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DER SPIEGEL vom 30.5.98:
| SPIEGEL-GESPRÄCH
(Hervorhebungen durch paPPa.com)
"Alle sind
völlig überfordert"
SPIEGEL: Frau Professor Zenz, Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen, wie zuletzt der Sexualmord eines 16jährigen an einer Schülerin in Doberstau, machen Juristen und Sozialarbeiter ratlos. Dabei hat Deutschland die meisten Richter und wahrscheinlich das umfangreichste Jugendhilfegesetz der Welt. Wie erklären Sie Ihren Studenten diese Diskrepanz? Zenz: Richter und Sozialarbeiter können weder die menschliche Natur verändern noch gesellschaftliche Verhältnisse, die Gewaltbereitschaft fördern. Im Einzelfall können sie allerdings manches verhindern, wenn sie früh genug zur Stelle sind und sehen lernen, was sich in den Familien entwickelt. SPIEGEL: Der Staat muß Problemfamilien stärker unter Aufsicht nehmen? Zenz: Tatsache ist, daß viele Kinder, die irgendwann einmal mit Gewalttaten auffallen, vorher jahrelang bei der Jugendhilfe und den Gerichten bekannt waren. Man kennt ihre Familien genau ... SPIEGEL: ... aber hat keine Mittel, etwas zu tun? Zenz: Im Jugendhilfegesetz steht wirklich allerhand Vernünftiges drin, was man tun kann. Man kann eine Situationsanalyse zusammen mit Experten und der Familie erstellen, dann eine Prognose abgeben, schließlich Hilfsmaßnahmen treffen, die gezielt auf einzelne Problemkinder abgestimmt sind. SPIEGEL: Kaum zu glauben, daß in der überlasteten Jugendhilfebürokratie jemand Zeit dafür hat. Zenz: Genaue Analysen und Prognosen werden tatsächlich nur ganz selten erstellt. Zum einen aus Mangel an Geld und Personal, zum anderen ist es die Jugendbürokratie nicht gewohnt, koordiniert, zügig und zielgerichtet zu arbeiten. SPIEGEL: Das klingt so, als stehe die Jugendhilfe vor neuen Problemen. Aber kriminelle Kinder gibt es schon immer. Zenz: Und es gibt auch eine Menge Beratungseinrichtungen, Therapien und Erziehungshilfen; das ganze Feld ist aber unübersichtlich, und es ist für einen Sozialarbeiter sehr schwierig, zu tun, was das Gesetz verlangt: die Fachkräfte der unterschiedlichen Disziplinen, also auch Kinderpsychologen und -psychiater, mit den Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Deshalb werden gerade die schwierigsten Fälle hin und her geschoben, von Instanz zu Instanz. Alle sind völlig überfordert. SPIEGEL: Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, als "Wächter" die Erziehung der Kinder zu kontrollieren. Fühlt sich niemand verantwortlich für sie? Zenz: Selbst engagierte Eltern befinden sich oft in auswegloser Situation. Ich denke da an den Fall einer Mutter, die mit ihren Sorgen über das hochaggressive Verhalten ihrer beiden zehn und zwölf Jahre alten Söhne eine wahre Odyssee durch die Hilfsinstanzen erlebt hat. In der Schule fand man bei dem älteren bereits ein Messer. SPIEGEL: Was hat die Frau unternommen, um ihren Kindern zu helfen? Zenz: Sie ist zu einer Erziehungsberatungsstelle gegangen; dort hat man eine Weile mit ihr in Beratungsgesprächen gearbeitet, aber es änderte sich nichts. Da hat die Erziehungsberaterin gesagt: Gehen Sie zum Allgemeinen Sozialdienst - früher hieß das: Familienfürsorge. Die Sozialarbeiterin dort hatte keine Zeit. Schließlich ist die Erziehungsberaterin mit der Mutter aufs Jugendamt gegangen. Ergebnis: Eine Sozialarbeiterin sollte mehrmals pro Woche in der Familie vorbeischauen. SPIEGEL: Was sollte die Sozialarbeiterin konkret tun? Zenz: Gespräche führen, in Konflikten vermitteln. Diese Familienhilfe ist eine gute Idee der siebziger Jahre und wird bis heute erfolgreich praktiziert. Aber die Resultate sind oft auch dürftig, weil die Sozialarbeiterinnen vielfach die schwersten Fälle der völlig zerrütteten Familien zugewiesen bekommen und damit alleine stehen. SPIEGEL: Hat denn in Ihrem Fall die Sozialarbeiterin etwas bewirkt? Zenz: Sie ging eine Weile in die Familie, teilte dann aber ihren Vorgesetzten mit, ihre Arbeit mit den beiden aggressiven Jungen sei sinnlos, sie werde ihre Familienbesuche einstellen. Das Jugendamt schickte daraufhin die Mutter zum Psychiatrischen Dienst, wo sie ... SPIEGEL: ... keinen Termin bekam. Zenz: Richtig, denn auch die Gesundheitsämter der Gemeinden, zu denen diese Dienste gehören, sind völlig überlastet und verfügen im übrigen selten über Kinderpsychiater. Die Mutter hörte schließlich gar nichts mehr vom Jugendamt. SPIEGEL: Die Kinder sind dann bald über 14, also strafmündig und womöglich ein Fall für die Justiz. Was wird Ihrer Meinung nach aus ihnen? Zenz: Von solchen Fällen hört man leider oft dann erst wieder, wenn es eine Explosion, eine Gewalttat gibt. Zum Glück ist in diesem Fall die Erziehungsberaterin am Ball geblieben und versucht weiter, Hilfe zu vermitteln. SPIEGEL: Das Gesetz gesteht den Eltern einklagbare Ansprüche auf Erziehungshilfe zu. Wenn Eltern hin und her geschickt werden, ziehen sie dann nicht vor Gericht? Zenz: Die Eltern wagen oft keine Klage, aus Angst, daß sie es sich mit dem Jugendamt verderben. Die Kommunen bauen auf diesen Mechanismus, sie ruhen sich aus auf der Angst der Betroffenen. Ablehnende Bescheide mit Rechtsmittelbelehrung an die Adresse der Eltern sind eine seltene Ausnahme. Die Mutter mit den beiden Söhnen hat übrigens sogar Rechtsmittel eingelegt. SPIEGEL: Und verloren? Zenz: Sie wurde abgewiesen und fühlt sich seitdem von den Jugendamtsmitarbeitern regelrecht boykottiert. SPIEGEL: Die letzte Verantwortung für das Wohl der Kinder ist in die Hände der Vormundschaftsgerichte gelegt. Können sie helfen, wenn die Jugendämter versagen? Zenz: Die Gerichte sind auf die Zuarbeit der Jugendämter angewiesen. Aber auch wenn ein Sozialarbeiter sich an das Gericht wendet, kann er Pech haben: Er trifft nicht selten auf einen jungen Vormundschaftsrichter, der von Psychologie nichts versteht und auch nichts von Sozialpädagogik oder der inneren Dynamik einer Familie. Wahrscheinlich hat er in seiner Ausbildung viel über Aktienrecht gelernt. Jugendhilferecht jedenfalls gibt es in der juristischen Ausbildung nicht. SPIEGEL: Immerhin können diese Richter die Elternrechte einschränken und die Verantwortung über Kinder auf einen Amtsvormund übertragen. Zenz: In der gerichtlichen Praxis kommt das selten vor. Da gibt es auch Probleme, denn ein einziger Amtsvormund muß bis zu 60 solcher Vormundschaften führen. Da ist er in jedem Einzelfall überfordert. SPIEGEL: Aber der Amtsvormund könnte mit mehr Nachdruck als die Eltern die Interessen der Minderjährigen gegenüber dem Jugendamt vertreten. Zenz: Eben nicht. Das Jugendamt ist ja der Arbeitgeber des Vormunds. Wenn der - was er darf - für seine Mündel gegen die eigene Behörde prozessiert, kann er sich da noch in der Kantine sehen lassen? Geklagt wird kaum mal. SPIEGEL: Perfekt organisierte Verantwortungslosigkeit? Zenz: So könnte man sagen. Es müßte eine kompetente Stelle geschaffen werden, die umfassend die Interessen der Kinder beim Weg durch die Hilfsinstanzen vertritt. Diese Stelle müßte unabhängig von allen Leistungsträgern und Gerichten sämtliche Chancen wahrnehmen, die Kinder in dieser Gesellschaft haben. Daß ratlose Eltern sich auf Wallfahrt durch die Instanzen begeben müssen und Kinder desinteressierter Eltern keinen persönlichen Vertreter ihrer Interessen haben, ist verhängnisvoll. SPIEGEL: Wo aber liegt die Grenze zwischen staatlicher Einmischung in die Familien und notwendiger staatlicher Fürsorge für die Kinder? Zenz: Zu früh, zu spät, zuviel oder zuwenig, das ist das quälende Dilemma, über das in der Jugendhilfe weltweit diskutiert wird. Leider verläuft die Entwicklung in extremen Ausschlägen. Bis in die sechziger Jahre blühte noch großer Respekt vor dem Elternrecht. In die Erziehung einzugreifen war ein Sakrileg, selbst wenn das Wohl der Kinder es geboten hätte. In den siebziger Jahren kippte das zum Teil ins andere Extrem. SPIEGEL: Was war der Anlaß? Zenz: Die Psychologie wurde populär - und damit die Bücher, in denen eindringlich beschrieben wird, wie furchtbar die Kindheit in schwer gestörten Familien ist. Zugleich entdeckten die Juristen, daß auch Kinder Grundrechte haben, die der Staat - notfalls gegen die Eltern - schützen sollte. Die Sensibilisierung fürs Kindeswohl brachte manche Überreaktion mit sich. Kinderrechtsexperten erschraken, und abermals kehrte sich die Tendenz um. SPIEGEL: Jetzt ist die Familie wieder heilig, auch wenn sie für Kinder zur Hölle geworden ist? Zenz: Es gibt zur Zeit die Tendenz, Kinder so lange wie möglich in Problemfamilien zu belassen. Das Motto ist: Beratung, Unterstützung, nur keine Trennung. Diese Einstellung wird von Teilen der Jugendhilfe eisern vertreten, selbst da, wo keine Erfolgsaussichten mehr erkennbar sind. SPIEGEL: Ist ein schlechtes Elternhaus besser als gar keines? Zenz: Eine schlechte Familie besser als ein gutes Heim? Nein. Denken Sie an schwer mißhandelte Kinder oder an Alkoholikerfamilien, in denen die Kinder Gewalttätigkeiten der Eltern miterleben, oft über Jahre: Wenige Kinder finden von sich aus den Weg zur Polizei. Eher schon findet die Polizei Kinder vor, wenn sie Vater oder Mutter betrunken nach Hause bringt. Manchmal schafft es die Mutter gerade noch, sich ins Bett zu legen, und das sieben-, achtjährige Kind muß sich dann um sie kümmern. SPIEGEL: Jedenfalls ist es allemal billiger, wenn die Kinder in ihren Familien bleiben, als teure Pflegeplätze für sie zu finden oder sie in Heimen unterzubringen oder sie in Therapie zu nehmen. Zenz: Da trifft sich der Familiensinn mit dem Sparwillen der Kommunen. Auf den ersten Blick scheint es die billigste Lösung zu sein, das Problem ein paar Jahre in der Schwebe zu halten. Oft geht das nach außen hin auch eine Weile gut, ehe es ein Unglück gibt. SPIEGEL: Aber die Jugendhelfer müssen doch merken, daß ihre Arbeit in den Familien oft vergebens ist. Zenz: Nicht wenige leiden auch darunter. Aber viele bauen mit am Tabu Familie. Jeder hat ja heute selbst oder im engsten Bekanntenkreis Familientragödien bei Trennung oder Scheidung erlebt. Um so schwerer fällt da die Entscheidung, Kinder aus einer Familie herauszuholen. Die Kinder fallen Ihnen ja nicht um den Hals und sagen: Gut, daß du mich endlich befreist. Fast alle Kinder sind dagegen, alle leiden unter der Trennung, auch wenn es ihnen bei Vater und Mutter schrecklich schlecht ergangen ist. Von den Richtern, die darüber entscheiden müssen, schläft keiner gut. SPIEGEL: Wenn nun ein entschlossener Sozialarbeiter und ein umsichtiger Richter aggressive Kinder rechtzeitig aus hochproblematischen Familien herausholen - was soll dann mit den Kindern geschehen? Zenz: Wenn etwa Kinderpsychiater mit Sonder- und Heilpädagogen oder Kindertherapeuten zusammenarbeiten, können sie meist ziemlich genau sagen, was diese Kinder benötigen. Wir brauchen aber mehr Richter, die Hilfspläne anfordern - und gelernt haben, sie zu beurteilen - und Jugendämter, die Hilfsmöglichkeiten suchen und finanzieren. SPIEGEL: Woran denken Sie? Zenz: Für kleine Kinder an Pflegefamilien, für ältere auch an Heime, denn es gibt mittlerweile sehr qualifizierte Einrichtungen, in denen die Kinder gut aufwachsen und sich wohl fühlen können. SPIEGEL: Heim - das klingt eher abschreckend. Zenz: Gerade für ältere, schwer traumatisierte Kinder sind Heime oft besser geeignet. Pflegefamilien ohne spezielle Qualifikation und Unterstützung sind damit häufig überfordert. SPIEGEL: Sie meinen im Ernst, daß Kindern in Heimen besser geholfen werden kann als in der privaten Atmosphäre einer Familie? Zenz: Es gibt Kleinstheime, in denen nur sechs bis acht problembeladene Kinder betreut werden. Wenn die Betreuung angemessen sein soll, kostet das natürlich Geld. SPIEGEL: Finden sich Finanziers für solche Heime? Zenz: Die Kommunen, die zur Zeit mehr um Selbsterhaltung als um Selbstverwaltung kämpfen, wollen dafür nicht mehr aufkommen. Sie kürzen die Fördermittel oder schieben Heime in Freie Trägerschaft ab und versuchen dann, die Pflegesätze herunterzudrücken. So werden die Hilfsangebote für die Kinder immer magerer. SPIEGEL: Natürlich wird jeder, der um öffentliche Subventionen kämpft, seine Einrichtung für ganz und gar unverzichtbar hinstellen. Zenz: Manche sind es auch. Da werden zum Beispiel jetzt Notaufnahmeheime, die personalintensiv arbeiten müssen, mit Schließung bedroht. Das ist aber eine gute Möglichkeit, Kinder von der Straße zu holen. Und dort finden auch Jugendliche Unterschlupf, die von selbst kommen, weil sie von zu Hause wegwollen. Für den Umgang mit ihnen braucht es gut geschultes Personal und Erfahrung. Wenn die Betreuer nicht richtig reagieren, sind diese Jugendlichen sehr schnell wieder weg. SPIEGEL: Vielleicht wäre die Bereitschaft, Geld in die Jugendhilfe zu investieren, größer, wenn Sozialtherapeuten und Sozialarbeiter klarere Konzepte und Erfolge vorweisen könnten. Zenz: Die gibt es durchaus. Aber es gibt auch gravierende Mängel in der Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen. SPIEGEL: Deren Ausbildung ist auch Ihre Aufgabe als Professorin. Zenz: Die Ausbildung macht mir wirklich Sorgen. Einerseits gibt es da die Tendenz zu angeblich schnell wirkenden Patentrezepten im Umgang mit Problemkindern. Die Kommunen, in Finanznot und unter Erfolgsdruck, greifen gern nach solchen Billigmethoden. Andererseits scheitert eine gründliche Ausbildung immer wieder auch an unklaren Konzepten und an der völlig unzureichenden Ausstattung der Hochschulen. SPIEGEL: Könnte es sein, daß viele Ihrer Kollegen im stillen vor den kriminellen Kindern längst kapituliert haben? Zenz: Ich sehe eher Zeichen von Resignation gegenüber den falschen Versprechungen einer Politik, der die Jugendhilfe immer dann kurzfristig wichtig wird, wenn in der Öffentlichkeit von "kriminellen Kindern" die Rede ist. Übrigens war Deutschland in der Jugendhilfe zu Beginn dieses Jahrhunderts führend in Europa, als etwa in den zwanziger Jahren flächendeckend Jugendämter eingerichtet wurden. Doch die guten Ansätze sind immer wieder an Halbheiten gescheitert, das heißt, an der mangelnden Bereitschaft, Geld auszugeben. SPIEGEL: Frau Zenz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Darmstädt und Gerhard Spöl. DER SPIEGEL 23/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags |