Die Rache der Muttersöhne
Warum aus Mamas kleinen Liebling auch wieder ein ganz normaler Mann wird: ein Brotverdiener - und ein Frauenheld. Von Gerhard Amendt

Spiegelreporter, Mai 2000 - http://www.spiegel.de/reporter/

Die gute Nachricht: Es gibt sie noch, die ganz normalen Familien. Vater und Mutter leben unter einem Dach und allen Anschein nach herrscht Frieden. Der Vater ist verfügbar, pflegt eine liebevolle Beziehung zu seinen Kindern und Kräche sind erfrischend wie Gewitter.

Die schlechte: Wer kommt schon auf den Gedanken, daß gerade in solchen Familien die Frauen sich verhalten, als wären sie allein erziehende Mütter? Sie tun es, und sie tun es mehr oder weniger bewußt und absichtsvoll. Den Schaden tragen wir alle.

Der Reihe nach: Für ein Forschungsprojekt hatten wir 505 Männer im Alter zwischen 24 und 45 Jahren über die Beziehung zu ihren Müttern befragt. Prompt stießen wir auf bislang unerhelltes Terrain im Familienalltag und entdeckten das Phänomen der allein erziehenden Mutter im vollständigen Familien. Was es ausmacht? Es ist die Mutter, die den Wunsch der Söhne nach Väterlichkeit erstickt, und die den Vater auf die Rolle des zwar oft gescholtenen, aber dennoch zuverlässigen und gestandenen Brotverdieners zurückstutzt. Er soll den Konsum garantieren - mehr nicht. Viele Mütter verhalten sich, als hätte ein böser Lebensgefährte sie mit ihren Kindern alleine sitzen lassen und ihr Leben zerstört.

Aus den Interviews mit den Männern haben wir auch erfahren, daß gut die Hälfte aller Mütter zu ihren Söhnen eine eigentümliche Beziehung pflegt: Sie machen die Söhne zu Vertrauten und zu Tröstern in allen Lebenslagen. Ist der Partner nicht zärtlich oder nicht aufmerksam genug oder in den Augen der Gattin sowieso nur ein Versager, muß der Sohn als Mothers little helper einspringen. Außerdem soll er seine Mutter, zumal wenn sie Hausfrau ist, für entgangenen gesellschaftlichen Erfolg entschädigen.

Der Sohn muß trösten und wird dann zum Vertrauten. Die Mutter läßt ihn nur allzu oft an ihren Stimmungen teilhaben, an ihren Sehnsüchten und an ihren Enttäuschungen. Daraus erwachsen dem Sohn peinliche Intimitäten. In besonders schwer wiegenden Fällen verlangt sie von ihm sogar, daß er sie auch körperlich tröstet. Das tun Mütter, die sich selbst als sexuell unbefriedigt beschreiben.

Der sexuelle Mißbrauch ist ein Einzelfall, und doch beginnt das Malheur, wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen Mutter und Sohn entsteht. Davon sollte man sinnvollerweise nur reden, wenn zwei Menschen halbwegs gleichgestellt sind, was Geist und Gefühle angeht. Alles Asymmetrische steht einem solchen Verhältnis im Weg. Manchmal kann sich der Schwächere dem Stärkeren anvertrauen. Aber nicht umgekehrt. Ein Vertrautenverhältnis zwischen einem Kind und einem Elternteil ist immer eine mißbräuchliche Beziehung. Vertraut sich die Mutter ihrem Sohn an, verkehren sich die Rollen. Das Kinde wird zum Überlegenen. Dadurch ist es überfordert.

Noch nachdenklicher wird es, wenn der Sohn, schweigen und die Affäre mit der Mutter für sich behalten muß. Dann teilt sich die Welt in Geheimnisträger und Ausgeschlossene. Diese Heimlichkeit ist nicht nur unheimlich, sonder auch aggressiv. Vor allem gegen die Person, die ausgeschlossen wird, also den Vater. Und die Aggression setzt sich fort, wenn die Mutter vom Sohn Verschwiegenheit als Beweis seiner Loyalität verlangt. So macht er letztendlich mit ihr gemeinsame Sache, um den Vater aus der Familie zu drängen.

Der Sohn vereinsamt in der Familie je näher er an die Mutter heranrückt. Und verliert so zum bösen Ende seinen Vater - ohne große Konflikte, ohne Aufheben und ohne viel Geschrei. Ein symbolischer Vatermord, der Beziehungen tötet.

Dieser Vaterverlust ist es, der in unserer Kultur die unterschwellige Sehnsucht nach Vätern entstehen läßt. Jeder zweite Hollywood-Film handelt davon, daß irgendein Sohn seinem Vater irgend etwas beweisen muß oder umgekehrt. ("Der talentierte Mr. Ripley", "American Beauty"). Es ist eine Sehnsucht, die sich nur heimlich äußert, denn vielen gilt sie als politically in correct. Die Väter haben ihren Anteil an der Sehnsucht, denn sie haben sich herausgehalten. Sie sind nicht trennend zwischen Mutter und Sohn getreten, haben weder die Frauen getröstet, die Verhältnisse verändert, noch den Sohn davor bewahrt, mit seiner Mutter in ein symbolisches Chambre Séparée zu entfleuchen.

Was schlimm daran ist? Den Söhnen geht väterliche Autorität verloren. Es fehlt einer, der in der Welt der Kinderphantasien Grenzen zieht. Gerade die Autorität des Vaters schafft Kindern erst jene Freiheit, die ihnen den Weg ins außerfamiliäre Leben möglich macht. Kinder brauchen einen Vater zum Streiten, zum gefühlvollen Abgrenzen, eben zum Erwachsenwerden. Je heftiger die Kritik des Feminismus an der modernen Männlichkeit wird, desto wichtiger werde die kleinen Männer, die Söhne also, für ihre Mütter. Sie werden zur Quelle lebenslanger Sinnstiftung. Da die großen Männer die Sehnsüchte der Frauen nicht erfüllen, wollen die Mütter ihre Söhne zu idealen Männern modellieren, zu Märchenprinzen. Was die Frauenbewegung politisch ins Auge gefaßt hatte, dafür sollen die Söhne eine private Lösung bieten.

Der Sohn wird zum Hoffnungsträger einer sozialen Utopie gekürt. Seine Mutter nutzt seine kindliche Abhängigkeit und Zuneigung, um ihn mit sanft dirigierender Liebe für einen weltbewegenden Auftrag vorzubereiten: Sie will den Sohn zum Befreier aller Frauen machen. Der Vater steht für die Unterdrückung, der Sohn für die Erlösung der Frauen.

Dafür zahlen die kleinen Söhne einen hohen Preis. Für sie geht die Unbefangenheit der Kindheit fast gänzlich verloren. Sie dürfen nicht länger im Schonraum leben, sondern sind unbändigem und begeistertem Gestaltungswille ihrer Mütter ausgesetzt, im Namen zukünftiger besserer Geschlechterbeziehungen. Diese Mütter tragen weder Konflikte in der Partnerschaft, noch in der Gesellschaft aus, sondern sie delegieren diese Ansprüche an den Sohn.

Sehr viele Söhne sind gerne geheime Vertraute der Mütter. Sie sind stolz darauf, auserwählt zu sein, ein narzißtischer Triumph. Aber dahinter lauert die Angst, den hohen Erwartungen der Mutter nicht entsprechen zu können und dann als einer darzustehen, der ihrer Erwählung unwürdig ist, wie vor ihm schon der Vater. Dann wird auch der Sohn zu den Gescheiterten zählen, die von den Frauen verlacht werden. Der kleine Junge hat schreckliche Angst an die Grenzen seiner Fähigkeiten zu stoßen. Dieses Gefühl, ein Auserwählter zu sein, einer, der in die Welt der erwachsenen Frau vorgestoßen ist, ganz anders als die kindlich nachhinkenden Altergenossen, das ist typisch für Mißbräuche.

Was mit Hochgefühlen beginnt, stürzt irgendwann ab. Denn entweder wolle die Söhne größer sein, als sie es waren oder sie sollen auf Wunsch der Mutter größer sein, als sie es sein können. Der tief beschämende Absturz setzt ein, wenn der kleine Sohn auf den Unterschied von wahrer und phantasierter Größe stößt. Fast alle interviewten Männer erinnern sich an abgrundtiefe Beschämung, als der Boden unter ihren Füßen nachzugeben begann.

Je tiefer die Beschämung, desto tiefer die Wunden, die nicht heilen wollen und ein Leben lang schmerzen. Aber nicht nur das. Was die kleinen Jungen vor langer Zeit beschämt hat, kehrt im erwachsenen Mann als unwiderstehlicher Wunsch zurück, andere fühlen zu lassen, was sie selbst erleiden mußten. Diesmal will man auf der Seite jener stehen, die andere beschämen. Und nicht irgend jemanden soll Beschämendes angetan werden, sondern Frauen. Denen nämlich, die in späteren Liebesbeziehungen, in der Nachfolge der ersten Frau im Leben eines jeden Mannes stehen. Aus diesem Wunsch nach Macht-Umkehr kann dann die kulturelle Abwertung vom Weiblichen hervorgehen. Es ist die Rache der Muttersöhne.

Und es scheint typisch für Söhne, daß ihre Episoden mit der Mutter sie fürs Überleben keineswegs unfähig macht. Eher saugen sie daraus die Energie, ins Leben zu stürmen. So erobert der Sohn lieber andere, als daß er sich selbst zerstören und erobern ließe. Das ist eine Quelle von männlicher Aggression. Nur hat das nichts mit männlicher Natur zu tun, sondern mit der Kindheit von Söhnen und ihren Überforderung durch Mütter - eben ihrer heimlichen Heroisierung.


Mehr von Gerhard Amendt:


paPPa.com-Homepage