EMMA Nov/Dez 1995, Seiten 42-44
Wenn Mütter gehen
Uta König (unten mit ihren beiden Töchtern Maxie und Anna) ist gegangen. Nach 18 Jahren. Und sie ist sauer auf die Frauen in der Müttergruppe, die ihr ein schlechtes Gewissen machen wollen. Denn sie findet: Die beste Mutter ist nicht immer die, die bleibt. - Und: berühmte Rabenmütter sowie eine Kontroverse über die geplante Einführung des gemeinsamen elterlichen Sorgerechts nach der Scheidung.
Ich habe Marie im Bauch gehabt. Ich habe sie geboren. Ich habe sie gestillt. Ein geschlagenes Jahr lang! Ich bin doch die Mutter." Ilona spricht in weinerlich-aggressivem Tonfall über die "einmalige Beziehung" zwischen Mutter und Kind. Bin ich im Kabarett? Von wegen. Niemand lacht. Die Zuhörerinnen wirken angestrengt und ernst. Die mitfühlende Solidarität gilt Ilona, der Mutter. Die 42jährige Exportkauffrau bangt seit der Trennung von ihrem Mann um das "Kindswohl". Der Vater lasse sie und ihre sechsjährige Tochter nicht in Frieden leben. Er wolle mehr Zeit mit dem Kinde verbringen, begnüge sich nicht mit den zwei Wochenenden im Monat, die Ilona ihm zugeteilt hat. Außerdem sei er gegen das alleinige Sorgerecht für sie, die Mutter. "Noch schöner! Was bildet der sich ein?" empört sich Beate, 38, Diplompädagogin. "Wir Mütter", erklärt die 40jährige Verlagsfrau Verena, "lassen uns nicht auch noch diesen Machtbereich wegnehmen. Wir kämpfen für unsere Kinder."
Die Mütter-Gruppe tagt. Fünf Frauen, die sich nach der Trennung vom Mann zu einer Art Schicksals-Gemeinschaft zusammengefunden haben. An jedem ersten Donnerstag im Monat treffen sie sich. In der Küche einer schönen Hamburger Altbauwohnung halten sie Kriegsrat. Es sind gutausgebildete und eloquente Frauen. Sie verfolgen ein gemeinsames Ziel: die rechtliche Entmündigung der Väter ihrer Kinder. Denn die wollen auch weiterhin mehr sein als nur Zahl-Väter oder Sonntags-Papis. Sie wollen sich mit den Müttern ihrer gemeinsamen Kinder das Sorgerecht teilen. Gleiche Rechte und Pflichten - auch nach der Scheidung.
"Er hat uns verlassen", sagt Beate, "warum sollte ich ihm jetzt noch einen Gefallen tun? Nee, er soll mir in die Erziehung meiner Kinder nicht mehr reinreden können." Ich sehe mich um. Die Mütter-Runde schweigt und nickt. Sie scheint in dieser fatalen Symbiose von Mutter und Kind zu schwelgen, die keine Trennung zuläßt zwischen der Paar- und der Eltern-Beziehung. Wenn der Mann geht, dann muß er gleichzeitig und automatisch auch Abschied nehmen von Tochter oder Sohn. Wenn er seine Frau nicht mehr liebt, dann liebt er auch die gemeinsamen Kinder nicht mehr. Dann - so die kollektive Unterstellung - will er mit seinem Wunsch nach gemeinsamem Sorgerecht nur die Mutter strafen, ihr ihre ursprüngliche, naturgegebene Domäne streitig machen. Er will ihr das Liebste entreißen, das Kind, diesen ihren lebendigen Besitz.
"Er hat uns verlassen" - dieser Satz ist so entlarvend für das Selbstverständnis dieser Frauen, die sich für emanzipiert und politisch fortschrittlich halten. Das sind sie also, die modernen Mittelstands-Mütter: Sie arbeiten als Teilzeitkräfte in qualifizierten Berufen, bekochen ihren Nachwuchs ökologisch bewußt und rümpfen die Nase über die gehetzten Voll-Berufstätigen, die ohne Gewissensbisse auf die Schnelle Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe servieren. Mit "spießigen Hausfrauen" hat der Mütter-Club so wenig am Hut wie mit den eigenen Müttern oder Großmüttern, die - finanziell abhängig vom Mann - am Kreuz der Ehe festgenagelt waren. Aber diese ökonomisch selbständigen Töchter haben sich als Mütter nicht freigemacht von diesem unerträglichen Geklammere, unter dem sie doch selber gelitten
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haben. Als Töchter. Und jetzt setzen sie alles dran, um ihren Töchtern diese Karikatur von Muttersein als Emanzipation zu verkaufen.
Im Konfliktfall - und darum geht es bei Trennung und Scheidung - entdecken Frauen seit neuestem den "Mutterinstinkt" - ihre Waffe, um den Kindern den Vater zu entfremden oder ihn als "Störfaktor" auszulöschen. Gekränkte und verletzte Frauen, die ihre unverarbeiteten Ehe-Konflikte auf Kosten der Kinder ausleben. Die Wut gegen den Mann wird in eine Wut gegen den Vater der Kinder umgemünzt. Vor ihm sollen sie geschützt werden. Aber eigentlich halten die Frauen den Kontakt zum Ex-Mann nicht aus. Gekämpft wird nicht gegen verantwortungslose Väter, die ihre Kinder lieblos behandeln. Hier geht es um Väter, die weiterhin eine lebendige Beziehung zu ihrem Kind leben wollen statt Zuwendung nach der Stoppuhr.
Ja, es macht mich wütend, wenn Mütter ihre Kinder wie ein Möbelstück besitzen wollen und es in der Auseinandersetzung mit dem Ex-Mann instrumentalisieren. Wütend, weil ich zu viele Mütter kenne, die froh wären, wenn der Vater sich nach der Trennung weiterhin liebevoll um die Kinder kümmern würde. Diese Mütter, die ständig bitten und betteln müssen, damit der Vater die versprochenen Ausflüge mit der Tochter oder dem Sohn auch einhält, erleben die Folgen väterlicher Gleichgültigkeit.
Zum Beispiel Rosemarie, 36, Sekretärin. Sie wird von ihrer 13jährigen Hanna immer wieder gefragt: "Papa hat mich doch lieb, oder? Warum hat er keine Zeit für mich?" Die Mutter wollte den Vater nicht schlechtmachen und hat versucht, ihn gegenüber der Tochter zu "entschuldigen": Hannas Kummer sollte gemildert werden mit Ausreden, mit Beschwichtigungen. "Meinen Zorn habe ich unterdrückt, habe immer gesagt, der Papa müsse so viel arbeiten. Er liebe sie, aber natürlich", erzählt Rosemarie. Jetzt, drei Jahre nach der Trennung, hat Rosemarie das falsche Spiel beendet. Sie hat ihrem Ärger Luft gemacht. Hanna hat Klarheit, aber sie leidet unter Selbstzweifeln, meinte, sie sei es nicht wert, vom Vater geliebt zu werden.
Ja, ich weiß, wovon ich rede. Von Müttern wird automatisch erwartet, daß sie nach Trennung und Scheidung der "Lebensmittelpunkt" ihrer Kinder sind, egal, ob die Eltern sich vorher die Verantwortung geteilt oder der Vater sogar die Rolle der Hauptbezugsperson übernommen hatte. Als ich mich vor drei Jahren von meinem Mann trennte und aus der Wohnung auszog, mußte ich mich so manches Mal rechtfertigen, daß ich meine Kinder nicht mitgenommen hatte, vor allem bei Frauen: "Aber du bist doch die Mutter!"
Plötzlich war es unerheblich geworden, daß der Vater unserer Töchter, der heute 18jährigen schwerbehinderten Anna und der elfjährigen Maxie, freiwillig beruflich kürzer getreten war und mir den Part der Haupternährerin der Familie überlassen hatte. Ich konnte immer beruhigt meiner Arbeit nachgehen, da ich die Kinder in guter väterlicher Obhut wußte. Ich war eine Feierabend- und -Wochenend-Mutter, die Fragen zu hören kriegte, die Vätern nur selten gestellt werden: Hast du auf Dienstreisen nicht Sehnsucht nach deinen Kindern? Kommt dein Muttersein nicht zu kurz? Frauen werden in erster Linie als Mütter wahrgenommen, während Männer immer Männer bleiben.
Sehnsucht, der Wunsch, mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu wollen diese Gefühle sind menschlich. Sie sind nicht an mein biologisches Muttersein geknüpft. Nach der Trennung habe ich sehr heftig darunter gelitten, daß ich all das nicht mehr hatte, was ich vorher so schön fand: Das gemeinsame Frühstück mit den Töchtern, dieses selbstverständliche Zusammensein - ohne vorherige elterliche Absprache wie jetzt.
Doch diesen Preis mußte ich zahlen, wenn ich die Kinder nicht zerreißen wollte. In dieser ersten Phase nach der Trennung hatte ich manchmal Angst, daß ich meiner kleineren Tochter fremd werde, wenn sie mich zwar häufig besucht, aber nicht mehr mit mir lebt. Da tat es dann schon verdammt weh, wenn andere Mütter mir - unterschwellig aggressiv - beteuerten, sie liebten ihr Kind viel zu sehr, um es dem Vater zu überlassen. Aber dann war es doch sehr befreiend für mich zu erleben, wie ein Kind seinen Schmerz über die Trennung der Eltern verarbeiten kann, wenn ihm durch mütterliches Gezerre nicht noch Loyalitätskonflikte und Schuldgefühle aufgeladen werden. Jede dritte Ehe wird geschieden. Jedes Jahr sind 150.000 Kinder betroffen. Etwa zwei Millionen von ihnen leben derzeit in einer Ein-Eltern-Familie, 1,75 Millionen bei der Mutter, 265.000 beim Vater. Jedes zweite Trennungskind verliert den Kontakt zum Vater vollständig. Nur jedes vierte Kind, so das Erlebnis einer Studie der Hamburger Soziologin Anneke Napp-Peters, hat nach Trennung und Scheidung eine "enge und herzliche" Beziehung zum Vater. Massenhaft machen sich Väter für ihre Kinder unsichtbar, gerade so, als müßten sie vor ihrem Nachwuchs flüchten. Merkwürdig nur, daß alleinerziehende Mütter nicht mehr väterliche Präsenz einfordern. Im Gegenteil: "Gerade richtig" finden zwei Drittel von ihnen die Zeit, die der Vater mit dem gemeinsamen Kind verbringt. Das heißt für viele Kinder und Väter: möglichst selten oder gar nicht. Denn 56 Prozent der alleinerziehenden Mütter versuchen, den nicht sorgeberechtigten Vater "so weit wie möglich aus der Erziehung herauszuhalten". Was die Wissenschaftlerinnen des Deutschen Jugend Instituts (DJI) in München erforscht haben, deckt sich zumindest nicht mit der breiten öffentlichen Kritik, die Vätern vorwirft, nach Trennung oder Scheidung die Mütter mit der Verantwortung für die Kinder alleine zu lassen. Die Betroffenen selbst scheinen in ihrer Mehrheit keinen gesteigerten Wert auf verstärktes väterliches Engagement zu legen.
Verena, Lehrerin, 40 Jahre alt und Mutter der zehnjährigen Lisa, beklagt sich darüber, daß Vater Jens am letzten Wochenende wieder auf die bequeme Tour das Kind ernährt habe - mit Hilfe des Pizza-Bestellservice. Außerdem habe der unfreiwillige Wochenend-Papa das Töchterchen mit auf den Fußballplatz geschleppt, eine Unternehmung, die die Mutter ebenfalls mißbilligt. Auf Nachfrage kann Verena nicht bestätigen, daß sich Pizza und Fußballspiel negativ auf die seelisch-körperliche Entwicklung eines Mädchen auswirken. Sie fragt sich auch nicht, ob ihre Tochter gern mit dem Vater zusammen ist. Sie will überhaupt nicht wissen, ob die Tochter Spaß mit dem Vater hatte. Denn Wissen macht ihr Angst. Verlustangst. Verena drückt es so aus: "Wenn Lisa das Wochenende bei ihrem Vater verbringt, dann ist plötzlich alles so leer, so still. Ich komme irgendwie nicht zu Ruhe."
Nach diesem Ausbruch an Ehrlichkeit kehren die Mütter fix zur Tagesordnung zurück. Verenas spontane Selbsterkenntnis würde durch jede Nachfrage
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nur Unruhe und Zweifel auslösen, auch den Kampfgeist schwächen. Mütter, die sich darüber klar werden, daß sie sich ohne ihre Kinder amputiert und einsam fühlen, verraten zuviel von ihrer Angst. Reihum werden die aktuellsten "Sünden" der Väter aufgezählt. Beate berichtet, Ex-Ehemann Frank habe ihre Sarah ausgerechnet am verkaufsoffenen Samstag mit in den überfüllten und stickigen Baumarkt genommen (nach Ansicht der Mutter wäre ein Spaziergang an der frischen Luft sinnvoller gewesen). Beate: "Und dann hat er sie Nägel in die Wand hauen lassen. Ihr linker Daumen war noch am Montag ganz blau." Die siebenjährige Sarah hat ihrem Vater beim Bilderaufhängen geholfen. Hat sie sich darüber beschwert? "Nein", sagt Beate, "Sarah redet nie schlecht über ihren Vater. Sie ist ein loyales Kind."
Solange wir nicht die Hälfte der Macht in der Welt haben, geben wir kein Stück unser Macht als Mütter ab !
Vater Peter hat mit seiner Tochter Katharina ein Pipi-Langstrumpf-Video angeschaut, obgleich die Mutter ihm angeraten hatte, ein Buch vorzulegen. In lauter Lächerlichkeiten erschöpfen sich die Beschwerden dieser Mütter über die angebliche Erziehungsunfähigkeit der Väter. Machen die Väter attraktive Ausflüge, dann werden sie als Verwöhn-Papas gegeißelt. Faulenzen sie mit ihren Kindern oder gucken mit ihnen fern, dann sind sie einfallslose und desinteressierte Pädagogen. Wie auch immer: Wer keine stichhaltigen Argumente hat, um einem Elternteil das Recht der gemeinsamen Sorge zu nehmen, veranstaltet diesen Terror, der mürbe machen soll. Vor dem Familienrichter haben die Mütter allemal die besseren Karten. Wenn sie dem väterlichen Antrag auf gemeinsame Sorge nicht zustimmen, dann wird nichts aus der geteilten Verantwortung. Nicht einmal eine Begründung müssen sie dafür liefern, warum sie ihren Ex-Mann bei der Erziehung der Kinder kaltstellen wollen. Denn die gemeinsame Sorge ist seit einem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts vor 13 Jahren nur erlaubt, wenn die Eltern sich einig sind. Heute bleibt den Vätern meist nur das "Umgangsrecht". Dieser Status macht sie vom guten Willen der Mütter abhängig, wenn sie außerhalb der festgelegten und begrenzten Besuchszeit spontan mit ihren Kindern zusammensein wollen. Nur wenn die Mutter es ausdrücklich erlaubt, darf der umgangsberechtigte Vater sich in Kindergarten oder Schule Auskünfte über sein Kind einholen. Er darf seine Unterschrift nicht mehr unter die Einwilligungserklärung setzen, wenn das Kind operiert werden muß. Für Väter, die im Alltag ihrer Kinder keine Randfiguren waren, ist das bitter.
Was für ein Kampf wird da ausgefochten? Welche Energien werden da verschleudert? Seit einer Stunde höre ich zu - und fühle mich als Mutter meilenweit entfernt von der Runde am Küchentisch. "Geh da mal hin", hatte eine Kollegin gesagt. Ich hatte mich gerade von meinem Mann getrennt und mit der Scheidung das gemeinsame Sorgerecht für unsere Kinder beantragt.
"Wir sind feministische Mütter", erläuterte mir Ilona am Telefon und las mir gleich die "Unverschämtheiten" aus dem neuesten Schriftsatz des Anwalts ihres Ex-Mannes vor. Der weigerte sich nicht etwa den Unterhalt für Marie nach der Düsseldorfer Tabelle zu zahlen, der fragte nur zum wiederholten Male an, ob die Mutter wirklich in Maries Interesse handele, wenn sie dem Kind spontane Besuche beim Vater verbiete. Ich fragte erschrocken: "Quält und schlägt er das Kind?" Nein, Marie müsse zur Ruhe kommen. Sie brauche jetzt mehr denn je ihre Mutter. "Du verstehst das doch", sagte Ilona fordernd. Nein, ich kapierte überhaupt nichts. Nun war ich wirklich gespannt auf diese Müttergruppe, die sich feministisch nennt.
Feministisch? Diplom-Pädagogin Beate will mich unverzüglich auf den neusten Stand der Erkenntnis bringen: "Wir wollen die Hälfte der Macht in der Gesellschaft. Aber solange wir die nicht haben, geben wir kein Stück von unserer Macht als Mütter ab." Jetzt habe ich es begriffen: Die Mütter bleiben freiwillig in der alten Mutterschafts-Falle sitzen, sie opfern sich auf für ihre lieben Kleinen, bis ihnen eines Tages - wie aus heiterem Himmel - die Hälfte der Macht in Wirtschaft und Politik zufällt. Dann sind die Mütter auch bereit, einen Teil ihrer privaten Macht abzugeben. Dann dürfen Väter auch nach Trennung und Scheidung mehr sein als Phantomgestalten im Leben der Kinder. Soll die Minderheit von Männern, die sich nicht aus dem Staub machen wollen, hier und heute für die gesellschaftliche Ohnmacht von Frauen bestraft werden und die Kinder gleich mit? Als "neue Männer" wurden mütterliche Väter von Frauen herbeigesehnt und sodann als Exoten bejubelt. Fürsorgliebe Männer waren gefragt. Entlasteten sie doch die Frauen, wenn sie sich gleichberechtigt an Haushalt und Kindererziehung beteiligten. Solange sie in der Familie lebten, durften sie Mutter spielen. Aber mit der Trennung besinnen sich plötzlich und in letzter Zeit immer häufiger die biologischen Mütter auf ihre angebliche Vorrangstellung im Leben der Kinder. Weibliche Rache für ein schwaches Selbstwertgefühl? Das alleinige Sorgerecht - ein Machtinstrument für Frauen, um die Männer zu zwingen, ihnen gesellschaftlich die Macht zu geben, auf die sie Anspruch haben? Nie mehr darf eine dieser Mütter über ihre Doppelbelastung durch Kind und Beruf klagen! Selber Schuld. Sie wollen sich ja nicht entlasten und befreien, werden die Väter schreien. Vielleicht ist es ganz einfach so, daß die neuen Männer, die sich auch für Kinder zuständig fühlen und ihren Erziehungs-Part geleistet haben, von den Müttern so sehr als bedrohliche Konkurrenz empfunden werden, daß sie sich auf den Mythos Mutterliebe zurückziehen müssen. Der Griff in die ideologische Mottenkiste, getarnt als neue feministische Strategie.
Was zum Beispiel Sibylla Flügge, Mitherausgeberin der feministischen Rechtszeitschrift "Streit" zu Papier gebracht hat, müßte jeden kinderfreundlichen Menschen nach einem Anwalt für die Interessenvertretung der unmündigen Kinder und Jugendlichen schreien lassen. Die Juristin räsoniert: "Der Vorteil, den sich Mütter von der faktischen Alleinverantwortung versprechen können, ist die Liebe des Kindes, aber auch die daraus resultierende Kontroll- und Herrschaftsgewalt."
Noch sind die Kinder zu klein, um gegen die mütterliche Kontrolle aufzubegehren. Aber aus den Schilderungen dieser Mütter wird deutlich: Die Kleinen haben ein sehr feines Gespür für die Feindseligkeiten zwischen ihren Eltern und verhalten sich entsprechend. Sie erzählen von sich aus nicht, was sie bei ihrem Papa Tolles gemacht haben. Sie verstecken ihre Freude, wis-
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sen sie doch, daß Mama sonst unglücklich ist. "Alles, aber auch alles muß ich Katharina aus der Nase ziehen. Manchmal ist sie richtig störrisch", erzählt Mutter Sabine und faßt sich als pädagogisch geschulte Lehrerin nicht an die eigene Nase. Betroffenheit macht manchmal blind.
"Wir Mütter" - sie sind sich ja alle so einig in ihrer Gefühligkeit, in ihrem weiblichen Bewußtsein, das ihnen tief drinnen, irgendwo im Bauch, die Botschaft zuraunt: Nur die Mutter ist Garantin für das seelische und körperliche Wohlbefinden des Kindes. Natur-Mutter-Macht. Mir wird fast schlecht. Ich höre weiter zu - und denke an die Kinder, denen unter Berufung auf ein unergründlich urwüchsiges Gefühl die Luft zum Atmen genommen wird. Und diese Mütter schauen so unfroh in die Welt. Kein Wunder. Sie müssen sich und den Vätern ihrer Kinder ständig beweisen, wie unentbehrlich sie sind.
Zwischenrufe: Seid doch froh, daß die Väter eurer Kinder sich kümmern wollen! Gebt ihnen Alltag! Das gibt euch euch Freiheit! Jeder gute Vater ist ein Gewinn für die Emanzipation der Töchter!
Die Frauen schauen mich an, mißtrauisch und wütend. Verräterin. Nur eine kalte, gefühllose Mutter kann so sprechen. Ich bin keine "Löwin". Ich bin in ihren Augen wohl eher eine Rabenmutter. Ich habe mir auch schon vor diesem Abend mit der Mütter-Gruppe von Müttern anhören müssen, ob mir mein Beruf etwa wichtiger sei als meine Kinder.
Kinder. die nicht Angst haben müssen, die Liebe eines Elternteils zu verlieren und wissen, daß sie Vater wie Mutter lieben dürfen, verlieren nicht ihre Unbefangenheit zu erzählen, was sie bei Vater oder Mutter Aufregendes oder Schönes erlebt haben. Die Trennung der Eltern wird erst dann zur Katastrophe fürs Kind, wenn es von den Erwachsenen innerlich zerrissen wird und keinem Gefühl mehr trauen kann. Ilona fühlt sich nun beleidigt: "Solche Töne sind wir nur von kinderlosen Frauen und von Männern gewohnt." Das Feindbild ist klar: Jede Mutter, die sich dafür stark macht. daß Kinder nach der Trennung auch ein normales Leben mit dem Vater haben können. muß falsch programmiert sein.
Einwand: "Aber Töchter gehören doch zur Mutter!" - Antwort: "Nein, nicht automatisch." - "Hast du denn keine Angst, die Kinder an ihn zu verlieren?" - "Nein. Sie leben nicht im Gefängnis." - "Kann der Vater deinen Kindern geben, was du geben kannst?" - "Nein. Er ist anders, nicht besser und nicht schlechter als ich."
Die Emotionen schlagen hoch. Diese Mütter haben nichts verstanden, weil sie nichts verstehen wollen. Weil sie als Mutter-Tiere in der Opfer-Haltung verharren müssen. Und in der Gruppe bestärken sie sich gegenseitig. Selbsthilfe für mehr Selbstmitleid. Nur schlichte Gegenfragen: Warum soll ein Vater, der sich bisher fürsorglich und zärtlich um die Töchter gekümmert hat, nach der Trennung plötzlich ein erziehungsunfähiges Monster sein? "Deine Tochter", ruft Karina aufgeregt dazwischen, "wird dir eines Tages den Vorwurf machen, daß du nicht um sie gekämpft hast". Warum? Weil ich ihr nicht den Vater weggenommen habe?
Zwecklos, in diesem Kreis darüber zu diskutieren, daß Töchter, die mit liebevollen Vätern aufwachsen, eher die Chance haben, sich frei von Rollenklischees zu entwickeln. Stärker, mutiger und selbstbewußter sind diese Mädchen. Männer trauen sich mehr zu - und damit meist auch ihren Töchtern. Nach drei Stunden am Küchentisch der Mütter-Gruppe möchte ich die Kinder vor diesen Mütter beschützen, sie in die Obhut der Väter geben. Meine 18jährige Tochter Anna kann ich nicht fragen, wie sie die Trennung ihrer Eltern verkraftet und den Auszug ihrer Mutter erlebt hat. Anna ist gehörlos, auf einem Auge blind und geistig behindert. Für sie war es besonders wichtig, in ihrer gewohnten Umgebung bleiben zu können, da sie sich dort gut orientieren kann. Für die elfjährige Maxie aber war eine Welt zusammengebrochen. Sie half sich selbst, indem sie ihre Klassenkameradinnen interviewte, um herauszufinden, wie das denn so ist, wenn Eltern nicht mehr zusammenleben. Zunächst tröstete sie sich damit, daß "sowas ja ziemlich oft vorkommt". Sie wunderte sich nur, warum sie von anderen Scheidungskindern gefragt wurde, warum sie nicht ständig bei ihrer Mutter lebe. Heute spricht sie offen über ihren Schmerz und ihre Wut auf die "doofen" Eltern, die doch hätten zusammenbleiben sollen. Meine/unsere Tochter Maxie sagt aber auch: "Ihr streitet euch nicht mehr. Das ist gut. Und ich habe keinen von euch verloren."
UTA KÖNIG