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Scheidungszahlen 1998:
Wieder Scheidungsrekord ! Scheidungsquote jetzt bei
46 % ...
Die Folgen für die Kinder
[Siehe auch schon Information vom letzten Jahr: Ein Triumph der EMMAnzipation: Scheidung PLUS 7% - betroffene minderjährige Kinder PLUS 9,6%]
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Scheidungsfolgen für die Kinder
Allgemeine Abhandlungen zum Thema "Familie"
Immer mehr Ehen zerbrechen - Zahl der Eheschließungen leicht rückläufig
Wiesbaden (AP) Die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland hat 1998 einen neuen Höchststand erreicht. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mitteilte, wurden 192.438 Scheidungen registriert, das waren 4.636, oder 2,5 Prozent, mehr als im Vorjahr. Von jeweils 1.000 Ehen wurden 1998 zehn geschieden.
Die Zahl der minderjährigen Kinder, die von der Scheidung ihrer Eltern betroffen sind, sank jedoch um 2,3 Prozent. Wurden 1997 noch 163.112 Personen unter 18 Jahren als «Scheidungswaisen» gezählt, so waren es 1998 noch 159.298.
Besonders stark stiegen die Scheidungszahlen in den neuen Ländern. In Sachsen-Anhalt waren es um 17,4 Prozent mehr, in Sachsen und Thüringen jeweils um 10,2 Prozent mehr als im Vorjahr. In Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen und im Saarland waren die Zahlen leicht rückläufig. Insgesamt gingen im Osten um 9,4 Prozent mehr Ehen auseinander als 1997, im Westen betrug der Anstieg 1,3 Prozent.
Im Osten gebe es möglicherweise einen Nachholeffekt, erklärte der Wiesbadener Statistiker Dieter Emmerling. Nach dem Fall der Mauer seien die Scheidungszahlen im Bereich der ehemaligen DDR zunächst drastisch zurückgegangen, seit einigen Jahren seien sie dabei, sich an das Niveau im Westen anzugleichen.
Die Zahl der Eheschließungen war 1998 erneut leicht rückläufig. Insgesamt gaben sich 417.375 Paare das Jawort, im Jahr zuvor waren es knapp 423.000. Verheiratet waren 1998 rund 18,8 Millionen Paare.
Umfrage: Männer leiden stärker unter Scheidung
Hamburg (dpa) - Obwohl immer mehr Ehen immer schneller geschieden werden, wird eine Scheidung immer noch als Drama erlebt - vor allem von den Männern. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Befragung des FORSA-Instituts im Auftrag der Zeitschrift «Bild der Frau» unter 1 000 Geschiedenen.
In Deutschland wird nach Angaben der Zeitschrift jede dritte Ehe geschieden, die meisten bereits im vierten Ehejahr. Vor allem Männer stürzten nach der Trennung stärker als Frauen in Einsamkeitsgefühle. 58 Prozent von ihnen hätten gern bald wieder einen festen Partner - allerdings ohne Ehering. Von den geschiedenen Frauen wollten das nur 35 Prozent. Sie bleiben generell länger solo.
Als Hauptgründe für das Scheitern ihrer Ehe nannten 61 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen, dass sie sich auseinander gelebt hätten. An zweiter Stelle stand «Fremdgehen» (43 Prozent der Frauen, 37 Prozent der Männer). Weitere oft genannte Gründe sind: häufiger Streit, Zeitmangel füreinander oder Alltagstrott. Seltener scheint indes eine neue Liebe Anlass für die Trennung zu sein: Nur elf Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen hatten «jemand anderes kennen gelernt».
Insgesamt empfand die Mehrheit die Scheidung als gut überlegt: 88 Prozent meinten auch noch nach Jahren, dass es der richtige Schritt gewesen sei.
Familienrichterin erzählt vom Fürther Scheidungsalltag - Wenn Liebe verduftet
Trennungen im Jahr '98 "Manchmal geht es einem nahe"
VON BIRGIT HENRICH
FÜRTH "Rausgeschmissenes Geld ist das." Die 30jährige Karin L. (Name von der Red. geändert) sieht nicht ein, dass sie und auch ihr Ehemann jeweils 7500 Mark für ihre Scheidung bezahlen sollen. Klar, die beiden Akademiker leben seit drei Jahren getrennt. Aber Scheidung? "Warum denn, so lange keiner von uns beiden wieder heiraten will. Warum sollen wir dem Staat so viel Geld in den Rachen werfen?", fragt die junge Frau. Außerdem habe sie rechtlich einen viel besseren Stand. Verunglücke der Ehemann tödlich, bekomme sie wenigstens Witwenrente.
Standesbeamte schließen eine Ehe im billigsten Fall für 73 Mark. Einschließlich Stammbuch, Familienabschrift und Harmonium-Begleitung läppert sich die Rechnung für den Lebensbund schnell bis auf 155 Mark zusammen. Ein lächerliches Sümmchen im Vergleich zur Scheidung, die unglaublich teuer werden kann. Denn die Kosten dafür richten sich nach dem Einkommen und Vermögen der bisherigen Eheleute.
Der obligatorische Scheidungsanwalt will sein Honorar, und der Staat berechnet ebenfalls Gebühren je nach dem Aufwand, der betrieben werden muss, um eine offizielle Lebensgemeinschaft aufzulösen. Wer zu arm ist, um den ungeliebten Partner auf legale Weise loszuwerden, kann Prozesskostenhilfe beantragen. Alle anderen müssen ihre Scheidung schon im Voraus bezahlen, wenn das Verfahren bei Gericht eingeleitet wird.
Laut Statistischem Bundesamt endete der "Traum in Weiß" im Jahr '98 für knapp 200.000 deutsche Paare vor dem schwarzgewandeten Amtsrichter. Ein Rekordhoch! In Fürth wurden im gleichen Zeitraum rund 700 Ehen aufgelöst. Für heuer, so erklärt Familienrichterin Dr. Elisabeth Lang, sieht es so aus, als ob ein hauchdünner Rückgang zu verzeichnen sei. Doch das könne sich schnell wieder ändern. Den Antrag auf Scheidung stellen überwiegend Frauen. Ehen mit Kindern werden deutlich öfter geschieden als kinderlose Paare. Und am häufigsten trennen sich Mann und Frau im verflixten siebten Jahr.
"Aus" für Ehe
Etwa 350- bis 400-mal pro Jahr schlüpft die 45-jährige Fürther Richterin in ihre schwarze Robe, um meist im Sitzungssaal Nummer 112 das "Aus" für eine Ehe zu verkünden. Macht es sie manchmal betroffen, dass sie diejenige ist, die den offiziellen Schlusspunkt setzt? "Manche Scheidungen gehen mir sehr nahe", gesteht sie, selbst verheiratet und Mutter von drei Kindern, "vor allem dann, wenn die Partner vor lauter Problemen ihre Kinder nicht mehr wahrnehmen, wenn Eheleute sich nach 30 oder 40 Jahren scheiden lassen und völlig verbittert sind." Die vielzitierte "schmutzige Wäsche" werde vor Gericht nur in Ausnahmefällen gewaschen. Dank der Scheidungsanwälte, die Details bereits vorab klärten, sei die Atmosphäre meist sehr sachlich.
Schon bei den Germanen waren Scheidungen üblich. Der Mann trennte sich durch eine Erklärung von seiner Frau. Später gewann die Kirche immer mehr Einfluss und setzte im elften Jahrhundert die Unauflöslichkeit der Ehe fest. Mit dem Protestantismus Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Scheidungen zumindest in lutherischen Gegenden wieder möglich. In katholischen Gebieten erfolgte eine Liberalisierung erst um das Jahr 1870, wenn auch eine Wiederheirat für den schuldhaft Geschiedenen ausgeschlossen war.
Das Bürgerliche Gesetzbuch legte am 1. Januar 1900 fest, dass Eheleute die offizielle Trennung beantragen konnten, wenn der Partner sich einen Seitensprung erlaubt hatte. 1938 wurde das Scheidungsrecht aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch ausgeklammert und fragte bis zum 1. Juli 1977 nach der Schuld für das Zerwürfnis. Seit 22 Jahren nun gilt das Zerrüttungsprinzip. Eine Ehe ist also gescheitert, wenn die Lebensgemeinschaft nicht mehr besteht und wenn es, so Richterin Lang, als unwahrscheinlich anzusehen ist, dass die Partner wieder zusammenfinden.
Mindestens ein Jahr müssen die Eheleute getrennt leben, bis die Zerrüttung festgestellt werden kann. Spätestens nach drei Jahren Trennung gilt eine Zerrüttung als unwiderlegbar, auch wenn der Partner sich gegen die Scheidung wehrt. Und wie lange dauert es dann noch, bis die Ehe aufgelöst werden kann? "Mindestens ein halbes Jahr, es kann aber auch deutlich mehr Zeit vergehen, je nach dem, was alles geregelt werden muss", erklärt Familienrichterin Lang. Dabei geht es um Unterhalt, elterliches Sorgerecht für die Kinder sowie Vermögensfragen.
Vor der Richterin haben im Normalfall schließlich beide Eheleute dem Scheidungsspruch zu lauschen. Freunde, Eltern, Kinder oder neue Lebensgefährten müssen leider draußen bleiben. Hat Richterin Lang schon mal die Scheidung einer Ehe verweigert? "Ich setze das Verfahren aus und schlage eine Eheberatung vor, wenn ich den Eindruck habe, dass sich die Dinge noch ändern könnten", erklärt die 45-Jährige. Nicht allzu oft käme das vor. Manche Paare gingen "so schlecht miteinander um, dass man es mit Händen greifen" könne. Doch ab und zu rauften sie sich tatsächlich noch zusammen. Aus den Akten weiß die Richterin dagegen von Ehen, die sogar zwei- oder dreimal geschieden wurden.
Kein Gewissenskonflikt
Warum so viele Frauen die Scheidung einreichen? Die Fürther Familienrichterin glaubt, dass Frauen viel mehr unter Lieb- und Sprachlosigkeit in der Ehe leiden als Männer. Ihrer Beobachtung nach führen aber auch Alkoholprobleme und psychische Erkrankungen des Partners häufig zur Trennung. Dass der Papst die Ehescheidung noch heute untersagt, bringt die 45-jährige Katholikin nicht in Gewissenskonflikte, schließlich gebe es eine strikte Trennung von Kirche und Staat.
Viele tränenreiche Szenen hat Familienrichterin Dr. Elisabeth Lang erlebt, mit kleinen Kindern gesprochen, die eine Scheidung ihrer Eltern unter allen Umständen verhindern wollen. Aber eine Trennung vor Gericht, bei der die Partner einen richtig glücklichen Eindruck hinterließen, ist ihr noch deutlich in Erinnerung geblieben. "Die beiden verstanden sich glänzend, und er war so charmant", erzählt Elisabeth Lang. Doch die Ehe galt als zerrüttet, denn die Frau wollte keinen "Hallodri", sondern einen zuverlässigen Partner, mit dem sie eine Familie gründen konnte. "Und das", so gestand der Noch-Ehemann, "könnte ich niemals sein."
| Bild der Wissenschaft - Meldung vom 3.8.99
Drum prüfe, wer sich ewig bindet ... Wie sich Scheidungen auf die Kinder vererben Ehen, in denen einer der Partner geschiedene Eltern hat, gehen anderthalb Mal häufiger in die Brüche als Ehen zwischen Partnern nicht geschiedener Eltern. Haben beide Partner geschiedene Eltern, wird die Ehe der Kinder sogar zweieinhalb Mal häufiger geschieden. Das hat die Soziologin Heike Diefenbach der TU Chemnitz jetzt in einer groß angelegten Untersuchung heraus gefunden. Zu Anfang ist noch alles in Ordnung: Ein Mann und eine Frau lernen sich kennen, lieben sich, schwören sich die ewige Treue und heiraten. Doch oft genug holt schon bald der Alltag das Paar ein, die beiden leben sich auseinander, schließlich hat man sich nichts mehr zu sagen, geht sich nur noch auf die Nerven - es kommt zur Scheidung. 1997 war das in Deutschland fast 190.000 Mal der Fall. Etwa jede dritte Ehe in Deutschland geht irgendwann in die Brüche. Und die Zahl der Scheidungen steigt rapide an: In den vergangenen dreißig Jahren hat sie sich verdreifacht, allein 1997 ließen sich sieben Prozent mehr Paare scheiden als im Jahr zuvor, neun Jahre hielt die Ehe dabei im Schnitt. Scheidungen passieren allerdings nicht zufällig, sie werden vielmehr durch verschiedene Umstände begünstigt. So ist etwa schon seit langem bekannt, dass Ehen häufiger geschieden werden, wenn die Partner bei ihrer Heirat noch sehr jung waren, in einer Stadt wohnen und sich kaum an eine Religionsgemeinschaft oder an die Kirche gebunden fühlen. Unklar ist, welche Folgen die Scheidung der Eltern für die betroffenen Kinder hat. Über 150.000 Kinder aus 105.000 Ehen mussten 1997 erleben, wie sich ihre Eltern trennten. Nach Meinung vieler Psychologen braucht ein Kind für seine gesunde Entwicklung beide Elternteile. Kinder geschiedener Eltern sind deshalb möglicherweise nicht so bindungsfähig wie Kinder nicht geschiedener Eltern. Untersuchungen aus den USA legen nahe, dass die Ehen von Scheidungskindern tatsächlich nicht besonders haltbar sind - sie werden weitaus häufiger geschieden als die Ehen von Kindern nicht geschiedener Eltern. Besonders interessierte Dr. Diefenbach, warum Kinder aus einer geschiedenen Ehe häufiger geschieden werden, wenn sie selbst einmal heiraten. Dabei fand sie heraus, dass die Scheidung der Eltern ein Verhalten der Kinder begünstigt, das deren Scheidungsrate erhöht. So haben sie etwa vor ihrer Ehe mehr Beziehungen zu anderen Partnern als Kinder nicht geschiedener Eltern, und sie gehen auch schneller feste Beziehungen ein. Scheidungshemmende Faktoren, wie sie bei Kindern nicht geschiedener Eltern häufiger zu finden sind, fehlen hingegen meist bei den Scheidungskindern. Solche Faktoren, die eine Ehe stabil machen, sind etwa ein höheres Heiratsalter, gemeinsames Wohneigentum und gemeinsame Kinder.
Ausführlichere Darstellung in: "Warum zwei sich nicht für ewig finden ... Ist Scheidung ansteckend? - Kinder aus zerbrochenen Ehen trennen sich häufiger als solche aus intakten Familien" - Süddeutsche Zeitung 10./11.07.99
Psychiatrie: Scheidung und Psyche Scheidungskinder haben ein erhöhtes Risiko, als Erwachsene psychisch zu erkranken. Das ergab eine Studie von Bernard Lerer und seinen Kollegen an der Hadassah-Universitätsklinik in Jerusalem. Die Mediziner hatten mehrere hundert Menschen mit Depressionen oder Schizophrenie untersucht. Unter Patienten, deren Eltern sich getrennt haben, waren viermal mehr Depressive und drei mal mehr Schizophrene als bei Kranken, die als Kind mit beiden Elternteilen aufwuchsen. Beim frühen Tod eines Elternteils ist die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung dagegen geringer als bei Scheidungskindern.
Siehe auch: Mangelnde Orientierung macht Kinder depressiv Berliner Morgenpost 27.2.99 |
http://www.aerzteblatt.de - Meldung vom 10.8.99:
Mehr psychotherapeutische Hilfe für Halbwaisen gefordert
LONDON. Kinder, die ein Elternteil verloren haben, erhalten keine angemessene psychotherapeutische Beratung nach dem Trauerfall. Das belegt eine prospektive Fallkontrollstudie von Linda Dowdney et al., Sutton Hospital, Surrey, England, in der aktuellen Ausgabe des British Medical Journal (7. August). Die Autoren untersuchten 45 Familien mit Kindern im Alter zwischen zwei und 15 Jahren, in denen ein Elternteil gestorben war.
Sowohl die trauernden Kinder als auch das verbleibende Elternteil zeigten mehr psychische Auffälligkeiten, als das Team erwartet hatte. Dabei waren Jungen stärker betroffen als Mädchen; trauernde Mütter hatten mehr Schwierigkeiten als trauernde Väter; und der psychische Streß des verbliebenen Elternteils stand in direktem Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder.
Die Wahrscheinlichkeit, daß den Kindern Hilfe angeboten wurde, stieg deutlich, wenn der Tod vorauszusehen war, oder wenn es sich um Selbstmord handelte. Für Kinder unter fünf Jahren wurde kaum Hilfe angeboten. Die Autoren appellieren an die Hausärzte, betroffenen Familien psychotherapeutische Hilfe zu vermitteln. /pb
Von Anngret Schirmacher
Der Bedarf an Beratungsgesprächen wächst ständig: Jedes Jahr bitten zwei Prozent mehr Mütter, Väter und Kinder bei den 15 Erziehungsberatungsstellen in Frankfurt um Hilfe, weil sie alleine nicht mehr weiter wissen. Von 4248 Fällen 1995 wuchs die Zahl auf 4333 (1996) und 4419 (1997) an. "Wir rechnen für 1998 mit einer ähnlichen Steigerung", sagt Paul Faßbender, kommissarischer Leiter der Erziehungsberatung des Jugend- und Sozialamtes. Das Amt wertet die letztjährige Statistik noch aus. Doch eines ist jetzt schon klar: Der Bedarf in Frankfurt wächst doppelt so schnell wie im Landesdurchschnitt. Dort registriert das Statistische Bundesamt eine Zunahme von einem Prozent im Jahr 1998.
Welche Nöte quälen immer mehr Frankfurter Kinder und Eltern so, dass sie fremde Hilfe brauchen? "Wir stellen vor allem fest, dass immer mehr Trennungskinder mit ihren Eltern oder dem allein erziehenden Elternteil zu uns kommen", erzählt Hubert Cremer (55), Diplom-Psychologe in der Preungesheimer Beratungsstelle. "Außerdem fühlen sich Eltern häufiger mit pubertierenden Kindern überfordert. Sie wollen sie nicht schlagen, wissen aber nicht, wie sie ihnen anders Grenzen setzen können. Zudem fällt es Eltern heute einfach leichter, eine Beratungsstelle aufzusuchen", hat Cremer festgestellt. Der Gang zum Psychologen ist kein Makel mehr.
Die Zunahme der Beratungsfälle erklärt sich laut Faßbender auch dadurch, dass die Therapeuten verstärkt in Schulen oder Kindergärten ihre Hilfe anbieten. "Manche führen Erstgespräche direkt in der vertrauten Kindertagesstätte", erzählt Faßbender. "Das nimmt den Eltern viele Hemmungen."
Denn wem fällt es schon leicht, zuzugeben, dass sein Kind Probleme hat? Wenn der zwölfjährige Sohn im Unterricht massiv stört, wenn Eltern keinen Zugang zu ihrer verschlossenen Tochter finden und das Kind deshalb in der Schule nicht mitkommt. Andere müssen eingestehen, dass sie keinen anderen Weg mehr sehen, als ihre Spannungen in der Familie durch Schläge abzureagieren. Für die Therapeuten ist schon viel gewonnen, wenn Eltern den Schritt zu ihnen gewagt haben und einfach erzählen.
Manche Eltern brechen die Beratung ab, wenn sich langsam herausschält, dass eigentlich ihre Partnerbeziehung das Problem ist, das ihre Kinder belastet. "Manche sehen es aber auch als Chance, ihre eigenen Schwierigkeiten zu lösen", sagt Faßbender. "Ein Junge mit Schulproblemen lebte zum Beispiel nach der Scheidung bei der Mutter - obwohl er sehr am Vater hing, verhinderte sie Besuche." Ihre Wut auf den Ex-Partner war verständlich. "Aber sie hat gelernt, ihre Verletzungen in der Partnerschaft von dem Bedürfnis des Jungen nach beiden Eltern zu trennen."
Doch trotz steigendem Bedarf an dieser intensiven Beratungsarbeit mussten die 15 Anlaufstellen in Frankfurt in den vergangenen fünf Jahren elf Vollzeit-Stellen streichen. Und auch jetzt hängt ständig das Damoklesschwert der Kürzung über ihrem Kopf. Hubert Cremer: "Auch wenn uns das Land die Mittel für das Jahr 2000 zugesagt hat, wissen wir nicht, ob sie 2001 nicht wegfallen. Die Stadt als zweiter Geldgeber ist definitiv nicht in der Lage, das auszugleichen."
Die Folge: Die Hälfte der Einrichtungen müsste schließen. "Das", meint Faßbender, "wäre katastrophal." Denn gerade die leicht zu erreichende Beratung nehmen Eltern und Kinder am häufigsten von allen öffentlichen Erziehungshilfen in Anspruch, und sie ist bei weitem die preiswerteste. Faßbender: "Die Stadt wird trotz Sparzwängen alles tun, um das Angebot zu erhalten."
Der Bedarf an Therapie wird sogar noch wachsen. Das neue Kindschaftsrecht verlangt nicht nur von Eltern und Kindern bei Scheidung die Umgangs- und Sorgefragen stärker selbst zu regeln. Sondern die Betroffenen haben sogar von Gesetzes wegen ein Recht auf die Hilfe einer Beratungsstelle.
Stuttgarter Zeitung 10.5.99
Viele Eltern könnten den Griff zur Droge verhindernMehr als 50 Prozent der jugendlichen Rauschgifttäter haben familiäre Probleme - Weg in die Sucht über Alkohol und Nikotin Die Zahl jugendlicher Drogenhändler hat im vergangenen Jahr enorm zugenommen. Verstärkte Kontrollen der Polizei brachten dies an den Tag. Das Fazit der Fahnder: Vieles hängt vom Elternhaus ab. Von Eberhard Rentz Amrin (Name geändert) ist 16 Jahre alt. Er wohnt in einem Asylbewerberheim. Sein Vater trinkt und schlägt ihn. Amrin haut ab, war schon häufig in Heimen. Bis zur 8.Klasse besuchte er eine Förderschule, wurde aber wegen Diebstahls und des Verdachts, daß er sich als Strichjunge andient, von der Schule verwiesen. Ladendiebstahl, Sachbeschädigung, Brandlegung, versuchter Raub - zwölfmal, auch weil er Marihuana bei sich hatte, fiel er der Polizei auf, das erste Mal mit 13 Jahren. Freizeitarreste halfen nichts. Amrin ist in einer Streetgang, ein Straßenkind. Sonja (Name geändert) ist 17 und lebt mit ihrer Mutter in einem Dorf außerhalb Stuttgarts. Ihre Eltern ließen sich kurz nach der Geburt scheiden, ihren Vater kennt sie nicht. Die Mutter heiratete erneut, trennte sich 1996 wieder. Sonja riß oft aus, begonnen hatte sie ihr Leben als "Dauerabgängige'' mit 12 Jahren. Ihre Mutter fühlt sich mit der Erziehung überfordert. Aufenthalte in Heimen führten zu nichts. Die Polizei ermittelte den Hintergrund: Tagebucheintragungen, die zu dem Verdacht führten, daß Sonja als 12jährige sexuell mißbraucht worden ist. Beweise gibt es keine. Sonja konsumiert seit einem Jahr Ecstasy und Marihuana. Die Polizei sagt: "Die Liste der Einzelschicksale ließe sich beliebig verlängern.'' Strukturen oder Muster seien aber nicht erkennbar. Es handle sich vielmehr um individuelle Entwicklungen, die zu einem Abgleiten in die Drogensucht führten. Tatsache ist: 10,4 Prozent aller Drogentäter sind nach einer Erhebung in der Kriminalstatistik von 1998 noch Jugendliche, obwohl diese nur einen Bevölkerungsanteil von 3,4 Prozent ausmachen. "Meist ist das eine finanzielle Geschichte'', sagt Dietmar Schönherr, Leiter des Rauschgiftdezernats. "Man muß sich das Zeug besorgen, bezahlen.'' Dies geschehe durch Dealen, Prostitution und Diebstahl. Wobei Schönherr betont, daß der Weg in die Sucht oft über die legalen Drogen Alkohol und Nikotin führe. "Wer nicht raucht, wird auch nicht unbedingt Haschisch rauchen. Wer Alkohol meidet, ist auch für andere Drogen weniger anfällig.'' Ein entscheidender Punkt: Laut Statistik kommen nur 46,3 Prozent der jugendlichen Straftäter aus "geordneten Familienverhältnissen''. Bei mehr als 40 Prozent sind die Eltern geschieden, getrennt lebend, Witwer oder Witwe oder alleinerziehende Mutter. "Die Defizite beginnen im Elternhaus'', so steht es in der Auswertung der Polizei. Auch Rauschgiftexperte Schönherr fordert: "Die Eltern müssen Vorbild sein. Wie wollen sie glaubwürdig sein, wenn es ums Haschischrauchen geht, sie selbst aber rauchen Zigaretten?'' Doch nicht nur das: "Der Spruch, das war ein Scheißtag, jetzt brauch' ich erst einmal ein Bier'', von einem Vater im Beisein seines Kindes geäußert, sei fatal. "Die jungen Leute merken sich so etwas'', sagt Schönherr. Auffällig für die Polizei war auch, daß von den 162 erfaßten Jugendlichen 53 keiner Beschäftigung nachgehen. Falsch wäre aber, so der Rauschgiftexperte, daraus zu schließen, daß sie mit Drogenhandel leichtes Geld machen wollten: "Meist ist Eigenkonsum dabei. Es wird mit Rauschgift gehandelt und mit dem Erlös die eigene Sucht finanziert.'' Die Chance, an die Jugendlichen heranzukommen, beurteilt Schönherr unterschiedlich. "Es gibt welche, die werden nie Drogen nehmen. An andere kommen wir gar nicht mehr heran. Am meisten erreichen wir bei denen, die nur mal probieren wollen.'' Amrin gehört nicht zu dieser Gruppe. Er wird seit dem 6.Oktober 1998 vermißt. [Siehe auch: Die
"Entstehung" eines Scheidungswaisen |
| Lothar Reinhard: "Kinderkriminalität und Vaterlosigkeit":
"Immer mehr Jugendliche
sind kriminell" Die Verwahrlosung unserer Kinder und Jugendlichen
nimmt erschreckende Züge an + "Scheidungswaisen
geben ihr Leid der Gesellschaft zurück", Leserbrief - veröffentlicht
in der Süddeutschen Zeitung vom 1.6.99
Hallo Lothar, ich möchte gerne deinen Kommentar zur Vaterlosigkeit noch mit dem Gedanken der Betonung familiärer Orientierung selbstkritisch akzentuieren: Die zunehmende Kinder- und Jugendkriminalität ist im weitesten Sinn Ausdruck einer tiefen Orientierungslosigkeit bei Erwachsenen wie Kindern, Ausdruck von und Vielem anderen mehr. Wenn wir speziell die Vaterlosigkeit ins öffentliche Bewußtsein bringen wollen, dann meinen wir diese ganz menschlichen Umstände. Im gleichen Atemzug machen wir uns damit Gedanken über die Umstände und Werte, unter denen unsere Kinder eigentlich groß werden sollten, leider aber oft nicht können. Diese Diskussion - die der Werte - kommt in unseren Kreisen meines Erachtens zu kurz, stattdessen wird liebend gerne mit dem linken Lieblingsargument des "Sozialstaat"-Abbau hantiert. Es muß eh herhalten für alles Schlechte in dieser Welt. Daß wir hingegen selber mit unserer Kulturrevolution gegen die "bürgerliche Gesellschaft" nicht unwesentlich dazu beitragen, bleibt unbeachtet. Besonders dämlich ist die linke Freude bei unseren Linken Freunden - besonders auch in diesem Kreise - ihrer Aversion gegen "Familie" (= patriarchalisch, reaktionär, pipapo) Ausdruck zu verleihen. Das häufig auch hier mitschwingende Rot-Grüne Prinzip "Familie ist, wo Kühlschrank steht" ist schräger Ausdruck davon. Wir haben zusammen mit unseren Weibern den "reaktionären Familienscheiß" abgeschafft und eine geistige Wüste hinterlassen. In der Wüste steht jetzt der Kühlsschrank. Da sollen sich die Kids gefälligst versammeln. Aber das tun sie nicht, ist ihnen zu wenig, zu künstlich, zu öde. Sie suchen ihre eigenen Oasen der Geborgenheit und entfernen sich - attraktiver für sie. Die Einen werden ewig suchen und unglücklich sein, die Anderen werden sich vermehrt über sich und uns Gedanken machen. (So wie ich schon öfters gehört habe, sind im Augenblick Bibelkurse "in"). Während wir unseren Eltern seinerzeit den Holocaust betreffend fragten, ob sie es nicht gewußt hätten, werden uns unsere Kids wohl irgendwann fragen, warum habt ihr uns die Familienlosigkeit angetan. Die Wenigsten werden ehrlich antworten, daß sie die Geister, die sie gerufen haben, nicht mehr loswerden konnten ... |
Elternhaus soll stärker vorbeugen. CDU-Juristen warnen vor Kriminalität
Bonn (ap). Vor allem die Eltern müssen nach der Meinung der CDU-Juristen dafür sorgen, daß Jgendliche nicht auf die schiefe Bahn geraten.
Der Vorsitzende des Bundesarbeitskreises Christlich-Demokratischer Juristen, Herbert Helmrich, sagte gestern in Bonn, dieses sei zwar eigentlich eine Binsenweisheit, müsse aber stärker nach außen gelangen. Helmrich und der Kriminogieprofessor Hans-Dieter Scwindt legten zwölf Thesen zur Kriminalpolitik vor. Darin warnen die CDU-Juristen vor einer bedrohlichen Entwicklung, die sich vor allem in den Raubdelikten junger Täter manifestiert. Dem müsse energisch krininalpolitisch entgegengesteuert werden. Die familiäre Erziehung sei für das spätere rechtstreue Verhalten des Menschen von entscheidender Bedeutung. Deshalb sollte auch "der Gedanke der Mitverantwortung der Eltern für die Verhinderung von Rechtsbrüchen ihrer Kinder in das Bewußtsein gerückt werden".
Soziale Fähigkeiten würden in der intakten Familie transportiert, sagte Schwindt. Die Eltern müßten dazu "nicht einmal verheiratet sein". Angesichts der Zunahme von Straftaten sei eine ursachenorientierte Kriminalpolitik vonnöten.
© paPPa.com e.V. - Stand dieser Seite:
17.08.1999 -
Fundstelle: http://www.paPPa.com/familie/Scheidung1998.htm
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