paPPa.com informiert:
Berliner Morgenpost 29.6.98
Wem gehört ein Kind?
Seit zehn Jahren sucht eine Mutter Kontakt zu ihrem zur Adoption
freigegebenen Sohn
Von Silke Lammbeck
An die Geburt ihres Sohnes David erinnert sich Barbara Sielaff (Name von der Redaktion geändert) noch genau. Die Hebamme kümmerte sich nicht um sie. Die Putzfrau beschimpfte sie. Niemand versorgte sie während der Wehen. «Ich wurde behandelt wie der letzte Dreck», sagt die 45jährige. Erst als sich dem Kind die Nabelschnur um den Hals legte, kam ein Arzt. Sie bekam eine Vollnarkose, «und als ich aufwachte, war alles vorbei». Es sei ein Junge, wurde ihr noch gesagt. Ihr Kind war bereits für immer aus ihrem Leben verschwunden. Auf dem Schild am Bett stand: «Adoption».
25 Jahre später sitzt Barbara Sielaff im BVV-Saal des Bezirksamtes Kreuzberg und hört aufmerksam einer anderen jungen Mutter zu. Die zarte blonde Frau im Publikum kämpft mit den Tränen. Gerade hat sie erzählt, daß sie ein angenommenes Kind ist und nun selbst ein Kind zur Adoption freigegeben hat. «Mein Kind», sagt sie. «Mein Kind ist ein Begriff, der mich sehr berührt.» Sie ringt um Fassung. «Jedes Kind gehört sich selbst», sagt sie dann. Ihre Stimme wird schwächer und versagt ganz. Sie schlägt die Hände vor das Gesicht.
Auf dieser Tagung sitzen Zuhörerinnen, die zwischendurch in Tränen ausbrechen und Referentinnen, die mitten im Vortrag eine Pause machen, weil sie ihre Gefühle ordnen müssen. Mütter, die ihre Kinder weggegeben und nie wieder von ihnen gehört haben; Eltern, die diese Kinder in ihre Obhut genommen haben und erwachsene Adoptierte, die ihre Geschichte aufzuarbeiten suchen. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wem gehört ein Kind? Und: Kann ein Kind überhaupt jemandem gehören?
Als Signet den Raben,
wegen der Rabenmutter
Initiiert worden war die Tagung «Adoption, Heim, Pflege» der Kreuzberger Frauenbeauftragten von den sogenannten Herkunftsmüttern, also denen, die ihre Kinder mehr oder weniger freiwillig weggegeben haben. Als Signet für ihren Verein «Netzwerk Herkunftseltern» haben sie sich den Raben ausgesucht - angelehnt an den bösen Begriff der Rabenmutter.
Die Tagung markierte den Beginn eines Dialogs, an dessen Ende mehr rechtliche Sicherheit für die abgebenden Mütter stehen könnte. Die Väter sind den Ämtern in den meisten Fällen nicht bekannt. Ob die Herkunftsmütter über die Entwicklung ihres Kindes informiert werden, ob sie die Eltern oder später sogar ihr Kind kennenlernen - es liegt allein in der Hand der Adoptiveltern. Und die blocken den Kontakt - aus Sorge um das Kind - häufig ab. Zwar hätten die Adoptions-Vermittlungsstellen theoretisch die Möglichkeit, mit den Kindern Kontakt aufzunehmen, wenn diese volljährig sind: «Aber wir trauen uns nicht, einfach an das Kind zu schreiben», sagt Elke Kannenberg von der Berliner Adoptionsvermittlung. «Wir wissen ja nicht, in welcher Situation es sich befindet, und ob es über die Adoption informiert ist.»
Das ist auch der Grund, warum Barbara Sielaff nie wieder von ihrem Sohn David hörte. Seit zehn Jahren versucht sie, mit dem heute 25jährigen in Kontakt zu kommen, vergeblich. «Ich habe die ganzen Jahre niemandem etwas wegnehmen wollen», sagt Barbara Sielaff. «Es ist nur schwer, daß getan wird, als würde man nicht existieren.»
Barbara Sielaff ist heute 45 Jahre alt und Mutter einer 14jährigen Tochter. Als sie ihren Sohn mit 19 Jahren bekam, hatte sie gerade das Gymnasium abgebrochen und war aus einer westdeutschen Mittelstadt zu ihrem Freund nach Berlin gezogen. Daß sie schwanger war, merkte sie erst im vierten Monat. Anfangs wollte sie das Kind behalten. Aber sie wußte nicht, woher sie Hilfe bekommen sollte. Der Kontakt mit der eigenen Familie war gestört, mit Ämtern kannte sie sich nicht aus. «Ich wußte nur, daß es ein Jugendamt gibt.»
Entweder in ein Heim
oder die Freigabe
Hier wurde ihr kategorisch erklärt, daß sie nur zwei Möglichkeiten hätte: Entweder ohne ihren Freund in ein Mutter-Kind-Heim zu gehen. Oder das Kind zur Adoption freizugeben. «Sie hätten mich nur eine Treppe tiefer zum Sozialamt schicken müssen», sagt Barbara Sielaff heute. «Aber ich war so dumm und naiv, daß ich gar nicht wußte, welche Möglichkeiten es gab.» Ihr Gespräch bei der Adoptionsstelle verlief ähnlich schnörkellos. «Da saß ein älterer Mann, der eigentlich nur mein Baby haben wollte.» Das Kind, sagte er, habe doch bei mir sowieso keine Chance.
Nur wenige Wochen nach Davids Geburt heiratete sie ihren Freund. Barbara Sielaff machte eine Ausbildung zur Erzieherin, ließ sich scheiden, dachte an ihr Kind: Jetzt kommt er in die Schule. Heute hat er Geburtstag. Wie sieht er wohl aus? Geht es ihm gut? «Ein Kind ist kein Auto, das man verkauft», sagt sie.
Nachdem sie mit Anfang 30 schwanger wird und eine Tochter bekommt, schreibt sie das erste Mal an die Eltern des Sohnes, bittet um Informationen. Sie bekommt sie nicht. «Weil ich selber ein Kind habe, weiß ich ja, was man für Ängste hat», sagt sie. «Ich kann das in gewisser Weise verstehen.» Doch seit sie der Tochter beim Großwerden zusieht, sei auch die Trauer um den Sohn mehr geworden. «Man denkt einfach: Wie wäre es, wenn er doch bei mir gewesen wäre? Es ist, als ob etwas fehlt.»
Eva und Christopher Martin (Namen von der Redaktion geändert) verstehen die Situation von Barbara Sielaff. Die Adoptiveltern des siebenjährigen Florian und der zweijährigen Susanne haben sich in ihrem «Gesprächskreis Initiative Adoption» unlängst dem Austausch mit Herkunftsmüttern gestellt. Sie sind der festen Überzeugung, daß das Kind, sobald die ersten Fragen kommen, über seine Adoption aufgeklärt werden muß. «Die Kinder spüren, daß da etwas ist», sagt Christopher Martin. Florian jedenfalls fragte im Alter von drei Jahren laut und mitten im Getränkemarkt: «Mama, bin ich eigentlich auch in Deinem Bauch gewachsen?» Zwar kam die Frage unerwartet - aber Eva Martin sagte dem Sohn die Wahrheit: daß seine leibliche Mutter im Himmel sei, er aber für immer ihr Kind ist.
Ein Jahr hatte das Verfahren gedauert, mit dem die damals 34jährige Krankengymnastin und der 32jährige Bildungsreferent von der Adoptionsstelle überprüft wurden - in langen Gesprächen über ihre Beziehung als Paar, die Familiengeschichte und Erwartungen an das Kind. «Und dann begann die Wartezeit, bei der die Wochen zu Monaten wurden.» Als sie nach einem halben Jahr schließlich den erlösenden Anruf bekamen und das Kind im Heim auf dem Arm der Erzieherin in den Raum kam, «war das ein unbeschreiblicher Moment», sagt Eva Martin. Ein Moment wie eine Geburt: Das ist jetzt unser Kind.
Im Gegensatz zu Florian, der schon ein Jahr alt war und keine Mutter mehr hatte, als er zu den Martins kam, bekamen sie seine Schwester Susanne sieben Tage nach der Geburt. Über die Mutter von Susanne wissen sie so gut wie nichts - obwohl sie von Anfang an signalisiert haben, daß sie bereit sind, einen Kontakt herzustellen. «Sie ist ein Phantom», sagt Eva Martin. Demnächst werden sie für die Mutter Fotos und einen Brief bei der Adoptionsstelle hinterlegen. «Das Gefühl, sie kennenlernen zu wollen, ist schon da», sagt Eva Martin. Sie empfinde «Neugier, aber auch Angst.» Angst, wie weit die Beziehung zu dem Kind dann gehen würde, Angst auch, «daß Susanne sich instinktiv doch zu ihrer biologischen Mutter hingezogen fühlt.» Christopher Martin hielte einen gegenseitigen Kontakt oder zumindest Informationsaustausch vor allem für sinnvoll, um gegenseitig Klarheit zu schaffen und keine Phantome entstehen zu lassen: «So kann man auch dem Kind besser über die leibliche Mutter und seine eigene Geschichte erzählen.»
Kontakt zu Herkunftsmüttern
ist ein Balanceakt
Der Kontakt zu den Herkunftsmüttern verlangt den Adoptiveltern einen komplizierten Balanceakt ab, der leicht zur Überforderung werden kann. Was für einen Menschen sie vorfänden, wissen sie nicht. Sie müssen zwischen den eigenen Ansprüchen und Ängsten, dem Schutz des Kindes und dem Recht der Mutter vermitteln. «Ich fände eine rechtliche Regelung gut», sagt Christopher Martin. Wichtig sei, daß ein Treffen zunächst auf neutralem Boden und möglichst mit Begleitung durch einen Dritten stattfände. Das Gespräch mit den Müttern in der Gruppe habe jedenfalls geholfen, Ängste abzubauen. «Aber man muß klar sagen», betont Eva Martin, «daß es da einen Interessenkonflikt gibt».
Elke Kannenberg, die seit 30 Jahren in der Adoptionsvermittlung arbeitet, wünscht eine neue rechtliche Regelung. Auch wenn viele Adoptiveltern es nicht wahrhaben wollten: «Die Herkunftsmutter sitzt immer mit am Tisch.»
Beratungsstelle für Herkunftseltern: c/o Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V., Fregestraße 53, 12 161 Berlin