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Kölner Stadtanzeiger vom 26.9.1997
Von unserer Redakteurin Mariane Qoirin
Brühl - Kaspar ist gerade neun, als seine Welt zusammenbricht. Ohne ein Wort zu sagen, ist der geliebte Vater ausgezogen. Alles, was ihm die Mutter in den Wochen danach zu erklären versucht, kann er nicht verstehen. Er glaubt, den Vater durch sein freches Verhalten zum Auszug provoziert haben. Er wird krank, doch der Vater eilt nicht wie früher an sein Bett. Als seine Leistungen in der Schule dramatisch nachlassen, schickt ihn seine Mutter zur Psychotherapie. Kurz vor Abschluß der fast zweijährigen Behandlung faßt er in einem Satz zusammen, was die Trennung für ihn bedeutet hat: "... und dann hab" ich nicht mehr gewußt, wer ich eigentlich bin."
Ein Professor der Psychologie diskutiert mit angehenden Grundschullehrern die Probleme von Scheidungskindern und erfährt aus Andeutungen, daß von den Studenten zwei oder vielleicht auch drei besonders emotional reagieren. Er bietet ein vertrauliches und anonymes Gespräch an und findet zum Termin vor seiner Tür gleich zwölf Studenten. Sie alle wollen über das Trauma ihrer Kindheit reden: Trennung und Scheidung ihrer Eltern - Thema Nr. 1 auf dem 12. Familiengerichtstag in Brühl.
Den Juristen, Psychologen und Sozialarbeitern, die über die Folgen von Trennung und Scheidung für Kinder debattieren, mangelt es nicht an Erfahrungen, um die Forschungsergebnisse aus diversen Studien mit Fällen aus der eigenen Praxis zu ergänzen. Sie alle kennen die in der Literatur als typischen Reaktionen beschriebenen Verlust- und Kontaktängste, seelische Labilität, Depressionen, Schuldgefühle. Sie können die Wut nachempfinden, wenn Kinder im Scheidungskrieg zwischen die Fronten geraten und dabei eine Hälfte ihrer kindlichen Welt verlieren.
Kein Besuch, kein Anruf, kein Geburtstagsgeschenk
"Wenn ich nur so einem Scheißkerl per Strafbefehl beikommen könnte!", ruft eine Rechtsanwältin, die für das Kind einer Mandantin mühselig das Besuchsrecht des Vaters abgerungen hat. Aber der will nun nichts mehr von seinem Sprößling wissen - obwohl er zuvor selbst um das Besuchsrecht gekämpft hat. Kein Einzelfall, wie unlängst eine Studie belegt hat: In 50 Prozent aller Scheidungen ist ein Jahr danach die Verbindung zum Vater endgültig gekappt. Kein Besuch, kein Geschenk zum Geburtstag, kein Anruf - nichts mehr.
Angesichts solch männlicher Verweigerung mußten Professor Ulrich Schmidt-Denter, Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Köln, und sein Team schon dankbar sein, für die erste deutsche Langzeitstudie über familiäre Beziehungen nach Trennung und Scheidung 60 Väter gefunden zu haben. Sie ließen sich, ebenso wie die einstige Partnerin und eines der Kinder, befragen und testen; das erste Mal neun Monate nach der Trennung, das letzte Mal sechs Jahre danach. Nur auf Verhaltensbeobachtungen, die zur Überprüfung der männlichen Selbstdarstellung dienen sollten, haben sich die Väter - anders als die Mütter - nicht eingelassen. Aber auch die Mütter verweigerten eine Beobachtung von Vater, Mutter und Kind gemeinsam.
Der Psychologe beschreibt die Test-Personen als engagierte Eltern, die nur das Beste für ihre Kinder wollten, es ihnen aber nicht geben können. Denn die Kinder, bei der ersten Untersuchung vier bis zehn Jahre alt, wünschten sich nichts sehnlicher, als daß die Familie wieder zusammenkommt - wie es schon Erich Kästner so anrührend in seinem "Doppelten Lottchen" beschrieben hat. Auch noch sechs Jahre nach der Trennung und trotz neuer Partner der Eltern (Männer: 88 Prozent; Frauen: 63 Prozent) beschreiben alle Kinder die alte Kernfamilie als "ihre" Familie; die neuen Familienmitglieder rangieren unter "ferner liefen".
Je jünger die Kinder (vier bis sieben), desto stärker die Anzeichen ihres Leidens - auch noch mehr als drei Jahre nach der Trennung; erst im sechsten Jahr verschwinden die Symptome. Ulrich Schmidt-Denter: "Sie kriegen alles mit, können aber nichts verstehen, beziehen alles auf sich selbst, geben sich selbst die Schuld."
Die Eltern, denen es nicht gelingt, zwischen ihrer gescheiterten Beziehung zum früheren Partner und der zu ihren Kindern zu differenzieren, stürzen ihre Sprößlinge in heillose Loyalitäts-Konflikte. Als die drei - vermeidbaren - Todsünden im Scheidungskrieg beschreibt der Psychologe Schmidt-Denter: die Kinder in die Grabenkämpfe hineinzuziehen, sie als Boten zum Ex-Partner zu mißbrauchen oder als Spione in dessen neuem Lebensraum. Eine extrem kämpferische Haltung von Anwälten gießt oft noch Öl ins Feuer.
"Es ist Knochenarbeit, den Eltern klar zu machen, daß sie ihre Konflikte nicht auf die Kinder übertragen dürfen. Manchmal bedeutet das die Quadratur des Kreises", konstatiert Uwe-Jörg Jopt, Professor für Psychologie an der Universität Bielefeld und Spezialist auf dem grausigen Minenfeld "Trennungskinder-Problematik: "Sie müssen lernen, daß es Trennung zum emotionalen Nulltarif nicht gibt." Und er erinnert an die für alle Juristen bittere Erkenntnis über zerstrittene Eltern: "Wir können niemanden mit Mitteln der Justiz zu familiären Beziehungen zwingen."
Wie immer nur negative Nachrichten von der Scheidungsfront? Die Kölner Langzeitstudie offenbart auch, daß es eine Gruppe von Kindern (Altersgruppe acht bis zehn) gibt, die offenbar die Scheidung ihrer Eltern ohne größere Belastungen erleben. Sie haben ein hohes Maß an positiven Gefühlen zum Vater, die Mutter half ihnen bei der Bewältigung des Trennungsschmerzes; auch die Kontakte zu den Geschwistern sind gut. Väter und Mütter zeigen sich mit den Scheidungsfolgen zufrieden.
Zu schön, um wahr zu sein? "Kinder passen sich an, um äußeren Frieden zu haben", sagt eine erfahrene Familienrichterin, die eine Zwölfjährige zitiert: "Wenn ich zu Papa gehe, kann Mama das nicht verkraften. Also gehe ich nicht, um zu Hause keinen Streß zu haben."
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