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Das Deutsche Kinderhilfswerk ruft zu einem Bündnis gegen Kinderarbeit auf:
Auch in Deutschland arbeiten Kinder
Das deutsche Kinderhilfswerk hat Gewerkschaften und Unternehmer zu einem Bündnis gegen Kinderarbeit aufgerufen. In einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte der Präsident der Organisation, Thomas Krüger, durch die Beschäftigung von Kindern als billige Arbeitskräfte gingen in Deutschland rund 90.000 Vollarbeitsbeitsplätze verloren. Zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Kinder und Jugendlichen ab 13 Jahren arbeite an 40 Tagen im Jahr regelmäßig bis zu vier Stunden. Die Folgen seien schlechtere Leistungen in der Schule, nervliche und körperliche Belastungen und unter Umständen auch Verletzungen.
Laut Krüger muß das gesellschaftliche Tabu Kinderarbeit endlich gebrochen werden. Das Thema sei viel zu lange in unerträglicher Weise heruntergespielt worden. Erwachsene und Firmen, die Kinder beschäftigten, müßten moralisch unter Druck gesetzt werden. Außerdem seien eindeutige gesetzliche Regelungen unabdingbar.
In Oslo beraten ab Montag Regierungsvertreter aus mehr als 40 Ländern, Gewerkschafter und regierungsunabhängige Organisationen über Maßnahmen zur Eindämmung der Kinderarbeit. Zu der viertägigen Konferenz haben das UN-Kinderhilfswerk Unicef, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die norwegische Regierung eingeladen. Nach Schätzung der Veranstalter arbeiten weltweit 250 Millionen Kinder unter Bedingungen, die ihre Gesundheit und Entwicklung schädigen.
BZ vom 28.10.97
Berlin - Sie mähen Rasen oder putzen Windschutzscheiben, füllen Supermarktregale oder passen auf Nachbars Nachwuchs auf - Schulkinder, die ihr Taschengeld aufbessern wollen. 40 Prozent der Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahren arbeiten in Deutschland mehr oder weniger regelmäßig gegen Lohn. Der Grat zwischen legaler Beschäftigung und Ausbeutung ist schmal.
"Die Jugendlichen verrichten in den Betrieben vorwiegend Hilfsleistungen, die körperlich schwere Arbeit bedeuten", so Thomas Krüger, SPD-Bundestagsabgeordneter und Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks zur BZ. Mit unterdurchschnittlicher Bezahlung: 8 bis 12 Mark die Stunde.
Ein Drittel bis die Hälfte aller Kinder ab 13 Jahren, so Krüger, jobbt an 40 Tagen im Jahr regelmäßig bis zu vier Stunden. 70 Prozent arbeiten in fremden Betrieben (z.B. Botengänge, Fließbandjobs), 20 Prozent in fremden Haushalten (z.B. Babysitting), 10 Prozent in landwirtschaftlichen Familienbetrieben.
Die krassesten Fälle in Berlin:
Krüger: "Die Kinder sollen sich ja ruhig ein paar Mark zum Taschengeld dazuverdienen. Aber ohne Beeinträchtigung der Gesundheit oder der schulischen Leistungen." Über 20 Prozent der Schüler, die länger als gesetzlich erlaubt arbeiten, leiden an Konzentrationsstörungen, Übermüdung und schwänzen häufiger die Schule. Krüger zur BZ: "Das ist eine Einschränkung in der Lebensentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die schulischen Leistungen lassen nach, sie gehen vielleicht von der Schule ab."
Krüger hat ausgerechnet, daß durch die Beschäftigung von Kindern als billige Arbeitskräfte in Deutschland rund 90 000 Vollzeitarbeitsplätze verloren gehen. "Hier kann Arbeit generiert werden für erwachsene Arbeitslose. Die können ihren Kindern dann Taschengeld zahlen."
Kinderarbeit weltweit: Mehr als 250 Mio. Kinder zwischen 5 und 14 Jahren schuften für ihren Lebensunterhalt, knapp die Hälfte davon ganztags. Gestern wurde in Oslo eine Konferenz gegen Kinderarbeit eröffnet: Vertreter von 41 Staaten widmen sich vier Tage lang der Bekämpfung von Kinderarbeit.
Thomas Krüger (SPD)
Kommentar in der BZ:
Laßt den Kindern ihre Kindheit!
Von DIRK BALLER
Kinderarbeit, das gibt es doch nur in der 3. Welt. . . Denkste! Auch in Deutschland gehen vier von zehn Jugendlichen einer geregelten Nebenberufstätigkeit nach, wenn man den Kinderschützern Glauben schenken darf.
Klar: Da ist noch ein Unterschied zu den kleinen Arbeitssklaven in Indien, die sich - von ihren Eltern regelrecht verraten und verkauft - zwölf Stunden oder länger die Finger blutig schuften müssen. Wenn deutsche Kinder jobben gehen, dann meist aus freien Stücken - und um sich ein flottes Mofa, die "richtigen" Edel-Turnschuhe oder angesagte Designer-Jeans zu leisten.
Und natürlich hat es seinen Nutzen, wenn der Nachwuchs für seinen Luxus erst mal ein bißchen schwitzen muß: Das führt zu einem realistischeren Verhältnis zu Geld und ist allemal besser, als auf Klautour zu gehen.
Wo der Spaß aber aufhört: Wenn Kinder arbeiten müssen, weil sie sonst überhaupt kein Taschengeld hätten, um mal mit Freunden ins Kino, ins Schwimmbad oder in die Eisdiele zu gehen.
Da wird den Jungen und Mädchen ganz brutal ein Stück Kindheit abgekauft: Als ob diese nicht ohnehin immer früher zu Ende geht - angesichts mangelnder Lehrstellen und trüber Aussichten auf dem "erwachsenen" Arbeitsmarkt. . .