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Kölner Express v. 2.6.98
Immer mehr Frauen geben freiwillig das Sorgerecht abSind das Rabenmütter?Von ANDREA KAHMEIER Ein Kind gehört zu seiner Mutter", das ist für Schlagersängerin Michelle (24) so sicher wie das Amen in der Kirche. Stimmt das? "Michelle ist ständig auf Reisen. Wenn sie von Hotel zu Hotel zieht, kann Celine doch keine Spielkameraden finden", klagt hingegen ihr Noch-Ehemann, der Musiker Albert Oberloher ("Wind"). "Meine Eltern wohnen direkt gegenüber, wenn ich zu Konzerten muß, würden sie sich liebevoll um Celine kümmern." Er will das Sorgerecht für die Zweijährige erstreiten, fragt sich: Ist es für das Kind wirklich immer besser, wenn es bei der Mutter bleibt? Im 16. Jahrhundert war das keine Frage. Mütter, die ihre Kinder verließen, wurden ausgepeitscht und gefoltert. Mitte dieses Jahrhunderts war es nicht viel besser. 1950 schrie ganz Amerika auf, als Ingrid Bergmann Töchterchen Pia beim ersten Ehemann zurückließ, um mit Regisseur Rossellini zu arbeiten und zu leben. Alle Welt reagierte, als habe sie einen Mord begangen. Der US-Senat bezeichnete sie "als Frau mit teuflischem Einfluß". Ihr wurde verboten, jemals wieder einen Fuß in die Vereinigten Staaten zu setzen. Und heute? 1997 gab es in Deutschland 305.000 alleinerziehende Väter (1,5 Millionen alleinerziehende Mütter), 100.000 mehr als vor sechs Jahren. In Zeiten, in denen selbst CDU-Familienministerin Claudia Nolte gut 500 Kilometer entfernt von ihrem Kind lebt und arbeitet, wird die räumliche Trennung von Mutter und Kind aus dem Tabu-Bereich gehoben. "Aber noch immer müssen die Kinder sich von den Müttern ihrer Spielkameraden anhören, arme Hascherl zu sein", sagt eine junge Mutter, die aus beruflichen Gründen von Köln nach Frankfurt zog, ihre siebenjährige Tochter beim Ex-Mann zurückließ. "Doch sollte ich Svenja aus der neuen Schulklasse reißen, ihr meinen unsteten Beruf zumuten?" "Den Schuh, eine Rabenmutter zu sein, ziehst du dir Zeit deines Lebens an", sagt Maria N., die ihre Tochter vor 18 Jahren beim Vater ließ. "Wir lebten dort in einer Wohngemeinschaft. Es gab noch vier weitere Kinder. Mein Mann war Lehrer, häufig zu Hause. Ich hatte das Angebot, bei einer Zeitung in Frankfurt zu arbeiten. Klar hätte ich jeden Tag fahren können. Aber ich gebe offen zu: Ich war es leid, auf dem Land zu leben, fühlte mich vom WG- und Familienleben überfordert." Heute gibt es 305.000 alleinerziehende Väter Maria besuchte zwar fast jedes Wochenende ihre Tochter, auch später noch, als sie in Köln wohnte, aber sie lebte fortan allein. "Jeden Abend habe ich mit Isabell telefoniert, doch erst als sie 16 war, habe ich mich getraut, ihr die Frage zu stellen, ob sie mein Weggehen akzeptieren konnte." Sie konnte. Klar, gestand Isabell, habe sie sich manchmal geschämt, wenn Schulfreunde entsetzt gewesen seien über das Chaos in der Wohnung. Klar habe sie sich als Kind auch oft so eine dicke, pralle Mutti gewünscht, wie sie die anderen Kinder im Ort hatten. Eine, die immer da ist, wenn Probleme auftauchen. "Aber das hat sich irgendwann geändert. Als Teenager war ich stolz auf meine erfolgreiche Mutter - und meine Freunde haben mich darum beneidet, daß ich sie in der Stadt besuchen, mit ihr auf Rockkonzerte gehen und ihr alles erzählen konnte." "Gut so", sagt die Psychologin Elke Ziegler. "Was hat das Kind von einer unzufriedenen Mutter, die immer aggressiver wird. Kinder wollen als Erwachsene nicht dafür in die Verantwortung genommen werden, was ihre Mütter für sie aufgegeben haben." "Für meine Ex-Frau und mich war es nach der Scheidung keine Frage, daß Luisa bei mir bleibt", sagt Moderator Thomas Ohrner, "Ich finde, Susanne hat wirklich an das Wohlergehen ihres Kindes gedacht, indem sie nicht auf Volkes Stimme hörte, das Kind zu sich nahm, obwohl sie beruflich immer auf Achse war. Hier hat Luisa eine Familie, in der auch Susanne immer willkommen ist." Buchtip: Jackson, Rosie: Mütter, die ihre Kinder verlassen - alles Rabenmütter? Aus d. Engl. v. Schuhmacher, Sonja; Steckhan, Barbara - Fischer Taschenbuch, 06/1998 (Die Frau in der Gesellschaft, 13474), Kartoniert, ISBN 3-596-13474-9, ca. 16,90 DM (16,- SFr, 123,- ÖS)
Der berühmteste Fall: Die Amerikaner verwiesen Ingrid Bergmann 1950 des Landes, weil sie ihre Tochter Pia beim Ehemann ließ, um mit Rossellini zu leben und zu arbeiten. "Das war die richtige Entscheidung für unser Kind", sagt Moderator Thomas Ohrner. Es gab keinen Streit. Er hat das Sorgerecht, seine Ex-Frau kann jederzeit kommen. Schlagersängerin Michelle: "Wir haben uns in Köln gut eingelebt. Ich finde, ein Kind gehört zu seiner Mutter. Ich könnte Celine niemals hergeben." Shirley MacLaine: "Ich habe Sachi bei ihrem Vater in Japan gelassen. 20 Jahre lang mit Mann und Kind zu leben würde mich ruinieren. Ich hätte nicht mehr frei atmen können." |