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Rheinischen Post, 15.8.98
Die Not alleinerziehender Mütter
und ihrer Kinder ist größer als angenommen -
Ängstlich, isoliert und krank auf dem Weg in die Krise
Thorsten Casmir
(Der Artikel wird geziert von einem großen Foto, auf dem eine Mutter mit Aktentasche und Kind im Kinderwagen durch die Gegend rast; Untertitel "Allein erziehen heißt oft alleingelassen und überfordert durch den Tag hetzen")
Aus der Reparaturwerkstatt einer an Bindungsverlust leidenden Gesellschaft kommt eine neue traurige Botschaft: Alleinerziehende Mütter haben nicht nur überwiegend Geldsorgen, Wohnprobleme und Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt - sie sind auch viel häufiger krank als Mütter in vollständigen Familien. Das ist doppelt schlimm, denn ihre schlechte psychische und körperliche Verfassung wirkt sich auf die alleinerzogenen Kinder aus; auch sie haben ein erhöhtes Krankheitsrisiko.
Das ist die Ausgangslage für eine Studie, die das Institut für Psychosomatische Medizin der Universität Düsseldorf gemeinsam mit dem Gesundheitsamt der Stadt auf den Weg gebracht hat. Matthias Franz, Leiter und Initiator des Projekts, sieht Anlaß zu großer Sorge: "In jeder sechsten Familie in Deutschland erzieht nur ein Elternteil, in neun von zehn Fällen die Mutter. Das ist eine Größenordnung, die wir auf Dauer nicht ungestraft ignorieren können." Die Folgen für Körper und Seele der Betroffenen sind längst messbar.
Tatsächlich gemessen indes wurden sie jetzt in Düsseldorf zum ersten Mal. Das Team um den Arzt und Psychoanalytiker Franz hat 4.661 Begleitpersonen von Kindern angesprochen, die in diesem Frühjahr zur Schuleingangsuntersuchung vorgestellt wurden. 780 Kinder des Jahrgangs leben in Einelternfamilien. Die von den Forschern befragten Mütter zeichneten ein Bild von ihrer Situation, das alarmieren muss: Sie berichteten von Ängsten und Depressioenen, sozialer Isolation, Armut - und dem Gefühl ständiger Überforderung im Alltag. An Kinder, denen der Vater fehlt, werden nach Überzeugung Franzens die Gesundheitsrisiken direkt weitergegeben. "Aus Studien wissen wir, daß diese Kinder oft Entwicklungsprobleme haben. Die Sprachentwicklung kann sich verzögern. Es kann zu Leistungsstörungen kommen. Ein schwaches Selbstwertgefühl der Kinder führt zu Ängsten und emotionalen Problemen." Kurz: Gerade in der Phase des Schuleintritts laufen viele Kinder auf eine Krise zu - eine Krise mit womöglich lebenslangen Konsequenzen. Denn nicht selten scheitern die erwachsen gewordenen Alleinerzogenen mit ihren Schwierigkeiten im rabiaten Leistungskampf.
Hinzu kommt ein schwer zu brechender psychologischer Mechanismus. Alleinerziehende Mütter haben - "ohne daß sie Schuld daran träfe", so betont Franz - oft eine zwiespältige Beziehung zu ihrem Kind: Entweder wird es unbewußt emotional abgelehnt (als Symbol für eine mißlungene Partnerwahl) oder der Mutter wird ihre Ablehnung des Kindes gewahr - und sie bemuttert es doppelt. "In beiden Fällen kann das Kind sich nicht wohlgemut trennen." Zumal der Part des Vaters fehlt: die Hilfe bei "Lösung des Kindes aus der Beziehung zur Mutter hinein in eine Welt vielfältiger Kontakte".
Die Projetkidee von Uni und Gesundheitsamt ist originell: Müttern, die Interesse haben, werden im Laufe des jetzt begonnenen Schuljahres in 15 Gruppensitzungen Hilfen zur Bewältigung ihrer Trennung und Stützung ihres Selbstbewußtseins angeboten. Danach soll bei den Kindern geschaut werden, "ob der Impuls angekommen ist", sprich: ob ihnen die Schuleingangsphase ohne größere Schwierigkeiten gelingt. "Wir spielen wie beim Billiard praktisch über Bande", erläutert Franz. "Man macht etwas mit Müttern und schaut, ob es den Kindern guttut."
An die Pilotuntersuchung soll sich eine breiter angelegte Studie nach gleichem Muster anschliessen. Gefördert vom Public-Health-Forschungsverbund NRW und dem Bundesforschungsminister stehen für das Folgeprojekt, das im Januar 1999 beginnen soll, mehrere hunderttausend Mark zur Verfügung. Die Hoffnung der Initiatoren ist es, daß ihre Arbeit danach zu einem Selbstläufer wird. "Vielleicht ist es ja möglich, daß die Städte zusammen mit Einrichtungen wie der Arbeiterwohlfahrt oder Caritas regelmäßig bei Schuleingangsuntersuchungen an die Mütter herantreten und ein entsprechendes Angebot machen - als Service", hofft Franz.
Gesundheitsamts-Chef Heiko Schneitler befürwortet die Idee: "Aber wir brauchen erst einmal die Ergebnisse. Um so ein Angebot zu etablieren, müssen wir schwarz auf weiß haben, daß es etwas nützt." Das politische Argument, Geld dafür auszugeben, ist für Matthias Franz mit dem Stichwort "Prävention" gegeben. "Ganz hart gesagt: da wachsen Kinder heran, die auf Dauer richtig teuer werden können.""
"Wie Bund und Land sich engagieren"
Studien zur Situation Alleinerziehender und Hilfsprojekte haben sowohl die Bundes- als auch die NRW-Landesregierung veranlaßt. Im Vordergrund standen dabei allerdings die Aspekte Geld, Wohnen und Arbeit - gesundheitliches Befinden, vor allem auch das der Kinder, fand hingegehn bisher kaum das Interesse der Politik. "Die Hilfe des Bundes konzentriert sich aufs Finanzielle", heißt es im Bonner Familienministerium. "Die gesundheitliche Situation der Betroffenen können wir direkt kaum beeinflussen", meint Pressesprecher Volker Bästlein. Zu den Aktivitäten aus dem Hause Claudia Nolte gehören:
Im zuständigen NRW-Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit gab und gibt es ebenfalls bisher nur Engagement der herkömmlichen Art:
250.000 alleinerziehende Mütter mit Kindern unter 18 Jahre leben nach Angaben von Petra Zwickert vom Frauenminstierum in NRW; 57.000 von ihnen bekommen Sozialhilfe. "Eine Vielzahl von Vätern entzieht sich ihrer Unterhaltspflicht." Claudia Nolte sagte vor einigen Monaten anläßlich ihrer jüngsten Studie zum Thema: "Wir dürfen nicht zulassen, daß alleinerziehende Mütter in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden." Im Lichte der Düsseldorfer Ergebnisse ist das Wort der Ministerin Makulatur: "Wir" haben es bereits zugelassen." Es reicht nicht mehr aus, irgend etwas zu finanzieren", warnt Heiko Schneitler vom Düsseldorfer Gesundheitsamt. "Was wir brauchen sind Projekte, die viel direkter als bisher eingreifen und helfen."
Auch in Großbritannien wird dieses Thema aktuell kontrovers diskutiert. Anlaß war eine Veröffentlichung von David Fergusson und L. John Horwood (Adoption and adjustment in adolescence, in: Adoption & Fostering,Vol. 22, Number 1, 1998, p. 24-30), die auch Gegenstand von Auseinandersetzungen im britischen Unterhaus war. Die Studie wurde in Neusseland durchgeführt, untersucht wurden 1.262 Kinder. Ein Auszug:
"Children of single-parent families: As a general rule, children who entered single-parent families at birth emerged as being at greatest disadvantage in all of the comparisons made. These comparisons (for details see Fergusson et al, 1995: Tables 4 and 5, pp 604-05) showed that children entering single-parent families at birth:
(...) In general, this set of comparisons clearly suggested that adoption was a process that conferred some advantage on adoptees by exposing these children to a more socially advantaged and privileged child-rearing environment than they would have expected to receive had they remained with their birth mothers."
Ein Besispiel: Kinder im Altern von 14-16 Jahren zeigten Verhaltensauffälligkeiten mit dem Faktor
(Kopien des Beitrages können bei paPPa.com angefordert werden.)
Unter Bezug hierauf meldete die Berliner Morgenpost am 28.6.98: "Schlechtes Zeugnis für Alleinerziehende: Kinder Alleinerziehender werden laut einer neuseeländischen Studie wesentlich häufiger kriminell und sind drogengefährdeter als Kinder, die in Haushalten mit Vater und Mutter aufwachsen. Die krasse Forderung der Autoren der Studie: Alleinerziehende sollten ihr Kind besser adoptieren lassen. Diese "Empfehlung" stieß bei Familienpolitikern nur auf verhaltene Begeisterung. So betonte die Unterhausabgeordnete Alice Mahon, daß Alleinerziehende Kinder sehr wohl ebenso wirksam erziehen können wie Ehepaare. Man sollte Alleinerziehende nicht immer "zu Sündenböcken abstempeln"." Jawoll ! Vermutlich sogar ganz viel besser ...
Vgl. zum Thema auch Napp-Peters, Familien nach der Scheidung
Trennung traumatischer als Tod
New York (dpa) - Kinder aus geschiedenen Ehen leiden später im Leben siebenmal häufiger an Depressionen als Erwachsene, die unter vergleichbaren Bedingungen in einer "heilen'' Familie aufgewachsen sind.
Zu diesem Ergebnis kommt eine israelische Studie, die in der nächsten Ausgabe des US-Fachjournals "Molecular Psychiatry'' vorgestellt wird. Nach einem Bericht der Zeitung "USA Today'' stellten die beiden Psychiater Bernard Lerer und Ofer Agid am Hadassah Hospital in Jerusalem überraschend fest, daß sich die Scheidung der Eltern sogar noch traumatischer auswirkt als der Tod des Vaters oder der Mutter.
Lerer und Agid untersuchten 231 depressive Patienten an ihrem Krankenhaus und verglichen ihre Entwicklung mit der von 170 Kontrollpersonen. Dabei fanden sie heraus, daß vor allem die Trennung oder Scheidung der Eltern vor dem neunten Lebensjahr eines Kindes besonders negativ zu Buche schlugen. Allerdings führt keineswegs jede Scheidung später automatisch zu Depressionen. Umgekehrt zeigte die israelische Studie aber auch, daß nur jeder dritte Fall von Depression mit einem gespaltenen Elternhaus zu begründen ist.