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FOCUS 21/1998 vom 18. Mai 1998, S. 206-210
Titel/Ankündigung: Schicksal Scheidungskind – Hat es der Nachwuchs ohne Väter wirklich schwerer?
Inhalt/Ankündigung: Allein mit Mama: Immer mehr Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf. Experten sagen: Viele entwickeln sich prächtig
Fast 20 Jahre war Daddy verschollen, Adresse unbekannt. Mama Penelope blieb mit dem Söhnchen allein zurück, durchwachte mit ihm fiebrige Nächte, als sich Milchzähne ihren Weg durch sein zartes Zahnfleisch bohrten, putzte Rotznasen, versorgte blutige Knie.
Single-Mom Penelope. Insgesamt leistete sie, unterstützt von einem Lehrer, bei der Erziehung ihres Sohnes Telemach ganze Arbeit. Schließlich, als Papa Odysseus wieder auf der Bildfläche erschien, war der Junge zu einem mutigen, erfindungsreichen Mann gereift.
Soviel zu alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern in der antiken Mythologie. Abenteuerlichere Geschichten werden Einelternfamilien – wie sie heute im Fachjargon heißen – in modernen Mythen angedichtet: Kinder, die nur mit einem Elternteil – meist ist es die Mutter – aufwachsen, sind verdammt zu einem Leben im Schattenreich der Gesellschaft. Symbiotisch gekettet an das übermächtige Muttertier, entwickeln sie sich zu verhätschelten Schlaffis, bestenfalls. Oder aber sie verwahrlosen, fallen durch Drogenkonsum, Ladendiebstahl, mindestens schlechte Noten auf. Trübe bis apokalyptische Aussichten also, wenn man die Zahl der Kinder – derzeit sind es in Deutschland weit über zwei Millionen, jährlich kommen 100.000 dazu – bedenkt.
Dabei entwickeln sich die Kids Alleinerziehender tatsächlich nicht schlechter als ihre Altersgenossen aus "normalen" Familien. Eher im Gegenteil: "Untersuchungen haben ergeben, daß sie besonders selbständig werden", berichtet der Baseler Psychologe Udo Rauchfleisch, Autor des unlängst erschienen Buchs "Alternative Familienformen". Und: "Weil diesen Kindern bei Problemen oftmals mehr Ansprechpartner und Bezugspersonen - Erzieher, Tagesmütter, Omas, Opas - zur Verfügung stehen, werden sie kontaktfähiger." Die Soziologin Gunhild Gutschmidt listet in ihrem Aufsatz "Kinder in Einelternfamilien" weitere Pluspunkte auf: Diese Kinder sind in der Regel gut in der Schule "obwohl sie dafür oft bessere Leistungen vorweisen (müssen)", weil Lehrer sich von Vorurteilen noch nicht frei machen können. Außerdem eignen sich Jungen wie Mädchen flexiblere Rollenauffassungen an.
Väterlose SPD-Troika. Eine Analyse dreier - mehr oder weniger - vaterloser Persönlichkeiten, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, betrieb der Bochumer Psychotherapeut Ulrich Sollmann. Zunächst fiel sein Urteil über die SPD-Troika negativ aus: In die Krise vor vier Jahren seien die Genossen gedriftet, weil es ihnen, als Muttersöhnen, an männlichen Vorbildern gemangelt habe. "Diese Kohlsche Faust-auf-den-Tisch-Mentalität - das hatten sie nicht drauf." Doch schließlich hätten die vaterlosen Sozialdemokraten durch eher weibliches Agieren zu neuer Kraft gefunden, "durch die - von den Müttern erlernte - Fähigkeit des Moderierens und des Miteinanders ". Nachholbedarf an "weiblichen" Eigenschaften - Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit - haben Männer per se, da sind sich Psychologen einig. Mittels viel besuchter Seminare, in denen der EQ - die derzeit viel beschworene "Emotionale Intelligenz" - geschult wird, pauken Führungskräfte aus der Wirtschaft nun die Regeln des gefühlsbetonten Managements. "Söhne alleinerziehender Mütter bringen Eigenschaften wie Konfliktfähigkeit, die ihre Geschlechtsgenossen oft mühsam lernen müssen, schon mit", so Rauchfleisch. In seinen Augen ist das eine gesellschaftliche Chance: "Diese Jungen sind geschult durch die partnerschaftliche Erziehung, die ihre Mütter – schon aus zeitlicher Notwendigkeit - praktizieren."
Bessere Männer ohne Väter? "Es geht nicht darum, die traditionelle Familie mies zu machen, sondern klarzustellen, daß Kinder Alleinerziehender nicht zwangsläufig schlechter dran sind", beschwichtigt Psychologe Rauchfleisch. Doch diesbezügliche Erkenntnisse bleiben meist fast ungehört. Zu plakativ sind die konkurrierenden Meldungen: ein hoher Anteil der Jugendlichen, die mit der Jugendgerichtshilfe in Berührung kommen, stammen beispielsweise aus sogenannten "zerrütteten Familien". "Das heißt aber nicht, daß Kinder Alleinerziehender zwangsläufig mit dem Gesetz in Konflikt geraten", stellt Marianne Meinhold, Psychologieprofessorin an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Berlin, richtig. Auch Untersuchungen, aus denen hervorgeht, daß Kinder von Alleinerziehenden in der Schule öfter negativ auffallen, lassen nicht darauf schließen; daß sich alle zu Problemkindern entwickeln. "Schichtzugehörigkeit und andere Komponenten werden bei solchen Studien oft nicht berücksichtigt", ist sich Psychologin Meinhold sicher. Wer etwa das Kind einer alleinerziehenden arbeitslosen Mutter im Unterschichtmilieu mit dem eines Akademikerehepaars aus einem ruhigen Vorort vergleicht, müsse sich über unseriöse Ergebnisse nicht wundern.
Viel schlechte Presse für Kinder aus Einelternfamilien gab es nach einer Studie der amerikanischen Psychologin Judith Wallerstein und ihrer Mitarbeitern Sandra Blakeslee von 1989. Laut dieser Untersuchung sind Kinder nach einer Scheidung für ihr ganzes Leben traumatisiert. Allerdings: Statt eines Bevölkerungsdurchschnitts wurden hauptsächlich Kinder befragt, die während der Ehekrise der Eltern mit Gewalt, Alkoholismus und Psychoterror konfrontiert wurden. Daß nach solch familiärem Horror langfristige Probleme programmiert sind, erscheint logisch.
Gute Väter, schlechte Väter. Dennoch: das Fehlen väterlich-männlicher Rollenvorbilder in den Mutter-Kind-Familien wird vielfach beklagt. Ein schlechter Vater, so versichern viele Erziehungswissenschaftler, sei besser als gar keiner. Doch ist der karriereorientierte Hausvorstand, der seine Kinder nur am Wochenende zu Gesicht bekommt, unverzichtbar - oder sogar der brutale Vater, der die Familie terrorisiert? "Ein Vater, der selten auftaucht, kann wenig Schaden anrichten - ein gewalttätiger allerdings schon", so Psychologin Meinhold.
Zum Zeitpunkt der Elterntrennung sind die Kinder durchschnittlich vier bis sechs Jahre alt. Daß jede dritte Ehe in die Brüche geht, ist ein modernes Phänomen. Daß sich ein Elternteil allein mit den Kindern zurechtfinden muß, weniger: In der Nachkriegszeit, aber auch um die Jahrhundertwende war der prozentuale Anteil der Einelternfamilien ebenso hoch wie heute.
Eine generelle Entwarnung vor dem Trennungsschock für Scheidungskinder gibt es freilich nicht. Kinder aus bürgerlichen Verhältnissen leiden dabei - wie eine britische Langzeitstudie der Uni Cambridge ergab - stärker als Kinder aus sozial niedrigeren Schichten.
Arme Scheidungswaisen. Belastend, auch für die Kinder, ist die ökonomisch schlechte Situation der geschiedenen Familien. Die finanziellen Probleme können so gravierend sein, daß sie für die Kinder einen Abstieg auf der gesellschaftlichen Leiter mit sich bringen.
Auch der größte Teil lediger Mütter ist finden schlecht gestellt. Gute Bedingungen stellen dagegen ledige Frauen, die sich bewußt entschieden haben, ihr Kind allein zu erziehen, wie der Pädagoge Ekkehard Sander 1993 herausfand. Sie haben zum Teil einen hohen Bildungsstand und sind wirtschaftlich oft unabhängig. Zahlenmäßig sind sie aber eine Minderheit.
STELLA BETERMANN
BILDER:
Katja Riemann: Die blonde Schauspielerin wurde von der Mutter allein großgezogen
Bill Cosby: Sein Vater, ein Seemann, verließ die Mutter des US-Entertainers früh
Hermann Otto Solms: Der Vater des FDP-Politikers fiel im Krieg. Solms wuchs mit Mutter (und Stiefvater) auf
Sophia Loren: Die italienische Filmdiva wuchs als uneheliches Kind auf
SCHWUNGVOLL wächst die Zahl der Kinder, die nur mit einem Elternteil groß werden – pro Jahr kommen 100.000 dazu. Trotz wirtschaftlicher Probleme entwickeln sich viele dieser Kids überdurchschnittlich gut.
Stressige Partnerschaft: Um es allein mit Kind zu schaffen, müssen Single-Eltern gut organisieren und ihren Kindern einiges zutrauen. Den Kleinen schadet der partnerschaftliche Erziehungsstil nicht – im Gegenteil.
Mehmet Scholl: Der türkische Vater des Fußballers ging zurück in die Heimat – ohne Mehmet
Mit Bart, ohne Vater: Lauter Mamasöhne: die SPD-Triade Schröder / Lafontaine / Scharping – hier ein Bild aus bärtigen SPD-Krisenzeiten
Arabella Kiesbauer: Die Moderatorin wurde von Mutter und Großmutter erzogen
Jürgen Kohler: Der Fußballstar von Borussia Dortmund wuchs mit seiner alleinerziehenden Mutter auf
"Besonders in den Söhnen aus Einelternfamilien liegt eine gesellschaftliche Chance. Sie sind konfliktfähiger"
Vater mit Seltenheitswert: Die meisten Alleinerziehenden sind immer noch die Frauen
Hans-Olaf Henkel: Der BDI-Präsident verlor seinen Vater im Zweiten Weltkrieg
DJ Bobo: Der Schweizer Popstar ist Sohn einer ledigen Mutter
Madonna: Ihre Mutter starb, der Vater zog die Popdiva und ihre Geschwister alleine groß. Nun ist Madonna selber Single-Mama
Leserbrief
von paPPa.com zu "Mit Mama allein zu Haus" - FOCUS 21/1998,
206 ff.
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FOCUS! Du machst wirklich glücklich!
Endlich ist Schluß mit der Ungewißheit, endlich keine Befürchtungen mehr um unsere Kinder, um die Mütter, die allein mit den ehemals gemeinsamen Kindern in kargen Sozialwohnungen ohne FOCUS-Abonnement hausen. Endlich keine Schuldgefühle mehr ... DANKE!
Wir haben es lange vermutet – nur hat es lange niemand so klar ausgesprochen wie Du: Je weniger Eltern, desto besser !!! Jetzt können wir endlich ablassen von unseren – meist aussichtslosen – Bemühungen, Kontakt zu unseren Kindern zu bekommen, können uns wieder der eigenen Selbstverwirklichung widmen, neuen Mütter helfen, auch Alleinerziehende zu werden; können Ruhe einkehren lassen, viel Geld für Anwälte, Gutachter und Psychologen und vor allem den Kindes- und Ehegattenunterhalt sparen! Unsere Kinder werden einfach viel viel glücklicher und selbständiger ohne uns und ohne Geld!
Warum hat uns das keiner vorher gesagt? Kein Jugendamt, kein Familienrichter, kein Gutachter und kein Anwalt hat sich bisher getraut, die einfache und trotzdem überwältigende Wahrheit so ungeschliffen von sich zu geben (obwohl sie das alles wußten und entsprechend entschieden haben): "Willst Du, daß Dein Kind Erfolg im Leben hat? – Dann verpiß Dich! (für Väter) - bzw. Schmeiß den Alten endlich raus! (für Mütter)."
Wir hingen alle dem Mythos nach, daß Kinder zwei Eltern brauchen ... dumm, ignorant und völlig verbohrt wie wir waren ... Aber Du, lieber FOCUS, hast es uns auch nicht ganz einfach gemacht: Seit "Wo ist Vati?" in FOCUS 3/1995 mußten wir glauben, daß eine vaterlose Gesellschaft nichts Gutes ist. Woher sollten wir auch wissen, daß Deutschland seine eigene Kultur hat – USA ist weit weg und Lebensborn und so ist halt wieder schwer angesagt ...
Denn wer will nicht, daß sein Kind blonde Schauspielerin oder Entertainer oder FDP-Politiker oder Fußballstar oder Regierungschef oder Schmuddeltalk-Moderatorin oder Popstar/Popdiva oder BDI-Präsident wird ???
Und bitte: Laßt diesen Beitrag keine Eintagsfliege werden! Es empfehlen sich u.a. Folgebeiträge wie diese:
Das sind nur einige Vorschläge für die nächsten Ausgaben, es gibt mit Sicherheit hunderte! Laß uns in Kontakt bleiben, lieber FOCUS! Also: Immer feste weiter berichten, wie schön das alles ist, ohne Eltern, ohne Kohle, ohne Arme, ohne Beine, ohne Zukunft ...
Weitermachen und nur nicht beirren lassen!
Euer paPPa.com
P.S. Was können wir gemeinsam gegen diese Desinformationen im SPIEGEL tun? Dort stehen solch unmögliche Sachen wie
"Aus vaterlosen Familien stammen in den USA
Kann doch gar nicht, oder wie?