absehbarer Zeit die magische 50-Prozent-Marke überschreiten könnte, braucht sich allerdings kein Mann ernsthaft zu machen. Jedenfalls dann nicht, wenn er einfach die vorhandenen Zahlen über männliche und weibliche Übeltäter in die kriminelle Zukunft fortschreibt. Schließlich haben es die Damen binnen zehn Jahren nur geschafft, ihren Anteil am Gesamtpool aller Rems-Murr-Straftaten von schlappen 20,8 auf 22,4 Prozent zu steigern. Bei solch atemberaubendem Aufholtempo würde die Machtübernahme in diesem wahrhaft zentralen Bereich des Kampfes der Geschlechter erst irgendwann in der zweiten Hälfte des 22. Jahrhunderts stattfinden. Harald Bock