EMMA Sept./Okt. 98, Seite 20
DIE FEMINISTISCHE FORSCHERIN
Anita Heiliger macht gegen Männergewalt in München mobil. Emma hat die unermüdliche Soziologin und Feministin besucht - und so einiges über ihr spannungsreiches Leben zwischen den Welten erfahren.
Die Frau ist eine verwirrende Mischung von Weiblich und Männlich zugleich: weiches Lachen und fürsorglicher Blick, tiefe Stimme und analytische Verstand. Überhaupt scheint die heute 56jährige Anita Heiliger ein Mensch zu sein, in dem sich die Gegensätze vereinen: Sie ist eine Preußin und lebt in München, sie ist das Kind von Künstlern und arbeitet als Wissenschaftlerin, sie ist eine im besten Sinne radikale Feministin und eine sehr konkrete Pragmatikerin. Als solche gehört sie zum harten Kern der Initiatorinnen der seit Herbst 97 laufenden und in diesen Wochen noch einmal kräftig auf die Pauke hauenden Münchner Kampagne "Aktiv gegen Männergewalt".
Aktiv zu sein, das ist für Anita Heiliger selbstverständlich. Und das nicht nur als "Frauenforscherin" im Deutschen Jugendinstitut, sondern auch als handelnde Feministin in diversen Frauenprojekten, vor allem in dem 1983 gegründeten "Kofra" (Kommunikationszentrum für Frauen zu Arbeit und Leben) und der gleichnamigen Zeitschrift. Zwei Jahre später schon Heiliger die IMMA, die Initiative Münchner Mädchenarbeit, nach. "Es ist für mich optimal, die praktische Arbeit mit der Forschung zu verbinden", sagt die Doktoressa der Soziologie.
Besonders interessant ist im Falle von Anita Heiliger, daß sie das so lange, so unermüdlich und so klarsichtig tut. Die Feministin ist auch in etablierten Zusammenhängen eine gefragte Expertin, und ihre Veröffentlichungen gehören zu den richtungsweisenden. Schon seit Jahren forscht Heiliger zu den Ursachen sexueller Gewalt. Auch darum geht es jetzt bei der Kampagne "Aktiv gegen Männergewalt".
Und was würde eine Forscherin herausfinden, wenn sie dem Entstehen der Person Anita Heiliger bis zu den Wurzeln nachspüren würde? Da sind die Eltern, beide Bildhauerlnnen, der Vater aus den üblichen Gründen bekannter als die Mutter. Ihr hat die Tochter nach dem Tod 1997 mit dem posthum veröffentlichten Gesamtkatalog "Ruth Maria Linde-Heiliger" ein Denkmal gesetzt. "Beide waren für mich phantastische Vorbilder für ein eigenständiges, kreatives Leben", sagt Anita, die als einziges der drei Heiliger-Kinder nicht Künstlerin wurde.
Nach dem Studium an der Freien Universität Berlin zog es die Berlinerin nach München, denn da lief alles weniger dogmatisch und eher lässig. Erst dort, im Frauenzentrum in Schwabing, infiziert sie sich mit dem Feminismus-Bazillus. Ihr Einstiegsmotiv ist 1975 der Kampf für das Recht auf Abtreibung - da wußte die damals 31jährige aus eigener Erfahrung nur zu genau, wovon die Rede war.
Schon 1977 ist Anita Heiligerer beim harten Kern, der den bundesweiten Frauenkongreß organisiert und das "Feministische Gesundheits- und Selbsthilfezentrum". gründet. Und 1978 gehört sie zu den Initiatorinnen der von 2.000 Feministinnen aus dem ganzen Land besuchten Veranstaltung "Frauenbeziehung - Frauenliebe". Denn inzwischen hatte sich bei Anita Heiliger auch im Leben einiges geändert: sie hatte die Frauen schätzen und lieben gelernt. "Ich erlebte soviel Positives mit Frauen. Da war einfach kein Platz mehr für Männer."
Wo Anita Heiliger ist, herrscht diese sympathische Mischung aus Idealismus und Kompetenz - mal überwiegt das eine, mal das andere. So wie bei der Kampagne, die von Heiliger wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wird. Da machen zwar 200 Münchner Vereine und Verbände mit - von Feministinnen über Kirchen bis hin zu Gewerkschaften und ist Oberbürgermeister Ude persönlich Schirmherr dennoch ist die Kampagne bisher nicht so effektiv, wie es sich ihre Initiatorinnen erträumt hatten. Was am unbequemen Thema liegen mag, aber auch an der mangelnden Professionalität mancher gutmeinend Handelnder liegen kann.
Doch das kann eine Anita Heiliger nicht entmutigen. Die kämpft unermüdlich weiter für Aufklärung, für Menschenwürde und Freiräume für Frauen. Ihren eigenen kleinen Freiraum hat sie sich in Umbrien geschaffen, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin zusammen ein Ferienhaus hat. Die Frau, die beruflich heute in erster Linie Männerforschung betreibt, nimmt sich privat die Freiheit, in einer Frauenwelt zu leben. Aus politischen Gründen? "Auch. Aber vor allem, weil es Spaß macht!"
Die nächsten Termine der Kampagne "Aktiv gegen Männergewalt": "Politik gegen Männergewalt", Podium mit PolitikerInnen (14.9., 19.30 h, Haidhauser Bürgerlnnensaal); "1 Jahr Kampagne Aktiv gegen Männergewalt - Bilanz + Perspektive" (30.9., 19 h, Muffathalle); Zum Weiterlesen: Anita Heiliger/Steffi Hoffmann (Hg.): "Aktiv gegen Männergewalt", Frauenoffensive.