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statt Hilfe Bernd Wassermann im Eigenverlag 2002, 134 Seiten - DinA 5 € 8,00 für Dateiversion
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1. Nicoles Kindheit
3
2. Die Katastrophe beginnt 7
3. Warum? 11
4. Erste Kontakte mit Frau Hartig 16
5. Nicole kehrt zurück 20
6. Hilfesuche in der Schule 22
7. Sinnloses Gespräch mit den Tutoren 24
8. Wird der Rektor helfen? 27
9. Unsere Suche nach ärztlicher Hilfe für Nicole 31
10. Nicoles Trip nach Bremen 36
11. Wieder im Eichenhain 39
12. Das Mädchenheim - trotz aller Bedenken eine neue Hoffnung 42
13. Das Mädchenheim - eine Hoffnung zerrinnt 46
14. Ein letzter Rettungsversuch 52
15. Nach der Niederlage - tiefe Niedergeschlagenheit 56
16. Nicole wird Straßenkind vom Bahnhof Zoo 60
17. Zweite Drogenvergiftung - eine Chance? 63
18. Nicole vor der Kamera - macht das Druck aufs Jugendamt? 70
19. Richterliche Entscheidung - Druck auf's Jugendamt 73
20. Frau Hartig lässt sich Zeit 77
21. Eine Helferkonferenz ohne Helfer 81
22. Zweite richterliche Anhörung 85
23. Nächste Helferkonferenz - wieder ohne Helfer 89
24. Monika 92
25. Haus der Hoffnung 99
26. Chaos 102
27. Nicole ist wieder zu Hause 108
28. Endlich - ein glückliches Jahr 113
29. Nicole kämpft gegen die Sucht 116
30. Eine kurze Liebe 119
31. Die letzte Prophezeiung erfüllt sich 123
32. Zu diesem Buch 130
33. Chronologische Übersicht 132
Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Nicole. So begannen meine Gute-Nacht-Geschichten, die ich vor vielen Jahren für meine kleine Maus schrieb. Sie protestierte: "Ich bin nicht mehr so klein!"
Also schrieb ich seither: Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Nicole. Eigentlich war sie ja nicht mehr so klein, sondern schon ein bisschen größer. Dann begann die eigentliche Geschichte, die meist fröhlicher war als die nun folgende.
Häufig wurden wir in den letzten Jahren im Fernsehen mit Berichten über Kinder konfrontiert, die in ihren Familien misshandelt oder gar sexuell missbraucht wurden, die wegen ihrer Drogenabhängigkeit aus dem Elternhaus verstoßen schließlich auf der Straße endeten. Die jährlichen Statistikzahlen der Drogentoten erzeugten stets einen gewissen Schauer. Doch dann lehnten wir uns beruhigt zurück; wir waren ja eine glückliche Familie.
Seit elf Jahren, seit Anfang 1984, lebten wir zusammen, meine Frau Isolde, ihre Tochter Nicole, damals zweieinhalb, und ich. Im April bezogen wir unsere gemeinsame Eigentumswohnung in Berlin und im Juli heirateten wir schließlich. Ich hatte mir lange ernsthafte Gedanken darüber gemacht, ob ich die Verantwortung als Stiefvater übernehmen konnte, aber nachdem ich Nicole kennen gelernt hatte, waren diese Bedenken sofort wie weggeblasen. Vom ersten Tag an waren wir ein Herz und eine Seele. In den folgenden Jahren trug ich die Bezeichnung Stiefvater eher als Auszeichnung, als Beweis, wie glücklich auch ein solches Familienverhältnis sein kann. Nicoles leiblichen Vater lernte ich auch bald kennen. Die Scheidung hatte er inzwischen verwunden, und da ich nicht der Scheidungsgrund war, gab es zwischen uns auch keine Spannungen. Wir waren beide um das Wohlergehen unserer Tochter bemüht. Eine feste Besuchsregelung gab es nicht, seine Besuche erfolgten spontan nach kurzem Telefonat. Auch sonst gab es in dieser Richtung keinerlei Probleme, als deutscher Beamter kam er seinen Unterhaltsverpflichtungen gewissenhaft nach. Nicole lernte recht schnell selbständig telefonieren, so konnte sie bald ihre Treffen mit dem Vater alleine aushandeln (er ließ sie natürlich durch uns bestätigen). Einmal im Jahr machte er mit Nicole eine Reise, zunächst zu den Großeltern ins Rheinland, später auch richtige Urlaubsreisen.
Vom Wesen her war Nicole sehr fröhlich, humorvoll, einfühlsam und lebhaft. Ihr Unfug hielt sich in Grenzen und so gab es nur selten Grund, sie zu strafen. Meist half ein klärendes Gespräch. Schläge gab es nicht. Zum einen halte ich absolut nichts davon, jemanden zu schlagen, schon gar nicht ein Kind, zum andern hielt mich ein Erlebnis aus unserer Anfangszeit davon ab: Nach dem abendlichen Zubettbringen kam Nicole zum x-ten Male wieder unter irgendeinem Vorwand ins Wohnzimmer und ich scheuchte sie, mittlerweile recht erbost, zurück in ihr Zimmer. Da stand sie vor mir, ein angsterfülltes, einmeterhohes Wesen, blickte mich, doppelt so hoch, mit großen Augen an. Selbst wenn ich gewollt hätte, es war mir unmöglich, ihr auch nur den kleinsten Klaps zu geben.
(...)
Ab Anfang 1995 hatte sich Nicoles Verhalten verändert. Sie war launisch, redete manchmal tagelang nicht mit uns. Dann wieder war sie völlig aufgeschlossen, die Krise schien vorbei. Dies wechselte ständig. Es gab für uns keine Anzeichen des Drogenkonsums, so hielten wir ihr Verhalten für Auswirkungen der Pubertät. Teilweise wurde sie verbal äußerst aggressiv, beschimpfte uns als die miesesten Eltern usw. Immer und immer überlegten wir, wie wir mit dem Kind umgehen sollten, was in ihm vorging. Wir entschieden uns für ein völlig normales Verhalten, ohne Gegenaggression, ohne große Vorwürfe. Zeitweise schien das ja auch zum Erfolg zu führen. Da übermittelte dann Anfang Mai Nicole die Bitte der Lehrerin, meine Frau möge doch am 17.5. 1995 zu einem Gespräch in die Schule kommen. Natürlich fragten wir Nicole, worum es ginge, erhielten aber keine Auskunft.
Wir ahnten nicht, wie sehr dieser Tag unser Leben verändern sollte, wie viel Leid uns nun bevorstand. Aber wir ahnten auch nicht, welche Kräfte in uns geweckt werden würden, wozu wir plötzlich fähig werden konnten!
(...)
Warum?
Am nächsten Morgen, dem 22. Mai, war ich nicht in der Lage, zur Arbeit zu gehen. Die nervliche Anspannung wirkte sich so gewaltig aus, daß ich kaum fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Körper war wie betäubt, Hände und Knie zitterten. Ich rief meinen Vorgesetzten an, stammelte etwas von einer schlimmen Sache mit meiner Tochter und meldete mich krank. Dann versagte die Stimme, ich beendete das Gespräch. Meiner Frau ging es natürlich nicht besser.
Wir suchten dann unseren Hausarzt, Dr. M. auf. In einer längeren Unterhaltung berichteten wir ihm von dem Vorgefallenen. Er war fassungslos; kannte er uns doch bereits einige Jahre und wusste, wie sehr wir um das Wohlergehen Nicoles bemüht waren. Er betonte nochmals, daß er nie Spuren von Misshandlung an Nicole hatte erkennen können. Einen Grund für ihr Verhalten konnte er uns verständlicherweise auch nicht nennen. Er erkannte sofort, daß wir beide für die nächste Zeit nicht arbeitsfähig waren und schrieb uns krank. Dies verschaffte uns insofern eine gewisse Erleichterung, als wir nun alle Kraft daran setzen konnten, Hilfe für Nicole zu finden. Nach diesem Arztbesuch suchten wir, wie Sigrid uns geraten hatte, den Psychologen auf. Leider erhielten wir erst einen Termin für den 8. Juni.
Beim Jugendamt konnten wir erst am nächsten Tag vorsprechen, da dort am Montag keine Sprechstunde war. Der Gang dorthin fiel uns schwer, mussten wir doch wieder von den Vorwürfen gegen uns berichten ohne zu wissen, wie das Amt reagieren würde.
(...)
Dann kamen die langen Abende, in denen wir wieder und wieder unsere Gedanken zusammentrugen, Gedanken des Inhalts, was unsere Tochter so aus der Bahn geworfen haben konnte. Es gab viele Anhaltspunkte, doch passte nichts zusammen. Was wir bisher nie getan hatten, wir durchsuchten Nicoles Zimmer, um eventuell Hinweise zu finden. Es gab nichts. Ihr Verhalten in den letzten Monaten, ihre wechselnden Launen, es gab keine vernünftige Erklärung. Dennoch stellten wir, ohne konkretes Wissen, folgende Überlegungen an:
o Spielten Drogen eine
Rolle?
o War sie missbraucht worden?
o War sie schwanger?
o Hatte sie Probleme mit Mitschülern?
o War sie in kriminelle Kreise geraten?
o War sie einer Sekte verfallen?
o Hatte man sie für Kinderpornographie mißbraucht? Gerade war
ein solcher Ring in unserer Gegend von der Polizei ausgehoben worden.
Für alle diese Vermutungen gab es Indizien. Drogen? Sicher, ihr Verhalten sprach zum Teil dafür. Wir hatten uns öfter mit ihr über dieses Problem unterhalten und sie hatte stets strikt verneint, damit in Berührung gekommen zu sein. Es gab auch keine Hinweise, wie später, auf Drogenkonsum, wie etwa verrußte Esslöffel, Verpackungen von Spritzen oder gar Spritzen selbst. Wir fanden auch nichts, das Drogen hätten sein können, keine undefinierbaren Pulver oder Tabletten. Dennoch schlossen wir nicht aus, daß sie irgendwann Drogen ausprobiert haben könnte.
(...)
Wir hatten mit Heinz verabredet, uns vor dem Jugendamt zu treffen. Isolde hatte Spätdienst und nahm sich für diese Zeit frei. Während Heinz und ich noch auf Isolde warteten, näherten sich Frau Hartig und Frau G. dem Gebäude. Sie erblickten uns, kamen auf uns zu und Frau Hartig fragte: "Wollen Sie zu uns?"
"Ja," sagte ich. "Oh, das ist aber ein schlechter Zeitpunkt. Wir haben noch mehrere Termine. Können Sie nicht morgen kommen?"
"Nein," lehnte ich ab, "wir haben uns heute extra frei genommen, morgen müssen wir arbeiten." "Dann schlage ich vor," versuchte Frau Hartig, uns loszuwerden, "Sie kommen am nächsten Donnerstag in die Sprechstunde." Heinz und ich sahen uns an. Durfte es das geben, die wollten uns abwimmeln. Doch schließlich war ja reguläre Sprechzeit.
"Frau Hartig," sagte Heinz, "am nächsten Donnerstag ist es zu spät. Sie wollen morgen unsere Tochter auf die Straße setzen. Wir müssen heute mit Ihnen sprechen!" Die beiden Damen flüsterten miteinander, dann wandte sich Frau Hartig wieder an uns: "Na gut, kommen Sie in einer Stunde zu uns ins Büro. Sie haben doch so lange Zeit?" Wir hatten. Inzwischen kam auch Isolde zu uns, wir warteten ungeduldig und wurden endlich vorgelassen.
Als wir dann am Besprechungstisch saßen, eröffnete Heinz: "Frau Hartig, ist Ihnen denn überhaupt klar, was mit Nicole geschehen wird, wenn Sie sie auf die Straße setzen? Sie wird verstärkt Drogen nehmen, um diese zu bezahlen, muß sie sich das Geld durch Beschaffungskriminalität oder Prostitution besorgen. Dazu kommt die Gefahr der Ansteckung mit Aids oder einer Überdosis. Das heißt, ihr Leben ist in akuter Gefahr." Heinz hatte hier die Befürchtungen ausgesprochen, die uns zutiefst ängstigten. Diese Angst bestimmte von nun an unser Handeln, und je mehr der Prophezeiungen eintrafen, desto größer wurde die Angst vor der letzten, vor dem Tod unseres Kindes.
Frau Hartig nickte während dieser Worte ständig und bestätigte dann: "Ja, so wird es sein. Aber wir können nichts mehr für sie tun. Wir haben ihr einen Therapieplatz angeboten, doch sie sagt nur: 'Was soll ich da? Mein Platz ist am Bahnhof Zoo, da will ich hin.' Da sie ja auch nicht nach Hause will, bleibt nichts anderes übrig."
Ich fiel ihr ins Wort: "Sie können doch nicht als Jugendamt ein minderjähriges, krankes Kind auf die Straße, zum Bahnhof Zoo schicken. Nicole wurde von den Ärzten des Eichenhaines als krank, als behindert eingestuft. Und sie ist erst 14 Jahre alt." Frau Hartig: "Nicole ist doch nicht krank." "So steht es aber im Bericht des Krankenhauses. Sie hat eine Hirnschädigung und ihr Verhalten ist gestört. Sie wurde als behindert eingestuft." "Ach wo, da interpretieren Sie den Bericht falsch. Nicole ist nicht krank. Die Behinderung wurde nur im Bericht erwähnt, damit die Heimkosten übernommen werden konnten."
Isolde warf ein: "Wir haben Ihnen damals gesagt, daß die Einweisung in das Mädchenheim falsch ist. Alle beteiligten Psychologen hatten empfohlen, sie auswärts in einer internatsähnlichen Einrichtung unterzubringen. Selbst Nicole, die wir damals gefragt haben, wäre damit einverstanden gewesen." "Sie haben recht, das Heim war ein Fehler. Aber es ging aus Kostengründen nicht anders." "Aus Kostengründen?" versuchte ich zu korrigieren, "so ein Internat hätte im Monat etwa 6.500DMgekostet, das Mädchenheim mit dem Arbeitstrainingsprogramm etwa 11.000 DM. Wo ist denn da eine Kostenersparnis?" Es war sinnlos, Frau Hartig blieb bei ihrem Kostenspar-Argument.
Isolde fragte: "Erinnern Sie sich noch? Nachdem Sie Nicole das erste Mal gesprochen hatten, waren Sie der Meinung, sie wäre ein wohlbehütetes Kind. Sollte sie mal ein, zwei Nächte in einem Kindernotdienst schlafen, wäre sie sehr schnell wieder zu Hause." "Ja," bestätigte Frau Hartig, "da habe ich mich eben auch geirrt. Würden Sie denn Nicole jetzt wieder aufnehmen." Isolde schaute sie irritiert an. "Was für eine Frage. Natürlich wurde ich sie aufnehmen. Allerdings sollte sie auch zu einer Therapie bereit sein. Zu Hause nur essen und schlafen, den Rest des Tages am Zoo verbringen, das wär's sicher nicht. Aber Sie wissen genau, daß Nicole jetzt nicht zu uns kommen will."
"Ja, richtig," trumpfte Frau Hartig auf, "da ist ja noch die Sache mit dem sexuellen Missbrauch." Ich fuhr hoch. "Ich verbitte mir diese Beschuldigungen. Was Nicole da erzählt, ist ihr doch im Mädchenheim eingeredet worden. Ich habe sie nie missbraucht. Wir haben das Attest des Frauenarztes, daß Nicole vor einem Jahr noch unberührt war." Frau Hartig grinste: 'Es gibt auch andere Arten des Mißbrauchs;" Ich versuchte es weiter: "Wir haben ihre Freundin gefragt, die kennt uns seit Jahren, der hätte Nicole mit Sicherheit davon erzählt." "Ich habe," fügte Heinz hinzu "mit Nicole auch öfter darüber gesprochen. Sie hat das immer abgestritten, bzw. als sie noch nicht ausgeflippt war, hat sie nie etwas in dieser Richtung erzählt." "Das hat nicht zu sagen, darüber sprechen die Mädchen auch nicht." Und fast im Chor mit Frau G. tönte es: "Wir glauben Nicole."
Folgenden Vorwurf konnte ich mir nicht verkneifen: "Frau Hartig, die Art, wie Sie meiner Frau die letzten Vorwürfe Nicoles beigebracht haben, war unerhört. Sie haben sich seinerzeit selbst darüber aufgeregt, dass mich die Schule nicht dazugebeten hatte, als sie meiner Frau die damaligen Vorwürfe unterbreiteten. Bei der jetzigen Helferkonferenz haben Sie mich nicht eingeladen, obwohl Sie doch wussten, was anstand." Frau Hartig wand sich: "Das hat sich so ergeben." Sie schaute Isolde an. "Wie geht es Ihnen eigentlich, wie kommen sie mit dieser Situation zurecht?" "Wie soll es mir gehen? Natürlich miserabel, aber weitergehen muß es ja." "Da haben Sie recht," stimmte Frau Hartig zu, "Sie sollten sich einem Elternkreis, einer dieser Selbsthilfegruppen anschließen." Sie schaute in die Runde, und ich traute meinen Ohren kaum, als sie nun fortfuhr: "Aber wir sind ja hier nicht für die Eltern da, sondern für das Wohl des Kindes." Und Frau G. nickte wieder dazu, wie die ganze Zeit zu allem, was Frau Hartig gesagt hatte. Es war nichts zu machen, die beiden Sozialarbeiterinnen, die, wie eben gehört, für das Wohl des Kindes arbeiten sollten, schickten ein Kind in den Drogensumpf des Berliner Bahnhofs Zoo, des Schicksalsortes der Christiane F.. Beim Abschied klagte Frau Hartig: "Ein Kind wie Nicole, daß sich derart allem versagt, ist mir in meiner Praxis noch nie untergekommen."
Sie wusste nicht, dass sie in ihrer Ignoranz soeben das Todesurteil über Nicole verhängt hatte.
Heroin statt Hilfe - Die Zerstörung eines jungen Lebens Eigenverlag 2002, 134 Seiten - DinA 5, € 8,00 (Dateiversion PDF) oder € 11,90 (Printversion inklusive Versandkosten € 1,90)
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