DER SPIEGEL 9/1998 - von paPPa.com ergänzte Version der Titelgeschichte
"
Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen?"

SPIEGEL-Serie :
"Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen?"

Der Weiblichkeitswahn

Mars schlägt Venus

Endstation: Apartheid

Weitere Hinweise:

Mythos Männermacht

Frauen und Männer
Die verfluchte Macht

Unfair Ladies

Zwischen Androzentrismus
und Patriarchat

Ideologiekritik am
Feminismus

Sag mir, wo die Männer sind ...

Frauen gegen Dämlichkeiten
Der bürgerliche Feminismus als Wegbereiter einer neuen (Sexual)Repression?

Frauen gegen Dämlichkeiten
Wir fordern die endlosgültige Wiedervereinigung mit dem "Mann" auf hohem Niveau

Der gebrauchte Mann. Abgeliebt und abgezockt

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Karin Jäckel

Die vaterlose Gesellschaft - Geschlechterkampf um Kind und Geld

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TITEL

Der Weiblichkeitswahn (SPIEGEL 9/1998, S. 124-127)

30 Jahre nach dem historischen Tomatenwurf, mit dem in Deutschland der Feminismus den Männern den Krieg erklärte, ist es Zeit für eine Bilanz im Kampf der Geschlechter. Was haben die Frauen erreicht? Haben die Männer ihre Macht verteidigt? Werden sie jetzt unterdrückt? Ist es Zeit für eine Gegenoffensive?

Als John F. Kennedy im Jahr 1961 über die Landung amerikanischer Boote auf Kuba entschied, da konnte man froh sein, fand ein US-Mediziner, daß im Oval Office keine Frau installiert war. "Stellen Sie sich vor", schrieb er besorgt, "da säße ein weiblicher Präsident in den Wechseljahren und soll über die Invasion der Schweinebucht entscheiden" - ein gräßlicher Gedanke.

Als Margaret Thatcher im Jahr 1982 den Falklandkrieg vorantrieb, fürchtete ein britischer Unterhausabgeordneter das Schlimmste für sein Land: Seine Regierungschefin sei "nicht imstande, lebenswichtige Entscheidungen wie die zwischen Krieg und Frieden zu treffen, einfach deshalb, weil sie eine Frau und als solche dem Menstruationszyklus unterworfen ist".

Als Bill Clinton im Januar 1998 eine Affäre mit einer Praktikantin vorgeworfen wurde, debattierte die gesamte Weltpresse über den Testosteronspiegel des US-Präsidenten, über seinen "Erektionswinkel" und über mögliche Spermaspuren auf einem Kleid. Daß er seinen Job darüber nicht sofort verloren hat, verdankt er vor allem seiner kühlen, beherrschten, klar kalkulierenden Frau.

Ein Fortschritt? Aber für wen?

Nein, es herrscht kein Frieden im Geschlechterkampf, nicht einmal Waffenstillstand. Der Machtkampf geht weiter, im Bett, in der Politik, im Büro. Aber die Gefechte sind andere geworden in den 30 Jahren, die es die Frauenbewegung gibt. Und auch darüber, wer derzeit auf dem Vormarsch ist, herrscht Streit.

Die Frauen, sagt die britische Feministin Fay Weldon und fordert "Mitleid" für die Männer: diese gebeutelten Geschöpfe, die gesundheitlich angeschlagen und schwer verunsichert sind und derzeit massenhaft ihre Arbeit verlieren. Sie bittet darum, den männlichen Hang zum schlechten Benehmen als "verzweifelten Schrei" zu verstehen, durch den "ein untergehendes Geschlecht um Hilfe ruft - am liebsten weibliche Hilfe".

Nach wie vor herrschen die Männer, sagen die deutschen Männerforscher Uwe Heilmann-Geideck und Hans Schmidt. Frauen hätten zwar ein paar Jobs und ein bißchen Verantwortung mehr als früher. Doch von einem Vormarsch könne keine Rede sein: Ihnen sei lediglich "ein Stück Ausleben von Wirklichkeit gestattet worden", aber die Männer legen "die Zulassungsbeschränkungen" fest.

Wer hat sich verändert seit 1968: Die Frauen? Die Männer? Oder nur die Sichtweise, mit der die Menschheit auf sich selber blickt?

Frauen auf dem Vormarsch - manches spricht dafür. Die Bildung zum Beispiel: Zum erstenmal in der Geschichte sind an deutschen Universitäten mehr Studentinnen als Studenten immatrikuliert. Unter den jüngeren Deutschen ist das Verhältnis insgesamt gekippt: Bei über 25jährigen haben, so wie es immer war, die Männer die besseren Schulabschlüsse. Bei denen unter 25 führen neuerdings die Frauen: Sie stellen die Mehrheit der Abiturienten und die Minderheit unter den Schülern mit Hauptschulabschluß.


Angenommen, da säße ein Präsident in den Wechseljahren


Es gibt die Außenministerin Madeleine Albright in Washington und die EU-Kommissarin Emma Bonino in Brüssel, es gibt die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth in Bonn, die Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach in Karlsruhe und die Ministerpräsidentin Heide Simonis in Kiel. Es wächst die Zahl der Bankdirektorinnen, Fernsehkommissarinnen und Gleichstellungsbeauftragten, und im Freistaat Sachsen wird jedes Jahr der "frauenfreundlichste Betrieb des Landes" prämiert.

Andererseits: Die Ermunterung ist dringend nötig, denn viele so vorbildliche Betriebe finden sich nicht. Die Leichtlohngruppen sind zwar lange abgeschafft, aber immer noch verdienen Frauen in Deutschland bei einem Achtstundentag ein Drittel weniger als Männer - quer durch die Branchen, fast überall. Und wenn sie die Arbeit verlieren, haben sie es besonders schwer, wieder welche zu finden. Besonders in Ostdeutschland, wo das eigene Einkommen der Frauen früher selbstverständlich war, ist die Lage prekär. In Massen wurden die Frauen nach Hause geschickt, nun stellen sie die Mehrheit der Arbeitssuchenden - die Ära der Werktätigen ist vorbei, besonders wenn sie weiblich sind.

Viel zu sagen haben Frauen ohnehin nicht, auch wenn sie Arbeit haben. Beispiel Krankenhaus: Dort arbeiten doppelt so viele männliche Ärzte, viermal so viele Oberärzte und zwölfmal so viele leitende Ärzte wie weibliche Kollegen. An der Uni sind rund acht Prozent der Professoren-Stellen mit Frauen besetzt - das sind noch weniger als zu Anfang der siebziger Jahre. Und in der Wirtschaft, ganz an der Spitze im Top-Management, sind Frauen so rar, daß man sie kaum zählen kann: 0,8 Prozent.

Die Chefs sind männlich, die Personalplaner auch, und genau daran hakt es, kritisiert eine Studie der "International Labour Organisation" (ILO): Sie sehen oft keinen Anlaß, etwas "für die Harmonisierung von Beruf und Familie" zu tun. Auch der Staat hilft da nicht viel weiter. Zwar steht inzwischen das "Recht auf einen Kindergartenplatz" auf dem Papier, aber das nützt nichts, so lange es den nicht gibt oder nur für drei Stunden am Tag. Nachdem ein Großteil der ostdeutschen Kindergärten geschlossen wurde, ist Deutschland, meldet eine EU-Studie, deutlich unterversorgt - eines der Schlußlichter in Europa.

Arbeit, Geld, Besitz: Weltweit sieht es nicht gut aus für die Frauen. Sie leisten zwei Drittel der Arbeit, verdienen insgesamt ein Zehntel des globalen Einkommens und besitzen ein Prozent von Grund und Boden.

Grund zur Rache, so scheint es, aber die gibt es nicht. Nicht mit Gewalt jedenfalls. Zwar werden ab und zu Fälle wie der von Lorena Bobbit bekannt, die ihren eigenen Mann entmannte, oder wie jener Kalifornierin Brenda, die im Dezember 1997 zum Skalpell griff, um einen Frauenmörder zu bestrafen - doch das sind seltene Ausnahmen. Gewalt ist fast immer männlich, und das gilt weltweit. In China lassen Ärzte und Eltern weibliche Babys sterben, weil sie nur Söhne behalten wollen. In Indien werden immer noch Witwen verbrannt. Zwei Millionen Frauen, vor allem Afrikanerinnen, werden jährlich grausam an ihren Genitalien verstümmelt. In Afghanistan werden Frauen Finger abgehackt, wenn man sie auf der Straße mit Nagellack erwischt.

In Deutschland erlebt jede sechste, nach manchen Schätzungen auch jede dritte Frau Schläge oder Schlimmeres in ihrer Partnerschaft. Neun von zehn Gewalttätern sind männlich, und das Muster ist häufig dasselbe: Männer töten, weil sie nicht ertragen, daß eine Beziehung zu Ende ist. Frauen töten, damit sie aufhört.

Das klingt eher nach Scheitern als nach dem großen Aufbruch, den sich die Frauenbewegung einst versprach. Hat sie versagt?

Der erste Versuch, jener der Suffragetten um die Jahrhundertwende, brachte nach mühsamem Ringen das Frauenwahlrecht. Der zweite, in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, lieferte den Beweis, daß Frauen schuften können wie Männer und in der Lage sind, ein völlig zerstörtes Land neu zu organisieren.

Der dritte ist komplizierter und widersprüchlicher und dauert heute noch an.

Er begann mit dem berühmten Tomatenweitwurf vor 30 Jahren, auf dem Frankfurter Bundeskongreß des SDS: Die Romanistikstudentin Sigrid Damm-Rüger feuerte ihr Gemüse dem Theoretiker Hans-Jürgen Krahl ins Gesicht, beschuldigte ihn als Frauenfeind und schrie: "Genosse, du bist objektiv ein Konterrevolutionär!"

Es ging um die Herrschaft im Staat und um die über den eigenen Körper, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das Verhältnis des weiblichen Wesens zu jenem, das einen Penis trägt, wurde grundsätzlich geklärt. Der Frankfurter Weiberrat beantragte, die "sozialistischen Eminenzen" von ihren "bürgerlichen Schwänzen" zu befreien. In Chicago näherten sich die "Plastercasters" der Sache eher von der lustvollen Seite: Prominente wie Jimi Hendrix, Keith Moon und Jim Morrison wurden besucht, entkleidet, stimuliert und an ihrer männlichsten Stelle mit Zahnzement umgeben; die Hülsen gaben später Gußformen für hübsche Trophäen her.


Auch Männer verfallen jetzt der Magersucht, und Frauen boxen


Die Amerikanerin Betty Friedan schrieb ihren Bestseller "Der Weiblichkeitswahn" und schilderte erstmals das Elend der Vorstadt-Ehefrauen, die alles hatten, Kühlschrank, Fernseher, vielleicht sogar ein eigenes Auto, und trotzdem nicht glücklich waren. Die Westdeutsche Alice Schwarzer [Link eingefügt durch paPPa.com] befaßte sich mit dem "Kleinen Unterschied und seinen großen Folgen" und geißelte darin "Unterwerfung, Schuldbewußtsein und Männerfixierung von Frauen". Die Ostdeutsche Irmtraud Morgner ermutigte ihre Mitbürgerinnen, die "Produktivkraft Sexualität" endlich "souverän zu nutzen". Die Französin Elisabeth Badinter schließlich beschrieb die Sozialisation als bestimmenden Faktor der Geschlechterrollen ("Ich bin Du") und sagte die "androgyne Revolution" voraus: die große Annäherung von Mann und Frau.

Davon ist heute kaum mehr die Rede. Zwar haben die Geschlechter gewisse Sitten voneinander übernommen, doch es scheint, als hätten sie vor allem neuen Unfug gelernt: Auch Männer lassen sich nun ihre Falten wegoperieren und verfallen der Magersucht; auch Frauen wollen jetzt unbedingt boxen und Kampfflugzeuge steuern und stopfen anabole Steroide in sich hinein, um beim Bodybuilding-Wettkampf zu gewinnen.

In den wichtigen Dingen haben sich beide Seiten hinter ihre Fronten zurückgezogen, und es sind nicht mehr dieselben Fronten wie die vor 30 Jahren, als Sigrid Damm-Rüger im SDS ihre Tomaten schmiß. Es geht um knappe Arbeitsplätze, um die nun Männer und Frauen in hartem Kampf konkurrieren. Es geht um Spitzenjobs, um die Frage, ob Frauen in der Lage sind, sie auszufüllen und ob man sie läßt.

Politisch wird gekämpft um Frauenquoten, Chancengleichheit, immer noch um die Abtreibung und darum, ob es gesellschaftliche Bedingungen gibt, die es erlauben, Kinder großzuziehen und dabei den Job zu behalten. Privat wird gestritten über Hausarbeit und Untreue, über Geld und Karriereverzicht und nach der Scheidung vor allem ums Kind. Frauen nützten hemmungslos ihre Macht aus, klagen Väter, um ihnen den Umgang mit den Söhnen und Töchtern zu verwehren (SPIEGEL 47/1997). Männer wollen nur die Rechte und nicht die Pflichten, wehren sich Mütter: Schon in der Ehe kümmerten sie sich ja kaum ums Kind (SPIEGEL 51/1997).

Der Frauenbewegung tritt heute eine Männerbewegung entgegen, die den modernen Mann als schützens- und unterstützenswert betrachtet, die analog zum Feminismus Geschlechterstudien betreiben will und sich wünscht, sagt der Berliner Männerforscher Walter Hollstein, daß sein Fachgebiet an deutschen Universitäten nicht mehr so "exotisch" sei. Noch immer sterben deutsche Männer rund sieben Jahre früher als Frauen, und warum das so ist, weiß niemand genau. Von Gleichberechtigung in der Forschung, sagt der medizinische Männerkundler Hans-Udo Eickenberg, könne keine Rede sein: Der Wissensstand über den männlichen Körper liege im Vergleich zur Frauen-Forschung "um rund 30 Jahre zurück".

In der amerikanischen Wildnis treiben sich neuerdings Grüppchen von Männern und Frauen herum, erst nach Geschlechtern getrennt und dann zusammengeführt von Therapeut und Therapeutin, um das Problem Geschlechterkampf zu lösen. "Friedensverhandlungen" haben sie im Sinn, betonen die Anführer Aaron Kipnis und Elizabeth Herron in ihrem Erfahrungsbericht ("Wilder Frieden"). Männer und Frauen in den besten Jahren kauern an Lagerfeuern, blicken den Mond an, suchen Kontakt zum inneren Selbst und sagen Sätze wie: "Was ist mit den Frauen, die ihre Männer jeden Tag zur Arbeit schicken? Behalten sie ihre Seelen, weil sie sich nicht die Hände schmutzig machen?"

Da wird nachdenklich zusammengehockt und in dunkler Nacht über Ängste, Sorgen und Nöte geredet, um "den Krieg zwischen den Geschlechtern zu beenden", aber möglicherweise funktioniert ja nicht einmal diese sanfte Tour. "Du kannst mich einfach nicht verstehen", lautet der Schlager in der Beziehungsliteratur, den die Linguistin Deborah Tannen schrieb: Männer und Frauen, so ihre Botschaft, reden permanent aneinander vorbei.

Alles eine Frage der Perspektive offenbar, und so liegt es nahe, beide Geschlechter zu Wort kommen zu lassen, wo es um die neuen Fronten im Gefecht geht. In den folgenden SPIEGEL-Heften findet diese Debatte statt: über den Geschlechterkampf am Arbeitsplatz und in der Politik, und in diesem Heft über die Frage aller Fragen: Wie verschieden sind Männer und Frauen (Seite 128 und 132) ? Und passen sie im Bett und im Leben überhaupt zusammen? [Hervorhebung durch paPPa.com]


Mars schlägt Venus (SPIEGEL 9/1998, S. 128-131)

Männer und Frauen passen nicht zusammen, heißt die modische These, und der Beweis dafür wird in der Naturwissenschaft gesucht: Weil Frauen zu erschöpft und Männer zu verunsichert sind, um eine neue Art des Zusammenlebens zu versuchen. Von Barbera Supp

Er hatte wirklich Glück. Die zwei begehrenswertesten Frauen der Firma waren mit von der Partie, und er hatte zwei Abende, an denen er versuchen konnte, sie ins Bett zu kriegen. Nicht zum erstenmal seit Ankündigung der Dienstreise spielte er mit der Idee, mit beiden zugleich im Bett zu sein. Er stellte sich vor, wie sie sich nackt über seinen Körper krümmten und jede darum bettelte, er möge ...

Manchmal liegt ein Mann allein auf seinem Bett im Hotelzimmer und phantasiert. Manchmal sitzt ein Wissenschaftler an seinem Schreibtisch und denkt sich aus, wie ein Mann allein auf seinem Bett im Hotelzimmer liegt und phantasiert. Der Evolutionsbiologe Robin Baker tut das häufig. Er mag solche kleinen, lüsternen Szenen: Dienstreisen-Pornos oder Hausfrauen-Sex mit dem Fensterputzer oder Massenorgien am Strand.

"Krieg der Spermien" nennt er das, was da stattfindet, und davon, so glaubt er, ist das ganze Menschenleben bestimmt - von dieser Suche nach dem "Fortpflanzungserfolg". Ein Mann will seine Gene verbreiten, er will es permanent und notfalls mit Gewalt. So einfach ist das.

Es ist Mode geworden, Frauen und Männer zu schlichten Ausführungsorganen ihres Erbguts zu erklären. Der Mann kann nichts dafür, sagt Baker und sagen Kollegen in diversen Wissenschaftssparten: Er muß so sein. Er ist nun mal aggressiver, aktiver, lüsterner als die Frau. Die Gene sind's. Immer sind es die Gene.

Gehirnforscher zählen Neuronen in den menschlichen Schläfenlappen, Anthropologen legen sich bei Naturvölkern auf die Lauer, Evolutionsbiologen blicken ins Tierreich und versuchen, den Menschen durch seine Vorfahren und Artverwandten zu erklären: Wie liebt die männliche Ratte? Wen erhört der weibliche Pavian?

Sie beobachten, was menschliche Babys für Gesichter schneiden und stellen bei kleinen Mädchen "mehr Mitgefühl" fest. Bis in die Gebärmutter reicht die Recherche, selbst dort glauben Biologen beweisen zu können, daß das männliche und das weibliche Verhalten von Natur aus verschieden seien: Der maskuline Fetus balle häufiger die Fäustchen, der feminine Fetus plappere mehr vor sich hin.

Neu ist, daß da Uraltes wiederkehrt. "Nature or nurture", Natur oder Umwelt, heißt der Streit, der heute verstärkt verfochten wird, und wer derzeit gewinnt, ist die Natur. Warum Männer und Frauen "so verschiedene Wesen sind", fragt sich der amerikanische Populärbiologe Robert Pool ("Evas Rippe") und legt als Antwort vor: "Das sind Prädispositionen, die vor 50 000 oder 100 000 Jahren wichtig für das Überleben waren." Unser Körper, behauptet auch der Brite Baker, "bedient sich einfach unseres Gehirns, um uns zu einem Verhalten zu bringen, das von unserer Programmierung diktiert ist". Desmond Morris, der Nestor der Verhaltensforscher, sieht Männer und Frauen gar auf verschiedenen Planeten existieren: "Mars und Venus" (*).

Immer suchen sie nach dem Unterschied, und wer etwas findet, wird freudig publiziert. Wer nicht, hat Probleme: Der Psychologe Steven Petersen aus St. Louis beispielsweise stellte bei Assoziationstests keine signifikanten Unterschiede fest; beide Geschlechter arbeiteten mit derselben Partie des präfrontalen Kortex. Pech für den Forscher: An seinen Ergebnissen war niemand sonderlich interessiert.

Natürlich ist heute nicht mehr von einer "Hierarchie" der Geschlechter die Rede, und keiner plädiert offen für das Patriarchat. Aber es ist, als sehnten sich viele nach einer höheren Ordnung, die wieder jeden Menschen an seinen Platz stellt. Das Zusammenleben ist fürchterlich schwierig geworden, es gibt keine absolut gültigen Regeln und Wahrheiten mehr. So wird ein Ausweg gesucht aus der Verwirrung, die offenbar eine Vielzahl von Männern umtreibt: Was ist das eigentlich, ein Mann? Und wozu braucht man ihn überhaupt?

Der Feminismus blieb ja nicht ohne Folgen. Überall tauchen plötzlich Frauen auf, wo sie früher nichts verloren hatten, einzelne zwar, aber immerhin. Sie konkurrieren um Jobs, die doch so knapp geworden sind, sie werden Bundestagspräsidentin oder Managerin eines Rüstungskonzerns, Dinge eben, bei denen früher klar war: Das kann nur ein Mann. Und daß die Kinderaufzucht notfalls auch ohne Vater funktioniert, haben Millionen von alleinerziehenden Müttern bewiesen.

Die Frauen sind lästig geworden. Ständig nörgeln und erziehen sie herum. Zu Hause fordert die Partnerin, der Mann möge die Badewanne schrubben. In Bonn verlangt die Familienministerin auf einer "Gleichberechtigungskonferenz" [Link eingefügt durch paPPa.com], daß Männer ihre "verinnerlichte traditionelle Macho-Rolle überwinden". Und der Soziologe Walter Hollstein rechnet vor, durch "fehlgeleitetes Ausleben der traditionellen Männlichkeit" - die Rede ist von Kriminalität - entstünde dem Staat ein Schaden von 29 Milliarden Mark im Jahr.

So etwas tut weh. Wie, wenn die Wissenschaft nun beweisen kann, daß der Rollenwandel nur eine kurzfristige Verirrung der Moderne war? Daß Männer dauernd sexhungrig sein müssen und seelische Krisen kriegen, wenn sie Putzlappen anfassen oder Frauen ihnen sagen, wo es langgeht im Beruf? Daß früher alles gut war, als ein Mann noch ein Mann war und keine verwirrten Menschen durch die Welt stolperten, die erst in Seminaren lernen müssen, was das ist: "moderne Maskulinität"?

Allerdings: Nicht nur Männer flüchten in den Biologismus. Auch Frauen folgen fasziniert den Neuronenzählern auf der Suche nach dem Wesen des Geschlechts, und ein Großteil der Neurobiologen, Hormonspezialisten und Genetiker, die da nach dem Unterschied forschen, ist weiblichen Geschlechts.

Da hat sich viel verändert. Lange war es üblich unter Feministinnen, den Menschen als umweltgeprägtes Wesen zu sehen: "Wir werden nicht als Mädchen geboren", hieß die Devise, "wir werden dazu gemacht." Man achtete genau darauf, wie Kinder behandelt werden, und notierte: Kleine Buben bekommen mehr Aufmerksamkeit und werden länger gestillt. Wenn ein Mädchen gute Mathearbeiten schreibt, dann finden die Eltern, daß es fleißig war; beim Jungen liegt es am Genie. "Sozialisation" hieß das große Wort, und die Hoffnung war: Irgendwann dürfen Frauen vielleicht genauso liebeshungrig, fordernd und karrieregeil sein wie Männer. Und Männer schämen sich nicht mehr, wenn sie Spaß daran haben, sich ums Kind zu kümmern.

Ein paar Einzelgänger, männliche und weibliche, haben diesen Schritt tatsächlich gewagt. Der Alltag hat sich verändert, und auch die Vorbilder sind heute andere - nicht mehr putzige Schulmädchen-Typen wie Conny Froboess, sondern unverschämte Wesen wie Courtney Love. Aber der Weg war zäh und mühsam, das Patriarchat ließ sich nicht recht beeindrucken von den neuen Ideen, und so beschloß eine Fraktion der Frauenbewegung: Dann also anders. Die "neue Weiblichkeit" oder "neue Mütterlichkeit" wurde entdeckt und zum Programm erhoben - die von Natur aus friedlichere, freundlichere, überlegene Frau.

Andere kämpften lange noch um Gleichheit und sind jetzt wohl müde geworden von den ewigen, scheinbar sinnlosen Gefechten. Unendlich mühsam das alles, und vielleicht liegt es ja doch nicht nur an weiblichem Versagen und männlicher Halsstarrigkeit? "Kein Wunder, daß ihr nicht vorankommt, Mädels", heißt die ebenso deprimierende wie tröstliche Botschaft der Soziobiologen. "Der Mann kann nicht anders. So will es die Natur."

Kann nicht? Oder will bloß nicht?

Stimmt schon, es weist vieles darauf hin, daß der Mann sich häufig etwas vorsintflutlich benimmt. Daß er sich selbst nach wie vor als Helden und Eroberer sehen muß, daß er primär an das eine denkt; nicht dauernd, aber fast. Anthropologen wissen es: Wenn Frauen in Kneipen junge Männer anlächeln, dann sind sie oft der Meinung, sie hätten lediglich die Konversation beflügelt. Und die Männer verstehen: "Los, gehen wir ins Bett."

Bei amerikanischen Collegestudenten genügt es offenbar schon, daß eine Frauenstimme zu ihnen spricht; sofort wird ihnen heiß. Forscher spielten einer Testgruppe Tonbänder vor, auf denen sich ein Mann und eine Frau über ganz banale Dinge unterhielten ("Welches Hauptfach nehme ich?"). Viele männliche Zuhörer fanden das hoch erregend: Der Puls wurde schneller, der Atem hastig, die Hauttemperatur stieg. Und als die Zeitschrift "Glamour" rund tausend 20- bis 40jährige US-Männer befragte, was sie sich eher wünschen würden - "a hotter sex life or a more peaceful world" -, entschied sich nur eine klägliche Minderheit für die friedlichere Welt.

Alles Natur? Testosteron heißt der Stoff, der schuld sein soll. Ein XY-Baby hat viel davon im Blut, ein XX-Baby wenig, und daraus, folgern Geschlechtsforscher, leitet sich alles andere ab: daß kleine Jungs mit Pistolen und nicht mit Puppen spielen; daß sie besser rechnen können, daß sie, wenn sie groß sind, zur Gewalttätigkeit neigen und zur Promiskuität.

Im Gehirn, wird gemeldet, sorgt das Testosteron dafür, daß die linke (für das Sprechen zuständige) Gehirnhälfte langsamer heranreift als die rechte (für das räumliche Denken zuständige). Und daß das Corpus Callosum bei beiden Geschlechtern unterschiedliche Formen hat - jener Balken, der die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet und von Männern nicht so häufig benutzt wird wie von Frauen.

Diese Unterschiede gibt es, das steht fest. Doch was sie bedeuten, das ist reine Spekulation: War zuerst der anders geformte Balken da und dann die andere Art zu räsonieren? Oder entstand die unterschiedliche Form erst dadurch, daß Frauen gelernt haben, anders zu denken?

Berufstätige Frauen, berichten amerikanische Forscher, haben mehr Testosteron im Körper als Hausfrauen - aber woran liegt das? Am Lebenswandel? Oder bringt sie wirklich der höhere T-Wert dazu, lieber Börsenkurse zu notieren als Windeln zu wechseln? Es ist ja bekannt, daß der Hormonspiegel auf äußere Faktoren reagiert: Bei Jugendlichen in US-Ghettos beispielsweise wurden besonders hohe T-Werte nachgewiesen. "Eine Reaktion auf Streß", sagt der Forscher Allan Mazur.

Wie sehr der Mensch von Umwelteinflüssen abhängig ist, haben Psychologen am Beispiel eines männlichen Zwillingspaars beschrieben. Einer der beiden hatte im Babyalter schweres Unglück erlitten: Bei der Beschneidung wurde nicht nur die Vorhaut, sondern ein großes Stück Penis entfernt. In der Not ließen die Eltern auch den Rest der männlichen Geschlechtsteile amputieren und zogen das Kind als Mädchen auf. Der Effekt: Es benahm sich später absolut "weiblich", liebte seine langen Haare, stand stundenlang vor dem Spiegel, schätzte schöne Kleider und sah sich ganz als kleine Frau.

Für solche Fälle interessiert sich nun kaum jemand mehr. Für den Soziobiologen ist alles klar: Der Mann gehorcht seiner Programmierung und besamt, wo er kann; die Frau sucht sich den besten Besamer aus. Rührend altmodisch klingt das manchmal, wenn etwa Desmond Morris die Geschlechterdifferenz mit seinem "Fahrradtest" belegen will: Läßt man Männer und Frauen aus dem Gedächtnis ein Velo zeichnen, dann "gelingt es den Männern viel besser als den Frauen". Und wer Männerphantasien mag, hat bei Robin Bakers "Krieg der Spermien" sicher viel Spaß.


Das Männchen will erobern: Frauen und Arbeitsplätze


Gruselig aber liest sich, was dem Mann zum Thema Vergewaltigung einfällt. Natürlich, schreibt Baker, sei er nicht der Meinung, "daß eine Frau bestrebt sein sollte, vergewaltigt zu werden, ganz im Gegenteil". Aber immerhin sind die Täter doch Männer mit "überdurchschnittlichem Fortpflanzungserfolg" und ihr Samen somit "ein begehrenswertes Gut für den Körper einer Frau". Also "kann eine Frau einen Fortpflanzungsvorteil erzielen, wenn sie anschließend empfängt". So ist das also. Der Jäger jagt und unterwirft sich die Frau, und sie hat eigentlich gar keinen Grund, sich zu beschweren: Fortpflanzungstechnisch profitiert sie davon. Düstere Aussichten, wenn seine Leserschaft ihm glaubt.

Wer nach den "biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern" fahndet, tut gut daran, wenn er einen kühlen Kopf bewahrt wie die kritische Wissenschaftsautorin Deborah Blum ("Sex on the Brain") (**). Der Blick auf die Steinzeit, sagt sie, kann für das heutige Leben kein Maßstab sein: Denn erstens weiß niemand genau, wie unsere Vorfahren gelebt haben. Und zweitens "kann keiner sagen, daß ihr Verhalten besonders vorbildlich war".

Da wird bei Naturvölkern gefahndet und Verhalten erforscht - und welche Lebensform man auch sucht, ob Vielmänner- oder Vielweiberei, ob Patriar- oder Matriarchat: Alles Denkbare hat irgendwann irgendwo existiert. Aber welches soll die Urgesellschaft sein?

Ähnlich verwirrend viele Analogien aus dem Tierreich, mit denen der Mensch erklärt werden soll. Das räumliche Denken zum Beispiel: Das habe das Menschenmännchen genau wie der Teichmolch drauf, und zwar deswegen, weil er als promiskes Tier ständig auf der Suche nach neuen Sexualpartnerinnen sei und sich nicht verlaufen dürfe. Aber was ist, beispielsweise, vom Kakapo zu halten? Jenem dicken, flugunfähigen, praktisch ausgestorbenen Papagei, der nichts anderes tut, als in seinem Nest herumzustehen und zu brummen und zu hoffen, es kommt endlich ein interessiertes Weibchen vorbei?

Oder die Affen, die dem Homo sapiens ja näher sind als jedes andere Tier: Welche Art Affe ist der Mensch? Sind wir wie Schimpansen, bei denen das Alpha-Männchen der Horde begattet, wen es will? Oder südamerikanische Titi-Affen, die sich streng monogam ein Leben lang aneinanderhängen und einander zärtlich das Fell zwirbeln, ohne auf Verlockungen durch fremde Tiere zu reagieren? Oder Bonobos, bei denen friedfertig jede mit jedem verkehrt?

Der Mensch ist nun mal ein evolutionäres Wesen, und sein Verhalten ändert sich permanent. Mädchen, meldet der Berliner Innensenator, werden immer aggressiver, fallen häufiger durch Delikte wie Straßenraub und leichte Körperverletzung auf. Junge Frauen, stellen Verkehrspolizisten in Australien fest, haben in der "Aggressions-Skala" aufgeholt: Sie fahren schon fast so rüpelhaft und brutal wie Männer. Bei Männern in glücklichen monogamen Bindungen wiederum, auch das ist bekannt, sinkt der Testosterongehalt im Blut.

Was da als neue Geschlechterforschung daherkommt, riecht oft verdächtig nach Ideologie. Hinter modischen Vokabeln versteckt, lauert die alte Arbeitsteilung: Das Männchen, das ist die Botschaft, ist nun mal zum Erobern bestimmt: von Frauen, Territorien und Arbeitsplätzen. Das Weibchen ist mehr für das Abwarten, für das Gefühl.

Wir waren schon mal weiter. Es gibt keine rein weiblichen oder rein männlichen Eigenschaften, so wie es keine rein weiblichen oder männlichen Hormone gibt: Alles ist möglich, bei allen. Zwischen Stephen Hawking und Boris Becker, zwischen Madeleine Albright und Verona Feldbusch sind die Unterschiede allemal größer als zwischen einem deutschen Durchschnittsmann und einer deutschen Durchschnittsfrau.

Keine Frage, wenn alle gleich wären, würde Langeweile herrschen, aber diese Gefahr besteht nicht. Es reicht schon, wenn es dem Individuum überlassen bleibt, wie es sein Leben verbringen will: sorgend und hegend oder aktiv erobernd oder alles zu seiner Zeit. Das kann funktionieren, wenn der Homo sapiens aufhört, sich dauernd auf seine Gene zu berufen, und beginnt, ein halbwegs rationales Wesen zu sein.

Wenn Deborah Blum recht hat, stehen die Chancen nicht schlecht. Viele Menschenmänner, glaubt sie, haben es "allmählich satt, wie eine Horde schlechtgelaunter Affen behandelt zu werden", und sind dankbar, wenn man ihnen die Chance gibt, vom Baum zu steigen.

Oder droben zu bleiben, aber sich ein anderes Vorbild zu wählen; die Tierwelt ist ja groß. Man muß nicht unbedingt Schimpanse sein. Es gibt ja auch das Modell Titi-Affe. Und die Methode Bonobo.

Womöglich geht ja beides: A hotter sex life and a more peaceful world.

(*) Robert Pool: "Evas Rippe"; Knaur Verlag, München. Robin Baker: "Krieg der Spermien"; Limes Verlag, München. Desmond Morris: "Mars und Venus"; Wilhelm Heyne Verlag, München.
(**) Deborah Blum: "Sex on the Brain". Viking Verlag, New York.


Endstation: Apartheid (SPIEGEL 9/1998, S. 124-127)

Frauenhäuser, Frauenparkplätze, Frauenbürokratie, demnächst Frauenbusse? Der Feminismus hat manches erreicht, nur nicht das, was er ursprünglich wollte - die Integration der Frauen in die Gesellschaft. Von Henryk M. Broder

Eine verblaßte Erinnerung vom Anfang der Siebziger: "Ich finde, wir sollten unsere Beziehung vertiefen und erweitern", sagt ein junger Mann mit langen Haaren, Lederjacke und abgewetzten Jeans zu seiner Sitznachbarin im Seminar über Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus. "Sag doch gleich, daß du ficken willst", antwortet die junge Frau, ohne ihren Kommilitonen auch nur anzusehen.

Mit solchen Miniaturen machte sich die sexuelle Rebellion auf den Weg, begann der Aufbruch der Frauen zu neuem Selbstbewußtsein und der Niedergang der Männer in eine domestizierte Existenz. Ein Vierteljahrhundert später ziehen die Protagonisten Bilanz. Man könne die heutigen Männer grob in drei Gruppen einteilen, meint ein Therapeut, der damals aktiv dabei war und heute die Veteranen behandelt, "ein Drittel ist mehr oder weniger schwul, ein Drittel ist impotent und ein Drittel hat keine Lust mehr, sich mit Frauen einzulassen" [Hervorhebung durch paPPa.com], und alles sei eine Folge der Umtriebe der Frauenbewegung.

Auf der anderen Seite des Abgrunds haben sich die siegreichen Truppen versammelt. Doch statt ihren historischen Triumph zu feiern, beschweren sie sich darüber, daß ihnen der Feind abhanden gekommen ist. "Früher gab es Männer, heute nur noch Schlappschwänze", sagt eine gereifte 50jährige, die vor vielen Jahren im Frankfurter Weiberrat aktiv war. Die New Yorker Schriftstellerin Erica Jong beschreibt die Situation ein wenig eleganter. Frauen möchten "heißen Sex, harte Schwänze, die Selbstauflösung in Wollust und - ja, sicher - Romantik", sie träumten von "Rhett Butler, wie er Scarlett O'Hara die Treppe hochschleift", doch während die "politisch korrekten Männer der neunziger Jahre Windeln waschen und den Kinderwagen schieben", wäre es ihnen "lieber, ein Rhett Butler schleift sie die Treppe hoch, statt daß er die Treppe putzt".

Unzufriedenheit, Frust und üble Laune allerorten. Sieger wie Besiegte im Krieg der Geschlechter mögen sich mit dem postemanzipatorischen Status quo nicht abfinden, doch zum Status quo ante führt auch kein Weg zurück. Und alles eine Folge der Frauenbewegung, der es offenbar gelungen ist, was mehrere Revolutionen, die Psychoanalyse, der Marxismus, die Erfindung des Internet und die Einführung der digitalen Technik nicht geschafft haben, nämlich die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen?


Er soll sie die Treppe hochschleifen, nicht die Treppe putzen


Mitnichten. Auf eine seltsame Weise sind sich Männer wie Frauen einig, daß die Frauenbewegung ihr Leben entscheidend mitbestimmt hat. Jeder Mann, der sich an seine letzte Erektion kaum noch erinnern kann, weiß genau, daß die "militanten Weiber" an seinem weichen Elend schuld sind, obwohl er Alice Schwarzer und Inge Meysel nie nähergekommen ist als Clint Eastwood und Henry Maske. Und jede Frau, die abends allein "Roseanne" guckt und beim lokalen "Frauennetzwerk" die Weihnachtsfeier organisiert, genießt das Gefühl, es "den Kerlen" so richtig gezeigt zu haben. Wow!

Denn die Macht der Frauenpower rangiert in der Reihenfolge der populären Mythen ziemlich weit oben, gleich nach der deutschen Gründlichkeit, der jüdischen Intelligenz und der Überlegenheit der sozialistischen Idee.

Und wie alle Mythen lebt auch der Mythos der Frauenpower davon, daß er die einen tröstet, die anderen erschreckt und auf diese Art eine Interessengemeinschaft schafft, die über den Fakten schwebt. Die Einführung von "gender studies" zum Beispiel als eigenständiges Studienfach ist zwar vollkommen absurd, hat aber den Vorteil, daß sie die einen mit Jobs versorgt und den anderen die Möglichkeit gibt, sich ausgegrenzt zu fühlen. So weit hat es die Arbeiterbewegung nicht gebracht, obwohl sie ein wenig älter und ein wenig machtvoller ist als die Frauenbewegung, man und frau kann zwar hier und da ihre Geschichte studieren, aber als eine selbständige akademische Disziplin hat sie sich bislang nicht etabliert.

Inzwischen hat die Frauenforschung eine Männerforschung nach sich gezogen, die ähnlich strukturiert ist und deren Produkte den gleichen praktischen Gebrauchswert haben: "Ausdiskutieren oder Ausschwitzen. Männergruppen zwischen institutionalisierter Dauerreflexion und neuer Wildheit", so der Titel eines 1996 im Universitätsverlag Konstanz erschienenen Buches, dessen Autoren einerseits "die Abschaffung der Herrschaft von Männern über Frauen anstreben", andererseits "eine starke Sehnsucht" verspüren, "zumindest zeitweise reflexionsfrei ,einfach Mann zu sein'". Dermaßen hin- und hergerissen zwischen Natur und antrainiertem Bewußtsein, sorgen die einen dafür, daß jährlich über 40 000 geschlagene Frauen Zuflucht in Frauenhäusern suchen, während die anderen die Selbsterfahrungsgruppen-Industrie in Schwung halten.

Daß sich Frauen am liebsten mit Frauen und Männer vorzugsweise mit Männern beschäftigen, entspricht einem alten Muster, das man bei jedem Sonntagsspaziergang im Grunewald beobachten kann. Sind zwei Paare unterwegs, gehen die Männer zusammen; hinter ihnen laufen, in gebührendem Abstand, als Paar die dazugehörigen Frauen. Und ist die Dorfjugend Freitagabend im getunten Manta zur Disko unterwegs, sitzen die beiden Jungs vorn, während der weibliche Sexualproviant auf dem Rücksitz mitfahren darf.

Zahllose gesellschaftliche Einrichtungen, von der Freiwilligen Feuerwehr in Oberpolda bis zum Internationalen Olympischen Komitee in Genf, verdanken ihre Existenz dem Umstand, daß Männer unter sich sein wollen und einen Grund brauchen, dem ihre Frauen nicht widersprechen können. Und wann immer die Männer vom Technischen Hilfswerk ausrücken, um für Erdbebenopfer Lazarette zu bauen, wollen sie nicht nur fremden Menschen in Not helfen, sie freuen sich auch auf einen Abenteuerurlaub unter Gleichgesinnten, bei dem sie von niemand daran erinnert werden, wenigstens einmal in der Woche die Unterwäsche zu wechseln.

Die gebildeten Stände, die nicht einen Hanomag steuern, sondern mit einem Apple surfen, haben noch einen Grund, sich mit dem eigenen Geschlecht zu beschäftigen: Inzwischen ist fast alles erhoben, erforscht und vermessen, was zwischen den Geschlechtern abläuft oder auch nicht. Im großen Katasteramt der Libido sind alle Ordner prall gefüllt: Es ist bekannt, wohin Frauen bei Männern zuerst schauen und was Männer an Frauen am meisten antörnt.

Die Hälfte der angesprochenen Ehepaare hat bei einer Umfrage im Jahr 1995 angegeben, nur noch ein- bis viermal im Monat Geschlechtsverkehr zu haben. Jede dritte Britin stellt sich beim Akt mit ihrem Mann vor, daß sie von einem fremden Mann genommen wird, jede fünfte denkt an Sex mit mehreren Männern, und ebenfalls jede fünfte phantasiert vom Sex mit anderen Frauen, während die deutschen Männer bei der primären Begegnung mit ihren Frauen mehrheitlich von der Vorstellung erregt werden, es mit Iris Berben zu treiben.

Frauen können schlechter einparken als Männer, während Männer unter Trennungen und Scheidungen heftiger leiden als Frauen. Jungen können schon als Dreijährige besser Bälle schlagen und fangen als Mädchen, weil Männer in grauer Vorzeit gelernt haben, wilde Tiere mit Steinen zu erlegen. Dafür sind Frauen viel geschickter, wenn es darum geht, ein Bild zu beschreiben, sie brauchen dazu im Schnitt 3 Minuten, Männer gleich 13.

Auch beim Einkaufen sind Männer umständlicher, verbrauchen zuviel Energie, während Frauen viel effizienter vorgehen. Untersucht wurde sogar das Verhalten von "Hausfrauen im Ruhezustand", die es ihren Rentnermännern allenfalls erlauben, "das Suppengrün zu putzen", weil die nicht einmal wissen, daß man zum Kochen Wasser braucht.

Der amerikanische Komiker Jerry Seinfeld erntet viel Applaus mit seiner Beobachtung, Männer würden ganz anders fernsehen als Frauen. "Frauen sehen fern. Männer wollen wissen, was es sonst noch im Fernsehen zu sehen gibt. Deswegen zappen sie."

Nur die entscheidende Frage - "Warum geben sich Frauen mit Männern ab?" - bleibt noch immer unbeantwortet. Ein deutscher Forscher befragte 1213 Frauen und Männer zwischen 18 und 65 Jahren über ihre sexuellen Erfahrungen und kam dabei zu einem niederschmetternden Ergebnis: 63 Prozent der Männer hielten sich für tolle Liebhaber, während 76 Prozent der Frauen erklärten, sie wären sexuell frustriert. Auch ohne einen so großen empirischen Aufwand zu treiben, stellten zwei Wiener Autorinnen am Ende ihrer Studie ("Der kleine Unterschied") die Frage, ob Frauen und Männer "am Ende nicht einmal artverwandt" sind? Natürlich war die Frage rhetorisch gemeint, die Antwort klar: Männer und Frauen verhalten sich zueinander wie zwei nicht kompatible Computersysteme.


60 Prozent der Männer lehnen eine Frau als Vorgesetzte ab


Doch während kein vernünftiger Mensch auf die Idee käme, ein DOS-System auf einem Macintosh zu installieren, wird ein solches Kunststück zwischen Frauen und Männern unternommen. Entsprechend sind die Resultate: 70 Prozent der jungen Männer zwischen 20 und 30 Jahren sind der Meinung, die Emanzipation der Frau sei für beide Geschlechter von Vorteil. Zugleich lehnen 60 Prozent eine Frau als Vorgesetzte ab, und immerhin 12 Prozent wollen keine Partnerin, die intelligenter ist, eine bessere Ausbildung hat oder mehr verdient.

Wenn Frauen und Männer ausnahmsweise einer Meinung sind, dann geht es ihnen darum, den Umgang miteinander zu entflechten. 47 Prozent der westdeutschen Frauen und 53 Prozent der westdeutschen Männer finden, es sei "für alle viel besser, wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert". Im Osten, wo es keine authentische Frauenbewegung gegeben hat, dafür die Lebensumstände aber anders waren, sind es 26 Prozent und 27 Prozent.

Das alles bedeutet natürlich nicht, daß die Frauenbewegung ein totaler Flop war. Ganz im Gegenteil. Sie hat wie eine flächendeckende ABM-Maßnahme viele neue Jobs kreiert, deren Träger und Trägerinnen schöne Titel wie "Frauenbeauftragte", "Gleichstellungsbeauftragte" und "Antidiskriminierungsbeauftragte" tragen und für die bürokratisch korrekte Verwaltung einer Spiegelung gesellschaftlicher Zustände zuständig sind. Sie hat den gesamten "psychoindustriellen Komplex" von Margarete Mitscherlich bis Margarethe Schreinemakers, von Hera Lind bis Gaby Hauptmann ernorm befördert und ihre Spuren in der Lindenstraße ebenso wie in der Vita von Claudia Nolte hinterlassen. Ohne die Grundlagenarbeit der Frauenbewegung hätte John Gray ("Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus") es nie geschafft, allein in den USA vier Millionen Hardcover-Exemplare seines Buches zu verkaufen, würden Beziehungsberater sich nicht trauen, Nullsätze wie diesen in die Welt zu setzen: "Es ist nicht unmöglich, Brücken zu bauen, um zueinander zu kommen. Aber man muß dies auch tun, mit allem Aufwand, den ein Brückenbau erfordert."

So hat die Frauenbewegung einiges erreicht, wenn auch nicht das, was sie ursprünglich wollte: die Integration der Frauen in die Gesellschaft. Statt dessen werden immer mehr Sonderregelungen für Frauen getroffen, als wollte man Behinderten den Einstieg in die Busse erleichtern. In Nordrhein-Westfalen müssen in jedem Parkhaus-Neubau 10 Prozent der Stellplätze als "Frauenparkplätze" ausgewiesen werden. Ob die Frauen dadurch sicherer ein- und ausparken können, ist fraglich. Dagegen wissen Exhibitionisten ganz genau, wo sie sich optimal postieren können. Demnächst wird es auch an allen 423 Autobahn-Raststätten Frauenparkplätze geben, allerdings nur während der Nachtstunden. Am Rechenzentrum der Universität Karlsruhe wurde ein Computerraum nur für Frauen eingerichtet. Das schleswig-holsteinische Frauenministerium hat eine Broschüre über "Bauleitplanung aus Frauensicht" herausgegeben.

Die Grünen im Bundestag haben mehr Frauenabteile in Liegewagen gefordert. Das Frauennetzwerk "Connecta" will "berufsübergreifend Frauen verbinden". Frauenbuchläden, Frauenreisen und Damensitzungen im Karneval gibt es schon lange.

Die Dynamik der Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Hieß es früher: If you can't beat them - join them, lautet die Parole heute: If you can't join them - leave them. Kollektive, die es nicht miteinander können, müssen separiert werden: Briten und Iren, Serben und Kroaten, Israelis und Palästinenser, Frauen und Männer. Wird es demnächst bei der Bahn Waggons geben, in denen nur Frauen reisen dürfen, sicher vor männlicher Anmache? In Saudi-Arabien hat man mit Bussen, in denen Frauen hinter einem Vorhang sitzen, gute Erfahrungen gemacht. Bei orthodoxen Juden feiern Männer und Frauen bei Hochzeiten jeweils für sich, und trotzdem finden Braut und Bräutigam anschließend zueinander. Individuelle Begegnungen wären also nicht ausgeschlossen, nur müßten sie auch einzeln verhandelt werden. Ein wenig Apartheid mit menschlichem Antlitz wäre dafür kein zu hoher Preis.


Im nächsten Heft:
Geschlechterkampf um Karrierejobs: Wie Männerbünde die Gleichberechtigung bekämpfen - und wie Frauen ihren Aufstieg selbst blockieren

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