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Neues Deutschland, Sonnabend/Sonntag, 16./17. Mai 1998
Wir wollten die Männer verändern,
nicht vernichten.
Der Schriftstellerin Fay Weldon sind die Frauenrechtlerinnen zu
weit gegangen.
Die englische Autorin Fay Weldon (Jg. 1931), Wirtschaftswissenschaftlerin, Psychologin und Frauenrechtlerin der entspannten Art, hat ihren 22. Roman (»Big Women«, bei HarperCollins, London) veröffentlicht. Die Erfolgsautorin wirft den Feministen vor, sie seien insgesamt »zu weit gegangen«. Heute sei »Mitleid mit den Männern geboten«. Die Mutter von vier Söhnen kritisiert die »Neuen Feministinnen«, die in Großbritannien und den USA in aller Munde sind. »Ja«, sagt die Misses mild, »Männer besitzen nach wie vor die Produktionsmittel. Doch wenn ich mir die 17jährigen Jungs ansehe, bezweifle ich, daß sie in 20 Jahren das Sagen haben. Es werden eher Mädchen sein.« Mit Fay Weldon in ihrem Haus in Londons Stadtteil Hampstead sprach Rainer Oschmann.
0 Gibt es einen neuen Feminismus oder ist er ein Phantom?
Der Begriff ist ein Kunstprodukt ohne wirkliche Grundlage. Trotzdem regt er an, darüber nachzudenken: Wohin hat der Feminismus geführt, was hat er erreicht?
0 Worin besteht das vermeintlich Neue?
Der neue, Feminismus wirft dem alten vor, separatistisch zu sein. Und der neue Feminismus ignoriert bei seinem ganzen Herangehen die Mütter. So als würden die gar nicht existieren.
0 Verstehen Sie das?
Keinesfalls, und. diesbezüglich gibt es im neuen Feminismus auch keinerlei Fortschritt. Das sage ich, obwohl Frauen heute viel stärker als früher berufstätig sind und sie sich, so betrachtet, in Richtung des alten Sowjetmodells der Gleichberechtigung entwickelt haben.
0 Sie sehen darin keinen Fortschritt?
Nicht wirklich. Es ist wahr, daß wir heute wieder stärker von Gleichstellung sprechen, aber wir haben sie nicht. Schon gar nicht in sozialer Hinsicht, auch wenn es heute für eine Frau oft leichter ist, einen Job zu kriegen als für einen Mann. Und wenn's nur wäre, weil man sie schlechter als ihn bezahlen kann.
0 Worin unterscheidet sich, in seiner Haltung zu den Männern, der neue Feminismus vom alten?
Der Wandel hängt mit den Veränderungen bei den Männern selbst zusammen, am deutlichsten bei Männern unter 25. Er ist das Ergebnis jahrelanger Verächtlichmachung der Jungen und Männer durch Frauen. Londoner Frauen wünschen sich heute so gut wie kaum noch Jungen - ihr Babywunsch sind Mädchen. Viele Jungen haben Motivation und Selbstbewußtsein verloren, zumal sich gezeigt hat, daß Frauen ganz gut auch ohne Männer auskommen, wenn es um Lebensplanung und -gestaltung geht. Viele Frauen und Mütter haben sich heute von Männern getrennt oder bleiben allein, daß man sich zu fragen beginnt, ...
0 ... Where have all the men gone - sag mir, wo die Männer sind?
Genau. Hier in Großbritannien sind 28 Prozent aller Haushalte - Tendenz steigend - Ein-Eltern-Familien oder -Haushalte, und meistens sind es Frauen, die die Kinder aufziehen. Der Feminismus hat diese Entwicklung mit falschem Firnis und falscher Deutung versehen. Frauen haben ihre Siege manchmal vorschnell gefeiert, anstatt stärker partnerschaftliche Ziele zu suchen. Im Ergebnis sind sie mit Männern geschlagen, die sie so nicht gewollt haben können.
0 Das hört sich an, als sei der alte Feminismus eine männerfeindliche Angelegenheit gewesen.
Ja, aber diese demonstrative, fordernde Position hatte ihre Berechtigung in den 60ern und 70ern, als die Fragen sozialer Gerechtigkeit für Frauen viel elementarer standen.
0 Erwarten Sie von Ihren Geschlechtsgenossinnen heute mehr Besonnenheit?
Ja, Feministinnen, sollten sich daran erinnern, daß sie ursprünglich Gerechtigkeit gewollt haben und keine Rache. Sie wollten die Männer verändern, aber nicht vernichten. Statt dessen machen heute Frauen die Männer verächtlich und tun so, als seien Frauen a priori die besseren Menschen und Männer bestenfalls Schlappschwänze. Das kehrt einfach Geschlechterdiskussion von vor 25 Jahren um, als Frauen für »geistesabwesend«, »überromantisch« und »hoffnungslose Fälle« gehalten wurden.
0 Welches Ziel sollte Feminismus heute verfolgen?
Beitzutragen zu weniger Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus in der Gesellschaft, letztlich dazu, daß Menschen ziviler miteinander umgehen.
0 Das ist ein bescheidenes Anliegen.
Ja, aber ein lebensnahes. Würde die Gesellschaft heute die Sorgen alleinerziehender Väter anerkennen, würde sich auch das Los der Mütter und das der Arbeiter insgesamt erleichtern.
0 Werfen Sie als Feministin sich neuerdings deshalb so für die Männer in die Schanze, weil Sie selbst Mutter von vier Söhnen sind?
Zu meinen vier Jungen sind inzwischen durch die zweite Ehe drei Stiefsöhne hinzugekommen. Sieben insgesamt.
0 Tun Ihnen die Jungen leid?
Ja, und viele Mütter von Söhnen fühlen heute ähnlich. Mütter von Töchtern verstehen nicht, wovon ich rede, auch junge Frauen gucken verständnislos - sie halten es heute sowieso für selbstverständlich, daß sie jungen Männern überlegen sind.
0 Aber wenn wir in die Korridore der Macht blicken - die sind doch nach wie vor von Männern bevölkert!
Wohl wahr. Das hängt aber vor allem damit zusammen, daß die betreffenden Männer zwar Väter sein mögen - um die Kinder müssen sie sich dennoch selten sorgen. Frauen bringen, bis sie Kinder haben, in der Regel gleichgute oder bessere Leistungen als Männer. Das Problem beginnt in dem Augenblick, da aus den Frauen Mütter werden. Wenn sie dann bei Beförderungen hintanstehen, so nicht einfach, weil sie weiblich, sondern »Menschen mit Kindern« sind. Wenn ein Unternehmer wüßte, daß ein Mann in seiner Berufslaufbahn genauso stark an Kinder denkt wie eine Frau, gäbe es auf der Ebene derer, die die Weltgeschichte lenken, genauso viele Frauen wie Männer.
0 Manche meinen, es gehe weniger um alten oder neuen Feminismus, sondern darum, daß der Kapitalismus heute einfach wieder viel brutaler geworden ist.
Haben wir im Westen je etwas anderes von ihm erwartet? Die Tatsache, daß sich der reale Sozialismus der alten Männer brutal zeigte, heißt ja nicht, daß es im Kapitalismus nicht brutal zugeht.
0 Trotzdem gehen auch Sie davon aus, daß es für Frauen im Laufe der Zeit Fortschritte gab - alles bloß Scheinsiege?
Nein, nein, es hat Fortschritte gegeben, denn durch die technologischen Veränderungen etwa ist die Frau leichter vom Herd weggekommen. Auch durch die Pille oder die Tatsache, daß die emotionalen Probleme von Männern und Frauen heute bewußter angesprochen werden. Es gibt eine Feminisierung auf nahezu allen Gebieten. Etwas anderes ist es, wenn man Sich die neuen Feministinnen ansieht. Sie analysieren kaum die Gesellschaft. Sie haben im Grunde nur sich selbst im Blick. Auch zwischen Frauen und Müttern differenzieren sie nicht. Dabei ist es ganz entscheidend, ob eine Frau nur Frau oder auch Mutter oder aber - nachdem die Kinder groß sind - wieder Frau ist, mit neuen Chancen zur persönlichen Entwicklung.
0 Womit erklären Sie die Ich-Bezogenheit bei den neuen Feministen?
Die Figur der Saffron in meinem Roman »Big Women« ist typisch neue Feministin: Sie sorgt für Vater und Bruder, die nicht nur beschäftigungslos sind, sondern die sie auch für unbeschäftigbar hält. Sie schlüpft in die Rolle des selbstgerechten Hüters und Beschützers, die einst dem Vater zukam. Viele andere junge Frauen teilen diese Haltung, sie betrachten Saffron sogar als eine Art Vorbild.
0 So wie die »Spice Girls« heute Margaret Thatcher zur Heldin erklären.
Richtig. Sie sind nett, aber absolut naive Ignoranten.
0 Besteht eine Hauptschwäche des alten wie des neuen Feminismus nicht darin, daß er sich stets zu sehr auf die Mittelschichten konzentrierte, aber kaum um Frauen der Arbeiterschaft oder in der Dritten Welt kümmerte?
Nein, das vereinfacht mir zu stark. Im Grunde hat es im Feminismus immer drei Schienen gegeben: Zum einen der »radikale Feminismus«, der sowohl separatistisch als auch ziemlich middle-class war. Dann den »liberalen Feminismus«, der für Gesetzesänderungen und, bessere berufliche Chancen für Frauen eintrat. Diese Richtung war meines Erachtens vernünftig und weithin erfolgreich - gleich, ob Frauen berufstätig sind oder ihren Anspruch auf Mutterschaftsurlaub forderten.
Die dritte Tradition verdient heute wieder größeres Gewicht: Sie ging aus der marxistisch-trotzkistischen. Bewegung hervor und ließ sich von der Überlegung leiten, daß man sich erst um das Los der Arbeiter kümmern muß, ehe man das Los der Frauen verbessern kann. Diese Richtung geriet in Vergessenheit. An sie müßte man anknüpfen, weil aus Frauen zwar keine Männer geworden, beide aber im Arbeitsprozeß gleich schlecht gestellt sind.
0 Gleichstellung auf schwindendem Niveau?
Beide Geschlechter werden heute gleich stark ausgebeutet. In diesem Sinne gibt es wieder eine einheitliche Arbeiterschaft wie einst im sowjetischen System, und hinzu kommt, daß die Gewerkschaften als Interessenvertreter der Schwachen schwach wie lange nicht sind.
0 Wo liegt der Ausweg?
Der Feminismus muß all diese sozialen Aspekte berücksichtigen. Er darf nicht vordergründig und leichtfertig die Unterdrückung von Frauen durch Männer beklagen. Beide stecken in einer ganz ähnlichen Klemme.
0 Anders als Sie, die Sie den neuen Feminismus ignorant nennen, sprechen die Medien in den USA und England davon, daß er - Beispiel Natasha Walter - »politischer und aggressiver« sei?
Das überrascht mich auch. Natasha Walter gibt in ihrem Buch »The New Feminism« zwar zu verstehen, daß sie sich in ihrer gesellschaftlichen Rolle unzufrieden fühlt und sich deshalb als Feministin bezeichnet. Aber sie will vor allem geliebt und bewundert und als attraktiv empfunden werden.
0 Der neue Feminismus erscheint wie der separatistische alte, nur hübscher.
Er ist der alte - mit Lippenstift und hohen Absätzen.
0 Ist der neue Feminismus ein Abfallprodukt von Tony Blairs New Labour?
Das kann man so sagen. Das eine ist so irreführend wie das andere. Auch New Labour verkörpert nur Old Tory.
0 Stellt sich der New Feminism in den USA ähnlich dar wie in Britannien?
Meines Wissens ja. Das Phänomen ist ganz ähnlich. Katie Roiphe beispielsweise ist ebenso so hübsch wie Natasha Walter - und genauso naiv und ignorant. Andererseits will ich beiden zugute halten, daß der Feminismus immer ein schwieriges Konzept gewesen ist, ohne parteipolitische Unterstützung, ohne eigene Verfassung.
0 Hat die Rekordzahl von über 100 Frauen, die für die Labour Party neu ins britische Parlament gekommen sind, Einfluß auf die Feminisierung des Landes?
Wenn die Frauen den Willen einer MaggieThatcher hätten, ja. Ich fürchte jedoch, ihre Hauptstärke besteht im Anhimmeln Tony Blairs. Als Parlamentskandidatinnen sind sie wegen ihrer Fügsamkeit, nicht wegen ihrer eigenständigen Gedanken ausgesucht worden. Das jetzige Unterhaus ist voller Leute, die geradezu hündisch erfüllen wollen, was man von ihnen erwartet. Das gilt übrigens für Männer wie Frauen. Aber früher oder später werden sicher ein paar aus der Reihe tanzen.
0 Wie lautet Ihr persönlicher Kommentar zu einem Werbespruch, den Frauen in Ihrem jüngsten Roman als Plakat kleben: »Eine Frau braucht einen Mann wie ein Fisch ein Fahrrad?«
»Brauchen« stimmt, »wollen« steht auf einem anderen Blatt. Frauen haben gern Männer um sich. Gleiches gilt umgekehrt für Männer.
taz 12.9.98 Seite 3 - Katharina Rutschky:
Hoffen auf bessere Zeiten - Feminismus auf Krankenschein
Ohne einen Ursprungsmythos kommt wohl keine Religion aus. Im Fall der (west)deutschen Frauenbewegung hat man sich für einen Tomatenwurf der SDSlerin Sigrid Rüger entschieden. Seither wird alle zehn Jahre gefragt: Was hat die Frauenbewegung erreicht? Und gleich danach: Warum bleibt der Nachwuchs aus, der die Fackel weiterträgt? Oder die Tomate?
Die Frauenbewegung gehört zu den politischen Jugendbewegungen der siebziger Jahre und ist den K-Gruppen vergleichbar. Hier wie dort sammelten sich junge Leute mit schwachen bis starken Glaubens- und Erlösungsbedürfnissen. Manchen ist es bis heute nicht geglückt, Biographie, Gesellschaftskritik und Dogmatik zu sondern. Die meisten allerdings schauen schon lange auf ihre Lehrjahre in der Frauenbewegung mit Rührung zurück.
Wenn ich meine Freundin Korinna, die zehn Jahre jünger ist als ich, die ich nicht mitgemacht habe, nach ihren Erfahrungen befrage, dann hört sich das alles so an wie ein wichtiges politisches Praktikum. Danach beginnt das richtige Leben ... Die Anlässe, die Bewegung zu verlassen, waren unterschiedlich. Die einen machten Karriere, heirateten und kriegten Kinder, die anderen konnten ihre Bedürfnisse nach moralischer und politischer Ich-Synthese mit den dogmatischen und autoritären Entwicklungen der Frauenbewegung nicht auf Dauer versöhnen.
Meine Freundin etwa nahm Anstoß an der Arroganz, mit der die bürgerlichen Studentinnen sich anmaßten, den Prolomädchen ihr Leben zu erklären. Die Neigung, für andere das Beste zu wollen - auch gegen ihren erklärten Willen -, ist der Frauenbewegung, die sich zur Frauenpolitik im Rahmen einer Repräsentation ohne Legitimation verengt und verhärtet hat, nicht nur geblieben - bei der Frauenbevormundung hat man es immer noch mit einer Wachstumsbranche zu tun.
Seinerzeit, in den Siebzigern, wurde die Anrede "Fräulein" plötzlich tabuisiert, wurden Sechzehnjährige endlich als "Frauen" betrachtet. Das war eine feministisch korrekte Entdifferenzierung der condition feminine, reaktionär, wie jede Entdifferenzierung nun einmal ist. Aber das nur am Rande. Über die Frauenbewegung als Jugendbewegung brauchten wir nicht zu urteilen - solche Erscheinungen erledigen sich gewöhnlich von selbst mit dem Aufkommen neuer, ebenso verrückter und innovativer Ideen. Und dem Älterwerden. Nun hat sich aber die Frauenbewegung mit einer Serie von face-liftings jugendfrisch halten wollen. Das Wegbrechen der weiblichen Massenbasis wurde durch Lobbypolitik und Erfolge in den Massenmedien spätestens seit Ende der siebziger Jahre kompensiert. Wie war das möglich?
Die Frauenbewegung war und ist in ihren Resten als "Politik für Frauen" (vulgo Staatssfeminismus) eine Angelegenheit der akademisch qualifizierten Mittelklasse. Ihr Problembewußtsein reichte nur zur Etablierung einer Beschwerdekultur, mit den Männern als Adressaten und Papa Staat als Medizinmann. Daß die Gleichberechtigung bloß ein Papiertiger ist und Frauen (wie Kinder) nach wie vor hilfs- und schutzbedürftig sind, ist eine Idee, die Männern so lieb ist wie den Frauen teuer, die sie primär im öffentlichen Dienst umsetzen. Kein Selbstverteidigungskurs für Mädchen, kein Rhetorikseminar für Frauen kann die falsche Weichenstellung korrigieren, die bis heute die Einsicht verhindert, daß Frauen nach der Gleichberechtigung Probleme haben, die sich nicht mit dem Stichwort "Benachteiligung" beschreiben lassen.
Schon die Studentinnen von 1968 waren nicht benachteiligt, sondern von einer Freiheit gefordert, für die es in der Geschichte kein Beispiel gibt. Statt hier anzusetzen, hat man das überholte Modell der ewig nörgelnden Ehefrau auf Politikformat gepustet und wundert sich nun, daß es in Prozentzahlen an Chefs, Profs, Dirigenten und Präsidenten so gut wie nichts gebracht hat. Oder daß junge, gleichberechtigt erzogene Frauen von der Idee der Quote abgestoßen sind. Oder sich nicht melden, wenn wieder einmal ein Forschungsprojekt zur Erfassung der "sexuellen Gewalt" oder "Belästigung am Arbeitsplatz" aufgelegt wird.
Damit bin ich beim Scheinleben der Frauenfrage in den Medien, das dank deren Obsession mit Skandalen aller Art als ein durchaus blühendes zu bezeichnen ist. Die Frauenbewegung und die Frauen, die da übriggeblieben sind, haben an diesem Medienzauber Anteil und profitieren von ihm. Am Anfang standen abenteuerliche Behauptungen über die alltägliche sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen, es folgten Projekte aller Art und bis heute reihenweise Politikerinnen, die sich gern engagiert dazu äußerten, weil sie so leicht nie in den Genuß lebensnotwendiger Publicity kamen ...
Ein Karussell fing an sich zu drehen, von dem abzuspringen niemand mehr
den Mut hat. Es kam zu einigen problematischen Änderungen im Sexualstrafrecht
und zur Rückkehr von "Tante Elfriede", den Frauen, die überall
sexuellen Unrat wittern. Vielleicht verdanken wir den bösen Erfahrungen
aus der Nazizeit, daß dennoch die sexuelle Denunziation nicht im
großen Maßstab als Mittel der Politik zurückgekehrt ist.
Schlecht wird mir trotzdem bei der Erinnerung an die überflüssigen
Tragödien, die durch eine falsche, aber opportune Kodierung privater
Probleme mit dem Stempel sexuelle Gewalt zustande gekommen sind. Das Persönliche
ist politisch? Leider, möchte ich schließen. Und hoffe auf bessere
Zeiten.
Katharina Rutschky
Die Autorin, 57 Jahre, lebt in Berlin. Im Februar erscheint bei Hanser ihr Buch "Emma und ihre Schwestern - Ausflüge in den real existierenden Feminismus".
Siehe auch
taz-Magazin 12.9.98 Seite 1-3 Dossier
Reinard Krause, Die neue Frauenbewegung
Vor dreißig Jahren sorgte der Wurf einer Tomate für den Beginn der neuen Frauenbewegung in Deutschland. Danach kamen die provokativen Kampagnen, dann die Kinderläden, die Frauenzentren, Selbsterfahrungsgruppen und schließlich die Gleichstellungsbeauftragten und die Quote. Heute steckt der Feminismus in der Krise. Fragen Sie mal eine junge Frau nach ihrer Meinung zur Frauenbewegung. Die Antwort wird retrospektiv ausfallen.
So wie die von Rita Ebber, 32 Jahre, Filmausstatterin aus Hamburg: "Frauenbewegung? O je, die habe ich eigentlich immer als etwas Historisches gesehen, als etwas Gewesenes, mit dem ich mich nie identifiziert habe. Lila Latzhosen, Frauendemos und so - furchtbar. Ich dachte immer, für andere mag das ganz gut sein. Ich hatte das Gefühl, daß ich das alles nicht nötig habe. Benachteiligt habe ich mich auch nie gefühlt."
Drastischer formuliert es Melanie Döring (23), BWL-Studentin aus Berlin: "Ich bin Postfeministin. Das ganze Gequatsche über Feminismus geht mir auf die Nerven. Ich nehme mir, was ich will - und damit Schluß!" Als Identifikationsmodell scheint der Feminismus zu den Akten gelegt. Geschlechtsidentität als politisches Credo? "Püh..."
Dabei hatte alles so fulminant begonnen. Die späten sechziger Jahre waren die hohe Zeit der symbolischen Handgreiflichkeiten. Beate Klarsfeld ohrfeigte Kurt Georg Kiesinger, Eier flogen gegen das Berliner Amerika Haus, und in Frankfurt sorgte am 13. September 1968 eine wutentbrannt geschleuderte Tomate für Aufruhr in der linken Studentenschaft. Helke Sander, die spätere Filmemacherin, hatte auf dem 23. Delegiertenkongreß des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) die Arroganz von linken Chefideologen angeprangert, die zur Weltrevolution aufriefen und gleichzeitig Frauenfragen als "Nebenwidersprüche" abtaten. Und richtig: Eine Diskussion der Vorwürfe wurde gar nicht erst als Tagesordnungspunkt zugelassen - man sei, hieß es ausweichend, nicht auf das Thema vorbereitet. Der Berliner Abgeordneten Sigrid Rüger platzte der Kragen, die Tomate flog und traf den Vorsitzenden des SDS, Hans-Jürgen Krahl. Der Saal tobte, die Veranstaltung war nicht mehr unter Kontrolle zu bringen und wurde aufgelöst.
Tempi passati. Mit einer Delegiertenversammlung von Revoluzzern über Kinderbetreuung und die Lage studentischer Mütter diskutieren zu wollen, mutet heute skurril an.
Damals jedoch sorgte der Tomatenwurf für ein Aufschrecken der SDS-Frauen aus kühnen, geschlechtsübergreifenden Revolutionsträumen. Mit Männern, die ihre Schmutzwäsche per Post zu Muttern nach Hause schickten, sich um Kinder und Haushalt nicht scherten, wäre selbst nach einer geglückten Revolution kein Staat zu machen. Von wegen "Nebenwiderspruch".
"Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!" dekretierten nach dem Tomatenwurf die neugegründeten "Weiberräte" mit einem Rest klassenkämpferischer Emphase. Das war in der ersten, der provokativen Phase der neuen Bewegung. Pragmatischer war da schon die Eröffnung der ersten Kinderläden, der ersten Frauenhäuser und feministischen Gesundheitszentren. Diese von der Frauenbewegung in den siebziger Jahren initiierten, ursprünglich zumeist selbstverwalteten Einrichtungen sind in den neunziger Jahren nicht nur für junge Frauen zu Selbstverständlichkeiten ohne politische Brisanz, zu institutionalisierten Dienstleistern geworden.
Im Zuge seiner Professionalisierung ist der Feminismus zum internen Spezialdiskurs geworden, der außerhalb der von ihm erkämpften Institutionen keine gesellschaftliche Strahlkraft mehr besitzt - stellen Forscher fest. Der einleuchtendste Grund für eine Auseinandersetzung mit feministischen Inhalten scheint heute am ehesten die Aussicht, innerhalb ebensolcher Institutionen Karriere zu machen.
Etwa im Bildungssektor: An vielen Hochschulen ist Frauen- und Geschlechterforschung zum festen, interdisziplinär geführten Forschungszweig geworden. Mit dem Effekt, daß nicht nur die Geschichte weiblicher Sozialisation und die Funktionsweise geschlechtsspezifischer Macht erforscht werden, sondern auch - bislang einmalig - ein Forschungsgebiet mit hohem Anteil an weiblichen Lehrkräften entstanden ist.
An den Schulen freilich hält sich das Interesse an geschlechtsspezifischen Themen sehr zurück. Christa Gotsch, Deutsch- und Französischlehrerin an einer Duisburger Gesamtschule: "Bei den Oberstufenschülern und -schülerinnen ist die Resonanz auf Themen wie sexistischer Sprachgebrauch deutlich abweisend. Die Schülerinnen fühlen sich weder sprachlich noch sonst irgendwie benachteiligt. Benachteiligungen werden auf rein individuelle Persönlichkeitsprobleme zurückgeführt. Sie empfänden es eher als Niederlage, wegen ihres Geschlechts bevorzugt zu werden. Die Gleichberechtigung erscheint ihnen als längst erreicht."
Längst schätzen Frauen an Fraueneinrichtungen vor allem eines: ihren Gebrauchswert. "Aus Frauenbildungseinrichtungen verlautet, daß die Nutzerinnen zunehmend dazu beitragen, den Konsumcharakter der Bildungsmaßnahmen zu verschärfen, indem sie nur noch Interesse an kürzeren Bildungsveranstaltungen zeigen, die Lebenstechniken vermitteln", beklagt die Berliner Frauenforscherin Irene Stoehr. Auch das noch: Die Unterschiede zu konventionellen Frauenberatungsstellen schwinden dahin.
Als Gründe für den Bedeutungsschwund des Feminismus benennt Irene Stoehr vorwiegend Vermittlungsschwierigkeiten zwischen den verschiedenen Generationen der Frauenbewegung. Den "Gründerinnen" und den "Macherinnen" falle es schwer, in ständiger Wiederholung das vermeintlich immer gleiche an die nachwachsenden Jahrgänge der "Konsumentinnen" weiterzugeben und stets beim Punkt Null ansetzen zu müssen. Junge Frauen dagegen würden den Erfahrungs- und Erkenntnisvorsprung der Älteren häufig als erdrückend erleben. "Gerade Frauen", sagt Stoehr, "nehmen sich nämlich beides übel: überlegenes Wissen zu präsentieren ebenso wie ,keine Ahnung` zu haben und das zu zeigen."
Neben diesen immanenten, gruppenpsychologischen Gründen dürfte vor allem der Wandel der Lebensverhältnisse für ein geändertes Geschlechtsbewußtsein verantwortlich sein. Gab es in den sechziger Jahren für die Mehrzahl der jungen Frauen keine Alternative zur Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter, bestehen heute allein in der Gestaltung des partnerschaftlichen Alltags eine Vielzahl gesellschaftlich akzeptierter Möglichkeiten. Und das nicht nur in den Großstädten. Zusammenleben ohne Trauschein, Partnerschaft ohne gemeinsame Wohnung oder Alleinerziehung von Kindern sind heute auch in Kleinstädten oder in ländlichen Gebieten keine unüblichen Lebensformen mehr.
In einer 1996 veröffentlichten Studie des Deutschen Jugendinstituts München, die sich mit der Situation junger Frauen in Bayern und Sachsen beschäftigt, fällt vor allem die Offenheit der Lebensentwürfe auf: Fast alle der befragten Frauen gaben zu Protokoll, den Wunsch nach Kindern in ihre Lebensplanung einzubeziehen - vielleicht in fünf Jahren, vielleicht auch erst in zehn Jahren. Angesichts der verlängerten Phase der Unentschiedenheit spielen ideologische Abgrenzungen gegen bestimmte Lebensformen - "Ich heirate nie!" - kaum noch eine Rolle. Älteren Feministinnen stehen bei all dieser Schwammigkeit die Haare zu Berge.
Auch in der Haltung zur Arbeit zeichnet sich ein Bewußtseinswandel ab. Irene Stoehr: "Wer in den Siebzigern für die Quotierung eintrat - ,Die Hälfte aller qualifizierten Arbeitsplätze für Frauen!` -, bekämpfte unversöhnlich die Lohn-für-Arbeit-Kampagne. Heute wohnen diese früheren Widersprüche versöhnt in der jungen Feministinnenbrust." In einer aktuellen Broschüre der SPD zum Thema "Junge Frauen aktivieren und fördern" heißt es: "Junge Frauen stellen heute Beruf und Beziehung gleichberechtigt nebeneinander. Sie wollen nicht das eine oder das andere, sondern beides, und zwar gleichzeitig."
Die Entscheidung für einen solchen "doppelten Lebensentwurf" dürfte jedoch nicht immer ganz freiwillig erfolgen; bei einem schrumpfenden Arbeitsmarkt ist es nur naheliegend, sich gegen permanente Demotivierung durch private Gegenentwürfe zu wappnen. Eine resignative Rückkehr an Heim und Herd ist mit dieser Haltung gleichwohl nicht verbunden. Ob sich allerdings mit dem Prinzip des doppelten Lebensentwurfs das große, unerfüllt gebliebene Ziel der Frauenbewegung - die adäquate Teilhabe an Führungspositionen - erreichen läßt, steht dahin. Denn die Traumkarriere läßt sich mit solch gebremster Kraft wohl ebensowenig realisieren, wie eine generelle Arbeitszeitreduzierung derzeit denkbar ist. Aber womöglich kommen ja auch zunehmend Männer auf den Geschmack an einem Parallel-Leben jenseits des Berufs?
Vorerst jedenfalls scheinen die Zeiten, in denen Studentinnen ihren Unmut mittels Tomaten ausdrückten, noch nicht ganz vorbei zu sein. Das Fanal von einst ist heute allerdings nur noch müdes Zitat. Als im Dezember letzten Jahres Studentinnen der Freien Universität Berlin auf einer Vollversammlung gegen die jämmerliche Zahl von Frauen auf Professorenstühlen protestieren wollten, besannen sie sich auf ihr wurfstarkes Vorbild Sigrid Damm-Rüger und kauften achtzehn Kisten Tomaten. Kisten! Die männlichen Teilnehmer der Vollversammlung brauchten trotzdem keine Angst vor einem Tomatenmassaker zu haben: Statt das Gemüse historisch korrekt gegen die Kritisierten zu klatschen, wurde es ihnen - politisch korrekt - in die Hände gedrückt. Ob die Männer mit dieser stummen Geste etwas anfangen konnten, ist allerdings nicht überliefert.
Reinhard Krause, 37 Jahre, arbeitet seit August als Autor für die taz. Hauptsächlich beschäftigt er sich mit Themen der Popkultur.
Aus Anlaß des Tomatenwurf-Jubiläums findet am 31. Oktober (12 bis 24 Uhr) im Henry- Ford-Bau an der Freien Universität Berlin der Kongreß "Wie weit flog die Tomate?" statt. Programm und Anmeldung: Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin;Fon: (030) 28 53 42 11.
taz-LeserInnenbrief
Grundsätzlich keine Frauen
betr.: "Die neue Frauenbewegung" von Reinhard Krause, taz mag
vom 12./13. 9. 98
Entzückt war ich, im Artikel von Reinhard Krause über "Die neue Frauenbewegung" zu lesen, daß junge Frauen sich heute nehmen, was sie wollen und ihnen das Gequatsche über Feminismus auf die Nerven geht. Könnte es eine schönere Genugtuung für uns, die alt werdenden Feministinnen der 68er Generation geben, als die Feststellung: "Wir sind nicht mehr so im Kampf wie unsere Vorläuferinnen, wir haben die Partie im großen und ganzen gewonnen?" (Simone de Beauvoir 1949 in "Das andere Geschlecht"; es sei allerdings angemerkt, daß sie im Alter von dieser Aussage abrückte).
Wie sich die Zeiten in diesen dreißig Jahren geändert haben, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Zu Beginn der 60er Jahre hausintern in der politischen Redaktion der Regionalzeitung bewarb, bei der ich als Lokalredakteurin arbeitete, erhielt ich nicht mal eine Antwort. Kurz bevor ich dort kündigte, erfuhr ich von einem leitenden Redakteur: die politische Redaktion nehme grundsätzlich keine Frauen. - Wenige Jahre später traf ich den Ressortleiter Politik, der mich [...] noch kannte, bei einer Feier für JournalistInnen wieder, [...] Er fragte mich, ob ich eine eigene Wohnung hätte. Als ich bejahte, fragte er, ob wir da zusammen hinfahren könnten. Als ich verneinte, wandte er sich ab und redete für den Rest des Abends kein Wort mehr mit mir. - Heute, am 12. 09. 98, finde ich in derselben Regionalzeitung das Angebot an "die Leser", die Ressortleiter "Am direkten Draht" zu befragen, dazu sechs Männer im Bild, keine Frau. Eine Ressortleiterin gibt es in dieser Zeitung nicht.
Ich verstehe wirklich nicht, warum Katharina Rutschky auf bessere Zeiten hofft. Die Zeiten haben sich doch enorm gebessert!
Gisela Medzeg, Ludwigshafen/ Rhein
betr.: " Die neue Frauenbewegung" taz mag vom 12. / 13. 9. 98, S. I, II, III von Reinhard Krause sowie "Feminismus auf Krankenschein" S. III von Katharina Rutschky
"Endlich mal wieder ein Artikel über die Frauenbewegung", denke ich und gebe mich gleich in der 1. Spalte wieder geschlagen.
Meines Erachtens typisch taz, daß dieser Artikel von einem Mann geschrieben wurde, der sich die entsprechenden weiblichen Kommentare dazu aussucht. Und dann noch Katharina Rutschky dazu, an der wir schon in der ganzen Mißbrauchsdebatte unsere Freude hatten ...
Elke-Sofie Glenk (Immernoch- Feministin"), Sandhatten
Liebe Frau Rutschky, vielleicht waren Sie ja in Ihrem vorherigen Leben ein ausgebeuteter und mißbrauchter Mann, der in der Porno-Kartei eines brasilianischen Damenkränzchens sein Dasein fristete?
Freia Minkmar