Süddeutsche Zeitung vom 27./28.3.1999

Karl Scheihtauer

Im Chaos der Geschlechter
Die alten Leitbilder taugen nicht mehr für die neuen Väter

Väter sind zum beliebten Medienthema geworden. Mütter wohl weniger. In den heißen Geschlechterschlachten, die via Medien geschlagen werden, dokumentieren sich die Schwierigkeiten im Ringen um ein neues Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Das ist eine Binsenweisheit.

Gesellschaftliche Gruppierungen und Initiativen wie der Väteraufbruch, die Feministenfraktion, Mütterzentren und die Verbände der Alleinerziehenden symbolisieren nicht nur die polarisierten Fronten, sondern verschärfen sie auch. Gekämpft wird um ein neues Familienverständnis, um eine andere Rollenverteilung innerhalb der Familie. Und letztlich bleibt die Frage: Wie könnte eine produktive Entwicklung im Verhältnis der Geschlechter aussehen, wie kann das Geschlechterverhältnis in eine neue Balance gebracht werden? Das Problem ist dabei weniger das Verständnis von Frauen und Männern, das Problem sind die Väter und Mütter. Denn in dieses Verständnis ist die Frage eingebunden, wie viele Kinder es geben wird und wie es diesen Kindern mit ihren Eltern ergeht. Sind die Eltern anwesend oder abwesend, thronen sie über den Kindern, müssen Kinder herhalten als wichtigster Lebensinhalt, oder gibt es eine Balance zwischen den verschiedenen Tätigkeiten innerhalb und außerhalb der Familie?

Die andere Geschichte

Diesen Fragen widmete sich eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin-Schmöckwitz. Es mag verwundern, daß ausgerechnet die Stiftung der Grünen Partei einen so ausgewogenen Ansatz wählt, gelten die Grünen doch als feministisches Sammelbecken und stehen von daher eher im Verdacht, einen für Frauen parteiischen Ansatz zu wählen. Mit der Zentralisierung der bisher drei Stiftungen zu einer Stiftung wurde auch die Geschlechterpolitik reformiert und ein Referent für "Geschlechterdemokratie" – so heißt das – ernannt. Henning von Bargen soll nun für eine ausgewogenere Geschlechterphilosophie sorgen.

Da kam der Stiftung die Publizistin Katrin Rohnstock als Mitveranstalterin gerade recht. Sie ist Herausgeberin der Buchreihe Ost-Westlicher Diwan (Verlag Elefantenpress). In den sechs Bänden der jetzt im Sammelpack erschienenen Reihe wird in mehr als 100 Alltagsgeschichten und einigen soziologischen Analysen von insgesamt 70 Autoren die Geschlechterkultur in Ost- und Westdeutschland erkundet und verglichen. Gerade die Unterschiede, so Rohnstock, könnten der gesamtdeutschen Geschlechterdebatte spannende Gesichtspunkte hinzufügen: "Im Geschlechterchaos müssen alle Potentiale produktiv werden."

Was aber unterscheidet den Osten vom Westen? Es ist die kontinuierliche Berufstätigkeit der Mütter. War diese nach dem Krieg vor allem dem Männermangel, in den sechziger Jahren dem Arbeitskräftemangel geschuldet, wurde sie in den folgenden Jahrzehnten zu einer Selbstverständlichkeit. Die heute junge Generation ostdeutscher Frauen konnte bereits von ihren Großmüttern erfahren, wie Beruf und Kinder miteinander auszujonglieren sind. Auch die katastrophale Erwerbslosigkeit schreibt dieses Lebenskonzept nicht um. Genau dieses Jonglieren, dieser Seiltanz aber ist im Westen nicht nur ein organisatorisches, sondern auch ein psychisches Problem für Frauen und Männer, die Mütter und Väter sein wollen.

Die Frauen mußten anders als im Osten starke Brüche im weiblichen Selbstverständnis verarbeiten. Waren Männer und Frauen in den fünfziger Jahren stolz darauf, daß die Frau nicht mitarbeiten mußte, rebellierten deren Töchter gegen das Hausfrauendasein, drängten auf Bildung und qualifizierte Berufe. Der Feminismus wurde geboren als ideologische Grundlage für den Kampf in den Institutionen. Die Männer an sich wurden als Verhinderer für selbstbestimmtes Frauenleben erkannt, als Feind Nr.1. Die Durchsetzung in der Arbeitswelt erforderte viel Energie, für Kinder blieb da wenig Raum. Diese stark karriereorientierte Generation der 68er sitzt heute – so Frauen überhaupt irgendwo sitzen – in Entscheidungspositionen. Die nächste Frauengeneration wollte nicht mehr auf Kinder verzichten, sie glaubte: Frau schafft alles. Sie kann Job, Kind und Haushalt allein managen. Und: wenn sie finanziell unabhängig ist, diese "Superfrau" – wofür braucht sie überhaupt noch einen Mann?

Die Frauen der neunziger Jahre scheinen das wieder zu wissen. Sie haben gesehen, wie anstrengend das Leben sein kann – ohne Mann. Frau am Rande des Jahrtausends weiß, daß sie einen familienorientierten Partner braucht, um Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Doch für den multiplen Rollenmix, wie es die Springer-Studie Journal für die Frau nennt, fehlen Orientierungen. Vorbilder, die dem alltäglichen Handeln psychischen Halt geben, die Gewißheit, daß man richtig handelt. Es mangelt an Leitbildern. Von einem "Orientierungsloch" ist die Rede, mit starken Unsicherheiten, Hin- und Herschwanken zwischen Ohnmachts- und Machtgefühlen, schlechtem Gewissen – nicht gerade günstige Voraussetzungen für ein partnerschaftliches Zusammenleben. Immer noch spukt in den Köpfen von Frauen und Männern: Eine berufstätige Frau sei eine Rabenmutter, und keiner könne sich so gut um die Kinder kümmern wie die Mutter. Dafür wird sie von ihrem Ehemann – dem Familienernährer – finanziell versorgt. Das aber zu garantieren, ist bei der heutigen Arbeitsmarktsituation den Männern nicht mehr möglich. Keiner kann sich auf einen bruchlosen Aufstieg verlassen, keiner ist vor Arbeitslosigkeit gefeit (von Beamten einmal abgesehen). Jeder, sei er auch noch so gut ausgebildet, muß sich darauf einstellen, daß Karriere unberechenbar geworden ist.

Männer, die diese Tatsachen zur Kenntnis nehmen, werden eher nach Partnerinnen suchen, die sich selbst versorgen können – was die meisten jungen Frauen ja inzwischen auch anstreben. Damit lösen sich nicht nur die alten Rollen und Funktionen und mit ihnen das bürgerliche Familienmodell auf, auch der bürgerliche Geschlechtervertrag wird ungültig. Nun wird um alles gestritten: Um die Rollenteilung in der Familie, um die Frage, wer ist wichtiger für ein Kind, wer ist in der Erziehung kompetenter, wer bleibt zu Hause, wenn ein Kind krank ist? Hier kristallisierte die Berliner Tagung ein Problem heraus: Männer haben große Schwierigkeiten, in Arbeitszusammenhängen ihre Vaterpflichten einzugestehen. Haben sie Angst vor einem Prestigeverlust? Ist es ihnen peinlich? Gelten sie bei ihrem Chef, ihren Kollegen als Pantoffelheld, der sich nicht gegen seine Frau durchsetzen kann? Gelten Familienpflichten als Karrierekiller?

Was wäre in diesem Falle zu tun? Müßte eine Bildungskampagne für traditionell lebende Unternehmer und Manager initiiert werden? Für Männer also, die ihre Hausfrau noch im Rücken haben? Müßten sie aufgeklärt werden über die Probleme der jüngeren Männergeneration, deren Frauen sich nicht mehr damit begnügen, die Hemden zu bügeln? Also über ihre jungen Mitarbeiter, die zwischen den Stühlen von Familien und Arbeit sitzen? Möglicherweise schwelt hier ein Generationskonflikt. Bei jüngeren Männern hat sich das Rollenverständnis ziemlich gewandelt, wie die von den Kirchen herausgegebene repräsentative Studie Männer im Aufbruch zeigt. Die Gruppe der sogenannten "neuen" Männer, die partnerschaftlich und familienorientiert ist, rekrutiert sich aus Männern, die jünger als vierzig Jahre alt sind. Vielleicht bedürfen die Herren, die jetzt in Entscheidungspositionen sitzen, jedoch lediglich der Aufklärung, daß ein harmonisches Familienleben leistungsstabilisierend und leistungsfördernd wirkt.

Und wenn familiärer Streß die Leistungsfähigkeit einschränkt? Auch das gibt es: daß ein junger, verheißungsvoller Mann zum Alkoholiker wurde, weil sich seine Frau weigerte, für die Familie allein verantwortlich zu sein und die Scheidung einreichte. Es kracht im Gebälk der Geschlechterkonstruktionen. Doch wo liegt ein Ausweg?

Blick in die Unterschicht

Hier lohnt der Blick in den Osten und in andere Schichten. Über das Vaterverständnis in Unter- und Mittelschichten sprach auf der Tagung der Kultursoziologe Dietrich Mühlberg. Fangen wir mit dem Proletariat an. Der Arbeiter konnte sich nie eine "Hausfrau" leisten. In ärmlichen Verhältnissen mußten Frauen stets mit "anschaffen", was die Stellung des Mannes in der Familie relativierte. Frauen und Männer aus Unterschichten verfügen über eine kollektive Erfahrung, die anders ist als die bürgerlicher Kreise. Traditionell wurden in den Unterschichten Erwerbstätigkeit und Familienaufgaben auf Mutter und Vater aufgeteilt. Niemals verdienten sie jedoch so viel, daß sich materielles Erbe anhäufen ließ.

Besitzlos bleibend, mußte der Vater seinen (immateriellen) Reichtum, sein Wissen und seine Erfahrungen, den Kindern anders weitergeben als der bürgerliche Vater, der sich mit seinem ruhelosen Schaffen immer darauf berufen konnte: Es ist ja alles nur für die Kinder.

Der Unterschichten-Vater, so Mühlberg, mußte andere kulturelle Praktiken entwickeln, wollte er seinen Kindern etwas fürs Leben mitgeben. Er mußte mit ihnen kommunizieren, mußte ihnen handwerkliche Fertigkeiten beibringen. Das aber geschieht nur im direkten Kontakt, nicht in Abwesenheit, durch die der bürgerliche Vater glänzte. Womöglich ist so auch zu erklären, warum es ostdeutschen Vätern leichter fällt, Familienaufgaben zu übernehmen – jedenfalls weist eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts München von 1992 aus, daß ostdeutsche Väter doppelt soviel im Haushalt tätig sind wie westdeutsche Väter. Anknüpfend an diese Traditionen gibt es noch heute im Osten mehr sogenannte "neue" Männer, wie die Studie der Kirchen zeigt. Genaugenommen sind 32 Prozent ostdeutscher Männer partnerschaftsorientiert (von westdeutschen 22). Insgesamt immer noch zu wenige, wenn man bedenkt, daß die Mehrheit aller ostdeutschen und westdeutschen Frauen berufstätig sein und auch Kinder haben will.

Die Frage, oft schon gestellt, bleibt: Wann das "Jahrhundert der Frauen", das jetzt zuweilen proklamiert wird, auch Männern die Chance gibt, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Was ja nichts anderes heißt, als daß die beiden seit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft auseinander gedrifteten gesellschaftlichen Bereiche, der private und der öffentliche, in den Geschlechterrollen wieder zusammengeführt werden. Probleme für die Debatten über Männlichkeit und Weiblichkeit jedenfalls gibt es für das kommende Jahrtausend genug.

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