paPPa.com informiert:
Tagesspiegel vom 13. Mai 1998
Miteinander leben
Familien brauchen Verläßlichkeit, politisch wie gesellschaftlich
Von Georg Kardinal Sterzinsky
Worauf können sich Familien in Berlin und in der ganzen Bundesrepublik verlassen? Daß sie zu einer kleiner werdenden Gruppe gehören? Insgesamt werde Berlin mehr und mehr zu einer Stadt der Singles und kinderlosen Paare, hieß es kürzlich in der Auswertung der veröffentlichten neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes.
Worauf können sich Berliner Familien verlassen? Daß immer mehr von ihnen zu Sozialhilfeempfängern werden? Daß die Armut unter ihnen unverhältnismäßig stark zunimmt? Die Statistiker: Die Zahl der Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, hat sich seit 1991 verdreifacht.
Worauf können sich Berliner Familien verlassen? Daß sie auch künftig dort herhalten müssen, wo die öffentliche Hand "spart"? Eltern haben beispielsweise für Kitas, höhere Fahrpreise der BVG und erhöhte Mehrwertsteuern tiefer in die Tasche zu greifen. Kinderlose sind davon weit weniger oder gar nicht betroffen. Wenn Bezüge erhöht werden, für die ganze Familie nur einmal. Wenn Preise und Gebühren steigen, für die Familie mehrfach.
Gäbe es nur diese "Verläßlichkeiten" im eher makaberen Sinn, wären Familien tatsächlich verlassen. Aber die in einer Familie leben, erfahren glücklicherweise auch positiv, daß sie sich verlassen können. Darauf macht die derzeit bundesweit stattfindende Woche für das Leben aufmerksam. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto "Worauf du dich verlassen kannst: Miteinander leben in Ehe und Familie". Schon zum fünften Mal führen katholische und evangelische Kirche gemeinsam eine solche Woche durch.
Die Kirchen rücken damit Ehe und Familie ins Blickfeld. Sie sind überzeugt: Die Ehe als zuverlässige, unbedingte und dauerhafte Zusage gegenseitiger Annahme ist das solideste Fundament für eine Familie. Die Familie ist der Raum, in dem beginnendes und heranwachsendes menschliches Leben am besten geschätzt und zur Entfaltung gebracht werden kann. Diese Lebensformen - Ehe und Familie - werden auch nach wie vor vom größten Teil der Bevölkerung gewählt oder zumindest ersehnt. Sie werden auch in sich wandelnden Zeiten dem Verlangen nach Gemeinsamkeit und der Schutzbedürftigkeit des Menschen immer noch am besten gerecht. Sie wecken Hoffnungen. Freilich können sie auch zu besonders schmerzlichen Enttäuschungen führen. Selbst dann ist es wichtig, daß Enttäuschte bei anderen wieder Verläßlichkeit erfahren.
Christen machen mit Gott die Grunderfahrung, daß sie sich wirklich auf ihn verlassen können. Er ist verläßlich bei allen Rätselhaftigkeiten. Wer das, erlebt hat, wird auch anderen gegenüber um Verläßlichkeit bemüht sein.
Schließlich erwartet auch die Gesellschaft, sich auf die Früchte von Ehe und Familie verlassen zu können: daß Eltern die notwendige Erziehungsarbeit leisten; daß mit den Kindern handlungskompetente und verantwortungsbewußte Persönlichkeiten für die Gesellschaft heranwachsen; daß die jungen genügend Leistungen für den Lebensunterhalt der Alten und Unterstützungsbedürftigen aufbringen. Deshalb müssen sich aber auch umgekehrt Familien auf die Gesellschaft verlassen können.
Damit bin ich wieder bei dem Ausgangspunkt meiner Überlegungen, bei den Entwicklungen, die Ehe und Familie behindern. Zugegeben, es ist anzuerkennen, daß von der Politik einige Schritte in die richtige Richtung gegangen wurden; ich denke, an den erreichten Anspruch auf einen Kindergartenplatz, die Anrechnung von Erziehungszeiten auf die Rente, an die Förderungen im Wohnungsbau, an Kindergelderhöhungen, Erleichterungen für Teilzeitarbeit usw. Aber auch wo es Fortschritte gegeben hat, gibt es noch großen Bedarf. An allen diesen Punkten müssen weitere Verbesserungen ansetzen.
Wenn Ehe und Familie von unersetzbarem Wert und unvergleichlicher Bedeutung sind, müssen sie nicht nur unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes bleiben, sondern auch zentrale Aufgabe einer jeden Regierung. Deshalb beurteile ich das Programm einer jeden Partei auch nach ihren Absichten in der Familienpolitik. Tendenzen, nichteheliche Lebensgemeinschaften den ehelichen gleichzustellen, verraten den Wert der Familie.
Aus diesem Grund begrüße ich beispielsweise die Postkartenaktion, die während der Woche für das Leben läuft und an der sich jeder beteiligen kann. Parteien werden aufgefordert, konkret zu sagen, was sie zur Familienförderung unternehmen wollen.
(Der Autor ist katholischer Erzbischof von Berlin.)
Zur Tätigkeit der Evangelischen Kirche siehe "Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und Familien"