paPPa.com informiert zum Thema Jugendgewalt:
Eine Serie über
Kinder- und Jugendgewalt. Wo liegen die Ursachen? Was ist zu tun?
Gefangen in einer Spirale der Entwertung
Eine Pädagogin beschreibt Hintergründe des Phänomens
und stellt Forderungen.
Von BIRGIT WARECHA
Gewalthandlungen von
Jugendlichen sind Zeichen sozialer Desintegration. Wir haben es mit einer
schleichenden und dramatischen Entwicklung zu tun, die schwierig zu unterscheiden
und der noch schwieriger gegenzusteuern ist.
In einer Großstadt wie Hamburg herrscht ein deutliches
Gefälle zwischen Arm und Reich. Hier lebt bereits jedes fünfte
Kind unter sieben Jahren von der Sozialhilfe. Das familiäre Umfeld
ist oft geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern, schlechten
Wohnverhältnissen.
Die Eingliederung der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt
wird zunehmend schwieriger, ebenso der Übergang von der Schule in
die Berufsausbildung, gerade für Schüler ohne, aber auch mit
Hauptschulabschluß. Vor allem wenn sie Ausländer sind.
Diese Heranwachsenden haben schlechte Karten beim Wettlauf
um anerkannte Plätze in der Gesellschaft. Sie ahnen, daß es
für sie keinen legalen Weg gibt, der ihnen Anerkennung, finanzielle
Absicherung und Konsumteilhabe ermöglicht. Das führt bei manchen
zu steigender Schulunlust, Schulschwänzen, psychischen Problemen -
und Gewalthandlungen.
Um vom "Nobody" zur "Very Important Person"
aufzusteigen, müssen Grenzen überschritten werden. Gewaltausübung
bietet sich hier ebenso an wie spektakuläre Aktionen, etwa S-Bahn
Surfen, Auto-Crashing oder Graffitisprayen.
Kinder und Jugendliche, die Gewaltbereitschaft demonstrieren,
sind in der Regel Heranwachsende mit traumatisierenden Sozialisationserfahrungen.
So erleben sie etwa in ihrer Familie Vernachlässigung und Gleichgültigkeit,
psychische Gewalt als Mißhandlung, sexuellen Mißbrauch, Drogenabhängigkeit
eines oder beider Elternteile, Depression beispielsweise aufgrund von Arbeitslosigkeit.
Immer mehr Kinder machen schlimme Trennungserfahrungen, Beziehungen brechen
ab. Die Kinder pendeln dann zwischen Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsphantasien.
Gewalt wird gleichsam als Bewältigungsversuch eingesetzt, um die eigene
Lebensgeschichte zum Ausdruck zu bringen.
Gewalttätige und gewaltbereite Heranwachsende haben
oft eine klassische "Maßnahmenkarriere" im schulischen
und außerschulischen Bereich hinter sich.
So steht die Sonderschulüberprüfung oft am
Ende einer Kette demotivierender und aggressionsfördernder schulischer
Erfahrungen, die aus Klassenwiederholung, Klassenwechsel, Unterrichtsausschluß,
Schulwechsel, Schulverweis bestehen und dem betreffenden Kind oder Jugendlichen
nie die Chance gegeben haben, seine Heimat, seinen Platz in der Gemeinschaft
und damit ein kontinuierliches Lern- und Beziehungsumfeld zu finden und
mitzugestalten. Solche Heranwachsenden erleben hierdurch tiefe Selbstverletzungen.
Den schulischen Maßnahmen stehen andere im außerschulischen
Bereich gegenüber: Heimeinweisung, Unterbringung bei Pflegepersonen,
Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaft, Einzelbetreuung,
erlebnispädagogische Maßnahmen, Kinder- und Jugendpsychiatrie
und Ähnliches.
Ähnlich ist es auch bei der Eingliederung in den
Arbeitsmarkt: Auch hier gibt es Maßnahmenkarrieren, die letztendlich
zu einer dauerhaften Alimentierung dieser jungen Erwachsenen durch den
Staat führen.
Schüler und Schülerinnen mit "Maßnahmenkarrieren"
erleben eine Stigmatisierung und eine Spirale der Entwertung. Gewalt und
Gewaltbereitschaft sind hier deutliche Signale.
Überwiegend geraten männliche Heranwachsende
in die Schlagzeilen, Mädchen weit seltener, obwohl auch hier ein Gewaltpotential
besteht.
Ein großes Problem ist der abwesende Vater.
Der Erziehungsalltag wird von Frauen dominiert, als Mütter, Großmütter,
Kindergärtnerinnen, Grundschullehrerinnen, Sozialpädagoginnen.
Kein Mann setzt Grenzen und zeigt Wege für eine gelingende psychosexuelle
Entwicklung.
Doch Jungen wollen Männer werden, sie orientieren
sich dann an Männlichkeitsvorbildern, die die Medien anbieten. Da
lernen sie, welche Eigenschaften zu ihrem Geschlecht gehören. Der
angstfreie Held, der Stärke und Überlegenheit demonstriert, der
Härte gegenüber sich und anderen zeigt und Durchsetzungsvermögen
um jeden Preis, bestimmt immer noch das Rollenklischee.
Die Angst, diesen vermeintlichen Ansprüchen an
Männlichkeit nicht zu genügen, ist um so größer, je
orientierungs- und haltloser der Lebensraum dieser Jugendlichen ist.
Männlichen Heranwachsenden ermöglicht Vandalismus,
Randale und Gewalt wenigstens die Teilhabe am Bild des negativen Helden.
Das väterliche Prinzip begegnet ihm dann oftmals erst im Kontakt mit
dem Jugendrichter. So werden männliche Jugendliche in den ersten Lebensjahren
eher "übermuttert", im Bereich der Strafverfolgung "bevätert".
Der Verlust an männlichen Be- und Erziehungspartnern
hat negative Konsequenzen für männliche Heranwachsende. Deshalb
plädiere ich für den Quotenmann im Kindergarten, in der Grundschule,
in der Familienhilfe. Männer müssen sich ihrer Erziehungsverantwortung
auch während der Kindheit stellen und nicht erst als Anti-Aggressionstrainer
im Jugendstrafvollzug.
Problematisch erweist sich auch, daß die traditionelle
Lebensgemeinschaft Familie an normativer Orientierung für Heranwachsende
verliert. Trennungen der Eltern gehören zu Alltagserfahrungen - in
Großstädten wird fast jede zweite Ehe geschieden. Damit eng
verbunden ist eine Veränderung im Bindungs- und Beziehungsverhalten.
Auch die stabilisierenden Faktoren im Umfeld von Familien, wie nachbarschaftliche
Milieus, haben sich verändert.
Dem Statusverlust der Familie steht der Statusgewinn
der Gleichaltrigengruppe und der Medien gegenüber. Das Großstadtmilieu
ermöglicht Heranwachsenden neue Beziehungsnetzwerke, öffentliche
Jugendszenen, die unverbindlich genutzt werden können. Solche Szenen
bieten Orientierung und Halt in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft.
Vergleichbares gilt für die Medien: Sie bieten
Eindeutigkeit bei den Such- und Orientierungsprozessen von Kindern und
Jugendlichen. Die Welt eines Rambos oder Terminators ist überschaubar
strukturiert in Gut und Böse, Stark, Schwach, Häßlich,
Schön.
Im Zeitalter der Massenmedien gehören Gewaltdarstellungen
zur Wahrnehmungsroutine von Kindern und Jugendlichen. Im fast unübersichtlich
großen Angebot an Video- und Computerspielen kann Morden und Krieg
zum Zeitvertreib werden. Mediale Gewalt vermittelt die kulturelle Botschaft,
daß alle wichtigen Probleme mit Gewalt gelöst und entschieden
werden - mit Erfolgsgarantie!
Was Kinder und Jugendliche dagegen brauchen sind Sozialisationsbedingungen,
die die väterliche und mütterliche Dimension gewährleisten.
Sie brauchen Sicherheit und Verläßlichkeit der Beziehungspartner
und -partnerinnen, sie brauchen Kontinuität in der schulischen Entwicklung
und eine verbindliche normative Orientierung. Sie brauchen die Gewißheit,
einen sozial gesicherten Platz in dieser Gesellschaft einnehmen zu können.
Sie brauchen Erwachsene, die bereit und in der Lage sind, ihre Erwachsenenrolle
auch zu leben, statt Generationsgrenzen zu verwischen.
Gewaltbereite und aggressive Kinder und Jugendliche brauchen
zudem einen festen institutionellen Rahmen. Sie brauchen überschaubare
Regeln, deren Kontrolle und Einhaltung, Konfrontation der Allmachtphantasien
mit der Realität, eindeutige und klare Grenzziehungen, Angebote einer
Sinnorientierung, autoritativen (nicht autoritären) Umgang der Erwachsenen
mit ihnen.
Neben einer verbesserten Kooperation der Kinder- und
Jugendhilfe und der Schule müssen funktionsfähige Netzwerke aufgebaut
werden in Zusammenarbeit mit Stadtteilprojekten, Kirchen, Polizei und Justiz.
Dafür gibt es positive Beispiele in Frankfurt am Main oder in den
Trabantenstädten Frankreichs. Diese neuen Kooperationsformen sind
kein Allheilmittel, aber öffentlichkeitswirksame Wege in die richtige
Richtung.
Und die Kommunalpolitik muß sich dieser Aufgabe
stellen. Trotz der drastischen finanziellen Einschränkungen trägt
sie die Verantwortung für öffentliche Bildung und Erziehung.
Dieser Verantwortung hat sie sich zu stellen, materiell, ideell und unabhängig
von ideologischen Debatten um offene gegen geschlossene Unterbringung von
gewalttätigen Heranwachsenden. Dies sind Scheingefechte, die von der
eigentlichen Finanzmisere ablenken. Solche Debatten erzeugen ein handlungsbezogenes
Vakuum, das denen schadet, denen es angeblich nutzen soll.
Als Erziehungswissenschaftlerin wünsche ich mir
mehr Mut und Zivilcourage im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen,
glaubwürdig Grenzen zu zeigen und glaubwürdig Grenzen auch durchzusetzen.
Dies bedeutet, sich ideologischen Tabus zu stellen, auch wenn es eher unpopulär
ist.
[Anmerkung paPPa.com: Siehe auch World vom 1. Juni 1998: "Jungen in USA sträflich vernachlässigt" mit Anmerkung von Dr. Karin Jäckel]
T A Z - BREMEN Nr. 5577 vom 09.07.1998 Seite 22
Von den Grenzen der Schulpädagogik
Das Problem von Jugendtätern sind brutale Erwachsene
Hannoveraner Studie über Jugendkriminalität vorgestellt
Wenn 100 Erwachsene zusammentreffen, um über das Thema "Jugendgewalt" zu diskutieren, kommen Forderungen nach härteren Strafen oder Kinderknast zunehmend schneller auf den Tisch. Nicht so am Dienstag abend im Schlachthof. Dort bilanzierte Moderator Ottmar-Willi Weber von Radio Bremen nach dreistündiger Debatte über "Erfahrungen mit Jugendgewalt" aus der Schlachthofreihe "Tribüne": "Schön, daß sich hier alle als Teil des Problems verstehen".
Denn das Problem gewalttätiger Jugendlicher sind in der Tat die Erwachsenen. Solche die zuschlagen - und solche, die wegschauen. Das ergab eine Studie zur Jugendkriminalität des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) in Hannover, die Soziologe Peter Wetzels einleitend vorstellte. Danach wurden in Hannover 52 Prozent repräsentativ befragter Jugendlicher zwischen 14 und 18 Jahren von ihren Eltern geschlagen. Rund zehn Prozent wurden dabei so massiv geprügelt, "daß man von Mißhandlung sprechen muß. Dazu zählen Faustschläge und Tritte ins Gesicht, Knochenbrüche und Verbrennungen". Wer schwer mißhandelt wurde, ist unter den Tätern deutlich überrepräsentiert - mit einer Quote von 44 Prozent. Die Studie zeigt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen früherer Opfererfahrung und späterer Täterschaft.
Auch daß überdurchschnittlich viele Söhne nichtdeutscher Eltern unter den Tätern sind, belegt die Studie. Im Detail allerdings stellt sie eine klare Verbindung zwischen Armut, Schulbildung, eigener Gewalterfahrung und späterer Täterkarriere her: Wer ohne Sozialhilfe und ohne Gewalterfahrung aufwächst und noch dazu Schulen "von Realschule an aufwärts" besucht, wird wesentlich seltener zum Jugendtäter als Kinder, denen eins dieser drei "Merkmale" fehlt.
Wer macht was oder warum nicht? Um diese Fragen kreiste die Veranstaltung, nahm mal die Eltern, mal die Jugendlichen und öfter mal die Lehrer auf's Korn. "Wohl weil die Kinder die meiste Zeit in der Schule sind", versuchte Moderator Weber am Schluß manchen harten Anwurf gegen "faule" Lehrer auszubügeln - und rannte bei der stellvertretenden Schulleiterin der Allgemeinen Berufsschulen, Angela Feldhusen, offene Türen ein. Sie sei durchaus dafür, die Tabufrage nach der Lehrerleistung zu stellen. Auch hätten Schulen besonders damit zu kämpfen, "daß sich das Berufsbild des Lehrers schneller gewandelt hat als die dazugehörigen Menschen". LehrerInnen - denen die Politik entsprechende Fortbildungen systematisch vorenthalte - reagierten angesichts von Gewalt "wie alle Menschen manchmal mangelhaft".
Von einer Mangelerfahrung konnte die Pädagogin prompt berichten. An ihrer Schule war ein Krach zwischen zwei Schülern vor einigen Tagen zu einem Messerangriff eskaliert. Das Bemühen der Lehrerin auch um den jugendlichen Täter, der seine Familie und einen Rechtsbeistand informieren können sollte, habe die herbeigerufene Polizei aber abgelehnt. Dabei könne nur durch Kooperation aller Beteiligten die Situation bewältig werden. "Grundsätzlich ist Schule gefragt, schnell Stellung zu beziehen, ohne auf Richter und Polizei zu warten", sagte Feldhusen. SchülerInnen einer Findorffer Schule, die bemängelt hatten, daß ihre Lehrer bei Konflikten in der Schule wegschauen, ermunterte sie: "Tragt die Diskussion in die Schule. Stellt Forderungen" - und fragte dann selbst die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Maria Spieker, die mit auf dem Podium saß: "Was haben die Grünen sich denn zum Thema überlegt? Wo wird investiert?"
Wenig konkret versuchte die Jugendpolitikerin den Ball zurückzuspielen: Es gebe keine Rezepte, aber viele offene Fragen - auch angesichts der Tatsache, "daß wir wissen, daß Pädagogik an ihre Grenzen stößt". Doch könne Politik alleine die gesellschaftlichen Aufgaben nicht lösen.
"Sehr wischiwaschi" sei das gewesen, rügte da sogar der Kriminologe Wetzels - und kassierte Applaus, als er im Hinblick auf besondere Einrichtungen für jugendliche Straftäter forderte: "Bevor irgendeine Einrichtung gebaut wird, muß das Personal vorhanden sein. Bei diesen Kindern geht es um Intensivbetreuung. Wenn man so ein Haus erst hat, werden sie weggeschlossen"
. e d e
[Kommentar paPPa.com: Die Grünen feiern lustig weiter den Mutti-Kulti um die Alleinerziehenden, das reicht denen wohl ... Gleichzeitig wollen auch sie Kinderknäste, siehe unten. Da fällt uns nur noch Tucholsky ein: "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen könnte."]
Frage an die Jugendrichter - Wo bleibt Ihr Aufschrei?
Ist die Justiz noch
in der Lage, mit jugendlichen Gewalttätern fertig zu werden? Darüber
diskutierten Abendblatt-Redakteure mit Richtern und Staatsanwälten.
Vereinbarungsgemäß haben die mit der Jugendkriminalität
befaßten fünf Juristen den Text autorisiert. Das Gespräch
wurde noch vor der Bluttat von Tonndorf geführt.
Hamburger Abendblatt: Wie kann die Justiz schwerkriminelle Jugendliche
wie Crashkid Dennis in den Griff bekommen? Ist die Justiz zu lasch?
Monika Schorn, Jugendrichterin am Amtsgericht: Bis zum 14. Lebensjahr
war er nicht strafmündig. Danach erst konnte er angeklagt werden wegen
Diebstahls mehrerer Autos. Als er nach dem Urteil, ein Jahr auf Bewährung,
wieder straffällig wurde, wurde die Bewährung sofort widerrufen.
Er hat einen großen Teil der Strafe abgesessen.
Reichen
die gesetzlichen Handhaben? Sollte die Strafmündigkeit herabgesetzt
werden?
Oberstaatsanwältin Doris Alexy-Girardet: Die strafrechtliche Verfolgung
von Kindern ist keine Lösung. Sie gehören nicht vor Gericht.
Hier sind Familie, Schule und andere gefragt.
Aber wo bleibt Ihr Aufschrei? Sie haben sich arrangiert mit dem Gesetz, wie es ist. Dabei nehmen die Straftaten ständig zu. Die Bürger fühlen sich immer unsicherer, haben immer mehr Angst.
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet: Die Angst nehmen wir ernst, gerade auch mit Blick auf die gestiegene Gewaltkriminalität. Das Jugendgerichtsgesetz gibt uns vielfältige Reaktionsmöglichkeiten auf Straftaten.
Schildern Sie mal!
Alexy-Girardet: Das Spektrum reicht von der Ermahnung bis zur Jugendstrafe bis zu zehn Jahren.
Aber in Langenhorn geschah durch die Justiz lange Zeit nichts, bis drei Jugendliche ein Mädchen vergewaltigt haben. Wie lange brauchen Sie, bis die bestraft werden?
Egbert Walk, Vorsitzender Richter einer Jugendkammer am Landgericht: In der Sache laufen noch die polizeilichen Ermittlungen. Wir sehen mit Sorge, wie die Brutalität unter Kindern und Jugendlichen zunimmt. Wie kann es sein, daß zehn-, zwölf- oder 14jährige so aus dem Ruder laufen? Jugendrichter haben das Jugendgerichtsgesetz anzuwenden. Danach steht die Erziehung des Täters im Vordergrund. Daneben spielt die Sühne für begangenes Unrecht eine Rolle. Die Jugendbehörde führt die vom Richter angeordneten erzieherischen Maßnahmen durch, Jugendstrafe vollstreckt die Justiz.
Jugendrichterin Schorn: Wichtig wäre auch, den Eltern gefährdeter Kinder frühzeitig Erziehungshilfe zu geben.
Tut die Politik zuwenig?
Richter Walk: Wenn die Jugendbehörde ihren vielfältigen Aufgaben gerecht werden soll, braucht sie mehr Personal. Nur frühzeitige Intervention verhindert Jugendkriminalität.
Ist es nicht völlig falsch, wenn die Staatsanwaltschaft straffällige Jugendliche nur mit einem Formblatt ("Du wirst einer schweren Straftat beschuldigt") ermahnt? Papier ist geduldig. Warum wird die Jugendgerichtshilfe immer weniger in Anspruch genommen?
Oberstaatsanwalt Jürgen Detken: Aufgrund von Forschungen ist sicher, daß es kontraproduktiv ist, wenn man einen Ersttäter mit der formalen Härte des Gesetzes überzieht. Leider kann man aus der Akte nicht ersehen, welcher Mensch dahinter steht. In etwa 90 Prozent der Fälle macht das Verfahren nachhaltigen Eindruck, ist eine weitere Straffälligkeit nicht zu verzeichnen. Bei etwa zehn Prozent der jungen Straftäter kommt es zu weiteren Straftaten.
Warum sehen Sie sich die Täter nicht wenigstens an?
Oberstaatsanwalt Detken: Der Täter müßte zwar beim Staatsanwalt erscheinen, aber nicht aussagen. Soll ich einen nicht erschienenen Ersttäter polizeilich vorführen lassen? Das wäre unverhältnismäßig. Außerdem ist das ein Zeitproblem.
Aber die Bevölkerung sieht große Probleme. Sie hat keine Angst vor Ladendiebstählen, sondern vor der Zunahme der Gewaltkriminalität.
Richterin Schorn: Natürlich reagieren wir auf Gewalttaten!
Da gibt es einen gewalttätigen Jugendlichen, der 46 Strafverfahren am Hals hat.
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet: Das Problem ist, daß wir oft nicht schnell genug an die gefährdeten Jugendlichen herankommen. Das liegt unter anderem an der Vielzahl der Verfahren und der Überlastung. Das ist gefährlich: Entweder hat der Jugendliche sich gefangen, oder er legt erst richtig los. Wir wünschen uns mehr Täter-Opfer-Ausgleich, damit die Täter frühzeitig mit den Folgen ihrer Taten konfrontiert werden. Das hilft auch den Opfern.
Wie kann man die Abläufe in der Justiz straffen? Warum folgt die Strafe nicht auf dem Fuß?
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet: Mit dem jetzt pilotierten Computerprogramm "MESTA" könnten wir die Sachen schneller vor Gericht bringen.
Wie wollen Sie Jugendliche denn überhaupt erziehen, wenn Sie keinen Zugriff auf sie haben? In Hamburg gibt es doch keine geschlossenen Jugendeinrichtungen.
Richter Walk: Wenn Jugendstrafe ohne Bewährung verhängt wurde, hat man den Zugriff und kann ein erzieherisches Programm durchführen. In anderen Fällen können Intensivtäter durch eine umfassende Einzelbetreuung erzieherisch erreicht werden.
Polizeipräsident Uhrlau sagte, die Jugendbeauftragten der Polizei müßten möglicherweise eingespart werden.
Richterin
Schorn: Das halte ich für falsch. Sie sind Teil einer wirksamen Prävention.
Richter Walk: Verhinderung von Kriminalität muß
in den Familien beginnen, die oft zerrüttet sind. Es gibt immer mehr
Verlierer unter den Kindern und Jugendlichen, besonders bei der Berufsausbildung.
Warum verpflichtet man die Täter nicht zur Wiedergutmachung des Schadens, etwa zum Entfernen von Graffiti?
Oberstaatsanwalt Detken: Das wird auch gemacht, geht aber nicht in jedem Fall, zum Beispiel nicht bei Bahnanlagen. Das Arbeiten mit Chemikalien ist auch nicht ganz ungefährlich.
Wie können Sie die Jugendkriminalität besser bekämpfen?
Rainer
Borwitzky, Jugendrichter am Amtsgericht: Die allerbesten Erfolge erreicht
man durch Vorbeugung. In Zeiten knapper Kassen sollten vorhandene Mittel
vorrangig dafür verwandt werden.
Richterin Schorn: Die Staatsanwaltschaft in Jugendsachen
ist eindeutig unterbesetzt. Die Verfahren dauern immer länger.
Oberstaatsanwalt Detken: Es könnte so weit kommen,
daß wir bestimmte Deliktsbereiche wie Ladendiebstahl, Sprayen und
Schwarzfahren nicht mehr verfolgen.
Fühlen
Sie sich vom Jugendamt im Stich gelassen?
Richter Walk: Wir müssen stärker zusammenarbeiten.
Sollte man ausländische Wiederholungstäter abschieben?
Richter Borwitzky: Das ist Sache der Innenbehörde, nicht der Justiz. Unsere Urteile können aber Grundlage für Abschiebungen sein.
Zum Abschluß: Was kann die Arbeit der Justiz erleichtern?
Richter
Borwitzky: Für Prävention müßte mehr Geld ausgegeben
werden.
Oberstaatsanwalt Detken: Für die Prävention
wären die beschlossenen Quartierskonferenzen mit allen beteiligten
Institutionen ein wesentlicher Ansatz.
Richterin Schorn: Wir brauchen eine stärkere Vernetzung
der Behörden, die mit Jugend zu tun haben.
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet: Ich wünsche
mir für ein schnelleres Handeln mehr Staatsanwälte.
Richter Walk: Wir brauchen auch neue und bessere pädagogische
Konzepte.
Frankfurt/Main (AP) Nach zahlreichen Politikern von Koalition und SPD schließen auch die Grünen eine Unterbringung minderjähriger Straftäter in geschlossenen Heimen nicht mehr aus. Der rechtspolitische Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, Volker Beck, sagte am Samstag in Bonn, selbstverständlich sei dies kein Tabu. Die Heimunterbringung dürfe aber nur in Ausnahmefällen letztes Mittel sein. Die SPD-Rechtsexpertin Herta Däubler-Gmelin forderte ein hartes Durchgreifen. Bei Mord müßten auch Gefängnisstrafen in Frage kommen. Bundesfamilienministerin Claudia Nolte forderte die Länder ohne Heime auf, ihre Haltung zu überdenken.
Die Diskussion über die Behandlung junger Krimineller war nach der Tat zweier 16jähriger angeheizt worden, die einen 73 Jahre alten Ladeninhaber in Hamburg wegen 220 Mark erstochen hatten.
Beck warnte aber davor, in der Diskussion über eine Heimeinweisung minderjähriger Straftäter vom Kern des Problems abzulenken. "Wir kümmern uns zu wenig um unsere Jugend ... Wir brauchen einen Ausbau der Jugendhilfe, ein Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit und über die Ausbildungsplatzabgabe eine Integration aller ausbildungswilligen Jugendlichen in den Arbeitsmarkt."
Die stellvertrende SPD-Fraktionsvorsitzende Däubler-Gmelin sagte im Mitteldeutschen Rundfunk mit Blick auf die Tat in Hamburg: "Wer einen Menschen umbringt, der kriegt lebenslänglich. Punkt. Hier geht es nicht um geschlossene Heime, sondern um Gefängnis." In Heime gehörten Kinder, mit denen die Eltern nicht fertig würden. Dort müsse mit ihnen dann gearbeitet werden. Der Tat in Hamburg vorangegangen sei eine lange Reihe von Auffälligkeiten der beiden Täter. Es sei zu fragen, warum Jugendämter und Jugendstrafbehörden nicht schon früher eingegriffen hätten. In die Jugend, besonders die in Ostdeutschland, müsse mehr investiert werden. "Sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn da vieles aus dem Ruder läuft."
Die CDU-Politikerin Nolte forderte in der "Nordwest-Zeitung" (Samstagausgabe) von Länder, die bisher "aus ideologischen Gründen" keine geschlossenen Heime hätten, auf, ihre Haltung zu überdenken. "Es kann doch nicht sein, daß zum Beispiel Niedersachsen junge Mehrfach- oder Intensivtäter in geschlossenen Heime nach Bayern schickt." Darüber hinaus müßten aber mit erzieherischen Maßnahmen Straftaten von Anfang an verhindert werden.