Süddeutsche Zeitung 29.5.99 - SZ am Wochenende
Christl Sperlich
Mütter, die ihre Kinder zur Adoption freigegeben haben, spüren meist Jahre später erst das Ausmaß ihrer Entscheidung
Schweigend wird Heike W. wieder die Kerzen anzünden. Zwölf werden es diesmal sein am Geburtstag ihrer Tochter Manuela. Auf der Kommode steht eingerahmt das Photo ihrer Tochter und ihres Sohns. Den Kartengruß, den Heike W. mit Herzen und Blüten bemalt, aber wird Manuela nicht erhalten. Er wird zu den Akten der Dresdener Adoptivvermittlungsstelle gelegt werden. Die Adoptiveltern, bei denen die Kinder aufwachsen, verweigern den Kontakt.
Wie der Mutter an so einem Tag zumute ist, kommt nur schwer über ihre Lippen. „Das geht so tief. Wenn ich mir vorstelle, sie wären hier, wir könnten zusammen die Geschenke auspacken, uns freuen, miteinander lachen, Probleme besprechen. Sie sollen doch erfahren, daß ich sie liebhabe.“
Heike W. ist alkoholkrank. Den letzten Versuch, von der Flasche wegzukommen, schaffte sie mit Beistand ihres neuen Lebenspartners. Mit ihm ist sie heute glücklich verheiratet. Seit fünf Jahren ist Heike W. trocken und lebt mit der jüngsten Tochter Bianca und ihrem Mann in Radebeul.
Die Sucht machte sie unfähig, sich um ihre drei Kindern zu kümmern. Selbst während der Schwangerschaften und Stillzeiten trank sie. Die Liebe der Mutter zu ihren Kindern sei aber ungebrochen gewesen, heißt es in den Akten der Jugendfürsorge. Gewalttätig wurde Heike W. ihnen gegenüber niemals. Doch fehlten den Kindern soziale Kontakte, sprachliche und motorische Ðdœ
Was Heike W. als Mutter ihren Kindern nicht geben konnte, vermißte sie in der Kindheit selbst. „Nestwärme, mal Kuscheln, Streicheln.“ Mit dreizehn wurde sie bei der Polizei abgegeben, sie sei schwererziehbar. Doch die Eltern mußten das Kind wieder mitnehmen, sperrten es ein. Zuwendung bekam das Mädchen selten. Lediglich in die Gaststätte durfte Heike ab und zu mit, und sie durfte trinken, nicht nur Limonade. Heike wurde vom Vater ignoriert. Auch als sich später ihr erster Ehemann anderen Frauen zuwendete, hatte sie das Gefühl, überflüssig zu sein. Der Wunsch nach einem Zuhause und Nähe erfüllte sich nicht.
Als der Mann sie verließ, blieben Heike, die drei kleinen Kinder und ein Scherbenhaufen zurück. Sie war verzweifelt. Trank, bummelte, wurde entlassen. Der Abstieg war nicht mehr aufzuhalten. Für die Kinder konnte sie nicht sorgen, da sie sich kaum um sich selbst kümmerte. An dem Strohhalm Alkohol versuchte sie, sich aufzurichten, und stürzte immer tiefer hinab. Bis sie auf der Straße landete. Und die Kinder im Heim.
Das Versprechen, ihre Kinder wieder nach Hause zu holen, hielt die Mutter nicht. Sie besuchte sie nur zweimal, wieder angetrunken. Wie werden Kinder mit einer solchen Enttäuschung, solchem Verrat fertig? Andreas und Manuela wurden im Heim „auffällig“, waren in der geistigen Entwicklung weit zurück. Jugendamt und Heimleitung erwogen eine Adoption. Es fand sich eine Familie. Die Mutter gab die Kinder frei.
Sieben Jahre ist das jetzt her. Damals war Andreas sieben und Manuela vier Jahre alt. Seitdem hat Heike W. die beiden Älteren nicht mehr gesehen. Bianca bekam sie erst probeweise, dann durfte sie die Jüngste ganz mit nach Hause nehmen. An ihr versucht sie, ihr Versagen wiedergutzumachen. Jetzt, da sie ihre Alkoholkarriere beendet hat, bereut sie bitter, die beiden Älteren weggegeben zu haben. Dabei weiß sie, die Adoption war die Rettung für alle. Ihr ist klar, daß sie die Kinder nicht zurückhaben kann. Doch sie sucht beharrlich den Kontakt zu Manuela und Andreas. Die Briefe aber, die sie schreibt, kommen nie an. Auch Photos von der jüngeren Schwester werden nicht weitergeleitet. Von der Adoptionstelle hat sie erfahren, daß es den beiden Älteren gut geht. „Aber ich möchte wissen, wie es ihnen gesundheitlich und schulisch geht, was sie lesen, welche Hobbies sie haben. Sie sollen sich auch erinnern an ihre Schwester und erfahren, daß in unserem Leben Ruhe eingekehrt ist.“ Beschönigen oder geheimhalten will sie vor ihnen und den neuen Eltern nichts, sich nur erklären. „Ich möchte doch die Kinder da nicht rausreißen, sie nur um Verzeihung bitten.“
Die Rückfallquote ist bei Alkoholikerinnen sehr hoch. Deshalb müsse man schnell und konsequent nach Lösungen für die Kinder suchen, dürfe ihnen nicht jahrelang einen ständigen Wechsel zwischen Kinderheim und dem Zuhause
zumuten, heißt es bei der Dresdner Adoptionsvermittlungsstelle. Die frühere Leiterin erinnert sich, wieviel Mühe und Einfühlungsvermögen die Adoptivfamilie aufbringen mußte, wieviel Geduld vonnöten war, um das seelische Gleichgewicht der Geschwisterkinder wiederherzustellen. Ihr Standpunkt damals: „Mit dem Kontakt zur Mutter würde dieser Prozeß des Zusammenwachsens sofort unterbrochen. Die Kinder würden verunsichert und beunruhigt.“ Da sind noch die schlimmen Erinnerungen, der tief sitzende Schock, den sie möglicherweise nie vergessen werden. „Und plötzlich steht die Mutti vor ihnen als eine Frau, die sich rührend bemüht.“ Wie das auf die Kinder wirkt, läßt sich schlecht voraussagen. „Auf jeden Fall würden solche Konflikte in ihnen ausgelöst, daß sie hin- und hergerissen wären.“
Aber Heike W. will ihre Kinder wiedersehen. Will darum kämpfen. Immer wieder schreibt sie nach Dresden und Mönchengladbach, wo die Kinder jetzt wohnen. Inzwischen sind die Chancen für eine Wiederbegegnung ein wenig gewachsen. Die jetzige Leiterin der Dresdener Vermittlungsstelle hat den Weg dazu gebahnt. Behutsame Schritte zunächst. Sie ist erleichtert, daß ein erster Kontakt zwischen Heike W. und den neuen Eltern gelungen ist. „Es war ein langer Prozeß. Und wir können nur vermitteln, wenn die Familie einverstanden ist. Jetzt, da sich die Kinder stabilisiert haben und ein kontinuierliches Bemühen der Mutter erkennbar ist, lassen sich die Eltern ein Stück mit darauf ein. Ein- oder zweimal im Jahr berichten sie der Mutter über das Befinden der Kinder.“ Von Rückgabe könne keine Rede sein, aber zu erfahren, wie es den Kindern geht, darin will die Dresdner Sozialpädagogin Heike W. weiter unterstützen.
„Ich habe zwei wunderschöne Photos erhalten, die mir zeigen, daß beide Kinder in guten Händen sind. Ich lese, welche Hobbies sie haben, was für Zensuren sie bekommen, und kann mir immer wieder die fröhlichen Kindergesichter anschauen.“ Heike W. ist beruhigt, auch wenn die neuen Eltern die Kinder vor überfrühtem Kontakt noch schützen wollen. Seit einiger Zeit hat sie eine Stelle als Putzfrau. „Die Arbeit lenkt mich ab, die kreisenden Gedanken um die Kinder weiten sich.“ Halt und Mut findet die Frau zudem in einer Selbsthilfegruppe.
Nach Schätzungen sind es bundesweit etwa 300 000 Mütter, die ihr Kind zur Adoption oder zur Dauerpflege gaben oder geben mußten. In der Regel haben sie keine Verbindung zu den Kindern und zu den neuen Eltern. Wer sich einmal dazu entschlossen hat, sein Kind zur Adoption inkognito freizugeben, kann diese Entscheidung nicht mehr rückgängig machen, hat auch kein Recht, zu erfahren, wer die Adoptiveltern sind. Ein Umgangsrecht ist ausgeschlossen. Die in den Selbsthilfegruppen sich organisierenden Frauen wollen das ändern, wollen heraustreten aus der Einsamkeit, aus der Verurteilung und Verachtung, wollen wissen, wie und wo die Kinder aufwachsen. Sie wollen ihre Liebe zu den Kindern würdig leben, daran arbeiten, daß die Verletzungen heilen – und vielleicht auch die ihrer Kinder.
Heike W. freut sich darauf, die Selbsthilfegruppe mitaufzubauen. Jeden Abend schreibt sie ein paar Zellen in ihr Tagebuch, um Irrwege und das Ausmaß der Geschehnisse zu begreifen, Schuldgefühle zu ertragen, auch loszulassen. Ihren Kindern schreibt sie regelmäßig Briefe, die sie zu Hause in der Schublade für das Wiedersehen aufhebt, andere schickt sie an die Adoptionsvermittlung. „Daß ich die Kinder nicht vergessen habe, das sollen sie eines Tages erfahren.“
Siehe zum Thema auch: "Im Stich gelassen? Warum Frauen sich von ihren Kindern lossagen", Rezension von Karin Jäckels neuem Buch (Sept. 99)