TAZ Nr. 5445 vom 30.01.1998 Seite 6 Inland
Männer - hart, gefühlsarm, gewalttätig
Eine Gleichberechtigungskonferenz des Bundesfrauenministeriums untersuchte die Emanzipation als Herausforderung für Männer
Bonn (taz) - Wann sind Männer beziehungsfähig? Männer, dazu befragt, sagen: Wenn sie ihre Familie ernähren können und regelmäßig Zeit mit ihr verbringen. Wenn sie nicht fremdgehen und sich nicht zu oft betrinken - und vor allem, wenn sie ihre sexuellen Pflichten erfüllen. So sieht es aus in deutschen Landen, versicherte gestern der Berliner Soziologe Professor Walter Hollstein während der 6. Gleichberechtigungskonferenz des Bundesfrauenministeriums in Bonn.
"Gleichberechtigung - eine Herausforderung für Männer" war die Veranstaltung überschrieben. Bundesfrauenministerin Claudia Nolte (CDU) forderte die "gleichberechtigte Partnerschaft, von der alle profitieren werden". Emanzipation sei nicht nur ein Thema für Frauen, sondern auch für Männer: "Wenn sich eine Seite ändert, die andere aber nicht, dann kann am Ende kein Ganzes dabei herauskommen."
Männer zeigen Härte, sind auf Leistung fixiert, gefühlsarm und gewalttätig. Sie brauchen den Erfolg für Glück und Zufriedenheit. Wer all das nicht verwirklicht, ist kein Mann, zumindest kein traditioneller. Mit dieser Rolle lebt er gefährlich: "Die traditionelle Männlichkeit ist eine hochriskante Lebensform - und ein soziales Problem", sagte Hollstein. Riskant deshalb, weil Männer im Schnitt viel früher sterben und häufiger erkranken als Frauen. Ein soziales Problem, weil sie zu teuer ist. Die Folgekosten traditioneller Männlichkeit beziffert der Berliner mit rund 29 Milliarden Mark jährlich. So ein "richtiger Kerl" verunglückt nicht nur häufiger mit dem Auto als Frauen. Er füllt auch Frauenhäuser, läßt soziale Dienste arbeiten, beschäftigt Gefängniswärter, Krankenhauspersonal, Verwaltungen und Versicherungen.
Viele Männer litten nach wie vor an "emotionaler Verstopfung". Sie seien kaum in der Lage, Gefühle zu zeigen. Ständige "Selbstvergewaltigung" sei die Folge, meint Hoffstein. Dauernd unter Druck, ihrer Rolle gerecht zu werden, sterben mehr Männer als Frauen durch Selbstmord. Das hat Gründe: 86 Prozent aller Männer haben keinen wirklich guten Freund, mit dem sie über Probleme reden können.
Keine rosigen Aussichten also für die nachwachsende Männergeneration. Doch in den USA haben einzelne Firmen die Zeichen der Zeit erkannt. "Dort gibt es ein großes Bankhaus, das seine männlichen Mitarbeiter weiblich nachsozialisiert", so Hollstein. Die hätten erkannt, daß Frauen freundlicher auf Kunden zugingen, offener und gesprächsbereiter seien.
Die deutschen Männer wollen das auch. Eine Studie belege, daß bestimmte Männer schon geläutert seien. Hollstein: "Der Prototyp dieses Mannes sieht etwa so aus: 28 bis 42 Jahre alt, geistes- oder sozialwissenschaftliches Studium, Engagament im sozialen Bereich, in der Regel Arzt, Pädagoge, Psychologe oder Pfarrer." Diese Männer seien autark, erklärte Hoffstein. Endlich eine Generation, die eigenständig bügeln, kochen und putzen kann.
Thorsten Denker
taz vom 4.2.98: Leserbriefe betr.: "Männer - hart, gefühlsarm, gewalttätig", taz vom 30.1. 98
In dem Artikel werden sämtliche Klischees über jedweden "deutschen" - was immer das in diesem Zusammenhang auch bedeuten mag - Mann bedient. Emanzipatorisch ist das nicht per se, es sei denn, man/frau betrachtet das (Frauen)arbeitsplätze - erwähnt sind unter anderem Frauenhäuser, soziale Dienste, Krankenhauspersonal, Verwaltungen und Versicherungen - beschaffende männliche Gebaren als Möglichkeit, mehr Frauen in Erwerbsarbeit zu bringen, um damit Gleichberechtigung zu fördern. Für die persönliche Entwicklung von Frauen und Männern sind ressourcenorientierte Sicht- und Herangehensweisen integrierend, konstruktiv und ermöglichen "gleichberechtigte Partnerschaft, von der alle profitieren werden" - wie Frau Nolte fordert.
Seit 17 Jahren moderiere ich Männergruppen in Köln und treffe dort nicht auf "bestimmte Männer" der am Ende aufgezählten Alters- und Berufsgruppen, sondern auf gestandene Mannsbilder aus Verwaltung, Technik, Wirtschaft, Kunst und Dienstleistung, die sich in sich und ihrem Umfeld entwickeln wollen und dabei Lebensqualität und Kommunikationsfähigkeit gewinnen. Ob Autarkie (Selbstgenügsamkeit bzw. Versorgung des Eigenbedarfes durch Eigenerzeugung), wie angeblich in der Studie belegt, emanzipiert, halte ich für fragwürdig.
Rolf Schreyer, Bergisch Gladbach
Daß Frau Nolte so früh erkennt, daß Gleichberechtigung nicht nur ein Thema ist, was hauptsächlich Frauen angeht, finde ich schon sehr erstaunlich. Wenn man ihre Politik betrachtet, ist sie damit schon fast innovativ. Nur leider kommt diese Einsicht etwas zu spät, wenn man bedenkt, daß die Emanzipation der Frau gesellschaftspolitisch schon vor etwa 100 Jahren begonnen hat. Der typische Mann, den Herr Denkler in seinem Artikel beschreibt, unterscheidet sich nicht sehr viel von dem Mann von vor hundert Jahren.
Die Männer haben ihre eigene Emanzipation verpaßt und versuchen nun teilweise, diesen Rückstand aufzuholen und müssen feststellen, daß sie dabei kläglich scheitern. Die Politik der letzten Jahre hat keinerlei Möglichkeiten gebracht, daß der Mann sich aus seiner traditionellen Rolle lösen kann, denn dazu ist die Emanzipation der Frau noch nicht weit genug. Ich finde es ein Unding, daß einer Frau bei einem Vorstellungsgespräch immer noch die Frage gestellt wird, wie es mit ihrer Familienplanung aussieht, und daß bei einem Mann noch nicht einmal im Entferntesten darüber nachgedacht wird, ob er sich nicht Gedanken darüber macht, eventuell Erziehungsurlaub zu nehmen. [...]
Was mich allerdings wirklich aufregt ist, daß der Prototyp eines emanzipierten Mannes nicht der kleine Facharbeiter ist, der bis zu 50 Stunden in der Woche arbeitet, um seine Familie über die Runden zu bekommen, weil in Deutschland harte Arbeit sich nicht mehr auszahlt (schon gar nicht auf dem Lohnzettel), nein es wird wieder von dem Akademiker gesprochen, der ein gutes Auskommen hat und sozial engagiert ist. Daß der kleine Arbeitnehmer gar keine Chance hat, da mitzuziehen, liegt ja wohl auf der Hand. Sollte sich allerdings dieser Trend behaupten, wird nicht nur der soziale Graben immer tiefer, sondern auch der Klassenunterschied zwischen emanzipiertem klugen Mann und traditionellem Dummkopf, der noch nicht mal Zeit dazu hat, sich Gedanken über die Sache zu machen. [...]
Timo Gorf, Mannheim