Hannoversche Allg. Zeitung vom 4.11.1998

Nach vierjähriger Trennung durften Eltern ihre beiden Kinder
wieder nach Hause holen. Vorwürfe gegen den Vater wegen
sexuellen Mißbrauchs seiner Kinder hatten sich als falsch
erwiesen.

Doch niemand fühlt sich für die
TRAGÖDIE DER FAMILIE verantwortlich.

Die Kinder sind wieder da - doch die Angst bleibt

Auf den ersten Blick wirken sie wie eine ganz normale Familie. Die Eltern sitzen mit dem Besuch am Kaffeetisch, die neunjährige Tochter kuschelt auf dem Sofa mit einem Teddy, im Zimmer nebenan sitzt der 13jährige Sohn vor seinem Computer. Doch die Geschichte der Spätaussiedlerfamilie, die nach Deutschland kam und sich mit großem Fleiß eine neue Existenz aufbaute, ist zu einer Tragödie geworden. Der Vorwurf, der Vater habe seine damals fünf und neun Jahre alten Kinder sexuell mißbraucht, riß Eltern und Kinder auseinander. Es dauerte vier Jahre, bis der Vorwurf vom Tisch war und die Eltern das Sorgerecht und damit ihre Kinder zurückerhielten.

Ohne den erbitterten Kampf ihres Rechtsbeistands Arthur Krajc, pensionierter Oberregierungsrat, hätten die Kinder vielleicht nie zurückkehren dürfen. Die Eltern hatten jahrelang das verzweifelte Gefühl, überall gegen Wände zu laufen. Anträge von Rechtsanwälten, die Vorwürfe durch kinderpsychologische Gutachten aufzuklären, wurden vom Amtsgericht zurückgewiesen. Auch eine Selbstanzeige des Mannes, der auf Anraten eines Anwalts auf diesem Weg die Beschuldigungen untersuchen lassen wollte, brachte nichts. Das Ermittlungsverfahren wurde schon kurz nach der Aufnahme eingestellt, weil das Jugendamt des Landkreises den Kindern die dafür notwendigen Anhörungen nicht zumuten wollte.

Schließlich fuhr der Vater zu Prof. Udo Undeutsch nach Köln, der Untersuchungen mit dem sogenannten Lügendetektor macht. Das Ergebnis sprach mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Mann, der immer wieder seine Unschuld beteuerte, die Wahrheit sagte. 800 Mark kostete das Gutachten, aber das Gericht ließ es nicht als Beweisstück zu. Erst nach mehr als drei Jahren, als das Verfahren um den Sorgerechtsentzug beim Landgericht gelandet war, forderte die dortige Kammer ein kinderpsychologisches Gutachten an, das keinen Anhaltspunkt für einen sexuellen Mißbrauch durch den Vater ergab. Die Eltern erhielten das Sorgerecht zurück, seit den Sommerferien sind die Geschwister wieder bei den Eltern. Eine vom Gericht angeordnete Therapie soll der Familie helfen, wieder zusammenzuwachsen und die Ereignisse der Vergangenheit zu verkraften.

"Es ist eine furchtbare Tragödie, die unsere Familie getroffen hat", sagt die Mutter, Svenja L. Sie hat damals minutiös schriftlich festgehalten, was am 24. Juni 1994 geschah. An diesem Tag, einem Freitag, erhielt sie im Geschäft, wo sie als Kassiererin arbeitet, einen Anruf vom Kindergarten. Sie solle sofort kommen, hieß es. Da sie keine weiteren Auskünfte erhielt, fürchtete sie, es sei etwas passiert. Sie fuhr sofort mit dem Fahrrad los. Im Kindergarten warteten schon die Leiterin der kirchlichen Einrichtung und zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes, eine von der dort angesiedelten Mißbrauchs-Beratungsstelle. Svenja L. wurde mitgeteilt, ihr Mann habe die Kinder sexuell mißbraucht.

Was sie in diesem Moment empfunden hat, kann sie nicht erklären. Sie weiß nur, daß sie zu weinen begann. Erst später erfuhr sie aus den Akten, daß ihre Kinder bereits fast ein dreiviertel Jahr lang ohne Wissen der Eltern nach sexuellem Mißbrauch befragt, zum Spiel mit anatomischen Puppen und zu Zeichnungen aufgefordert worden waren.

Sie bekomme die Kinder wieder, wenn sie sich sofort von ihrem Mann trenne, hätten "die Leute vom Jugendamt" gesagt. "Ich habe geschrien und geweint", sagt die Frau, "ich habe die Kleinen umarmt und immer gesagt: `Sie kriegen meine Kinder nicht.´" Ihr Vorschlag, die beiden bis zur Klärung der Vorwürfe zu Verwandten zu geben, sei abgelehnt worden, weil es Verwandte ihres Mannes gewesen seien. Die Mutter wollte mit den Kindern sofort zu einem Arzt, um sie untersuchen zu lassen. Auch das stand man ihr nicht zu. Sie habe mit ihren Kindern nach Hause gehen wollen, doch die Frau vom Jugendamt habe mit der Polizei und einer Anzeige gedroht, erzählt Svenja L. Dann durfte sie schließlich wenigstens mit zum Kinderheim fahren, in das die Geschwister gebracht wurden. Als Werner L. an jenem Tag von der Arbeit nach Hause kam und niemanden antraf, begann er, sich Sorgen zu machen. Von Svenja L.s Kollegin erfuhr er, seine Frau habe sofort zum Kindergarten fahren müssen. Voller Angst, es könne etwas Schreckliches passiert sein, eilte auch er dorthin. Im Kindergarten erfuhr er, daß er seine Kinder sexuell mißbraucht haben sollte.

Erst am Abend, als das Ehepaar allein zu Hause war, kam es wieder zur Besinnung. Beide können nicht erklären, was eigentlich in ihnen vorging - nur, daß sie hilflos und verzweifelt gewesen seien. Und Svenja L. ist noch heute überzeugt, daß man ihr die Kinder nicht einfach hätte wegnehmen können, wenn sie damals schon besser Deutsch gesprochen und sich sicherer gefühlt hätte. ,,Wir waren verzweifelt und wütend", versucht die Frau, die Gefühle zu beschreiben.

Drei Monate blieben die Kinder im Heim, dann kamen sie zu Pflegeeltern. Die Mutter durfte sie einmal im Monat für zwei Stunden besuchen. Das Kindergeld wurde an die Pflegeeltern überwiesen, Svenja und Werner L. mußten außerdem monatlich 520 Mark Unterhalt zahlen. Alle Anträge auf Gutachten wurden abgewiesen, jede neue Hoffnung auf Hilfe durch das Gericht brach jedesmal schnell wieder zusammen.

Doch Rechtsbeistand Arthur Krajc, der sich der Sache annahm, nachdem mehrere Rechtsanwälte aufgegeben hatten, brachte die Sache vors Landgericht. Als dort das Verfahren in Gang kam, hatte der Vater zum ersten Mal Gelegenheit, sich direkt zu den Vorwürfen zu äußern. Beim ersten Anlauf kam allerdings nichts heraus, denn der Mann brach bei der Anhörung weinend zusammen.

Jetzt ist die Familie wieder vereint, doch die Angst bleibt. Nach ihrer Rückkehr seien die Kinder tagelang nicht aus der Wohnung gegangen, berichten die Eltern. Über das, was geschehen ist, sprechen sie nicht. "Und ich habe Angst, etwas zu fragen", sagt der Vater. Er traue sich nicht, dem Jungen etwas zu verbieten oder seine Kinder anzufassen. So bleibt die Hoffnung auf die Hilfe der Familientherapeuten. Doch es ist auch Angst im Spiel, weil die Therapie von jenem Gericht überwacht werden soll, das ihnen das Sorgerecht entzogen hatte.

Eine Entschädigung für die hohen Ausgaben der Familie und für die lange Trennung ist bislang von allen Stellen abgelehnt worden, entschuldigt hat sich niemand. "Aber selbst wenn die vom Kindergarten sagen würden, es täte ihnen leid", meint Werner L, "würde uns das nicht in unserem Leid helfen." Und der schriftliche Bericht von Svenja L. endet mit der Frage: "Wer hat die Verantwortung für die Zerstörung unserer Familie?"

LISABETH VOß

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