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Karin Jäckel: "Im Stichgelassen?
Warum Frauen sich von ihren Kindern lossagen"
Sept. 99, Bastei Lübbe, DM 14,90

Eine Rezension von Armin Emrich

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"Rabenmütter", das war das Stichwort, das mir einzigim Gedächtnis blieb, als ich zum erstenmal von der geplanten Veröffentlichung des nun vorliegenden Buches von Karin Jäckel gehört habe. "Toll",dachte ich, "eine Frau, die selbst Mutter ist, bringt den Mut auf,den Mythos Mütterlichkeit in Visier zu nehmen, um mit ihm einmal gründlichaufzuräumen, endlich eine Frau, die den Schleier reiner, unantastbaren Mutterliebe gnadenlos herunterreißt, um der Öffentlichkeit nichtweiter die Sicht vor dem wahren Gesicht zu versperren, das sich hintereiner vernebelten Mütterlichkeitsideologie verbirgt."

Jäckel, Im Stich gelassen - Sept. 1999

Ich meldete mich, einen Beitrag zu verfassen, denn ich war sicher, darüberkönnte ich, vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen, mit Blick auf die Mutter meiner Tochter, meiner eigene Mutter, die Mutter meiner Mutter und die meines Vaters bis hin zu meinen Urgroßeltern einiges authentisch beisteuern. Sehr lange habe ich nicht gezögert, mich an den Computer zu setzen. Doch, je länger ich nachdachte, in alten Briefen recherchierte und in Kindheitserinnerungen wühlte, desto unsichere wurde ich, destomehr wurde mir die Komplexität der Beschäftigung mit dem in Rede stehenden Phänomen auch mit Blick auf meine eigene Biographie bewußt. Fast hätte ich den Versuch, Buchstaben in eine sinnvolle Reihenfolge bringen zu wollen wieder aufgegeben, setzte mich dann aber doch wieder an den Bildschirm, um einfach weiter zu schreiben. Ich dachte, laß Dich von dem Buch, das Karin Jäckel veröffentlichen will, einfach überraschen, wenn es dann auf dem Markt ist.

Ich war überrascht, sehr überrascht mit welcher Sensibilität, welcher Kompetenz und welchem Einfühlungsvermögen sich Karin Jäckel sich an das Thema ihres Buches heranwagte und es aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtete, ohne wissenschaftlich hochtrabend mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Es kommen Kinder zu Wort, Mütter und auch Väter. Sie erzählen bewegende Geschichten und lassen Erlebnisse,Erfahrungen, Gedanken und Gefühle hautnah miterleben. Es sind Mütter, die für sich eingestehen mussten, weiß Gott nicht als Müttergeboren worden zu sein, die loslassen konnten, ihren eigenen Kindern zuliebe,Väter die "Mütterverantwortung" übernommen haben, im Wissen, die Mutter nie ersetzen zu können oder zu wollen, Kinder,die nie aufgehört haben, nach ihrer Mutter zu fragen und nach ihr zu suchen und Kinder die sich von ihren Müttern innerlich und äußerlich losgesagt haben.

Ohne Besserwisserei beleuchtet Karin Jäckel zwischen diesen Geschichten unterschiedliche Facetten der Bedeutungen, die Müttern für ihre Kinder haben und umgekehrt. Sie gibt einen geschichtlichen Einblick in die Veränderung der Mütterrolle im gesellschaftlichen Bewußtsein und focusiert Zielkonflikte zwischen Frau- und Mutterdasein, aber endlichmal auf andere Weise, als so, wie wir es aus Frauenbüchern und Illustrieren bereits hinlänglich kennen.

Wenn es um Trennung, Inbesitznahme, Grenzüberschreitungen, Trauer, Verlust, Bindung, Distanz und Nähe, Sehnsüchte, Mütterliebe in den Schicksalsbeschreibungen von Müttern und Kindern geht, könnte jedesmal dort, wo das Wort Mutter erscheint das Wort Vater stehen. Es würde an dem Inhalt individueller Erfahrung und wechselseitigem Leid nichts verlorengehen. Der Unterschied ist nur, was hier bezogen auf Mütter aufgeschrieben ist, trifft meistens für Männer zu, da es mehrheitlich Männer sind, die sich lossagen, sich lossagen müssen, losgesagt werden und ihre Kinder im Stich lassen, die gehen und/oder gegangen werden.

Mutter sein läßt sich nicht, wie Vater sein in Bausch und Bogen plakativ abhandeln. Es bedarf schon einiger Differenzierungen und großer Empathie, sich diesem unergründlichen Phänomen Mutter zu nähern. Wenn es um die Betrachtung von Männern als Väter geht, suchten wir oft vergeblich nach differenzierter Beschreibung mit dem notwendigen Einfühlungsvermögen. Ob in den Medien, öffentlichen Verlautbarungen, Gerichtsbeschlüssen oder beim Kaffeekränzchen: Väter sind offensichtlich von Natur aus gedankenlose und gefühllose Geschöpfe, wenn es um Kinder geht, über die man sich eben weiter keine Gedanken machen muß, außer um ihre Unterhaltszahlungen ...

Mütter und Väter, ihre Haltungen und Leidensgeschichten sind oft nicht sehr weit voneinander entfernt. Nur Väter sind nun mal am meisten betroffen, allein aber die Erfahrungen von Müttern machen uns betroffen. Deshalb ist das Buch von Karin Jäckel nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer ein absolutes Muß mit hohem Wiedererkennungswert für die möglicherweise eigenen leidvollen Erfahrungen.

Es ist ein Buch das gleichermaßen Mütter wie Väter bewegt, ein Buch, das etwas bewegen kann.

Armin Emrich

© paPPa.com e.V.


Ein wenig Mehr von Karin Jäckel:


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Stand dieser Seite: 29.08.1999 - Fundstelle: http://www.paPPa.com/familie/kj_rez_ae.htm


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