Aus: "die frau in unserer zeit", 3/99

Familien im Kesseldruck der Moderne

Robert H e t t l a g e

Das Deutschland der Jahrtausendwende gehört zu den kinder- und damit zukunftsärmsten Ländern der Welt. Seit 1998 hat der Anteil der über 60jährigen den Anteil der unter 20jährigen Menschen überflügelt. Deutschland ist dabei, sich der Kinder zu entwöhnen. Kein Wunder, daß auch der Begriff ,,Familie" immer schwerer zu fassen ist. Irgendwie scheint sie dem ,,Geist" unserer Zeit, also dem Ideal der individuellen, unabhängigen Lebensgestaltung, den beruflichen Verhältnissen, der Betreuungssituation und dem Lebensgefühl der Familienmitglieder zu widersprechen. "Was paßt weniger zur Wirtschaftsform des flexiblen Kapitalismus, was schafft mehr Pflichten, mehr unhintergehbare Abhängigkeiten als das Zusammenleben mit Kindern?" (1) Dauerhaftes Zusammenleben, ja Zusammenleben überhaupt, ist vielleicht zu anstrengend und belastend geworden, so daß das Glück auf andere, vorläufigere, flexiblere, verhandelbarere Weise gesucht werden muß.

Läßt man die häufig unterstellte "Unzeitgemäßheit" der Familie vorderhand gelten, so muß man sich fragen, was die moderne Gesellschaft an sich hat, daß sie die Familie so unter Druck setzt. Denn nicht alle Gesellschaftsformen belegen dauerhaftes Zusammenleben (mit Kindern) mit so hohen "Strafzöllen". Die vorindustriellen Gesellschaften waren und sind z. B. vergleichsweise wenig familienfeindlich. Eine ihrer tragenden Säulen war neben der agrarischen Lebensweise immer die Gemeinde- und Familienorientierung. Erst mit der heraufziehenden modernen Welt hat sich die Situation grundlegend gewandelt. Sie hat zuerst langsam, stetig und dann immer schneller um sich greifend die Lebensverhältnisse insgesamt so stark umdefiniert, daß sich die Familie - d.h. das bürgerliche Mittelschichtsmodell - als Institution diesen Pressionen zwar lange Zeit entziehen konnte. Auf Dauer aber - und nachdem die Dämme einmal gebrochen waren - mußte sie sich in immer stärkerem Ausmaß den Veränderungen beugen. Denn sie geriet unter den Druck anderer Institutionen wie Wirtschaft, Politik und Recht, aber auch der Veränderung des Weltbildes, die sich dann als Innendruck aus Pluralisierung und Individualisierung fortsetzten.

Kesseldruck (1)

Die Pluralisierung der Lebensstile

Es gehört heute zu den kulturellen Selbstverständlichkeiten, mit Stolz oder Erstaunen auf die verschiedenen Lebensformen und Sinnangebote moderner Gesellschaften zu verweisen. Soziologisch beruht die These von der Pluralisierung der Lebensstile auf zwei Argumenten:

Der gesellschaftliche Aufbau wird nicht mehr nur über den Beruf und das Erwerbseinkommen der Haushaltsvorstände bestimmt. Weitere neue Schichtungslinien sind Bildung, individuelle Leistung und sozialstaatliche Programme. Infolge der Bildungsexpansion differenzieren sich die Ausbildungsgänge und -abschlüsse. Sie sind nicht mehr automatisch mit einem gegebenen Berufsstatus verknüpfbar. Die durchschnittliche Berufsqualifikation breiter Bevölkerungskreise - besonders der Frauen - hat sich beträchtlich erhöht. Durch die größere Vielfalt der Bildungsabschlüsse fand gleichzeitig eine Differenzierung individueller Leistungsqualifikationen auf einem höheren Niveau statt. Dadurch wurden bestimmte Unterschiede der Lebenschancen verringert und individuelle Besonderheiten aufgewertet. Im Gefolge der Expansion des Sozialstaats ergibt sich eine steigende Bedeutung der Transfereinkommen als Einkommens- und Statusquelle - nicht nur für Rentner, sondern auch für andere Gruppen. Neue Lebensstile bilden sich aus.

Auch die individuellen Lebensverläufe differenzieren sich. Zwischen Jugend- und Postadoleszenz als eigenständige Lebensform mit neuen Wohn-, Partnerschafts- und Erwerbsmustern getreten. Die Lebenserwartung hat sich erhöht und macht es heute notwendig, zwischen jungen Alten, Alten und Hochaltrigen (75 Jahre und älter) zu unterscheiden, die jeweils ganz unterschiedliche Lebensentwürfe gestalten können. In der mittleren Lebensphase, in der gewöhnlich die Familien gegründet und Berufskarrieren aufgebaut werden, finden massive Veränderungen dadurch statt, daß - wegen der sinkenden Kinderzahl - die Phase der Kindererziehung schrumpft und sich die Zeit der nachelterlichen Gefährtenschaft ausdehnt. Außerdem unterbrechen Frauen ihre Erwerbskarriere seltener mit der Geburt des ersten Kindes, sondern - wenn überhaupt - erst mit der Geburt des zweiten Kindes. Immer mehr verheiratete Frauen suchen nach der Kinderphase einen erneuten Einstieg in die Erwerbstätigkeit. Aufgrund dieser Gestaltungsoffenheit gelten die alten Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen nicht mehr. Häufiger als früher befinden sich Menschen in Lebensumständen, für die es keine Waren Muster der Steuerung und Entlastung gibt:

Wahl- statt Normalbiographien

Im Zuge dieser Differenzierungen von Lebenslagen kommt es zu einer Pluralisierung der Lebensstile, d.h. zu gruppen-, milieu- und situationsspezifischen Ordnungsmustern der Organisation von Lebensverläufen.

Kesseldruck (2):

Pluralisierung der Lebensplanung und die Alternativen zur bürgerlichen Normalfamilie

Wenn die gesellschaftliche Verbindlichkeit der Lebensplanung und entsprechende Organisationsformen verlorengegangen sind, dann muß das zwar auf Dauer nicht heißen, daß sich nicht neue Formen institutionalisieren können. Für die Umbruchsphase, in der wir leben, muß diese Entwicklung aber bedeutsam sein, denn offensichtlich stehen wir vor der Tatsache einer Vielzahl dauernd wechselnder und nicht sehr stabiler Lebensprojekte, die nach dem ,,Trial and error-Prinzip" eingegangen, erprobt und wieder aufgegeben werden. Das hat für die bisherige Monopolstellung der bürgerlichen (Normal-)Familie (lebenslange Ehe mit Kindern) viel zu bedeuten. Denn sie sieht sich nun anderen, ebenfalls akzeptierten Lebensentwürfen als Mitkonkurrenten gegenüber. Diese werden mittlerweile toleriert oder gelten oft als ,,moderne" Alternativen zur alten" Familie - wie die nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften, die Alleinerziehenden und die Fortsetzungsehen. Sie werden sogar schon als Signal aufgefaßt, das das "postfamiliale Zeitalter" einläutet (2).

Eng mit der Pluralisierungsdebatte ist die Individualisierungsproblematik verbunden. Häufig werden beide unterschiedslos verwendet, müssen aber auseinandergehalten werden. Denn Pluralisierung meint eine Bewegung, die aus einer homogenen Wirklichkeit eine Fragmentierung und Zerstückelung von Strukturen und Weltauffassungen bewirkt. Individualisierung ist damit engstens verzahnt. Sie bezeichnet aber jenen Vorgang, in dem das menschliche Subjekt sich nicht mehr fraglos in gegebene Wirklichkeiten einordnet, sondern sich als Weltveränderer, als Handlungs- und Entscheidungszentrum versteht.

Diese Einstellung hat wesentlich mit der Emanzipation des modernen Menschen aus den festen lokalen, sozialen und zeitlichen Regelungen und Gewißheiten zu tun. Aber das Individuum ist nicht nur von den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Vorgaben freigesetzt, es hält eine solche Entwicklung auch für notwendig: zur Selbstbefreiung und zur Steigerung der Möglichkeiten ("Ich-AG"). Die Geschichte entläßt den Menschen in die offene Moderne, sie zwingt ihn aber auch, sich für eine - besser: seine - Zukunft zu entscheiden. Menschliche Ordnung kann nicht mehr abgeleitet, sondern muß in eine unbestimmte und überraschungsträchtige Zukunft hinein entworfen und möglicherweise ständig revidiert werden. Wie das zu machen ist, schafft ganz neue Verunsicherungen und Risiken, je umfassender die Optionen werden. Denn Offenheit ist nicht nur spielerische Flexibilität, sondern auch Suche nach Anerkennung und nach Darstellung der eigenen Persönlichkeit. Es ist auch Ungewißheit, welche Festlegung denn die richtige sei. Es entsteht der "Supermarkt der Fehleinkäufe". Hier kann Entlastung zu einer neuen Belastung werden, nämlich, daß man nur noch auf den eigenen "Geschmack" verwiesen ist. Andere Instanzen mit ihren historischen Erfahrungen sind als Normsetzer entwertet (3).

Kesseldruck (3):

Die Folgen für die Familie

Dieser Zwang zur "subjektiven Lebensführung" greift in die familialen Lebensbedingungen ein, denn es lockert sich das Verhältnis von Familie und individueller Biographie. Die lebenslange Einheitsfamilie wird zum Grenzfall, während das lebensphasenspezifische Hin und Her zwischen Familien auf Zeit und nichtfamilialen Formen des Zusammenseins zum Regelfall wird. Überdies geraten die Frauen, die sich über Berufs- und Familenrollen definieren, mit den traditionalen Rollenzuschreibungen in Konflikt. Noch dazu sind die Erwartungen an eine Partnerschaft - jenseits der klassischen Rollenerwartungen - gestiegen. Der Verbindlichkeitsanspruch von Ehe und Familie liegt quer zu den Vorstellungen einer Lebensgemeinschaft, die einzig dem Gefühl verpflichtet ist. Die hohe subjektive Bedeutung, die Ehen für die einzelnen - trotz allem – haben, mag mit dazu führen, daß beim Auftreten von Disharmonien schneller an die Auflösung des "Zwangsapparats Ehe" gedacht wird.

Da in einem Pflichtenkatalog formulierbare Vorstellungen und generalisierbare Regelungen zur Ehe und Familie überhaupt an Überzeugungskraft verloren haben, konzentriert sich Partnerschaft auf einen ständigen Prozeß des Verhandelns der Prinzipien des Zusammenlebens. "Die Freiheit zur individuellen Gestaltung geht auf Kosten eines allgemein verbindlichen Orientierungsrahmens, der sagt, was noch und was nicht mehr tolerierbar ist. Angesichts dieser Entwicklungen kann es nicht verwundern, daß neben die traditionellen Formen von Ehe und Familie neue Formen des Zusammenlebens getreten sind" (4).

Andererseits: Wenn Zukunft ungewiß ist, wenn Normallebensläufe diffus geworden sind, erscheint es als sehr "rational", nur noch kurzfristig zu denken und das Leben in Teile oder Lebensabschnitte zu zerlegen, die man mit jeweils anderen Lebensabschnittspartnern lebt. Der rechenhafte "Berufsmensch" fragt sich, warum in der modernen Welt - mit ihren hohen Anforderungen an Flexibilität, Mobilität und Funktionalität - Partnerschaft, Ehe und Familie überhaupt noch notwendig sind und ob die Existenz als Einzelgänger oder Zeitpartner nicht naheliegender ist.

Unter den vorherrschenden Effizienz- und Konkurrenzerfordernissen wird die Frage virulent, wie viele Zeiteinheiten man für Kinder überhaupt einplanen kann, weil man soviel Zeit für extra-familiale Aktivitäten aufbringen muß. Das große Problem der Moderne ist, wie sich die Konkurrenz unter den verschiedenen Lebensbereichen und Werten überhaupt lösen läßt. Offensichtlich sind privates öffentliches Leben so weit auseinandergefallen - eine Entwicklung, wie sie für die verstädterte Lebensweise auf der Welt heute typisch ist, daß sie ihre eigenen Bestandsgrundlagen, die Ich-Identität und die gesellschaftliche Reproduktion, gefährden. Diese Fragen kristallisieren sich an den "Commuter-" Ehen, dem Phänomen des Single-Daseins und an der Form des "living apart together". Es kann aber durchaus auch sein, daß dahinter andere Probleme, nämlich die der Ökonomisierung, des übergewichtigen rationalen Kalküls und des sozialen Zwangs zur "Offenheit" stehen.

Wie hoch ist der Kesseldruck wirklich?

Die hier vorgetragenen Argumente sind sicher bedenkenswert und legen nahe, den "Kesseldruck" der Moderne auf die Familie ernst zu nehmen. Dennoch ist damit noch nicht das ganze Problem umrissen:

Zunächst ist der unterstellte Modernisierungsschub hin zu Pluralisierung und Individualisierung ein Argument, das eher theoretischer Art ist, also der empirischen Erhärtung noch bedarf. Die Theorie der "reflexiven Moderne" zeigt in ihrer verschärften, pointierten Form, daß die zunehmende Komplexität und Differenzierung von Kulturen und Weltanschauungen, Lebensstilen und Biographien zu einem Orientierungs- und Identitätsverlust führen können. Nimmt man auf der strukturellen Ebene hinzu, daß die Intransparenz der modernen Sozialsysteme - verbunden mit einer Auflösung klassischer Ordnungsformen (Masse, Schicht, Rolle, Gemeindeleben, Organisationsbereitschaft) - einen Verbindlichkeitsverlust von Basisinstitutionen und damit von wichtigen Bezugssystemen nach sich zieht, so ist womöglich ein Entwicklungsstadium erreicht, das das gegenwärtige System der Industriegesellschaft in eine fundamentale Existenzkrise treibt. Wäre dem so, dann könnte daraus - schon theoretisch - geradewegs der Zwang zur Neubelebung der Familie als einem fundamentalen Ordnungsgaranten abgeleitet werden.

Die theoretische Betrachtung ist jedoch durch eine empirische zu ergänzen. Dabei sind die jeweiligen Häufigkeitsverteilungen anzugeben. Läßt man es zudem nicht bei aggregierten Daten bewenden, sondern trennt nach Lebenslagen, Lebensphasen und Alterskohorten, dann bleibt von der angeblichen Singularisierung und dem Modell der nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften kaum mehr als eine jugendspezifische ("postadoleszente") Experimentierphase übrig. Weiterreichende Folgerungen zum "Untergang" der Familie lassen sich daraus momentan jedenfalls nicht ableiten. (5)

Diese etwas erstaunliche Korrektur der gängigen (zeit-)analytischen durch eine empirische Betrachtungsweise macht schließlich darauf aufmerksam, daß bei der Diskussion um die moderne Familie manchmal etwas ganz anderes stattzufinden scheint als eine wertungskontrollierte, d.h. wissenschaftlich-objektive Analyse. Man kann leicht den Eindruck gewinnen, als würde hier "Politik mit Begriffen" betrieben. Familie war im Tagesgespräch lange "uninteressant". Seit sie in die Modernisierungsdebatte eingerückt ist, wird ständig das angebliche Ende der Normalfamilie heraufbeschworen:

"Ein Auslaufmodell". Der Zeitgeist weht - und der öffentliche Diskurs geht - nur in eine Richtung der angeblich fortlaufenden Entinstitutionalisierung. Das ist so auffällig, daß man schon nach den dahinterliegenden Interessen fragen muß. Sollte hier der alte Kampf des 19. Jahrhunderts gegen die bürgerliche Familie mit den neuen Konzepten der Individualisierung ausgetragen werden? Weder wird nach Elementen von Modernisierungsresistenzen bei modernen Familien geforscht, noch wird diskutiert, daß Wandel - so normal er ist - immer auch unbeabsichtigte, "paradoxe" Gegenentwicklungen mit sich führt. Schließlich wird außer acht gelassen, daß Familien selbst in früheren Jahrhunderten niemals ultrastabil waren, sondern sich den Entwicklungen immer flexibel anpaßten und dadurch erstaunlich überlebensfähig blieben. Dies um so mehr, als die Annahme stabiler Randbedingungen einer einmal eingeschlagenen (modernen) Entwicklung nur ein analytisches Hilfsmittel ist, das empirisch jederzeit außer Kurs geraten kann -z. B. durch eine entschlossene Familienpolitik!

1 Gaschke Susanne (1999), Das entwöhnte Land. Familienpolitik in der Bundesrepublik. Eine Bestandsaufnahme, in: ,,DU". Die Zeitschrift der Kultur. April 1999, Heft 694: S. 42f.

2 Beck-Gernsheim, Elisabeth (1994), Auf dem Weg in die postfamiliale Familie. Von der Notgemeinschaft zur Wahlverwandtschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 29-30/94: S.3-14.

3 Gross, Peter (1999), Außer Kontrolle? Individualisierung, Pluralisierung und Entscheidung, in: Hettlage, Robert/Vogt, Ludgera (Hg.), Identitäten in der modernen Welt (erscheint 19999).

4 Bertram, Hans/Borrmann-Müller, Renate (1988), Individualisierung und Pluralisierung familialer Lebensformen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 13/88: S.14-23.

5 Hetlage, Robert (1998), Familienreport. Eine Lebensform im Umbruch. München 1998.

Prof. Dr. Dr. Robert Hetlage, Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Regensburg, forscht im Rahmen der Wirtschafts- und Kultursoziologie, Soziologischen Theorie, Sozialethik, Migrationsforschung, Entwicklungs- und Familiensoziologie.

Einschlägige Veröffentlichung:

Familienreport. Eine Lebensform im Umbruch, München 1988 (2. Auflage).


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