paPPa.com informiert:
(Hervorhebungen Fettschrift durch paPPa.com - Fundstelle bei der taz)
TAZ vom 23.10.1997 Seite 15
Typisch Mann: Keinem ist es je aufgefallen, daß es im biblischen Paradies keine Kinder gab. Es lag zwar das Lamm bei dem Löwen, für jeden war gesorgt, und die berühmte Natur - es wurde ja nicht mal gekocht, gebraten und gewaschen - war total intakt. Viel hat man davon hergemacht, daß es im Paradies auch keinen Sex und deshalb auch keine Sünde gegeben habe, aber niemand hat je einen Gedanken auf die paradiesische Kinderlosigkeit verwendet. Ich kann die Versäumnisse hier nicht nachholen, vermute aber, daß Eva schneller als der brave Adam dieses Walt-Disney-Land bald überhatte und den Auszug in die Wege leitete.
Erst mit Sex und Kindern beginnen das eigentliche Leben, die Geschichte und das große Kuddelmuddel, das Eva riskiert, aber in allen Einzelheiten natürlich nicht vorausgesehen hatte. Oft wird sie den Biß in den Apfel bereut, den untreuen Adam (Lilith!) verflucht und die streitenden Kinder angeblafft und vielleicht sogar geohrfeigt haben. Adam, der ja sowieso nicht dafür gewesen war, sagte: "Siehst!" und begann das Projekt der Schadensregulierung, an dem sich auch Eva reuig beteiligte und mit dem der Weg zurück ins Paradies schließlich wieder eröffnet werden konnte. Motto: Kein Kuddelmuddel mehr!
Aber heißt das kein Sex und keine Kinder? Auf direktem Wege ist das nicht zu machen - betrachten wir die Übergangslösungen. Die spannende Frage lautet: Wird es den Nostalgikern gelingen, uns das Paradies, aus dem Eva den Umzug organisierte, wieder schmackhaft zu machen?
Vor Jahren wurde das Scheidungsrecht reformiert. Als Hausfrauen und Mütter arbeitende Frauen erwarben Anrechte auf Vermögen und Rente ihrer berufstätigen Männer, unter Umständen Unterhalt. Noch wichtiger: Diese Rechte sind nicht gebunden an ihre Schuldlosigkeit im Fall der Scheidung. Man entschloß sich, bei Scheidungen keine öffentlich- rechtliche Schuldfrage mehr zu stellen, sondern das Scheitern einer Liebe und Ehe den unmittelbar Beteiligten zu überantworten. Man wird nicht mehr "schuldig" oder "unschuldig" geschieden (wegen Ehebruchs), der Staat maßt sich nicht mehr an, das Kuddelmuddel des Lebens zu regulieren, die eheliche Pflichtverletzung zu bestrafen oder das treue Unglück zu belohnen, das in der Mehrzahl Sache der Frauen war.
Von dieser Linie des staatlichen Rückzugs aus lebensunmittelbaren Sphären ist man in diesem Jahr, symptomatisch für die allgemeinere Tabuisierung des Sex auf dem Rückweg ins Paradies, unter allgemeinem Beifall abgewichen. Nach jahrzentelangen juristischen Querelen wurde die Vergewaltigung in der Ehe als neuer Straftatbestand von einer parteiübergreifenden Koalition der Frauen durchgesetzt. Eine solche gloriose Koalition hat es in Sachen Paragraph 218 und der unseligen Beratungspflicht, die Frauen per se zu moralisch unwürdigen Subjekten stempelt, nicht gegeben, aber vielleicht paßt auch alles gut zusammen.
Frauen müssen sich (in der Regel von Frauen) beraten lassen, ob sie ein Kind zur Welt bringen wollen oder müssen - und Frauen müssen "Vergewaltigung in der Ehe" anklagen, auch wenn sie es sich anders überlegt haben. Die Widerspruchsklausel war der letzte Stein des Anstoßes, den ausgerechnet die Frauen beseitigen halfen und damit der eigensinnigen Eva in den Rücken fielen. Sehen wir von den Schwierigkeiten der Tatbestandserhebung ab, der Problematik, die sich dem Rechtsstaat stellt, der jemanden verurteilen muß - wer will sich hier eigentlich in die Beziehungsdynamik von Leuten einmischen, für deren Glück oder Unglück dann doch letztendlich niemand zuständig ist? Die unfrisierte Bilanz der ganzen Notrufe und Frauenzufluchtseinrichtungen steht aus.
Anders gesagt: Die öffentlich-rechtliche Ordnung der sexuellen Paarbeziehung, die wir uns zunehmend anmaßen, steht im Dienst des Paradiesmythos und der Nostalgie, hilft aber nicht, das Kuddelmuddel des Lebens im Zeichen der weiblichen Gleichberechtigung neu zu verstehen.
In diesen Zusammenhang gehören auch die Versuche, Paarbeziehungen zu verrechtlichen, die, oft ganz bewußt, die Eheschließung vermieden haben, weil ihnen schon der Gang zum Standesamt wie eine Einladung an einen Dritten erschien, in ihrer Zweierbeziehung mitzumischen. Selbst mit der bescheidenen und lebenspraktisch gesehen fast bedeutungslosen Verweigerung kann unsere Gesellschaft offenbar nicht leben. Zwar schenkt - um ein Beispiel zu geben - das neue Kindschaftsrecht nun auch nichtehelichen Vätern das elterliche Sorgerecht (auf Antrag beim Jugendamt), aber mit diesem Geschenk hat dann eben doch Vater Staat einen Fuß in der Tür. Schon werden Pläne gewälzt, wie man Lebensgemeinschaften erforschen und im Falle von Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfeansprüchen eines Partners zur Kasse bitten kann. Notfalls sollen sie verpflichtet werden, ihre Beziehung - wie eng, wie fern - im Amt offenzulegen.
Die meisten und scheinbar allerbesten Gründe für den Lauschangriff auf die Reproduktionssphäre, seien es nun Lebensgemeinschaften oder rechtlich geordnete Familien, liefern aber nun nicht Erwachsene, sondern die Kinder. Konnte man sich vor Jahren über jeden freuen, der die autoritäre Erziehung kritisierte, bessere Bildungschancen für alle forderte und auch einmal die Parole "Kinder haben Rechte" im Munde führte, so hat die Vehemenz, mit der sich heute alle für Kinder ins Zeug legen wollen, etwas Unheimliches.
Viel öffentlicher Eifer und Aufregung wird in Rettungsprojekte für Kinder in spektakulären Situationen investiert - Stichwort: Mißbrauch. Die Funktion aller Horrorszenarien ist es, unser Bewußtsein dafür zu schärfen, daß unsere Idee von Kind und Kindheit, von Eltern und Familien, wenn überhaupt, dann nur äußerst mangelhaft in die Tat umgesetzt werden kann. Weniger bescheiden als die Pädagogen des 18. Jahrhunderts, die bloß von der perfekten Erziehung träumten, scheinen die Progressiven heute von der perfekten, der paradiesischen Kindheit zu träumen und machen diese zur Richtschnur ihres Handelns. Das schicksallose Glück kann aber nicht einmal als Utopie durchgehen, denn es macht Kinder bestenfalls zu Zombies in den Händen der immer zahlreicher werdenden Agenten des Wohlfahrtsstaates. Schon rührt sich auch die neue Reaktion und fordert eine Senkung des Strafmündigkeitsalters und plädiert für die Wiedereinführung der berüchtigten "geschlossenen" Heime, an die Ältere sich noch ungut erinnern. Und beim Thema "Gewalt auf dem Schulhof" werden ja auch die Progressiven hellhörig...
Nein, ohne Eltern und Familien geht es nicht. Im Unterschied zu Kindern an sich - die konkreten Kinder sind nicht Gegenstand der öffentlichen Emphase - haben Eltern keine Lobby. Niemand hat bislang gewürdigt, nicht einmal im Interesse einer triftigen Zustandsbeschreibung für künftige Maßnahmen, wie wundersam sich Familien in allen Bevölkerungsschichten gewandelt haben. Wem muß man eigentlich noch erzählen, daß Kinder Rechte haben? Von den Windeln an werden Willensäußerungen, Wünsche und Idiosynkrasien (Spinat!) gewürdigt, werden Kinder als Individuen wahrgenommen und Probleme zu den Fachleuten getragen (Brille, Zahnspange, logopädischer Unterricht wegen Lispelns).
Daß die Prügelstrafe out ist, wer muß das eigentlich noch irgend jemandem mit Salz in den Rücken reiben? Ich gestehe, daß ich darüber erfreut bin, im BGB keinen Paragraphen zur definitiven Ächtung der Körperstrafe vorzufinden, wie die SPD und Bündnis 90/Die Grünen ihn eigentlich durchsetzen wollten. Im modernen und äußerst intensiven Beziehungsclinch zwischen Eltern und Kindern können ausrastende Eltern samt Ohrfeige enorme Entwicklungspotentiale freisetzen, habe ich beobachtet, und Grundsatzdiskussionen und Rechtsfestschreibungen sind viel zu primitiv, um diese Auseinandersetzungen zu erfassen. Wohlgemerkt, ich plädiere nicht für die Prügelstrafe, auch nicht dagegen, wenn's drauf ankommt - ich plädiere für eine bessere Wahrnehmung von Verhältnissen, die sich althergebrachten Mustern und Reaktionen nicht fügen.
Schade, daß SPD und Grüne nicht imstande sind, den neuen Entwicklungen Worte zu leihen, und statt dessen, völlig sinnlos, in richtig reaktionäres Fahrwasser segeln. Das betrifft die Regulierung von korrektem Sex, aber auch die wohlmeinende Kontrolle von Familien mit auffälligem Erziehungsstil. Nicht, daß ich besorge, daß das Paradies wirklich hereinbricht, aber schon die rastlosen Versuche, es wenigstens punktuell zu treffen, sind gefährlich, kosten Geld, das "unseren Kindern" keineswegs zugute kommt. Wem kommt es zugute? Es wird Zeit, daß wir lernen, in Analogie zum militärisch-industriellen Komplex und zur Diktatur der Ökonomie den "pädagogisch-therapeutischen Sozialstaatskomplex" und die Diktatur seiner Experten als Bedrohung zu erkennen.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Kinderzahl ständig gesunken, die Zahl der mit ihnen befaßten und um sie quasi wie einen Markt kämpfenden Professionen und Professionellen hat sich dagegen vervielfacht. Die anhaltende Pathologisierung von Kindern, Eltern und Familien entspricht nicht deren Realität, sondern den Bedürfnissen und Interessen jener neuen Heerscharen von Psychologen, Sozial- und Diplompädagogen, die ihr Wissen verwerten müssen. Sie, ihre Verbände und Institutionen verbreiten die alarmistischen Diagnosen, die letztlich immer auf den Punkt hinauslaufen, daß die Familie am Ende ist, daß die Eltern überfordert sind und daß alle ohne professionelle Hilfe und Oberleitung den Kindern nicht geben können, was sie brauchen. Eltern werden zu Laien, wissenschaftlich gebildete Experten zu den eigentlichen Übereltern stilisiert. Schritt für Schritt rücken sie aus der helfenden in die herrschende Position vor.
Das ist schlimm, weil wir wissen, daß Kinder nicht nur Erzeuger brauchen, sondern Beziehungen mit Ernstfall, wie es sie in den allermeisten Fällen nur mit Eltern und in Familien geben wird.
Man ist kein Anhänger der klaustrophobisch agierenden Kleinfamilie alten Stils, wenn man der Einsicht Raum gibt, daß nur in solchen langen und intensiven Beziehungen Kinder die ganze Palette menschlicher Affekte, Werte und moralischer Haltungen lernen können. Auf solchen Beziehungseffekten können eine neue Kita, eine gute Grundschullehrerin, ein Sozialarbeiter im Jugendclub aufbauen - ersetzen können sie sie nicht. Anlässe gibt es genug, die öffentlich-rechtliche Ordnung der Reproduktionssphäre und ihre Durchdringung mit professionellem Wissen ohne Ernstfall in Frage zu stellen.
TAZ-Bericht Katharina Rutschky © Contrapress media GmbH
Kommentar paPPa.com: Ein bemerkenswerter Beitrag, der es auf den Punkt bringt. Wer hört diese Stimme der Vernunft?
Zu den Fixierungen, die in der Frauenpolitik wie hehre Wahrheiten behandelt werden, gehört die Verwechslung der Gleichberechtigung der Frauen mit ihrer Gleichstellung. Mit wem oder was sollen die gerade erst gleichberechtigten weiblichen Menschen eigentlich gleichgestellt werden? Möglichst haarklein und in Form von Statistiken kontrollierbar mit den männlichen Menschen!
Diese schlechte Utopie wird uns gern mit dem Verweis schmackhaft gemacht, daß wir dann an der Macht in den Chefetagen teilnehmen dürften. Doch wer hat davon schon was außer einer Handvoll Frauen? Also bleibt unterm Strich nur die niederschmetternde Erkenntnis: Von weiblichen Menschen wird nichts Neues erwartet - und schon gar nichts anderes als von männlichen Menschen, die wir uns überall zum Vorbild nehmen sollen.
Dabei kann man das geschlechtsspezifische Verhalten der Mädchen - denn nur dieses gilt als kritikwürdig in der heutigen Gleichstellungsutopie - auch ganz anders sehen und vor allem auch ganz anders interpretieren. Aber Tatsache ist doch, daß weibliche Menschen, auch von einer wohlmeinenden Frauenpolitik, entweder als Opfer von Männergewalt oder als resozialisierungsbedürftige Hascherln, denen man unbedingt auf die Sprünge helfen muß, mit vernichtender Herablassung behandelt werden. Die Überzeugung, daß Frauen defizitär, ja eigentlich nicht existent zu sein hätten, es weibliche Menschen gar nicht zu geben brauchte: das ist der Kern der Gleichstellungsutopie.
So, wie man ehedem wußte, daß Gott Adam und Eva geschaffen hat, so gehört es heute zum populären Wissen, daß Geschlecht (sex&gender) eine soziale Konstruktion ist. Auch hier vorzüglich eine, die die Weiblichkeit betrifft - Mädchen werden nicht geboren, sondern gemacht. Allerdings rühren sich inzwischen auch Männerforscher und wissen, daß Männlichkeit ganz ebenso wie Weiblichkeit "bewerkstelligt" wird. Der Schluß, den mancher und manche (Judith Butler) aus dieser bloß sozialen Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit - und vor allem aus Beobachtungen an Transsexuellen und anderen Exzentrikern zieht -, ist trotzdem falsch. Hier blüht keine Subversion, schon gar keine, die man mit politischen Hoffnungen befrachten mag.
Die sexuelle Differenz hat eine Basis in der Biologie, die man nicht deshalb geringschätzen darf, weil sie ehedem den Frauen zur Falle geworden ist. Die Idee der Gleichheit der Menschen und Geschlechter mag gesellschaftliche Korrekturen ermöglichen, zukunftsweisend ist sie nicht. Der Alltag lehrt, daß in demokratischen, gleichzeitig hochkomplexen Gesellschaften die Differenz der Geschlechter, woher sie auch immer rührt, eine Grundlage der Sozialität liefert. Sogar mehr als je zuvor im Patriarchat, das noch andere identitätsstiftende Zugehörigkeiten (Rasse, Religion, Familienclan) bereithielt. Wer diese Differenz abschaffen, irgendwie nivellieren will, rennt mit dem Kopf gegen die Wand und kann nur verlieren. Es hat niemanden glücklicher gemacht, Frauen mit phallischem Bravado aufzurüsten ("empowerment") und Männer gnadenlos zu dükern ("potentielle Vergewaltiger").
Da sind die Ergebnisse einer geschlechtsspezifischen Sozialisation doch entschieden vorzuziehen. Ich rufe lieber um Hilfe in der Not und lerne keinesfalls Karate.
Katharina Rutschky
Katharina Rutschky liest am 21. März im Wiesbadener Hoftheater aus ihrem Buch "Emma und ihre Schwestern".
Das Buch ist eine informierte, scharf geschliffene Analyse der Frauenbewegung in Deutschland. Gegen feministische Dogmen aller Art setzt Katharina Rutschky ihre Diagnose, daß die Sache der Frauen in die Spießigkeit von gestern und in einen neuen Fundamentalismus abgleitet, der sich immer öfter mit illiberalen rechtlichen Regelungen und Zensurmaßnahmen durchsetzen möchte.
Mit nüchterner Vernunft, polemischer Verve und gespitzter Ironie widmet sich Katharina Rutschky in ihrem neuen Buch der Aufräumarbeit im Feld feministischer Betroffenheiten und Aufgeregtheiten. So treffsicher und pointiert, wie sie es schon in ihrem umstrittenen Essay über "Fakten und Fiktionen" des Kindesmißbrauchs vorgeführt hat, nimmt sie sich in "Emma und ihre Schwestern" den real existierenden deutschen Feminismus im ganzen vor: Eine klarsichtige, deutlich formulierte und mit der Selbstironie einer geprüften "Alt-Emanze" (Rutschky über Rutschky) erzählte Bestandsaufnahme der Frauenbewegung und eine Kritik am Status quo der Debatten über die Lage der Frauen in unserer Gesellschaft.
Die Autorin Katharina Rutschky, geboren 1941, lebt in Berlin. Sie veröffentlichte "Erregte Aufklärung", "Kindesmißbrauch: Fakten und Fiktionen" (1994), "Schwarze Pädagogik" (Neuausgabe 1997) und "Hänsel und Gretel" (1997).
Pariser Hoftheater Wiesbaden, 21. März, 20 Uhr. Kartentelefon (06 11) 30 06 07 und 30 48 08.
Das
Ende der Frauenbewegung
“Emma
und ihre Schwestern” - das neue Buch von Katharina Rutschky
Ende
der 60er Jahre entwickelte sich aus der Studentenrevolte die deutsche Frauenbewegung.
Die Autorin Katharina Rutschky schreibt heute: “Diese Bewegung hat sich
totgesiegt, es gibt keinen Grund, sich zu freuen - um die Diskussion neu
anzuregen, müssen auch neue Parolen her”.
| Vor dreißig Jahren verlangten Feministinnen lautstark und nachdrücklich ihr Recht auf Selbstbestimmung. Sie attakierten die Vorherrschaft der Männer - wollten das Patriarchat abschaffen. Frauen wurden unberechenbar, entwickelten Parolen, mit denen sich Leidensgenossinnen identifizieren konnten, erklärten das andere Geschlecht zum Feindbild. Das Fürchten sollten sie lernen, denn bislang waren Frauen potentielle Opfer und Männer die potentiellen Täter - Zeit, dies zu ändern. | ![]() |
Der Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218 sorgte für Aufsehen - 1971 druckte der “Stern” ein Titelblatt, auf dem Frauen bekannten: Ich habe abgetrieben. Es war völlig neu, über dieses Thema öffentlich zu reden - ein Tabubruch. Die Frauen forderten, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Alice Schwarzer gründete die Zeitschrift EMMA und ist seitdem eine der prominentesten und engagiertesten Frauen, die aus dieser Bewegung hervorging. Die Por-No-Kampagne der Emma-Redaktion entfachte die Diskussionen um Pornographie und sexuelle Freiheit. Wieder wurde ein Thema angesprochen, über das besser nicht geredet werden sollte. Frauen verlangten in allen Bereichen Gleichberechtigung - wollten es den Männern gleichtun und endlich die Rolle, die ihnen geschichtlich zugedacht war, aufbrechen. Und die Männer, die es gewohnt waren, für ihre Familie zu sorgen, sich der Frau überlegen zu fühlen und die ihre Männlichkeit notfalls im Krieg unter Beweis stellen konnten - ihnen fiel es schwer, sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter anzufreunden.
Heute ist das etwas
anders: Frauen im Berufsleben sind keine Ausnahme mehr, Frauen, die abgetrieben
haben auch nicht. Sie sind in der westlichen Welt grundsätzlich anerkannt,
haben alle Freiheiten. Anders ausgedrückt: die Emanzipation ist gesellschaftsfähig
geworden - wird in ihren Grundprinzipien nicht kritisiert, denn schon lange
werden die Rechte der Frau nicht mehr in Frage gestellt. Doch dies ist
auch das Ende der Frauenbewegung. Heute kämpfen die Frauen nicht mehr,
heute beschweren sie sich. Sie klagen über Doppelbelastung, mangelnde
Anerkennung, Quotenregelungen, sie vermissen den Respekt - empfinden Neid
auf das, was Männer haben.
![]() |
Um die Diskussion neu zu entfachen, müssen auch neue Parolen her. Nun müssen Frauen von ihrer - wie Katharina Rutschky es ausdrückt - “Differenztheorie” Abschied nehmen. Nicht die Männer- oder Frauenwelt sollte angestrebt werden, die Geschlechter müssen sich annähern. Und das ist es, worauf die Frauen der 90er bestehen müssen: sie sollen nicht genauso wie die Männer werden, nicht Männer durch Frauen ersetzen, sie sollen anders bleiben, doch mit den gleichen Rechten und Möglichkeiten. Erst dann, wenn es nicht mehr nötig ist über die Frauenbewegung, deren Sinn und Unsinn, über Quoten oder Gleichberechtigung zu reden oder Männer ihre Zustimmung geben wie “Ich finde es schon in Ordnung, daß Frauen für ihre Rechte kämpfen, ich habe nichts gegen eine Frau in Führungspositionen”, dann ist es geschafft. Andererseits sollten Frauen aber auch nicht mehr vor Bewunderung schreien, wenn ein Mann alleine seine Kinder großzieht, den Haushalt bewältigt und auch noch beruflich erfolgreich ist. |
Literaturhinweis:
Katharina Rutschky, “Emma und ihre Schwestern”, erschienen bei Hanser /
John Gray, “Männer sind anders - Frauen auch”
4.
Februar 1999
Die große Leere der Frauen
Katharina Rutschky über den real existierenden Feminismus
im ausgehenden Jahrhundert
(Rezension von "Emma und ihre Schwestern. Ausflüge in den
real existierenden Feminismus")
Von Andrea Seibel
http://www.welt.de/daten/1999/03/20/0320lw63253.htx
"Frauenfrage, pflichtgemäß erledigt" Beate Clausnitzer in der Berliner Zeitung 12.4.99 - weitere Rezension von "Emma und ihre Schwestern. Ausflüge in den real existierenden Feminismus"
«Wir sind doch alle Feministen» - Der Stich ins Wespennest: Katharina Rutschky erhält heute den Heinrich-Mann-Preis - Berliner Morgenpost vom 30.5.99