Prof. Dr. Norbert Walter in Rheinischer Merkur 41/99
MOBILITÄT / Kind oder Karriere? Eine Entscheidung ohne Zukunft
Die Personalpolitik im Unternehmen muß die Familien fördern,
nicht auseinanderreißen. Denn sie motivieren und halten die Gesellschaft
jung.
Autor: NORBERT WALTER
Flexibilität, Mobilität und Verfügbarkeit sind die Charakteristika
moderner Mitarbeiter. Irgendwann fordern Firmen mit Kundenfokus im internationalen
Wettbewerb ihren Managern und Angestellten dann die Entscheidung ab: Unternehmen
oder Familie. Immer mehr Singles, gescheiterte Ehen, der Verzicht auf Kinder
scheinen die unausweichlichen Folgen solcher Konzepte zu sein.
In einer Zeit, in der die Umwelt eine Lobby hat und das Modell
"nachhaltiger Entwicklung" zur herrschenden Lehrmeinung wird,
sorgt sich kaum einer um die Keimzelle des Lebens: die Familie. Oder ist
auch dieses Konzept out? Ist die Weitergabe des Lebens an das Reagenzglas
übertragen worden? Kann jedes Individuum beliebig über neues
Leben entscheiden?
Wenn man die fundamentalistischen Attacken gegen genetisch
veränderte Pflanzenformen sieht, möchte man meinen, keiner könnte
ungestraft mit menschlichem Leben herumexperimentieren. Auch nicht in dem
Sinne, daß jungem Leben keine Eltern mehr zur Verfügung stehen
- und das trifft beide Geschlechter, Mutter und Vater.
Wollen wir noch weitere Exzesse dieses Karrieremodells fördern,
das zur Vereinzelung und Vereinsamung führt, zur "Multi-Scheidung"
und zu Single-Dasein? Müssen wir erst die demographische Struktur
zum Sanierungsfall machen, bevor wir uns besinnen? Oder besser: uns durch
Unternehmens- und Personalberater aufklären lassen, daß wir
in einer Sackgasse stecken?
Wohin steuert diese Republik? Mit durchschnittlich 1,2 Kindern
pro Familie reduzieren wir - von der Zuwanderung einmal abgesehen
- unsere Bevölkerung in einer Generation auf rund zwei Drittel
ihres Ausgangsbestandes. Würde unsere Lebenserwartung nicht stetig
steigen, wäre die Entwicklung noch dramatischer. Die Zahl unserer
Arbeitskräfte indes sinkt auf 60 Prozent des Ausgangsbestandes und
das in gerade einmal drei Jahrzehnten.
Das allein müßte Unternehmen, die an ihrem langfristigen
Überleben interessiert sind, elektrisieren. Dies hat etwas mit der
Veränderung von Absatzmärkten und der Verfügbarkeit von
Arbeitskräften zu tun - insbesondere jenen jungen Beschäftigten,
die man erfahrungsgemäß braucht, um den Strukturwandel zu verwirklichen
und moderne Technologie reibungslos und wirkungsvoll zu implementieren.
Aber da gibt es noch etwas: das Wohlbefinden, die innere Ruhe
und Kraft, die Mitarbeiter für nachhaltig gute Leistungen im Betrieb
brauchen. Und dazu gehört die Pflege ihrer Seele. Hierfür gibt
es sicher mehrere geeignete Formen: Musik und Literatur, Sport und Spiel,
Spaß und Hobby. Ausgangspunkt für vieles ist als wirtschaftliche
Schicksals- und Treuegemeinschaft indes eine intakte Familie, ja wegen
der steigenden Lebenserwartung sogar zunehmend die Drei-Generationen-Familie.
Schon alleine deshalb, weil das staatliche Kollektiv diese Leistungen weder
menschlich noch ökonomisch effizient bereitstellen kann. Die letzten
25 Jahre des europäischen Sozialismus beweisen das.
Während die Rolle der Familie als Wirtschaftsgemeinschaft
aber wenigstens theoretisch in Frage gestellt werden könnte, ist die
Familie für die Bereitstellung von Glück und Geborgenheit, als
Basis für Erziehung und Bildung absolut unersetzbar. Nur im Miteinander
von Generationen, Geschlechtern und von Geschwistern erwächst Lebensfähigkeit
im elementarsten wie im spirituellen Sinn. Nur im Aneinanderreiben und
im Aneinanderlehnen entsteht jene Kraft und Ruhe, die Leistungen nachhaltig
ermöglicht. Solche Leistungen, die im herausfordernden Leben, im global
herausgeforderten Unternehmen gebraucht werden. Soziale Kompetenz, die
am meisten unterschätzte Qualifikation von Mitarbeitern, entsteht
genau in dieser Keimzelle: der Familie.
Was heißt all dies für das Unternehmen der Zukunft,
oder besser: das Unternehmen, das eine Zukunft haben will? Selbstverständlich
gibt es keine allgemeinverbindliche Antwort auf die Herausforderungen der
Zukunft. Da gibt es zwischen den Betrieben wichtige Unterschiede, die aus
der Größe, der Produktorientierung, der Weite der belieferten
Märkte oder aus der Vernetzbarkeit des Produktionsprozesses resultieren.
Natürlich können globale Player dorthin gehen, wo auch künftig
genügend junge und ausgebildete Menschen verfügbar sind. Natürlich
können kleinste Dienstleistungsunternehmen wie die Handwerker des
Mittelalters die Familie in den Betrieb oder den Betrieb in die Familie
integrieren. Selbstverständlich können technologisch orientierte
Dienstleistende die Telekommunikation für eine weit vielfältigere
Kombination von Arbeitsplatz und Wohnort, für eine weit facettenreichere
Mischung von Arbeits- und Familienzeit nutzen als der Hersteller von industriellen
Standardprodukten. Aber selbst wenn sich einige Unternehmen der Alterung
ihrer Arbeitskräfte entziehen können, trifft dieses Phänomen
die übrigen doch um so stärker - absolut und vor allem
relativ gesehen. Ihre Performance wäre beim Status quo massiv gefährdet.
Ob die zehnjährige Rezession Japans, dem Land, das als erstes "ergraute",
ein Menetekel dafür ist?
Moderne Unternehmen müssen alle Register ziehen, um die
demographische Falle zu vermeiden: Sie müssen ihre Märkte auf
wahrscheinliche Ausfälle hin abklopfen. Sie müssen bei der Produktionsweise
systematisch den Alterungsprozeß ihrer Mitarbeiter berücksichtigen.
Sie müssen sich auf lange Sicht Nachwuchs sichern (durch "Horten"
junger Arbeitskräfte, durch Ausbildungsvereinbarungen, Stipendien
für Studien). Sie müssen Reservoirs junger, ausgebildeter Arbeitskräfte
- insbesondere Frauen - systematisch identifizieren. Sie
müssen dieses Potential durch personalpolitische und organisatorische
Anpassungen (Telearbeit, Teilzeitarbeitsplätze, organisatorische Hilfe
bei Kinderbetreuung) ausschöpfen. Und sie müssen schon früh
beginnen, Schüler und Studenten wenigstens stundenweise in den Betrieb
zu integrieren.
Die massive Verminderung der jungen Generation in den letzten
25 Jahren und der Bedarf nach besserer Ausbildung wird den Spielraum eng
machen. Deshalb müssen Betriebe zurückgreifen auf Kräfte
außerhalb der westlichen, aber auch außerhalb der früheren
kommunistischen Länder, denn letztere hatten ähnliche demographische
Entwicklungen wie wir. Das geschieht, indem entweder die Unternehmen zu
den jungen Arbeitskräften in Entwicklungsländern wandern. Oder
die jungen Menschen von dort kommen in die "alte Welt", um hier
Arbeitskräftedefizite auszugleichen.
Das Umfeld entscheidet
Unternehmen haben freilich nicht nur die Aufgabe,
ihren Betrieb möglichst gewinnbringend zu organisieren. Nachhaltigkeit
für ein solches Bemühen stellt sich nur ein, wenn die Umfeldbedingungen
dies erlauben. Unternehmen sind Teil der Gesellschaft, ihrer Lokationen,
ihrer Länder, der Weltgemeinschaft. Wollen sie langfristig reüssieren,
haben sie ein Interesse am Funktionieren, ja an der Verbesserung dieses
Umfeldes.
Diese Verantwortung hat es immer gegeben. Sie wurde verschieden
ernst genommen, sie war verschieden konstitutionell verankert. Nicht alle
Modelle waren Glücksfälle. "Crony capitalism" ist ebensowenig
ein Modell, nach dem hier gerufen wird, wie unser kontinentaleuropäisches
Modell des Korporativismus - ein Modell der Dominanz großer
Gruppen, die wie Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Kirchen selbsternannte
Vertreter des Gesamtinteresses sind.
In einem demokratischen Modell ist private Verantwortungsübernahme
gefordert. Es muß die Spielregeln dergestalt festlegen, daß
Spielraum für private und unternehmerische Initiative bleibt, daß
Überregulierung vermieden und Privatisierung verwirklicht wird. In
diesem Modell müssen Unternehmen mithelfen, auf europäischer
Ebene (freilich wegen des EU-Binnenmarktes) zu einer rationalen, das heißt
selektiven Einwanderungspolitik zu gelangen. Unternehmer müssen auch
mithelfen, daß die (Erst-)Ausbildung nicht verlängert wird,
daß die Integration in die Arbeitswelt von jenen Regulierungen befreit
wird, die einen gleitenden Übergang in die Erwerbswelt stören.
Es gilt die Hindernisse zu attackieren, die der Einbeziehung junger Frauen
in den Erwerbsprozeß entgegenstehen - oft auch auf halbstaatlicher
Ebene wie durch Ausbildungsverordnungen oder behaviouristische Hürden.
Was mir freilich besonders am Herzen liegt, ist die Neubesinnung
der Personalpolitik in den Unternehmen. Es sollte Chefsache werden, die
Belange der Familien der Mitarbeiter zu einem wichtigen Bestandteil der
Einsatz- und Karriereplanung zu machen. Kinder müssen nicht nur möglich
sein, sie sollten wieder in den Mittelpunkt rükken - auch im
Denken von Unternehmen. Solche Konzepte müßten den Eltern wieder
Zeit für ihre Kinder geben.
Das sollte in der Zukunft möglich sein - trotz
der Hypothek, die wir uns durch das generative und unternehmerische Verhalten
der letzten 25 Jahre eingehandelt haben. Wir müssen die Reservoire,
die uns die neue, weitere (technisch fortgeschrittene und Frauen gegenüber
offenere) Welt bietet, entschlossen nutzen. Was wir brauchen, sind offene
Augen für Modelle, die in anderen Ländern funktionieren, und
Formen, die schon in früheren Zeiten gang und gäbe waren.
Mehr Phantasie
Die sozialistischen Ideen der kollektiven Kinderbetreuung
sind nicht das Gelbe vom Ei, die Bereitstellung betrieblicher Kindergärten
mag erwägenswert sein, ist aber oft nicht die beste, ja manchmal noch
nicht einmal eine gute Möglichkeit. Wir brauchen vielmehr Vielfalt
durch Phantasie: bei dieser neuen Herausforderung für die jungen Frauen
und - ganz besonders schwer - die jungen Männer, die
ohne Rollenmodelle ihrer Väter aufwuchsen. Ob sich die neue Verantwortung
für die Familie schon im Jahr 2010 auf den Konferenzen der Unternehmens-
und Personalberater als wichtiger Teil einer nachhaltigen Unternehmensstrategie
etabliert hat? Es wäre uns, es wäre dem Globus zu wünschen.
Prof. Dr. Norbert Walter ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Geschäftsleiter
der Deutsche Bank Research.
Ausgabe: 41/99
Copyright © 1998 ntg2000 & Rheinischer Merkur