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TAZ 18.8.98 (Links nachträglich eingefügt)
Auch das noch: Elf Jahre nach ihrem gescheiterten Versuch, Pornographie mittels Schadensersatzklagemöglichkeiten aus ihrer kleinen Welt zu verbannen, hat Alice Schwarzer ihre PorNo-Kampagne wieder ausgegraben. Mitgebuddelt hat diesmal aber nicht nur die langjährige Weggefährtin Rita Süssmuth (CDU), mitgebuddelt haben auch Abgeordnete aus allen Bundestagsfraktionen.
Zusammengeschlossen im "Frauenbündnis", fordern nun auch Christine Bergmann (SPD), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Andrea Fischer (Bündnisgrüne), Lore Maria Peschel-Gutzeit (SPD), Irmgard Karwatzki (CDU) und Ursula Männle (CSU) eine "juristische Neudefinition von Pornographie" - und zwar in den Grenzen von 1987. "Pornographie ist die verharmlosende, verführerische oder verherrlichende, in jedem Fall aber deutlich erniedrigende sexuelle Darstellung in Text oder Bild von Kindern oder Frauen [...]", heißt es in einer am vergangenen Freitag verbreiteten Erklärung des Frauenbündnisses, genau wie zu Zeiten der PorNo-Initiative, wo allerdings noch von Mädchen statt Kindern die Rede war.
Die unheilige Allianz, zu der sich Feministinnen und stockwertekonservative Moralisten in den USA gelegentlich zusammenfanden, bahnt sich mit diesem Papier auch hierzulande an. Dabei förderte diese Zusammenarbeit dort eine Stimmung, die Zensur salonfähig machte und zum faktischen Verbot von Ausstellungen eines Fotografen wie Robert Mapplethorpe führte.
So etwas scheint nun auch in Deutschland anzustehen. Auch hier arbeitet die Phalanx mit einer nachgerade wahnsinnigen Logik, verknüpft mit krudem Zahlenmaterial und dubiosen wissenschaftlichen Beweisen. Denn ganz gleich - hier soll vor allem die gute Absicht zählen: "Wir sind entschlossen, mit unserem Kampf gegen Pornographie und Sexualgewalt zu einer menschlicheren Gesellschaft beizutragen."
So behauptet das Frauenbündnis, der Pornokonsum habe die Zahl der Sexualstraftaten ansteigen lassen, obwohl ebendiese Zahlen stagnieren. "Pornographie ist sexualisierter Haß", befindet das Frauenbündnis, sei also "Kinderhaß und Frauenhaß" und damit "Volksverhetzung". Und nicht genug damit: "Schon der Besitz von Pornographie, Gewaltpornographie mit Frauen und Kinderpornographie muß international verboten, verfolgt und bestraft werden." Zu bedenken ist jedoch, daß extrem gewalttätige Pornographie nur einen äußerst geringen Marktanteil hat.
Im Blick der Kämpferinnen gegen das pornographische Übel verschwimmen die Unterschiede. Da im Pornopapier auch erwähnt wird, daß "zwei von drei jungen Männern heute regelmäßig pornographische Medien frequentieren" - Zahlen über Frauen, die pornographisches Material nutzen, liegen nicht vor -, drohen uns einsame Zeiten, wenn Pornokonsumenten und -konsumentinnen demnächst in überfüllten Gefängnissen sitzen.
Ein Jahrzehnt Bedenkzeit hat offenbar nichts genützt. Die "juristische Neudefinition" nennt weiterhin Frauen und Kinder in einem Atemzug, als würden Frauen nie erwachsen; abermals wird versucht, Pornographie von und für Erwachsene mit schweren Sexualdelikten gleichzusetzen - ganz so, als stünden Bezug, Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie nicht bereits unter Strafe. Gerade den Unterzeichnerinnen des Porno-Papiers dürfte bekannt sein, daß jegliche sexuellen Kontakte, die Erwachsene - und es sind immer nur die Erwachsenen, umgekehrt gilt nicht - zu Kindern herstellen, strafbar sind; ganz gleich, ob es um eine angebliche Liebesbeziehung oder um kommerzielle Ausbeutung von Kindern für Pornos geht.
Allen naiven Vorstellungen von Pornoproduzentengewaltherrschaft zum Trotz ist es aber die selbstbestimmte Entscheidung von Frauen, ob sie in Softsexfilmen, Hardcorepornos oder sadomasochistischen Darstellungen mitwirken. Es ist auch ihre individuelle Entscheidung, ob sie das, was das bestehende Gesetz als pornographisch bezeichnet, lesen oder betrachten wollen. Nach Paragraph 184 Strafgesetzbuch sind das sexuelle Darstellungen, die "auf Erregung eines sexuellen Reizes beim Betrachter abzielen".
Recht so, kann man da nur sagen, eine vernünftige Definition. Bloß: Was ist so schlimm daran? Außerdem, so der Gesetzestext weiter, überschreitet Pornographie die "im Einklang mit allgemein gesellschaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstandes". Diese Grenzen des sexuellen Anstandes haben sich erfreulicherweise seit Inkrafttreten dieses Gesetzes verändert und tun es weiterhin. Wir können auch davon ausgehen, daß ebendeshalb von "gesellschaftlichen Wertvorstellungen" die Rede ist - wohlweislich hat man dereinst keine genaueren Worte gewählt. Wichtig aber ist, daß Paragraph 184 StGB vor allem festlegt, wer Zugang zu pornographischem Material haben darf: Erwachsene.
Die Puritanerinnen vom Frauenbündnis wollen jedoch nicht nur die Pornographie verbieten, sondern außerdem bestimmen, was fortan "pornographisch" genannt werden soll. Während nämlich die derzeitige Definition von Pornographie einigermaßen klar ist, wollen die neuen Hüterinnen der Moral Pornographie als "die [...] deutlich erniedrigende Darstellung von Frauen [...]" unter Strafe stellen, und das nicht nur für Produzenten, sondern auch für Konsumenten. Was aber ist "erniedrigend"? Die Abbildung eines blanken Busens auf dem Titelbild des Sterns, gegen die Alice Schwarzer 1978 im Verein mit Inge Meysel klagte? Nackte Männer und nackte Frauen im Kamasutra? Ein japanischer Bondage-Comic? Und woran denken Sie, liebe Leserin und lieber Leser, dabei? Und wenn Sie etwas gefunden haben: Läßt Sie das auch bestimmt kalt?
"Erniedrigend" läßt sich juristisch schlechterdings nicht erfassen, weil das, was Andrea Fischer möglicherweise abstößt, mich fasziniert; weil das, was Christine Bergmann erträglich findet, von Ihnen nicht goutiert wird - also legen Sie sich einfach kein Heftchen zu, das Frau Bergmann favorisiert. So einfach ist das.
Pornographie ist kein "sexualisierter Haß". Pornographie ist, je nach Geschmack, ausgesprochen anregend oder abtörnend, aber was wir sehen wollen, das können wir uns selbst aussuchen. "Die Pornographie-Konsumenten von heute sind die Täter von morgen", schreiben die Verfasserinnen. Also ich ganz bestimmt nicht.
TAZ Nr. 5611 vom 18.08.1998 Seite 12 Meinung und Diskussion
Von Christin Schulze
BM/ADN Berlin - Die allgemeine Großwetterlage verheißt nichts Gutes. Dunkle Wolken brauen sich über den täglichen Wetter-Nachrichten zusammen. Es blitzt und donnert: Das «schwache Geschlecht» läuft Sturm gegen die Wetter-Machos von Berlins Freier Universität (FU), die im Zeitalter der Emanzipation noch immer jedem meteorologischen Tief ohne jede Rücksichtnahme einen weiblichen Vornamen verpassen.
Ob nun Josefine, Kornelia oder Heidrun - warum, so wettert «frau», soll sie eigentlich herhalten für Regen, Sturm, Hagelschlag und andere Unbill aus höheren Sphären, während den Herren der Schöpfung mit den Hochs grundsätzlich Sonnenschein und Wärme zugeschrieben werden? Dieser Unfug müsse endlich ein Ende haben, fordern etwa 500 Frauen aus allen Bundesländern in einem geharnischten Protestschreiben an die Berliner Wetterfrösche.
Der Chef des Meteorologischen Instituts der Freien Universität, Professor Horst Malberg, erschauert keineswegs angesichts des drohenden Gewitters. Er sei nicht der Übeltäter. Der Vorschlag, Tiefs weiblich zu benennen, gehe auf eine Meteorologin zurück. Warum die Dame in den 50er Jahren auf die Idee mit den femininen Tiefs kam, weiß auch der Professor nicht. Er kann nur trösten: Genau besehen Hochs sind Langweiler, während Tiefs Esprit haben.
Um die Ungläubigen zu überzeugen, holt der Berliner Chefmeteorologe weit aus: «Unsere Urahnen im Mittelalter lobten Petrus, so er Gutes für die Ernte tat. Heute werden die ¸Botschaften von oben´ nur noch danach bewertet, ob sie dem ausgeprägten Freizeitsinn entgegenkommen. Generell wird den Hochs zu viel Positives angedichtet.» Was ist auch schön an Sommersmog, Ozon-Warnungen, Nebel oder Kreislaufkollaps? Und da, wo nur Männer zum Zuge kommen, hinterlassen sie Wüste, so weit das Auge reicht.
Die protestierenden Frauen lassen sich von derlei Argumenten nicht gefangennehmen und beharren auf geschlechtsneutraler Wetterkunde. Als Anregung empfehlen sie dem Experten einen Blick nach Westen: Die konservativen Briten benennen Hochs und Tiefs beispielsweise mit Bmuchstaben. Und selbst die eher reformscheue Uno schiebt die Wirbelstürme im Wechsel Männlein und Weiblein in die Schuhe. Zu Jahresende löst sich das Problem eventuell von selbst: Die Berliner Hochschule muß aus Kostengründen auf die Erarbeitung der Wetterkarte verzichten. «Wenn es einen neuen Träger für diese Einrichtung geben sollte, muß der sich was Neues einfallen lassen», sagt Malberg. Sein Vorschlag: Hochdruckgebiete weiter nach Männern benennen, Tiefdruckgebiete hingegen mit Namen aus der Mythologie von Aphrodite bis Zeus bezeichnen.
Stuttgarter Nachrichten 19.8.98
Initiative sammelt 500 Unterschriften: "Frauennamen für Tiefs, das ist Sexismus''
Berlin (dpa) - Ausschließlich weibliche Vornamen für Tiefdruckgebiete sind einer bundesweiten Fraueninitiative ein Dorn im Auge. "Das macht heute nur noch das Meteorologische Institut der Freien Universität Berlin'', sagten Sprecherinnen der "Initiative für die Abschaffung der diskriminierenden Bezeichnungen von Tiefdruckgebieten ausschließlich mit Frauennamen und Hochdruckgebieten ausschließlich mit Männernamen auf der Berliner Wetterkarte'' am Dienstag. Die Frauen- und Männernamen aus Berlin werden bundesweit von meteorologischen Diensten und Medien benutzt. Die Initiative sieht in der Namensgebung "Sexismus'', weil alle angeblichen Schlechtwetterperioden mit Frauennamen versehen werden, was ein falsches Licht auf die weibliche Hälfte der Menschheit werfe.
500 Unterschriften seien bereits gesammelt worden. Sie sollen am 20. August dem Meteorologischen Institut und seinem Leiter Horst Malberg übergeben werden, teilten die Sprecherinnen Elke Diehl und Marlies Krämer mit. (...)
Eine wissenschaftliche Begründung für die eingeführte Namensgebung gebe es nicht. Die Meteorologen wollten einfach nur die Dutzenden von Hoch- und Tiefdruckgebieten je Monat leicht unterscheiden können. Er selbst halte sich an den Spruch ¸¸Namen sind Schall und Rauch - das gilt ohne jede Einschränkung auch bei Hochs und Tiefs''. Die Initiative schlug dagegen vor, für die Hochs und Tiefs Namen aus der Mythologie zu verwenden und beispielsweise regenreiche Tiefs Poseidon und sonnige Hochs Aphrodite zu nennen. (...)
Guido Disteldorf schreibt:
An die Redaktion vom
"Morgenmagazin" der ARD und ZDF, hier WDR
Fax 0221-2203270
betrifft: Morgenmagazin vom 20.8.98
Sehr geehrte Damen und Herren,
Hiermit protestiere ich gegen die Art und Weise Ihrer Moderatorin, der Namen ist mir unbekannt, wie sie die "Schwestern" dazu aufruft, Protestbriefe gegen die Bezeichnugsmodalitäten von metereologischen Tiefdruckgebieten zu schreiben. - Welche Probleme hat sie?
Ihr persönlicher Ehrgeiz bei der vermutlich von ihr selbst inszenierten Angelegenheit erinnert mich sehr an keifendes feministisches Geschwätz, das in einer breit angelegten Sendung für die arbeitende Bevölkerung nicht angebracht ist. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist doch keine Spielwiese für feministische Meinungsmache, so unscheinbar sie auch daherkommen mag.
Werden jetzt auch hier schon die kleinkarierten Debatten ausgefochten, die wir sattsam aus den linken feministischen Blättchen und Kampfschriften kennen? Selbst in Sprachregelungen wieder das "Patriarchalische" ausfindig zu machen, um es dann zu diffamieren? Peinlich!
Wird demnächst ein männlicher Moderator die "Brüder" dazu aufrufen, daß "die Sonne" endlich "der Sonne" heißt?
Wenn die Dame wirklich feministisch sein sollte, so dürfte es für sie keinen Platz an solch exponierter Stelle geben.
Mit freundlichen Grüßen, Disteldorf
Beilage
zur Berliner Wetterkarte
Amtsblatt des Instituts für Meteorologie Wissenschaftliche
Einrichtung 03 im Fachbereich Geowissenschaften der Freien Universität
Berlin
Carl-Heinrich-Becker-Weg 6-10, 12165 Berlin
90/98 - ISSN 0938-5312 - SO 11/98 - 1.9.1998
Ein Hoch auf das Tief
Prof. Dr. Horst Malberg
Der Sturm, der über das Meteorologische Institut der FU und mich als seinen Leiter unvohergesehen hereingebrochen ist und tagelang anhielt, flaut nun ebenso plötzlich wieder ab, wie er gekommen ist. Drei Tage lang sorgten die Medien dafür, daß das Telefon nicht still stand, daß die Arbeiten für Forschung und Lehre völlig zum Erliegen kamen.
Was war es, was die Drähte glühen ließ, was die Medien in "action" versetzte und was mich zu täglich 20-30 Rundfunk-, TV- und Zeitungsinterviews zwang? Was war – zumindest für drei Tage- scheinbar nicht weniger wichtig als die heiße Phase des Wahlkampfs 98?
Hatte das Ozonloch sich dramatisch vergrößert? War der Nachweis über die Auswirkungen menschlichen Tuns auf den Treibhauseffekt der Erde gerade gelungen? Oder war die Güte der Wettervorhersage in diesem Spätsommer gegen null gegangen? Was war es, was für Hörer, Seher und Leser zum Thema Wetter so bedeutend sein konnte?
Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Die Hochs und Tiefs beschäftigen die Nation, und zwar nicht die wirtschaftlichen oder politischen, sondern die in unserer Wetterkarte. Genauer gesagt, es sind die Namen der Druckgebilde, die von einer bundesweiten Fraueninitiative als diskriminierend empfunden werden. 500 Unterschriften gegen den "Mißbrauch" weiblicher Vornamen bei Tiefdruckgebieten waren gesammelt und auf den Postweg gegeben worden. Noch vor mir hatten unsere Medien von dem Vorgang Kenntnis bekommen und mit der gebotenen Gründlichkeit ihre Recherchen aufgenommen.
Zu meinem Bedauern muß ich gestehen, daß es keine wissenschaftliche Begründung für die Taufe von Tiefdruckgebieten mit weiblichen und von Hochs mit männlichen Vornamen in der Berliner Wetterkarte gibt. Im Duden heißt es: das Tief und das Hoch bzw. die Zyklone und die Antizyklone. Ihn kann folglich die Studentin Karla Schneider, später den ZDF-Zuschauern von der Wettervorhersage als Dr. Karla Wege bekannt, nicht zu Rate gezogen haben, als sie in den 50er Jahren den Vorschlag machte, zur Identifizierung in der Wetterkarte für die Tiefs weibliche Vornamen und für die Hochs männliche zu benutzen. Seither gibt es zehn Listen von A-Z, die chronologisch abgearbeitet werden. Nach einem kompletten Durchlauf wird dann wieder mit der Liste 1 begonnen. Eine willkürliche Namensnennung, z.B. weil den Meteorologen gerade ein Herr X. oder eine Frau Y. geärgert hat, ist natürlich ausgeschlossen. Wie heißt es doch in solchen Fällen: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher rein zufällig.
In den USA hatte man schon vor der Zeitrechnung der Berliner Wetterkarte begonnen, tropische Wirbelstürme, also Hurrikane und Taifune, mit weiblichen Vornamen zu versehen. Durch die Women Liberation Bewegung wurde erreicht, daß heute bei den tropischen Orkanen abwechselnd weibliche und männliche Vornamen verwendet werden. Bei uns lägen in diesem Fall die Dinge ganz einfach. Nach dem Duden ist der Hurrikan und der Taifun männlich und dieses müßte dann auch bei der Namensgebung zum Ausdruck kommen.
Weniger einfach zu lösen ist unser Namensproblem, denn wir haben ja zwei Druckgebilde zu benennen und nicht nur eins wie in den USA.
Die Fraueninitiative sieht in unserer traditionellen Praxis, Hochs männlich und Tiefs weiblich zu benennen, eine Diskriminierung der Frauen, und ihre Initiatorinnen schreiben von einer "Zweckentfremdung menschlicher Vornamen". Zur Begründung heißt es: "Bis dato werden alle Schlechtwetterperioden/Gebiete mit Frauennamen angekündigt. Frauen werden durch diese Namensgebung zu "Täterinnen" degradiert für: miese Laune, Unwohlsein durch Wetterfühligkeit, Schäden und Zerstörung durch Wirbelstürme usw.! Den "Herren der Schöpfung" wird dagegen die Schönwetterlage mit Sonne und sonstigem dazugehörigen Positiven reserviert!"
Hier steh’ ich nun, ich kann nicht anders, als mich mit den meteorologischen Argumenten meteorologisch auseinanderzusetzen. So einfach, wie behauptet, sind die Charaktereigenschaften unserer Hochs und Tiefs wahrlich nicht. Beginnen wir beim Hoch:
Hochdruckgebiete sind ihrer Natur nach im Sommer schön sonnig, aber auch ganz schön ozonsmogverdächtig und damit – auch wegen der Hitze- für manche Menschen ganz schön problematisch. Im Herbst sind Hochs im Zentrum ganz schön nebelig und auf ihrer Vorderseite bringen sie oft tagelang nebelig - trübes Sprühregenwetter. Im Winter sind Hochs ganz schön kalt. Sibirien, man glaubt es kaum, verdankt seine –50’C bis –70’C seinem winterlichen Hoch, und wenn dieses sich mal ausdehnt und dann die atlantischen Tiefs von uns fernhält, geht es auch bei uns mit –20’C und weniger ganz schnell in den Keller. Und dann noch die Winterluft bei Hochdruckwetter. Sie ist so reich an Staub, Abgasen, Schwefeldioxid, daß nur die frische Brise eines Tiefs die Lungen wieder frei atmen läßt.
Tiefdruckgebiete bringen Wolken und Regen, in ihrem Zentrum auch viele Wolken und viel Regen. Da die Tiefzentren aber meist nördlich an uns vorbeiziehen, gibt es in der Regel bei uns überwiegend (frontale) Niederschlagsbänder, die nach wenigen Stunden durch sind. Örtliche Schauer gehören auch zum Tief, aber auch die sonnigen Abschnitte dazwischen. Manchmal sind die Aufheiternden sogar so lang, da6 man sich fragt, sag mir wo die (vorhergesagten) Schauer sind, wo sind sie geblieben? Einige, ganz wenige Tiefs bringen auch gefährlichen Sturm. Aber von meinen eigenen rund 100 Bäumen weiß ich, daß auch der in der Natur eine Funktion hat; er entrümpelt sie von ihrem morschen Geäst.
Wie kommen nun Tiefs zu ihrem "schlechten Ruf" und wieso werden die vielen unangenehmen Eigenschaften von Hochs einfach übersehen? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach, und es liegt an den einfältigen Bezeichnungen auf den handelsüblichen Barometern, auf denen bei hohem Luftdruck "Schön" steht und bei tiefem Luftdruck "Regen". Wahrscheinlich liegen die Dinge aber doch tiefer.
Bei meiner Beschäftigung zu meinem Büchlein über die mittelalterlichen Bauernregeln wurde mit deutlich, daß unsere Vorfahren ein wesentlich anderes Verhältnis zum Wetter hatten als wir heute. Ein "freundliches" Jahr hatte für unsere Ahnen nichts mit dolce vita zu tun, sondern allein mit einer guten Ernte, wie sich leicht belegen läßt.
Eine gute Ernte wurde dann erreicht, wenn die Witterung in der Vegetationsperiode optimal war, d.h. im einzelnen:
Allein zur Erntezeit wünschte sich der Bauer trockenes Wetter. Für ihn war gut, was für die Natur gut war. Und ganz in diesem Sinne sagt man heute in Israel: Sonnenschein ist schönes Wetter, Regen ist gutes Wetter.
Heute sehen dagegen viele Menschen das Wetter unter dem Aspekt einer Freizeitgesellschaft. Gefragt ist Sonne pur, was schert uns die Natur. Wir wollen, daß die Sonne scheint, vor allem im Urlaub. Regen stört nur. Doch schön grün sollte alles schon sein, denn wer möchte schon in der Wüste Urlaub machen, auch wenn dort von Januar bis Dezember und von morgens bis abends das Hochdruckgebiet wirksam ist, das die Wüste geschaffen hat und sie erhält. Wenn wir den Regen als unangenehm empfinden, dann zeigt das, da6 wir die falsche Kleidung haben. Da ich täglich mit meinem Hund im Wald bin, kann ich den Slogan "Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Bekleidung" uneingeschränkt bestätigen.
Dort wo Regen Mangelware ist, wird er geschätzt. Fehlt er, wurden bei den alten Kulturvölkern mit kultischen Tänzen die Regengötter angefleht, dem lebensbedrohenden sonnigen Wetter ein Ende zu machen; bei der katastrophalen Dürre 1990 im Mittelmeerraum waren die Kirchen erfüllt von Bittgebeten.
Regen bedeutet Leben, Regen bedeutet Fruchtbarkeit. Wo sollten wir zudem unser Trinkwasser herbekommen, wenn nicht von den im Grundwasser gespeicherten Regenüberschüssen. Selbst Überschwemmungen, wie z.B. am Nil, können gewünscht sein. Und wo sie bedrohliche Ausmaße annehmen, wie derzeit in China oder bei uns beim Oder- Hochwasser, hat der Mensch sie durch seine Eingriffe in die Flu8läufe und durch die Besiedlung der Auen, also der natürlichen Auslaufgebiete des Flusses, selbst verschuldet. Auf den Lofoten-Inseln, also im direkten Einflu6bereich des Islandtiefs ist alles grün, obwohl die Sonne wenig scheint und die Temperaturen niedrig sind. Im Bereich der kontinentalen Subtropenhochs ist alles Wüste, die nur zum Leben erwacht, wenn es einmal regnet. Walt Disney hat dieses in seinem Film "Die Wüste lebt" sehr anschaulich gezeigt.
Zum Nachdenken gebracht durch die Fraueninitiative frage ich mich daher ernsthaft, wie kann man nur Regen als "schlechtes Wetter" bezeichnen? Wie kann man sich gedankenlos so weit von der Natur entfernen? Und diese Frage stelle ich mir nicht alleine.
Die Initiative hat mir 500 Unterschriften präsentiert. Doch nun erreichen mich zahlreiche Briefe und Anrufe, die sich kritisch mit den Zielen der Fraueninitiative auseinandersetzen und keine Diskriminierung in unserer Namenspraxis sehen. Eine Dame schreibt: "Die Wertung, die den Tiefs einen minderen Rang zuerkennt, ist städtisch. Die Landbevölkerung sieht das anders". Ausdrücklich ermuntert werde ich von vielen Frauen, ihre Vornamen in die Listen aufzunehmen, falls sie nicht schon enthalten sind.
Sie bringen zum Ausdruck, da6 die Parallele von Frau – Regen - Leben – Fruchtbarkeit das Gegenteil von diskriminierend ist. Von meinen Mitarbeitern sind deutlich mehr weiblich als männlich, diskriminiert hat sich aber noch keine gefühlt durch die Frauennamen der Tiefs.
Die Verknüpfung von Frauen, Regen und erblühendem Leben ist alt, sehr alt. "Einen so heißen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kein Grün fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier lag verschmachtet auf den Feldern." So beginnt das Märchen "Die Regentrude" von Theodor Storm. Schuld an dieser lebensfeindlichen Witterung ist der "Feuermann", ein Kobold mit einem feuerroten Rock und einer roten Zipfelmütze. Er kann nur besiegt werden, wenn es gelingt, die schlafende Regenfrau, die Regentrude, zu wecken. Und er wird natürlich besiegt.
Nicht in unserem Institut, sondern in den Mythen und damit tief im Herzen unseres Volkes liegen die Wurzeln für den Zusammenhang von Frauen, Regen und Leben.
Was wir im Institut tun und was daraus von einigen in der Medienlandschaft gemacht wird, bitte ich sorgfältig zu trennen. Wir geben dem Kind, Pardon, dem Hoch und Tief, in unserer Wetterkarte für sein flüchtiges Leben einen Namen. Niemand ist gehalten, diesen Namen zu übernehmen, ihn zu benutzen.
Attribute werden von uns niemals mitgegeben. Wenn ich dann, wie vor einigen Tagen in einem TV-Sender in den Hauptnachrichten höre "Das Monstertief Karoline", dann überkommt auch mich der heilige Zorn. Beschwerden bitte ich daher dort vorzubringen, wo derart Marktschreierisches gemacht wird.
Natürlich könnte man auch an andere Namen bei Tiefs und Hochs denken. Aber wollen wir wirklich die Dinge so weit treiben, daß das Tief Kaktus morgen dem Hoch Eichhörnchen folgt? Denkbar wäre auch, die Hochs männlich zu belassen und die Tiefs mit mythologischen Namen von Aphrodite und Apollo über Juno und Jupiter bis zu Zeus und Zerberus zu versehen. Aber wollen die Damen wirklich, daß ihre hübschen Vornamen in der Wetterkarte nicht mehr präsent sind? Nach den mir vorliegenden Einzelstellungnahmen in Zuschriften und Anrufen wird der Auffassung der Initiative meist lebhaft widersprochen. Wie ich hörte, haben sich bei der Ted-Umfrage eines Rundfunksenders zwei Drittel der Anrufer für die jetzige Namensgebung ausgesprochen.
Nun haben die Initiatorinnen den Senat von Berlin aufgefordert, mich zu zwingen, die ihrer Meinung nach diskriminierende "Zweckentfremdung menschlicher Vornamen" aufzugeben. Sollte ich dann auch meine liebenswerte Hündin Anja umbenennen, darf dann ein Pferd nicht mehr Max, eine Kuh nicht länger Lisa, Nachbars Katze nicht mehr Pauline und der Kanarienvogel nicht Hansi heißen. Fragen über Fragen in einer problembeladenen Zeit.