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DER SPIEGEL, Heft 46/1997, vom 10. Nov. 1997, Seite 27
FAMILIEN
Allein daheim
Ministerin Claudia Nolte hat eine Studie in Auftag gegeben und ist über das Resultat erschrocken: Die traditionelle Familie zerbricht.
Montags, wenn es der Job erlaubt, kommt Bundesfamilienministerin Claudia Nolte, 31, später ins Büro. Sie bringt Christoph, ihren 6jährigen Sohn, daheim im thüringischen Ilmenau in den Kindergarten.
Sie plaudert dann gern auch mal mit den anderen Müttern über Masern, Windpocken und andere Kinderkrankheiten. Einige erzählen der Ministerin auch von ihren größeren existentiellen Sorgen - etwa welche Schwierigkeiten sie als Alleinerziehende im Alltag bewältigen müssen. Das klingt schon oft nach "allein sein", lernt Nolte auf diese Weise.
Die CDU-Ministerin wollte es genauer wissen. Sie gab die erste repräsentative Studie über das Leben von Solo-Eltern in Deutschland in Auftrag.
Was die Hamburger "Gesellschaft für Marketing-, Kommunikations- und Sozialforschung" herausfand, bestätigt die Klagen, die Nolte im Kindergarten ihres Sohnes Christoph vernahm. Die Forscher interviewten 20.000 Leute über ihre Lebens- und Finanzumstände. Den alleinerziehenden Eltern unter ihnen stellten sie besondere Fragen.
Die Single-Eltern müssen zunehmend mit großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen fertig werden, fanden die Hamburger heraus. Hinzu kommt: Immer mehr Kinder wachsen bei nur einem Elternteil auf. Die Soziologen kennen diese Entwicklung schon länger - Folder der offenbar unaufhaltsamen Individualisierung der Industriegesellschaft.
Gab es im Jahre 1991 noch gut 2,5 Millionen Familien mit Alleinerziehenden, so waren es vier Jahre später schon rund 2,8 Millionen. Zu den Alleinerziehenden zählen die Forscher jene Single-Eltern, die ausschließlich das Sorgerecht für ihre Sprößlinge haben, unabhängig davon, ob sie tatsächlich allein leben. Der Hamburger Studie zufolge wachsen in gut 82 Prozent dieser Haushalte die Kinder entweder nur mit dem Vater oder - in der weit größeren Zahl der Fälle - mit der Mutter auf.
Zwei Drittel der Alleinerziehenden, die um die Jahreswende 1995/96 im Auftrag von Frau Nolte befragt wurden, haben angegeben, sie seien erst in den letzen fünf bis sechs Jahren zu Solo-EItern geworden. Knapp 68 Prozent wurden durch Scheidung oder Trennung zu Alleinerziehenden. Einige von ihnen leben inzwischen mit einem neuen Partner zusammen; die juristische Verantwortung für den Nachwuchs, das Sorgerecht, bleibt ihnen indes allein vorbehalten.
In Städten ab 500.000 Einwohner ist die klassische Kernfamilie - Mutter, Vater, Kind - besonders oft gesprengt worden. In jeder dritten Familie fehlt entweder Vater oder Mutter - oder einer von beiden hat einen neuen Lebenspartner. Soziologen haben dafür den Begriff "Patchwork-Biographie" geprägt. Die meisten dieser Familien gibt es mit gut 39 Prozent in Berlin, gefolgt von Hamburg und Bremen mit rund 35 Prozent.
Auch auf dem Lande bröckelt der traditionelle Familienverband: In jeder zehnten Familie gibt es nur einen Erziehungsberechtigten, auch hier in der Regel die Mutter.
Ob in der Stadt oder auf dem Land, viele der alleinerziehenden Eltern leiden wirtschaftliche Not: Etwa 20 Prozent von ihnen sind auf Sozialhilfe angewiesen.
"Wer Arbeit hat, und das sind knapp zwei Drittel der Alleinerziehenden, verdient ziemlich wenig. 17 Prozent haben im Monat nicht einmal 1500 Mark zur Verfügung, 18 Prozent erhalten bis zu 2000 Mark. Die allermeisten bleiben unter 3500 Mark, brutto, versteht sich. Nur 15 Prozent verdienen 3500 Mark monatlich und mehr.
Viele Single-Eltern versuchen zwar, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten - oft scheitern sie aber, weil sie ihre Kinder während der Arbeitszeit nicht unterbringen können, oder an der mangelnden Flexibilität ihrer Arbeitgeber.
Es geht ihnen , so wie der 42jährigen Martina Paul. Sie hatte eine Stelle in der Schulverwaltung in Aussicht und fragte bei der Stadt Bonn um einen Hortplatz für ihre beiden Kinder nach. Leider, leider, wurde ihr da beschieden, freie Hortplätze gebe es nicht - der Job war damit weg. Alles nicht so schlimm, versuchten die Verwaltungsbeamten zu trösten, Frau Paul stehe ja Arbeitslosengeld zu.
Auch die Wohnsituation ist der Nolte-Studie zufolge für Alleinerziehende eher trübe - ebenfalls eine Folge der finanziellen Misere. Während sich knapp die Hälfte aller zehn Millionen Familien mit beiden Eltern ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung leisten können, sind es bei Allein-Eltern rund 16 Prozent.
Die Hamburger Studie bestätigt eigentlich nur den bekannten Trend zur Auflösung der traditionellen Familie, den vor allem konservative Politiker beklagen. Die Alleinerzieher sind die Verlierer der Veränderungen.
Das sei ein höchst "dramatischer Befund", kommentiert Bundesfamilienminister Claudia Nolte, die gern das Loblied der vollständigen Familie singt, das Zahlenwerk, das demnächst von ihrem Haus veröffentlicht werden soll soll.
Politischer Handlungsbedarf sei offenkundig, meint jetzt Christophs Mutter, deren Ehemann daheim in Ilmenau für Haushalt und Kind sorgt, während sie in Bonn regiert. Für alleinerziehende Mütter - und Väter - müsse dringend und schnell etwas getan werden.
Nur zu. Zur Zeit fehlen in Deutschland rund 500.000 Kindergartenplätze - Handlungsbedarf für die Bundesfamilienministerin.
Zwischenkommentar paPPa.com: Typisch Spiegel, mal wieder so ungeduldig. Vier Tage später - Ministierin Nolte reagiert in immer kürzeren Phasen - kommt dann schon der erste Beistand für die Alleinerziehenden ...
Claudia Nolte (CDU) ist Familienministerin.
EXPRESS: Frau Nolte, heute verabschiedet der Bundestag eine Regelung, die es erleichtert, flüchtige Väter zu ihrer Unterhaltspflicht heranzuziehen. Wieviele Kinder sind betroffen?
Nolte: In den vergangenen Jahren sind die Ausgaben des Staates für den Unterhaltsvorschuß immer mehr gestiegen. 1996 beliefen sie sich auf etwa 1,5 Milliarden Mark, die aus Steuermitteln aufgebracht werden mußten.
Dieses Geld kam insgesamt 495.258 Kindern zugute. Mit zwei Gesetzesänderungen wollen wir nun erreichen, daß wir von Vätern, die sich um die Zahlung herumdrücken, das Geld für deren Kinder leichter zurückfordern können. Künftig sollen alle Sozialleistungsträger wie etwa Arbeitsämter, gesetzliche Krankenkassen und privaten Versicherungsunternehmen, aber auch die Flensburger Verkehrssünderkartei verpflichtet werden, Auskünfte über Einkommen bzw. Wohnort unterhaltsflüchtiger Väter zu geben.
In einem ersten Schritt wollen wir heute beschließen, daß die Flensburger Kartei bei der Suche nach dem Wohnort hilft. Ich bin überzeugt, daß mit dem neuen Gesetz ein Teil der staatlichen Ausgaben besser wieder eingetrieben werden kann.
Siehe zum letzten Thema auch: "Nolte jagt säumige Zahlungsväter" vom Januar 1997 mit weiteren Hinweisen.