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DER SPIEGEL 28/1998 vom 6.7.98
GESCHLECHTER
Das Nein vor
dem Nein
Zicken, Zieren, Keifen: Ein Soziologe untersucht den Kleinkrieg zwischen
Mann und Frau - und entdeckt erotische Flurschäden durch den Feminismus.
Die Liebe, wußte der deutsche Schlager, ist ein seltsames Spiel. Sie kommt und geht von einem zum anderen. Wissen deutsche Soziologen etwa noch mehr?
Völlig auszuschließen ist das nicht. Der Magdeburger Professor Rainer Paris, 49, hat sich besonders mit dem Gehen der Liebe beschäftigt, mit den Momenten, da aus dem seltsamen Spiel ein mieses Match wird (*). Der Alltagssoziologe belauschte die erkaltenden Lavaströme der Erotik, und ihm wurde klar: Der Gestus einer Frauenstimme verrät jenseits vom Sinn der Worte, ob das Liebesfeuer noch knistert.
Männer, hört die Signale. Es ist wie beim Topfschlagen: Kalt, kälter, am kältesten - je nachdem ob sie sich ziert, ob sie zickt, ob sie zetert oder - kurz vor dem absoluten Nullpunkt - keift.
Der Mann im wirklichen Leben ahnt bereits, daß er je nach diesen Stufen weiblicher Zurückweisung immer schlechtere Karten hat. Geht ihr Zicken über ins Zetern, entschwinden ihm die Liebe oder die liebe Ruhe (sie gelten nicht wenigen Kerlen als das nämliche) in weite Ferne. Der Soziologe Paris bringt solch männliche Erlebnisse aus dem ewigen Rosenkrieg endlich auf den Begriff. Erotik in gesellschaftswissenschaftlicher Sicht nämlich funktioniert - Porno-Prolls werden's nie begreifen - nach dem Prinzip der Halbverhülltheit. Paris erklärt die Paradoxien des Amor soziologicus: "Ein subtiles Zugleich von Zeigen und Unsichtbarmachen, distanzierende Nähe, sich verdichtende Gewißheiten, die nie ganz gewiß werden. Mit einem Wort: Spielen mit Ambivalenz."
Dieses Spiel beherrschte am souveränsten die Epoche der Koketterie. Die Damen und Herren aus den Rokoko-Zeiten der gefährlichen Liebschaften wußten virtuos im entrüsteten Nein ein heimliches Ja zu verstecken, jedes Kopfschütteln signalisierte zugleich ein Vielleicht, erotische Offenheit gehörte zu den Spielregeln der Gesellschaft.
Zieren, Zicken und Zetern wären jener Zeit fremd gewesen. Heute, die Talkdamen von "Mona Lisa" bis Bärbel Schäfer können's bezeugen, ist Schluß mit dem Schweigen der Zicken - und Paris schafft wissenschaftliche Klarheit, wo bislang der Nebel des Beziehungssprechs waberte. Er differenziert die weiblichen Abwehrstrategien nach der Intensität der erotischen Verweigerung. "Die sich ziert, ist ihrer selbst ungewiß. Sie zögert, weil sie sich ihrer Wünsche und Absichten nicht sicher ist, sagt deshalb mehr Nein als Ja, ohne dieses Nein definitiv zu machen."
Im Zicken, so sieht es der Professor, gewinnt das Nein an Intensität. Die "sich ziert, wird noch begehrt, die Zickige nicht mehr. Ihre Haltung ist die eines Nichtswissen-Wollens, vermittelt vor allem durch Mimik und Körpersprache. Zicken ist gestische Abwehr, die jedoch immer noch defensiv, nicht in unmittelbare Aggressivität umgeschlagen ist".
Das Zetern überwindet die Schwelle der passiven Erduldung. Es ist die unmittelbare Vorstufe zum Keifen, ein mechanisches Abspulen aufgestauten Ärgers. Allerdings hat das Zetern noch irgendein sachliches Thema: das Versagen des Mannes als Vater etwa, als Liebhaber, Haushaltshilfe oder empathisch einfühlender Frauenfreund.
Beim Keifen - dem Furioso weiblicher Frustration - ist aus Sicht des Soziologen alles zu spät. Hier zählen keine Inhalte mehr, die Tirade hat sich verselbständigt. Das gegenseitige Begehren ist unwiederbringlich verloren. Die Tragik liegt darin, daß die Keifende dagegen aufbegehrt, aber durch ihr Keifen jede Rückkehr von Liebe und Lust verewigt.
Die abnehmende Bereitschaft zur Liebe bestimmt die Schärfe des Kleinkriegs in den Beziehungen - das sieht nur auf den ersten Blick nach Binse aus.
Dem TV-Freund aber löst sich manches Rätsel: Weil Herr Kling sie nicht liebt und nicht wegen ihrer charakterlichen Disposition, kann die polternde Hausmeisterin Else Kling aus der "Lindenstraße" nicht anders als keifen und granteln. Alexis, das fast schon vergessene Denver-Biest, zickte, um Liebesavancen unschädlich zu machen, ohne sich aber selbst als Liebesverweigerer zu outen. Und Carmen Nebel, Verkünderin der Volksmusik und sich stets zierende Zierde der TV-Unterhaltung - sie ist in Wahrheit unentschlossen "zwischen diffusem Begehren und der Furcht vor Verstrickung". So weckt soziologische Analyse Interesse, wo zuvor nur Gähnen war.
Doch Gesellschaftskunde will mehr, als den Einzelfall beschreiben. Daß vor allem Frauen bei Paris keifen, zicken und zetern, sei Ergebnis ihrer historischen Unterlegenheit. Weil sie das Schwert nicht hatten, seien sie gezwungen gewesen, den Beziehungssäbel verbal zu schwingen.
Die feministische Bewegung der ersten Generation, so sieht es Paris, hat mit dem ideologisch geschürten Verdacht, in der Liebe zwischen Mann und Frau gehe es immer um Macht, alle Beziehungen vergiftet. Das öffentliche Gekeife habe unübersehbaren Flurschaden in der erotischen Kultur angerichtet. Während die Frauen schimpften, taten die Männer allerdings das, was sie am besten können: weghören.
Jetzt ist das öffentliche Keifen, welches laut Paris erst das Ende vor dem Ende jeder Mann-Frau-Beziehung überhaupt markiert, weitgehend verstummt. Hat das Zeitalter des letzten Neins zwischen den Geschlechtern begonnen?
(*) Rainer Paris: "Stachel und Speer. Machtstudien". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 240 S.; 18,80 DM.
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