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"Eltern for family", Heft 6/98, Seite 85 f.
Scheidung muß nicht schaden
Die Mutter - ein emotionale Versagerin / Der Vater - ein Egoist / Die Kinder - bedauernswerte Gefühlskrüppel. Solche Vorurteile über Scheidungsfamilien sind nicht richtig. Das beweist die amerikanische Psychologin Abigail Stewart in einer ganz neuen Studie. Ihre Erkenntnisse helfen allen Scheidungsfamilien.
Wenn Eltern sich trennen, geraten ihre Kinder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit: Jedes Kränkeln, jeder Durchhänger in der Schule, jede Rauferei, jede Aggression wird argwöhnisch beäugt und gewertet: Kein Wunder, daß das arme Kind durcheinander ist - seine Eltern haben sich ja schließlich getrennt. Dabei ist Scheidung längst Alltag: Jede dritte Ehe in der Bundesrepublik endet vor dem Familienrichter.
Die amerikanische Psychologin Abigaill J. Stewart von der University of Michigan hat mit einem Forscherteam 160 Scheidungsfamilien mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren untersucht. Hat Mütter, Väter und Kinder sechs Monate nach der formalen Scheidung und noch mal ein Jahr später einzeln und gemeinsam befragt, beobachtet, miteinander spielen lassen, ihre Verfassung sowie ihre Beziehungen zueinander untersucht.
Ergebnis: Die "armen Scheidungswaisen" sind ein Mythos. Wenn Eltern sich scheiden lassen, muß das für Kinder keine lebensüberschattende Katastrophe sein. Abigail Stewart: "Mit der Scheidung kommen die meisten Kinder gut zurecht. Die Trennung der Eltern zeichnet sie nicht fürs Leben." Natürlich trauern die Kinder anfangs, empfinden Wut, viele werden gebeutelt von Loyalitätskonflikten, kränkeln manchmal - vor allem Mädchen - oder haben vorübergehend Schulprobleme - dies trifft vor allem auf Jungen zu. Doch erstaunlicherweise hatten die meisten Kinder nach einem weiteren Jahr ihr Leben wieder im Griff.
Etliche der größeren Kinder gaben sogar Aussagen zu Protokoll wie: "Natürlich vermisse ich meine Mutter, aber es war gut, daß sie gegangen ist." Oder: "Ich habe meinen Vater früher nicht oft gesehen, außer manchmal an den Wochenenden. Wenn ich jetzt mit ihm zusammen bin, habe ich ihn das ganze Wochenende für mich."
15% der befragten Kinder hatten auch nach 18 Monaten noch Probleme. Dies führt Stewart aber zum Teil auf die katastrophalen Zustände vor der Trennung zurück. Nicht ausschließen will die Psychologin auch, daß ein Teil dieser Kinder in einer intakten Familie im herkömmlichen Sinn ebenfalls Schwierigkeiten gehabt hätten: weil sie in ein kritisches Alter gekommen oder aus anderen Gründen aufgefallen wären.
Trotz aller emotionalen, finanziellen und sozialen Folgen der Trennung ging der überwiegende Teil der von einer Scheidung betroffenen Familienmitglieder nach 18 Monaten mit gestärktem Selbstvertrauen und großer Hoffnung in die Zukunft.
Das hat vor allem zwei Gründe:
Abigail Stewart versteht ihre Untersuchungsergebnisse, die sie In dem Buch "Separating together - how Divorce transforms Families" veröffentlicht hat (The Guilford Press, New York; zu deutsch etwa: Sich gemeinsam trennen - wie Scheidung Familien verändert), nicht etwa als Plädoyer für Scheidung. Sie plädiert vielmehr dafür; die Scheidungsfamilie ganz einfach in die vielfältigen Formen des Zusammenlebens einzureihen und eine Scheidung als eins der Dinge zu betrachten, die Menschen Im Laufe ihres Lebens passieren können. Warum, fragt die Psychologin, sehen wir eine Scheidung nicht als das an, was sie ist? Eine Strukturveränderung wie viele andere denen Familien unterworfen sind: etwa, wenn noch mal ein Kind kommt und eine Familie ihren Alltag umstrukturieren muß. Wenn der Vater den Arbeitsplatz wechselt und die Familie umziehen muß. Wenn die älteste Tochter auszieht - und die Rollen in der Rest-Familie neu verteilt werden. Familien sind ständigen Veränderungen unterworfen. Nichts anderes als eine solche Veränderung, meint Abigail Stewart, geht vor sich, wenn aus einer Ein-Haushalt-Familie eine mit zwei Haushalten wird. Doch statt Kindern aus geschiedenen Ehen dieses Stück Normalität zu gönnen, werden diese Kinder abgestempelt: Ihr Leben lang bleiben sie "Scheidungskinder". Kein Mensch käme auf die Idee, Kinder, die einen Elternteil durch Tod verloren haben, fortan als "Todeskinder" durchs Leben laufen zu lassen.
Bei den Eltern verstärkt der "Scheidungsstempel" die ohnehin vorhandenen Schuldgefühle. Das gilt vor allem für die Mütter. Sie bekommen häufig von der Verwandtschaft mit spitzem Unterton zu hören: "So was gab es in unserer Familie noch nie!" Frauen, die ausschließlich Mutter und Ehefrau waren, müssen sich sozial völlig neu orientieren und fühlen sich in der Öffentlichkeit, bei der Jobsuche, ja sogar im Freundeskreis stigmatisiert. Warum die Reaktionen so negativ sind, dafür hat eine von A. Stewart interviewte Mutter eine äußert plausible Erklärung: "Das ist purer Selbstschutz der anderen. Jeder hat doch Angst davor, daß ihm so was auch passiert."
Indem A. Stewart mit ihrer Studie die gängigsten Vorurteile widerlegt, gibt sie den betroffenen Familien Hilfen in die Hand, die es Eltern und Kindern erleichtert, die neue Situation zu meistern.
Kommentar paPPa.com: Wir danken Thomas Lieblein für diesen Hinweis.
Ansonsten kann dieser Artikel ergänzt und korrigiert werden durch Anneke Napp-Peters, Familien nach Trennung. Siehe auch die Meldung aus "Der Standard" vom 16.6.98:
"Scheidungen werden weniger - Laut Studie sind Ehen von Trennungskindern häufig nicht so stabil
Wien - Die Zahl der Scheidungen nimmt leicht ab. (...) Aber dennoch wachsen in Österreich 79 Prozent der Kinder mit Mutter und Vater gemeinsam auf. Der Anteil der Familien, in denen die Eltern nicht verheiratet sind, macht nur vier Prozent aus, ergänzt das Österreichische Institut für Familienforschung.
Das Institut hat sogenannte Langzeitfolgen von Scheidungskindern untersucht. Dazu wurden 4500 Frauen und 1500 Männer befragt. Ziel war es, die wissenschaftliche Theorie, wonach sich ein "Scheidungsrisiko vererbe", empirisch zu untersuchen. Das Ergebnis: Scheidungskinder gelten als beziehungsscheuer und ihre Ehen scheinen nicht so stabil.
Scheu vor Bindung: Österreicher, die eine Scheidung im eigenen Elternhaus miterlebt haben, lösen um rund 22 Prozent häufiger ihre erste Lebensgemeinschaft wieder auf als andere Paare. Neun Prozent vermeiden es von vornherein, eine feste Bindung einzugehen.
Diejenigen, die doch heiraten, geben sich das Ja-Wort dann deutlich früher als keine Scheidungskinder. Töchter kompensierten beispielsweise die Abwesenheit des Vaters durch frühere sexuelle Kontakte, was häufiger zu ungewollten Schwangerschaften und Muß-Ehen führe, lautet eine wissenschaftliche Begründung. (ker)"
Weitere Nachweise auf Anfrage bei paPPa.com.