Rezensionen und Interview zu:

HORST PETRI: Das Drama der Vaterentbehrung.
Chaos der Gefühle – Kräfte der Heilung.

Herder-Spektrum-Verlag, Freiburg Basel Wien 1999.
223 S., 36 Mark.

Interview mit Horst Petri im FOCUS vom 3.4.2000
Beitrag Petri: Der verschwundene Vater, 11.11.2000

Horst Petri, Das Drame der Vaterentbehrung, 1999

Süddeutsche Zeitung 18.12.99
ASTRID  VON  FRIESEN


ALLEIN GELASSEN?
Den Vaterverlust können
alleinerziehenden Mütter
kaum kompensieren

Interview mit Horst Petri -
FOCUS Nr. 14, 3. April 2000, Seite 216/218

Vater ... verzweifelt vermisst
Kinder ohne männlichen Elternteil, so ein Psychoanalytiker,
sind lebenslang benachteiligt

HORST PETRI
  • Lehrstuhl
    Professor Dr. med. Petri unterrichtet an der FU Berlin Psychotherapie und Psychosomatik.
  • Autor und Psychagoge
    Der 64-jährige verfasste mehrere Werke zum Themenkreis Familie, u. a. "Geschwister - Liebe und Rivalität" und "Guter Vater, böser Vater".
  • Sein aktuelles Buch
    "Das Drama der Vaterentbehrung" erschien 1999 bei Herder.
  • FOCUS: Herr Petri, Sie beschäftigen sich in Ihrem neuen Buch mit dem Phänomen vaterloser Kinder. Zu welchem Ergebnis haben Ihre Untersuchungen geführt?

    Petri: Der Verlust des Vaters beeinträchtigt auf dramatische Weise die Entwicklung eines Kindes. Die tief greifenden seelischen Konsequenzen wurden in der Öffentlichkeit bisher weitgehend geleugnet. Dabei handelt es sich bei betroffenen Kindern oft um eine regelrecht traumatische Erfahrung, die für die gesamte Lebensspanne von der Kindheit bis ins späte Erwachsenenalter prägend ist.

    FOCUS: Wie ist dem beizukommen?

    Petri: Der Verlust eines wesentlichen Identität stiftenden Elternteils ist kaum wettzumachen. Fällt der Vater aus, bricht auch ein Stück der eigenen Identität weg. Das Kind muss sich völlig neu orientieren und durch eigene Kreativität oder mit Hilfe anderer die Verletzung verwinden.

    FOCUS: Die Behauptung von der Überflüssigkeit der väterlichen Präsenz ist ein provokanter Bestandteil feministischer Ideologie, der in den letzten 30 Jahren immer mehr an Popularität gewonnen hat. Ist damit nun Schluss?

    FRÜHES LEID Jungen, die den Vater entbehren müssen, werden oft sozial auffällig und leiden unter Bindungsängsten Petri: Leider nicht, doch halte ich diesen verkürzten Ansatz für ein fundamentales Missverständnis. Längst hat die Vaterforschung und Psychoanalyse bewiesen, dass der Vaterrolle bereits im ersten Lebensjahr des Kindes eine entscheidende Bedeutung zukommt:

    Als so genannter "Dritter" verhindert der Vater eine allzu enge Bindung zwischen Mutter und Kind und vermindert die Trennungsängste, wenn das Kind die notwendige Ablösung von der Mutter vollzieht. Das ist ein schmerzhafter Prozess und sehr problematisch, wenn Mutter und Kind auf sich gestellt sind. In einer späteren Entwicklungsphase, so um das vierte oder fünfte Lebensjahr, wird der Vater zu einem wesentlichen Identifikationsobjekt, das das Kind an die Außenwelt heranführt. In der Pubertät und Adoleszenz schließlich stellt der Vater die Weichen für den Eintritt des Nachwuchses in die Gesellschaft.

    FOCUS: Die Abwesenheit des Vaters kann verschiedene Gründe haben, etwa Scheidung, Beruf oder der endgültige Verlust durch den Tod. Wie erleben Kinder diese Unterschiede?

    "Wir müssen zu
    einem neuen Emanzipationsbündnis zwischen Muttern und Vätern gelangen"

    HORST PETRI PSYCHOANALYTIKER

    Petri: Väter, die berufsbedingt abwesend sind, auch solche, die zeitweise wochen- und monatelang unterwegs sind, werden dennoch als zur Familie zugehörig wahrgenommen, hn Bewusstsein und Erleben der Kinder bleibt die Kontinuität der Beziehung gewahrt. Wenn der Vater aus der Familie aber ausscheidet, weil die Frau oder er selbst es so will, bricht das fundamentale Gerüst der Bindung zusammen. Kinder, die das erfahren mussten, haben auch später mit starken Bindungsängsten zu kämpfen. Wenn Mütter das Scheidungstrauma schlecht verarbeiten und den Vater verteufeln, eignet er sich nicht mehr als positive Identifikationsfigur. Das hat für den Aufbau der eigenen Persönlichkeit oft fatalere Folgen als ein verstorbener Vater, der beim Kind in der Erinnerung weiterlebt. HEFTIGER GEGENWIND,
    vor allem aus feministischer Richtung, umtost den Publizisten und Lehrstuhlinhaber Horst Petri
    MEIN HAUS, meine Frau, mein Kind - viele Väter stehlen sich schon früh aus der familiären Verantwortung  FOCUS: Das neue Kindschaftsrecht mit der grundsätzlichen gemeinsamen Sorge trägt ja der Notwendigkeit von zwei Elternteilen Rechnung. Was aber, wenn die Mutter es unterläuft und den Vater mit dem Entzug des gemeinsamen Kindes bestraft? I

    Petri: Zwar ist das neue Recht ein Meilenstein, aber zu seiner Umsetzung bedarf es noch vieler Aufklärungsarbeit. Es muss zu einem neuen Verständnis dieser Problematik in der Öffentlichkeit kommen, auch zu einer besseren Verständigung zwischen den Geschlechtern. Denn das Dilemma vaterverlassener Kinder stellt mittlerweile auch eine Belastung für die gesamte Gesellschaft dar. Wir müssen zu einem neuen Emanzipationsbündnis von Müttern und Vätern im Sinne einer weiterentwickelten "Geschlechterdemokratie" gelangen. Lernen die Eltern die Verantwortung für ihre gemeinsam gezeugten Kinder begreifen, werden auch jenseits der traditionellen Familienordnung Wege zur Versöhnung und zum wechselseitigen Verständnis erkennbar. Wenn Frauen glauben, sie brauchten nur noch einen Samenspender, halte ich das für eine verheerende Konsequenz aus der Geschlechterpolarisierung.

    FOCUS: Vaterlose Jungen verhalten sich stärker sozial auffällig als Mädchen. Warum?

    Petri: Jungen benötigen für den Aufbau ihrer männlichen Identität den Vater. Dass sie stärker vom Vaterverlust betroffen sind, zeigt sich nicht nur im Leistungsbereich oder in Krüninalitätsstatistiken, sondern auch in der Art, wie sie ihrerseits Bindungen eingehen. Sie laufen Gefahr, später ihre eigenen Kinder allein zu lassen.

    GLÜCKLICHER VATER,
    glückliches Kind: nur noch in der Werbung?

    INS ABSEITS
    dribbeln flüchtende Papas ihre Kinder

    FOCUS: Können Lebensabschnittspartner der Mütter den ursprünglichen Vater ersetzen?

    Petri: Wir wissen von Studien mit Kleinkindern, dass ein häufiger Wechsel von Beziehungspersonen zur Orientierungslosigkeit führen kann. Häufiges Verlassenwerden schürt nicht nur Ängste, sondern baut auch Schuldgefühle auf. Die Kinder glauben irrtümlich, dass es an ihnen läge, wenn sich der Partner abwendet. Das führt häufig dazu, dass sich Kinder selbst nicht liebenswert finden. Doch wer sich selbst nicht für liebenswert hält, ist unfähig, andere zu lieben. Deshalb tendieren solche Kinder im späteren Leben zu frühen Ehen, frühen Scheidungen und insgesamt zu ungefestigten Bindungen. Ein trauriger Teufelskreis! Nicht zuletzt deswegen setzt sich bei fortschrittlichen Kräften zur Überwindung des Geschlechterkampfs die Einsicht durch: Jedes Kind hat ein Recht auf beide Eltern.

    Interview: Christine Brinck


    Siehe von Petri auch: Vaterlose Gesellen Es wird höchste Zeit zu erkennen, welche Katastrophe für die Gesellschaft in der Vaterlosigkeit steckt - Die Welt 19.4.2000

    Horst Petri DER VERSCHWUNDENE VATER - Berliner Zeitung 11.11.2000

    "Daniel war vier Jahre alt, als er eines Nachts beim Spaziergang ins Schlafzimmer der Eltern das Bett neben der Mutter leer fand. Der Vater habe plötzlich verreisen müssen. Es wurde eine lange Reise. In der Therapie versuchte der inzwischen Siebzehnjährige, in mühselig kleinen Schritten das Drama des Vaterverlustes zu rekonstruieren. Sein Leiden an sich selbst, das Scheitern in der Schule, den Drogenkonsum, das Leben ohne Freunde, die panische Angst vor Mädchen und sein grundsätzliches Misstrauen Menschen und der Welt gegenüber konnte er sich zunächst nicht erklären. ..." Gesamter Artikel in der Berliner Zeitung 11.11.2000