Passauer Neue Presse vom 13. August 1998


Starke Kinder in einer verwirrenden Welt

von Stephan Hendel

Früher, da war's einfach: Kinder hatten zu gehorchen, fleißig zu lernen, bei Tisch den Mund zu halten und ihren Eltern recht viel Freude zu machen. Irgendwann mal waren sie dann selbst erwachsen, heirateten - und erzogen ihre Kinder mehr oder weniger genau so, wie sie erzogen worden waren. Kindheit und Jugend erschienen als Vorbereitungszeit aufs Großsein, Kinder und Jugendliche waren keine eigenen Persönlichkeiten, sie bereiteten sich darauf vor, welche zu werden - sie waren "Noch-nicht-Wesen".
Heute ist's kompliziert. Denn irgendwann einmal waren Kinder nicht mehr nötig für die Alterssicherung ihrer Eltern, sie waren nicht mehr nötig als Hilfe auf dem Hof oder im Haushalt, sie waren nicht mehr nötig für den sozialen Status der Familie. Kinder zu haben wurde zum Wert an sich: Als Versprechen auf eine bessere Zukunft, als Hoffnung auf bedingungslose Liebe. Bezeichnend, daß diese Entwicklung einhergeht mit dem fast kompletten Verfall der herkömmlichen Familie. In Deutschland wird mittlerweile jede dritte Ehe geschieden, in den Großstädten fast jede zweite. 21 Prozent der westdeutschen Kinder, 31 Prozent der ostdeutschen, werden ihre Kindheit nicht mit den beiden leiblichen Eltern in einem Haushalt verbringen.
Die Familie hat ausgespielt. Trotz aller Beteuerungen aus der Politik - neben die klassische Art des familiären Zusammenlebens treten immer mehr alternative Formen: Alleinerziehende. Nichteheliche Lebensgemeinschaften. "Lebensabschnittsgefährten". Stieffamilien. Der alte Witz wird zur Wirklichkeit, in dem der zweitverheiratete Ehemann seine zweitverheiratete Ehefrau fragt, woher denn der Krach komme: "Deine Kinder und meine Kinder verprügeln unsere Kinder", antwortet sie.
Es gibt den "neuen" Vater, mit dem das Kind während der Woche lebt. Am Wochenende geht's zum leiblichen Papa und zu dessen neuer Freundin, die wiederum ihre Kinder aus erster Ehe an den Geschiedenen abgegeben hat: "Elternreiche Familien" nennt die Wissenschaft solche Konglomerate aus ehemaligen und aktuellen Beziehungen, aus Kindern und Stiefkindern, Wochenend- Papas und Teilzeit-Mamas, Halbbrüdern und Viertelschwestern. Keine Frage, daß das für ein Kind gelegentlich ziemlich unübersichtlich werden kann, real und emotional.
Unübersichtlichkeit - das Schlagwort des ausgehenden Jahrtausends. Im Wust von Nachrichten, Neuigkeiten, Informationen, geht den Menschen die Fähigkeit verloren zu sortieren: Was ist wichtig für mich, was nicht. Rund um die Uhr prasseln Sensationen aus dem Fernseher. Wenn in Nairobi eine Bombe explodiert, weiß zehn Minuten später die ganze Welt davon, dank Internet und CNN. Das alles ist schon für Erwachsene ziemlich verwirrend - wie viel mehr erst für Kinder?
Kinder zwischen 3 und 13 Jahren verbringen durchschnittlich 95 Minuten am Tag vor dem Fernseher. Sie sehen Zeichentrickfilme und Kinder-Shows, sie sehen aber auch Nachrichten und Krimis, Gewalt und Sex, ordinäre Talks und abstoßende Horrorfilme. Wer hilft ihnen, das Gesehene einzuordnen, zu unterscheiden zwischen Realität und Fiktion?
"Wir sind nicht autoritär", schreibt Axel Hacke in seinem Buch "Der kleine Erziehungsberater". "Wir sind auch nicht antiautoritär. Wir wursteln uns so durch." So geht es wohl den meisten Eltern: Sie lieben ihre Kinder und wollen nur das beste für sie. Aber was gerade im Moment das jeweils beste ist - das ist manchmal gar nicht so leicht zu entscheiden.
Das Fernsehen liefert ein gutes Beispiel für dieses Dilemma: Natürlich würden viele Eltern ihren Kindern gerne verbieten, sich die "Power Rangers" anzuschauen oder andere dieser Prügel-Comics - doch die Kleinen werden sich beschweren, sie seien dann am Montag im Kindergarten oder in der Schule die einzigen, die nicht mitreden könnten. Was tun?
Was tun mit den Computer, mit dem Gameboy, mit der Playstation? Viele Eltern haben eine irrationale Angst vor dem elektronischen Zauberzeug, mit dem ihre Kinder ganz unbefangen umgehen. Was gab's nicht schon zu lesen von Pornographie im Internet, von vereinsamenden Eierköpfen vor dem Monitor, von schmerzhaften Syndromen am Daumen, ausgelöst durch exzessives Daddeln? Andererseits: Auch Bill Gates war so ein "Nerd", der nächtelang in irgendeiner Garage an Programmen schrieb - und heute ist er der reichste Mann der Welt.
Eltern wissen nicht, was sie tun sollen, und Kinder können diese verwirrende Welt nicht mehr überblicken - eine Welt, in der sie mit mehreren Papis und diversen Mamis zurechtkommen müssen, in der sie nicht erkennen können, ob die Menschen im Fernsehen real sind oder nur Schauspieler, eine Welt, in der zum Beispiel die "Weekly World News", daherkommend wie eine einigermaßen seriöse Illustrierte, auf ihrer Internet-Seite die Bilder und die Geschichte einer Frau mit vier Beinen anbietet oder ein Ehepaar, das unter anderem deshalb zueinander gefunden hat, weil sie beide die längsten Zungen der Welt haben: Auf dem Hochzeitsfoto strecken sie sie raus, runter bis zum Brustbein. Kann ein Kind, wenn es zufällig auf diese Seite stößt, die Fälschung erkennen?
Die Welt als Dorf, mit einem entscheidenden Nachteil gegenüber der kleinteiligen Siedlungsform: Niemand mehr kontrolliert die Dorfgemeinschaft, jeder kann tun, was er will, und daß bei einer Einwohnerzahl von mehr als fünf Milliarden natürlich auch eine Menge Schweinehunde dabei sind, liegt auf der Hand. Daraus nun, wie die französische Zeitung "Le Figaro" gestern in einem Kommentar, den Schluß zu ziehen, Kinder bräuchten Moral und Werte, um sie zu schützen - das führt nun leider auch nicht sehr viel weiter: Denn welche Moral und welche Werte, das soll man doch zum Beispiel mal einen katholischen Niederbayer, einen säkularisierten New Yorker, einen afghanischen Taliban und einen japanischen Workaholic ausdiskutieren lassen. Hier liegt genau das Problem: So wie sich Eltern im Sinne Axel Hackes "durchwursteln", so wursteln sich auch die Gesellschaften durch, die dem medialen Meteoritenschwarm ausgesetzt sind - ein bißchen Liberalität, ein bißchen Repression, viel Desinteresse und jede Menge Angst vor der Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert.
"Die Welt", sagt Professor Wassilios E. Fthenakis, "wird immer weniger prognostizierbar." Der Wissenschaftler ist Direktor des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, die größte Einrichtung dieser Art im deutschsprachigen Raum. Er plädiert für eine neue Art der Pädagogik, durch die Kinder das Rüstzeug erhalten sollen, zurechtzukommen in einem Leben, das sich kaum mehr voraussagen lassen wird. "Wir müssen weg von der Programm-Pädagogik", sagt Fthenakis. "Wir gehen mit den Kindern in den Wald und lehren sie die Namen der Bäume. Dabei vergessen wir zu fragen, was das Kind davon hat."
Kompetenz müsse den Kindern vermittelt werden, nicht Wissen: "Wissen ist überall und jederzeit verfügbar. Das Kind soll mit den vorhandenen Informationen umgehen können." Es soll also die Internet-Seite kennen, auf der die Blätter der Bäume abgebildet sind. Es soll die langen Zungen der "Weekly World News" als Lüge entlarven, und es soll erkennen, daß die Nachricht von der Bombe in Nairobi richtig und wichtig ist.
Das Kind, so meint Fthenakis, soll auch lernen, mit der Scheidung seiner Eltern aktiv umzugehen: Der Übergang als Chance, der Wechsel als das Normale. Dazu ist es nötig, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken, ihm zu vermitteln, daß es geliebt wird, egal, was geschieht. Dann können Kinder aus dem oftmals traumatischen Erlebnis positive Entwicklungen ableiten - und haben später als Erwachsene weniger Mühe mit ihren eigenen Partnerbeziehungen, weil kein Scheidungs- Müll der Eltern die Seele belastet.
Es kann gelingen, wenn sich die Eltern trotz der Trennung über eines klar sind: Man kann aufhören, Ehepartner zu sein - man kann nicht aufhören, Vater oder Mutter zu sein. Daß ein Kind beide Eltern braucht, um gesund aufwachsen zu können, dem trägt auch das neue Kindschaftsrecht Geltung, das seit 1. Juli gilt: Zum ersten Mal hat jetzt das Kind ein Recht auf Umgang mit Vater und Mutter, und die Eltern haben die Pflicht, dieses Recht zu erfüllen.
Wassilios E. Fthenakis ist ein gelehrter Mann, der in gewählten Worten spricht, ruhig, überzeugend. Wahrscheinlich wirkt es deshalb so eindringlich, wenn er über die Welt redet, die wir unseren Kindern hinterlassen werden: "Diese Welt ist nicht in Ordnung. Wir vererben unseren Kindern große ökologische Probleme, wir vererben ihnen Schulden, wir vererben ihnen die sozialen Altlasten. Das wenigste, was wir tun können, ist, sie zu befähigen, diese Probleme zu lösen."
Noch einmal: Kindliche Kompetenz. Dazu gehört für Fthenakis die Entwicklung von Widerstandsfähigkeit - die Fähigkeit, an belastenden Situationen und Ereignissen nicht zu zerbrechen, sondern positiv damit umzugehen. Wie das gehen soll, darüber weiß die Wissenschaft noch nicht sehr genau Bescheid: Nötig sind nach Fthenakis Programme für Kinder, "die darauf abzielen, kindliche Widerstandskraft dadurch zu stärken, daß sie Risikofaktoren in ihrer Wirkung mildern, protektive (beschützende) Faktoren fördern und Kompetenzen vermitteln".
Dabei wirft der Wissenschaftler auch einen Blick auf Europa: "Das bayerische Kind von heute wird morgen ein europäisches Kind sein." Deshalb, so Fthenakis, ist mehrsprachige Erziehung unbedingt vonnöten. "Die dritte Sprache, die ein Kind lernt", sagt Fthenakis, "soll die erste Fremdsprache sein. Zwei Sprachen als Muttersprache wird künftig jeder beherrschen müssen." Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers hat in diesen Tagen gefordert, in den Grundschulen solle ab der ersten Klasse Englisch unterrichtet werden - eine Forderung, die gewiß noch einige Monate, wenn nicht Jahre durch Papiere und bildungspolitische Kongresse schwirren wird, bis sie dann irgendwann einmal umgesetzt wird, vielleicht. Die österreichischen ABC- Schützen übrigens werden ab dem kommenden Schuljahr von Beginn an in der Sprache der Rockmusik und des Internet unterrichtet.
Die neue Pädagogik, die Professor Fthenakis vorschlägt, hat etwas Faszinierendes: Weil sie nicht, wie bisher, der kindlichen Entwicklung und ihrer Gefährdungen hinterherhechelt und auf jedes Ereignis eine pädagogische Maßnahme, eine Intervention, eine Therapie draufsetzt. Sie versucht vielmehr, das Kind so zu stärken, daß es bereit und fähig ist, mit Störungen in seiner Welt aktiv umzugehen und sie selbständig aufzulösen. Diese Störungen werden kommen. Denn so einfach, wie es früher einmal war, ist es schon lange nicht mehr.