paPPa.com informiert :
JUGENDAMT 2005:
"Noch immer Inkompetenz,
Borniertheit, Starrsinn" (Gisela Friedrichsen, DER SPIEGEL)
Tote und schwergeschädigte Kinder
als Ergebnis jugendamtlicher Untätigkeit oder vorsätzlicher Elternentfremdung
Das Jugendamt als unkontrollierte Superbehörde steht immer und immer wieder in der Presse. Zwar werden schwere und schwerste Fehler dokumentiert, Konsequenzen werden daraus aber nie gezogen. paPPa.com dokumentiert anhand von aktuellen Presseberichten wieder einmal einige Beispiele aus der "Arbeit" des Jugendamts. Gleichzeitig stellen wir wieder einmal diese Fragen:
Fall 1: Trotz Kenntnis von Auffälligkeiten kein Schutz vor sexuellem Missbrauch: 12-jährige springt aus dem 5. Stock - "Schlichte Wut" (mit weiteren Fallbeispielen) - DER SPIEGEL 14.5.05
Fall 2: Nachlese zu den legendären Wormser Missbrauchsprozessen: Seit elf Jahren sitzen noch immer Kinder im Heim, die freigesprochenen Eltern bemühen sich ohne Aussicht auf Erfolg um Kontakt. Ein Gutachten beschreibt erschreckende Zustände. - DER SPIEGEL 28.2.05
DER SPIEGEL 20/2005 vom 14.5.05 - Seite
52
Schlichte Wut
Justiz: Prozess um angeblichen
Kindesmissbrauch in besseren Kreisen
In Frankfurt am Main beginnt ein Prozess wegen
Kindesmissbrauchs - er zeigt, wie schwer sich Behörden bei Fällen
in besseren Kreisen tun.
Vollständiger Artikel für 50 Cent: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,355889,00.html
Zusammenfassung
Nach einem vermuteten sexuellen Missbrauch stürzte sich ein 12-jähriges Mädchen aus der mütterlichen Wohnung im 5. Stock - sie überlebte mit schwersten Verletzungen. Sie lernt nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma langsam wieder lesen und schreiben, ein Bein ist wieder heil, das andere wird womöglich nie wieder werden. An die Stunden, Monate und sogar Jahre vor dem Sturz erinnert sie sich kaum. Nach Einschätzung der Ärzte wird sie möglicherweise dauerhaft geistig behindert bleiben.
Dem Freund der Mutter drohen mindestens fünf Jahre Haft, weil das Kind, so die Anklage, wegen des Missbrauchs in den Tod habe springen wollen. Auch gegen Mutter wird ermittelt. Gegen sie läuft ein gesondertes Ermittlungsverfahren, sie nimmt ihren Lebensgefährten bislang in Schutz und streitet Übergriffe ab. Sie steht im Verdacht, ihre Tochter misshandelt zu haben.
DER SPIEGEL: „Der Prozess dürfte auch klären, wie es so weit kommen konnte. Denn die Behörden waren deutlich gewarnt - aber der Fall spielt in besseren Kreisen, in denen sich die Ämter offenbar schwer tun. Vieles deutet darauf hin, dass die Mutter deshalb frühere Versuche der Behörden, das Familienleben unter die Lupe zu nehmen, abwehren konnte. Bereits über ein halbes Jahr vor dem Sturz habe es Hinweise auf Misshandlungen in der Familie gegeben. Damals hatte die ältere Halbschwester des gestürzten Mädchens mehrere Wochen in der Schule gefehlt. Anschließend, so die Staatsanwaltschaft, sei sie stark abgemagert "und mit blauem Auge und abgebrochenem Zahn" wieder erschienen.
Die Mutter sei eine angesehene Journalistin. Geschickt soll die Frau beim Jugendamt auf ihre Position verwiesen haben. Die Mitarbeiter deuteten das als versteckte Drohung, es könne negativ über sie berichtet werden. Anschließend hat die Mutter mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht. Eine im Amt gefürchtete Anwältin schaltete sich ein und das schwer abgemagerte Mädchen behauptete offiziell, es sei alles in Ordnung. Das Jugendamt gab unter dem Druck klein bei. Eigentlich hätte es beide Mädchen vorläufig in Obhut nehmen können und müssen. Aber die Mitarbeiter des Jugendamts fürchteten, beim Familiengericht an der Anwältin der Gegenseite zu scheitern - und intervenierten dann nicht.
"Die Behörden haben schlichtweg versagt", klagt Cyrus S., der Vater des gestürzten Mädchens, der auch die ältere Halbschwester mit aufzog, seit fast zweieinhalb Jahren aber von seiner Frau getrennt lebt. "Ich habe mich auf die Beamten verlassen." Am Tag des Sturzes sah er seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen: Die Ärzte der Frankfurter Universitätsklinik stellten fest, dass nicht alle Verletzungen des Mädchens vom Sturz herrühren konnten. Ein Gutachter stellte "Blutunterlaufungen" fest, die teils "an die Verwendung zum Beispiel einer Gürtelschnalle, teils an einen röhrenförmigen oder stabförmigen Gegenstand" denken ließen. Zudem fanden Ärzte im Mund des Mädchens Spuren, die auf einen oralen Missbrauch deuten. Das Kind war so schlimm zugerichtet, dass die Beamten schlichte Wut packte. Schließlich konnten sie auf dem hellblauen Schlafanzug des Mädchens auch noch Spermaspuren sicherstellen.
Immerhin hat das Jugendamt nach dem Sturz
eingegriffen und die ältere Tochter bei den Großeltern untergebracht.
Ob es dort allerdings vor der Mutter geschützt ist, "darf wohl
bezweifelt werden", klagt der Anwalt von Cyrus S., Jürgen Fischer.“
[Nachtrag August 2005: FAZ.net 14.8.05 "Lange
Haftstrafe für Mißbrauch einer Zwölfjährigen"]
Kommentar paPPa.com:
DER SPIEGEL bringt es auch nicht ganz auf den Punkt. Dies ist eine Fallkonstellation, die immer und immer wieder beobachtet werden kann: Ein Vater wird beim Jugendamt vorstellig und berichtet von Gefährdungen seines Kindes, das bei seiner geschiedenen (getrennten) Frau lebt. Schon ganz falsch! Unsere Erfahrung ist: Wenn ein Vater das beim Jugendamt erzählt, dann kann es ja nur und ausschließlich deshalb sein, weil er der Ex eins auswischen will ... Also muss man das noch nicht einmal prüfen. Viele, viel zu viele Väter haben diese Erfahrung machen müssen. Manchmal wird es "spektakulär" - wie in diesem Fall oder aber in dem Fall von Marcel aus dem Jahr 2003 (siehe Hinweis hier folgend). Dann sind die Kinder oft tot oder für ihr Leben geschädigt.
Verantwortung des Jugendamts in diesen Fällen? "Verantwortung - NEIN DANKE" erhält man auf diese Frage regelmäßig zur Antwort. Niemand wird dort zur Rechenschaft gezogen. Sozialpädagogen haben eine hohe Begabung im Herausreden. Und das Jugendamt unterliegt in Deutschland - wie viele andere Behörden auch - keinerlei Kontrolle. Dass Mitarbeiter des Jugendamts einmal juristisch zur Verantwortung gezogen werden, dass hat es bislang lediglich einmal gegeben, siehe den vom Bundesgerichtshof entschiedenen Fall "Misshandeltes Pflegekind erhält Schmerzensgeld. Der BGH sprach einem Jungen Schmerzensgeld von 25.000 Euro und den Ersatz sämtlicher Schäden zu, der bei Pflegeeltern fast verhungert wäre – das Jugendamt wird haftbar gemacht."
Bericht in der Süddeutschen vom 22.10.04 - BGH-Urteil vom 21.10.04 - Az: III ZR 254/03
Siehe auch den Fall Marcel aus Straußberg, Bericht u. a. in der Berliner Zeitung vom 30.8.03 - Auch hier bekam ein Vater kein Gehör beim Jugendamt
Strausberger Jugendamt soll von Misshandlung
gewusst haben
- Pascal-Prozess: Vater wirft der Behörde
Versäumnisse vor
"FRANKFURT (ODER). Im Prozess um die Misshandlung eines Kleinkindes aus Strausberg hat der leibliche Vater des Jungen am Freitag schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt erhoben. Der 29-jährige Marcel S. will die Behörde schon Ende März 2002 über den Verdacht informiert haben, dass sein Sohn Pascal vom Freund der Mutter misshandelt werde. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes habe ihm aber lediglich mitgeteilt, wenn Pascals Mutter behaupte, der Junge wäre aus dem Bett gefallen, dann werde sie auch keine andere Begründung für die blauen Flecke im Gesicht und am Rücken des Kindes erhalten. "Sie sagte mir, wenn ich der Meinung wäre, dass der Junge misshandelt wird, dann sollte ich doch Strafanzeige erstatten", erklärte der Vater." [Mehr ... Berliner Zeitung]
Dem Vorsitzenden Strafrichter fiel es bei der Urteilsverkündung gegen Mutter und ihren Lebengefährten sichtlich schwer, seine Fassungslosigkeit in Worte zu fassen. "Wir hatten hier über einen außergewöhnlichen Fall zu verhandeln, vor allem wegen der Folgen für den kleinen Pascal", sagte Gräbert. Der Junge lebe noch, aber er lebe nicht mehr bewusst. Der Zweijährige konnte im März nur durch eine Notoperation gerettet werden. Zwölfmal musste er dabei wieder belebt werden. Das Kind kann nicht laufen und sitzen, nicht sprechen und sehen, ein Pflegefall.
Außergewöhnlich sei der Fall auch deswegen, weil es unglaublich viel Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und Schlamperei gegeben habe, bei Verwandten und Freunden der Kindesmutter, so der Vorsitzende Richter. "Aber auch bei staatlichen Stellen", sagte Gräbert. Alle Schutzsysteme, die eine solche Misshandlung eigentlich unmöglich machen müssten, hätten versagt. "Alle haben etwas geahnt", so Gräbert. "Aber sie haben aus Bequemlichkeit weggeschaut und geschwiegen, wohl, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen." Das Jugendamt, das schon frühzeitig Hinweise auf eine Misshandlung des Jungen bekam, habe sogar "bitter böse" versagt. (...) Auch der Polizei, bei der Pascals leiblicher Vater Anzeige wegen der Misshandlung seines Kindes erstattet hatte, sprach der Richter eine Verantwortung zu. "Es ist schlimm, dass man den Fall eines damals acht Monate alten Babys so behandelte wie ein normales Delikt", sagte Gräbert. Die Akte samt Anzeige verschwand spurlos. [Mehr ...]
Siehe auch den Fall von Marcel aus Kassel - inzwischen tot - vom Ende des Jahres 2004
Jugendamt hatte Familie im Visier - Trotz Hinweis und regelmäßiger Kontakte sah Behörde keinen Anlass zum Handeln [Mehr ...]
Oder auch den viel beachten Fall von Pascal aus Saarbrücken ...
"Alarm beim Jugendamt"
Tagsüber geht der Pflegesohn, der kleine
Freund des getöteten Pascal, in den Sonderkindergarten der Saarbrücker
Lebenshilfe. Schon früh merken die Erzieherinnen, dass mit dem Kleinen
etwas nicht stimmt. Sie schlagen Alarm beim Jugendamt - immer wieder und
immer wieder vergebens. [Mehr
... beim ZDF]
Oder auch die Fälle von Anette, Karolina, Lukas und Jessica - DIE ZEIT 21.4.05 Nr.17 "Kindesmisshandlungen - Die feindlichen Eltern"
"Am Nachmittag kommt noch die Sozialarbeiterin Frau F. vom Jugendamt, denn die Mutter ist im Umgang mit ihrer Tochter schon einmal aufgefallen. Die Wohnung ist blitzblank, Anette liegt, obwohl es draußen sehr warm ist, dick angezogen mit einer Mütze auf dem Kopf auf dem Sofa. Sie steht nicht auf, wirkt fiebrig. Die Sozialarbeiterin nimmt dem Kind nicht einmal die Mütze ab. Eine Nachbarin hilft Anette später die Treppe hinauf, sie merkt, dass das Kind am ganzen Körper zittert. »Die ist ja totkrank«, sagt sie zur Mutter, sonst unternimmt sie nichts. Auch als sie Anette die nächsten zwei Abende lang nacheinander bis Mitternacht schreien hört, ruft sie die Polizei nicht. Am dritten Abend ist das Kind tot." [Mehr ...]
Schlimmste Fehlerquelle: Sonderausschuss wegen Jessicas Hungertod ergab, dass das Jugendamt Wandsbek auf Hinweise nicht reagiert hatte. Senator räumt Fehler und Personalmangel ein [Mehr ...] - Zeitlich folgend dann aber wieder "Jugendamt lehnt Verantwortung im Fall Jessica ab" - Die Welt vom 20.5.05
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2213775,00.html
ML Mona Lisa "Wenn das Jugendamt versagt"
- Sendung vom 14.11.2004
Eltern gegen Amt und Gericht
In Brandenburg wird gegen eine Mitarbeiterin
des Jugendamtes ermittelt. Der Vorwurf: Sie soll mitverantwortlich dafür
sein, dass ein damals zweijähriger Junge nach schweren Misshandlungen
auf der Intensivstation landete. In anderen Fällen handeln Jugendämter
offenbar vorschnell. Mal übereifrig, mal tatenlos? Wer kontrolliert
eigentlich die Jugendämter?
Kommentar paPPa.com: Wer kann dieser These widersprechen?
Keine Kontrolle der Jugendämter führt
zur Narrenfreiheit der Mitarbeiter. Dies führt zu schwerst misshandelten
und toten Kindern ...
Wer aber schützt die "Jugendschützer",
wer bürgt dafür, dass sie ihre Macht ohne jegliche Verantwortung
ausüben dürfen? Wer hat ein Interesse daran, dass diese Leute
ohne jegliche Pflicht zur Qualifikation arbeiten dürfen? Offensichtlich
hat der öffentliche Sektor und seine Bediensteten eine starke Lobby
...
Die andere Seite der Medaille: Schon bei geringsten Anzeichen von Vernachlässigung oder Misshandlung - bisweilen auch Falschbezichtigungen - sieht sich das Jugendamt durchaus in der Lage, die Kinder von den Eltern weg zu nehmen. Meist dann, wenn die Eltern in der Vergangenheit dem Jugendamt nicht „gehorcht“ haben und eigene Vorstellungen geäußert hatten. Stellt sich hinterher heraus, dass es keinen Anlass zur zwangsweisen Herausnahme der Kinder gab, revidiert das Jugendamt seine Auffassung nicht und bleibt bei der Behauptung, es sei alles rechtens gewesen. Oft werden die Kinder den Eltern in der Zwischenzeit entfremdet und das Jugendamt tut alles, damit die Kinder eben nicht wieder nach Hause kommen. Das schlimmste Beispiel sind die "Wormser Prozesse" aus den 90er Jahren - dazu hier folgend mehr.
Ergänzend siehe auch Fallsammlung
zu jugendamtlichem Versagen hier:
http://people.freenet.de/kinderschicksale/Faelle.htm
Beachtenswert auch: In welcher straf-
und haftungsrechtlichen Verantwortung stehen die MitarbeiterInnen des ASD
bei einer Kindeswohlgefährdung? von Thomas Meysen http://cgi.dji.de/5_asd/ASD-Handbuch/37.htm
"... Betrachtet man die Zahl der bundesweit
ausgesprochen wenigen Fälle, in denen Fachkräfte aus dem ASD
tatsächlich strafrechtlich verfolgt oder sogar belangt wurden, so
dürfte die in diesem Verantwortungsmix empfundene persönliche
Bedrohung nicht selten in einem deutlichen Missverhältnis zur tatsächlichen
Gefahr einer strafrechtlichen Verfolgung stehen. ..."
DER SPIEGEL Heft 9/05 - 28.2.05, Seite
50-56
"Ausgestanden ist die
Sache nicht"
Nachlese zu den legendären Wormser
Missbrauchsprozessen: Seit elf Jahren sitzen noch immer Kinder im Heim,
die freigesprochenen Eltern bemühen sich ohne Aussicht auf Erfolg
um Kontakt. Ein Gutachten beschreibt erschreckende Zustände. Von
Gisela Friedrichsen
Vollständiger Artikel für 50 Cent:http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,343815,00.html
Einige Zitate:
(...) Der Rechtsstaat siegte letztlich doch. Es gibt Standards für Gutachter, und Anklagen wie in Münster oder Mainz sind heute eher unwahrscheinlich. Dem Vorsitzenden Richter Hans Lorenz, der Worms II und III leitete, ist immer noch Respekt zu zollen für seine Worte in der letzten Urteilsbegründung, als seine Kammern einen wirklich umfassenden, stabilen Überblick über die Irrungen und Wirrungen des Falls gewonnen hatten: „Den Massenmissbrauch von Worms hat es nie gegeben.“" (...)
Lorenz weiter: „Viele der Angeklagten waren knapp zwei Jahre lang in Untersuchungshaft, ihre Kinder in Heimen. Zerstörte Familien, ruinierte Existenzen, materielle Not, Kinder, die für sexuell missbraucht gehalten wurden, zum Teil noch gehalten werden, Eltern, die einen oft aussichtslosen Kampf um die Wiederherstellung ihrer verlorenen Ehre kämpfen.“ Prophetische Worte: Denn das Leid ist nicht weniger geworden, noch immer gibt es Verantwortliche, die sich vor dem Eingeständnis drücken, furchtbar geirrt zu haben. Noch immer Kinder, die für missbraucht gehalten werden, ja nicht nur das: die sich selbst dafür halten. Noch immer Eltern, denen man die Ehre, die zu beanspruchen sie alles Recht der Welt haben, verweigert. Noch immer Inkompetenz, Borniertheit, Starrsinn. (...)
Sonja H. (Name geändert -Red.), Mutter zweier Söhne und einer Tochter, gehört zu den Freigesprochenen aus Worms I. (...) Seitdem haben die Eltern H. ihre Jüngste, damals vier Jahre alt, nicht mehr gesehen. Es sind jetzt elf Jahre. Sonja H. weiß nichts von ihrer Tochter. Sie kann sie nicht besuchen, nicht anrufen. Sie weiß nicht, wie es ihrem Mädchen geht, ob es gesund ist, was die Schule macht. Jede Art von Kontakt ist unmöglich. Der letzte Brief, den sie an die Tochter schrieb, kam ungeöffnet zurück mit der wütenden Aufschrift: „!!Lass mich in Ruhe du Kinderficker!! Zurück an Absender!“ Sonja H. weiß nur, dass ihre Tochter sie hasst. (...)
Sonja H.: "Nach dem Freispruch sagte man mir im Jugendamt: Geben Sie Ihre Schuld zu, dann sehen Sie Ihre Kinder binnen einer Stunde." (...)
Der Koblenzer Rechtsanwalt Franz Obst, der Sonja H. in Mainz verteidigte und sich bis heute um die Rückführung der Tochter bemüht, wirft dem Amtsgericht "Hinhaltetaktik und Nachlässigkeit ohne Ende" vor. "Das Verfahren dümpelt seit Jahren vor sich hin. Ergebnis ist, dass es nun heißt, das Kind könne man nicht mehr aus seiner gewohnten Umgebung herausnehmen. Das Jugendamt hat über Jahre seine Pflichten grob verletzt, und das Amtsgericht scheint die Sache aussitzen zu wollen, bis die Kinder volljährig sind."
Die Sache, die vor Jahren schon roch, stinkt inzwischen gewaltig. Als die Eltern H. im Jahr 2000 erneut den Umgang mit ihrer Tochter beantragten, zog das Gericht schließlich den Bielefelder Psychologen Professor Uwe Jopt hinzu.
Und der ist entsetzt. Er versuchte, unterstützt von seiner Mitarbeiterin Katharina Behrend, mit den sechs Heimkindern zu reden: "Sie saßen stuporös da. Allenfalls bissige, eiskalte Zurückweisungen, wie auswendig gelernt, kamen von ihnen. Kein Kind war auch nur zu einem Minimalkontakt mit den Eltern oder einem Elternteil bereit, in welchem Rahmen auch immer. Ihre Empathielosigkeit war unheimlich, ja wahnhaft."
Nicht einmal Fotos, als sie noch klein waren, interessierten diese Kinder. Sie wollen kein Geschenk von ihren Eltern, keinen Brief, keinen Gruß. Sie wollen nichts wissen, nichts hören, auch nicht von ihren Geschwistern. Das Thema "Eltern" ist für sie nach Jopts Eindruck massiv bedrohlich.
Sogar das jüngste Heimkind, das 1993 erst geboren wurde, hasst seine Eltern und hält sie für verabscheuungswürdige Monster. Dabei kennt es sie gar nicht. Auf die Frage, was denn damals geschehen sei, antwortete die Elfjährige stereotyp wie die anderen Kinder: "Steht alles in den Akten."
Laut Jopt hält das Jugendamt im Einvernehmen mit dem Heimleiter dieses Verhalten wegen des früheren Missbrauchs für verständlich. Von wegen Wächteramt des Staates: "Es ist natürlich eine Katastrophe, dass die fachliche Zuständigkeit vom Erstverdacht an bis heute in den Händen derselben Personen liegt", sagt der Gutachter.
Man habe den Kindern ihre Ur-Instinkte wegdressiert. Ihr Hass sei nicht Folge sexueller Misshandlung, sondern resultiere aus den Bedingungen, unter denen sie seit elf Jahren leben. (...)
"Es handelt sich hier um das Ergebnis eines Konditionierungsprozesses durch die Betreuenden", sagt Jopt. Das Fatale daran sei, dass die Betreffenden nicht merkten, welchen Einfluss sie auf die Kinder ausüben. Es fehle, und das gelte für viele der Personen, die mit der Herausnahme von Kindern aus Familien befasst seien, an Fachkompetenz. (...)
Obwohl die Professoren Schade, Steller und Hans-Ludwig Kröber vor Jahren schon vor Langzeitfolgen von Missbrauchssuggestionen und ihrer autosuggestiven Weiterentwicklung warnten, obwohl das Jopt-Gutachten vorliegt, obwohl es Ratschläge enthält, wie das irreale Elternbild der sechs Wormser Kinder vielleicht noch revidiert werden kann - es rührt sich nichts. Als der SPIEGEL um eine Stellungnahme zu den Erkenntnissen des Gutachters bat: keine Reaktion.
"Ich bin zornig ob der Kenntnislosigkeit in Behörden und Beratungsstellen, bei Kindertherapeuten und Familienrichtern", sagt Jopt. "Es kann doch nicht sein, dass ein Jugendamt Freisprüche einfach ignoriert."
Robert, der Älteste in dem Sechser-Heim, sagte zu Jopt, als der ein unverbindliches Treffen mit den Eltern vorschlug: "Wenn Sie das versuchen, können Sie mich anschließend vom nächsten Baum abschneiden."
Als er 18 wurde, musste Robert, er war zuckerkrank, das Heim verlassen. Er sollte zur Ausbildung nach Mainz ziehen, er wollte Kinderpfleger werden. "Doch er kam mit der Selbständigkeit und seiner Krankheit nicht zurecht", berichtet die Sozialarbeiterin Hiltrud Bohlen, die sich als Vormund um seine Umsiedlung kümmerte. "Eine Woche nach dem Umzug hatte er noch nicht mal die Zahnbürste ausgepackt. Und die Dusche war unbenutzt. Er war mit fast allen Dingen des täglichen Lebens überfordert."
Drei Tage nur besuchte Robert die Schule in Mainz, dann kam er in komatösem Zustand ins Krankenhaus. Und zurück in die Nähe der "Heimeltern". Am 27. September 2004 ist er gestorben. Gefunden hat ihn der Heimleiter.“
Hinweis von paPPa.com - siehe schon:
Strafe
trotz Freispruch - Nach dem Wormser Mißbrauchsprozeß
bekommen die Eltern ihre Kinder nicht zurück (März 1998)
"Wir werden kämpfen" -
Eltern wollen ihre Kinder
zurück (Juni 1997)
Freispruch Mißbrauch: Kinder
weiter im Heim (Juni 1997)
Sehr beachtenswert auch „Menschen bei Maischberger“ Sendung vom 17. Mai 2005
Justizirrtümer - Justizskandale
- Halbgötter in Schwarz
Thema u. a. "Die Wormser Prozesse"
http://www.daserste.de/maischberger/sendung_dyn~uid,s0h085qkyzl9fbm4xkpj1eyu~cm.asp
Die Sendung kann dort als Videodatei angezeigt
werden.
Gäste:
Siehe weiterführend auch die paPPa.com-Leitseite Jugendamt
Stand dieser Seite: 26.5.05 - Fundstelle:
http://www.paPPa.com/ja/jugendamt-2005.htm
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