Der Fall Ka.
Klaus K. (37) hat Timmy (5) seit zwei Jahren nicht gesehen
Masseur kämpft für Umgangsrecht mit seinem Sohn und gegen Sekte

Den Humor hat er noch nicht verloren, auch wenn er oft genug auf die Zähne beißen und sich beherrschen muß. Seit drei Jahren kämpft Klaus K. für das Umgangsrecht mit seinem Sohn Timmy. Bislang vergeblich. Im April 1995 hat der 38jährige das "Wunschkind" das letzte mal gesehen. Der Masseur und medizinische Bademeister setzt jetzt seine Hoffnungen in einen neuen Termin - und und auf einen spezialisierten Rechtsanwalt, der ein Verfahren bereits erfolgreich durchgesetzt hat. Denn bei Timmy geht es nicht um irgendein Kind, der heute Sechsjährige wird von seiner Mutter im Geiste der Zeugen Jehovas erzogen. Das hat, wie K. inzwischen weiß, Konsequenzen.

"Alle unsere Mitglieder werden finanziell ruiniert oder geben es allmählich auf, das Recht am eigenen Kind einzufordern. Strecken, strecken und nochmals strecken lautet die Methode." Der Lippstädte hat- inzwischen zusammen mit etwa 70 anderen Vätern in dem von Jutta Birlenberg

Bibelforschung ...

gegründeten Verein "Kinder in destruktiven Sekten" organisiert. Die Leverkusenerin verlor selbst ihre Tochter, den Schwiegersohn und Enkel an die "Wachturmgesellschaft". K. sah mehr zufällig einen Fernsehbericht über die Selbsthilfegruppe. Heute ist er froh, zur rechten Zeit eine kompetente Hilfe gefunden zu haben. "Nicht jeder übersteht diesen Konflikt, manchen treibt es zum Alkohol", berichtet er aus seinen Erfahrungen. Dabei sah alles so normal und friedvoll aus. Als K. seine Exfrau Ilse vor sechs Jahren kennen und lieben lernte, da entstand schnell der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft unter einem Dach und einem Baby. "Wir haben es beide gewollt", berichtet der Lippstädter über eine glückliche Vergangenheit. Das sollte sich ändern. Seine frühere Frau war geschieden - von einem "Zeugen". Für den konfessionslosen K. war das zunächst kein Problem. Aber als sich die Bibelstunden, zu denen sie das Kind mitnahm, häuften, ging es mit der Ehe rapide bergab.

"Wenn ich keinen Feiertagsdienst hatte, wollte sie zur Bibelforschung", beschreibt er ein zunehmendes gestörtes Familienleben. "Im Laufe der Zeit bin ich dahintergekommen, daß ich immer unwichtiger wurde", machte sich K. klar. "Der destruktive Kult nimmt die Ruinierung der Familienverhältnisse seiner Anhänger nicht nur in Kauf, er betreibt die Zerstörung bestehender sozialer Kontakte planvoll", bestätigt die Bremische Evangelische Kirche in einer Broschüre zur "Wachturmgesellschaft". Statt konstruktiver Auseinandersetzung mit den bestehenden Problemen erfuhr K. formelhafte Sätze, zusammengestellt aus dem Vokabular der Verkünder. Die Zeugen Jehovas sehen die Welt auf dem Weg zur Vernichtungsschlacht Harmagedon, währenddessen alle Nationen Finanzsysteme und auch Kirchen vernichtet werden. Danach entsteht ein Tausendjähriges Reich, indem die Zeugen Jehovas die neue Welt errichten. "144.000 Auserwählte werden mit Jehova über die Menschen die nach Harmagedon die Welt bevölkern", beschreibt die Broschüre die Lehre der Zeugen Jehovas. 1925 sollte erstmals der globale Crash die Welt verändert haben, zuletzt wurde das Endzeitpanorama für 1975 inszeniert.

... war wichtiger

Die nicht eingetroffenen Ereignisse werden von der Zentrale im amerikanischen Brooklyn unter Hinweis auf lediglich globale Zeichen relativiert. Schließlich gab es keine Einigung mehr zwischen K. und K.. Beide Seiten willigten in ein Trennungsverfahren ein. Beistand von ihren Eltern hatte der Vater von Timmy nicht zu erwarten, deshalb waren Vermittlungsersuche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Auch als die Exfrau ohne eine Nachricht zu hinterlassen verzog. K. sammelte sogar Unterschriften. Immerhin erreichte er vor dem Familiengericht Lippstadt ein 14tägiges Besuchsrecht - vor ihrem plötzlichen Umzug.

Kein Hinweis auf Behandlungsbedürftigkeit

Zunächst klappte das. "Heiligabend vor drei Jahren durfte ich Timmy besuchen, jedoch nur in Anwesenheit meiner Exfrau und ohne Geschenke", gibt K. einen Einblick in die weiter fortschreitende Entfremdung. Für Zeugen Jehovas sind Feste wie Weihnachten oder Ostern heidnischer Brauch, Geburtstagsfeiern werden als angebliche Selbstverherrlichung abgelehnt. Doch dann wurde K. der Umgang verweigert. "Sexueller Mißbrauch" des Kindes lautete der harte Vorwurf. K. meint, er habe während einer kurzen Abwesenheit der Mutter lediglich ein bißchen mit seinem Sohn herumgetollt, seine Exfrau indes dem Jungen eine andere Darstellung eingetrichtert. Was bei einem anderen Gericht in Wesel folgte, ist sattsam aus anderen Fällen bekannt. Termine, Gutachten, juristisches Tauziehen. Eine 46seitige psychologische Expertise von März 1996 empfiehlt, "für einen festzulegenden, nicht zu kurz zu wählenden Zeitraum (z.B. 2 Jahre), das Umgangsrecht weiterhin auszusetzen". In diesem Zeitraum sollte K. eine Therapie-/Beratungsstelle aufsuchen und in "mindestens 25" Terminen die persönliche Konfliktsituation bearbeiten. Der Kindesmutter wurde aufgetragen, "zumindest für den festgelegten Zeitraum der Aussetzung der Umgangsbefugnis eine Erziehungsbeistandschaft" zuzuordnen. Während der Vater sich einer klinisch-psychologischen Untersuchung unterzog, kam die vom Gutachter angeratene Beistandschaft nach Darstellung des Masseurs nicht zustande. Nach der Fachpsychologischen Bescheinigung, ausgestellt vom Leiter der Lippstädter Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, ergeben sich "keine Hinweise auf eine behandlungsbedürftige klinische Symptomatik" und auch "keine Indikation für eine psychotherapeutische Behandlung". Dennoch hält Klaus K. Kontakt zur Beratungsstelle, um nach Veränderungen der familiären Situation einen Ansprechpartner zu haben. In dieser Beurteilung sieht der Vater von Timmy eine große Stütze. Seit zweieinhalb Jahren zahlt Klaus K. monatlich 900,-- DM für Frau und Kind, Timmy und seine Mutter leben von der Sozialhilfe. Hinzu kommen 200,-- DM Rechtsanwaltsgebühren für die von seiner Exfrau nachgereichte Strafanzeige wegen des Mißbrauchs. Diese Anschuldigung, so schwer sie wiegt, ist für Sektenkenner nichts Außergewöhnliches. So hat die KIDS-Vorsitzende Jutta Birlenberg festgestellt, daß einige Väter von ihren Exfrauen angezeigt werden. "In keinem einzigen Fall haben sich die Vorwürfe bewahrheitet, aber die Frauen, vertreten durch Sektenanwälte, erreichen damit fast immer, daß den Vätern das Umgangs- oder Sorgerecht entzogen oder eben ausgesetzt wird", sagte sie in einem Interview.

Klaus K. ist inzwischen guten Mutes, es doch noch zu schaffen. Zunächst will er das Umgangsrecht mit Hilfe des Experten einsetzen, dann die Klage durch seinen bereits früher eingeschalteten Lippstädter Anwalts abwehren. Ohne KIDS hätte er das nicht durchgestanden, würdigt er die Vereinsarbeit. K., inzwischen erdenklicher Fachlektüre versorgt, steht wiederum auch allen zur Verfügung, die vor einem ähnlichen Problemberg stehen und Rat suchen. Voerst bleibt das Kinderzimmer in seiner Dachgeschoßwohnung aber leer. Nur die Spielsachen und die Kinderbücher, die K. für seinen Nachwuchs besorgt hat, weisen auf den eigentlichen Zweck des Raumes hin.

Mittlerweile wartet K. seit eineinhalb Jahren auf ein Verfahren zur Akteneinsicht. Wenigstens Prozeßkostenhilfe hat er durchbekommen.


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