paPPa.com dokumentiert:

Briefe von Trennungskindern:
"Hört auf die Kinder und laßt sie mitreden !"

 Siehe aus Kindersicht auch: "Lieber Papi!" - aus Erwachsenensicht: "Peterchens Mondfahrt"


Gedicht einer 10jährigen Schülerin nach der Trennung ihrer Eltern. Ihre Worte geben der verstummten Stimme vieler Kinder Ausdruck:

Einmal glaubte ich an Wunder,
einmal hatte ich Wünsche,
einmal hatte ich Träume -
jetzt nicht mehr.

Einmal glaubte ich an die Liebe,
einmal hatte ich Hoffnungen,
einmal hatte ich Gebete -
jetzt nicht mehr.

Jetzt glaube ich nicht mehr an Wunder,
Wünsche werden nicht wahr.
Auch Träume nicht -
sie wurden nie wahr.

Jetzt glaube ich, die Liebe ist eine Lüge,
die Hoffnung hilf nichts.
Beten löst kein Problem -
und hat es auch nie getan.

Warum hörte ich auf, an Wunder zu glauben,
zu hoffen und zu träumen?
Weil nichts geschah -
Die Enttäuschung tat zu weh.

Warum hörte ich auf, an Liebe zu glauben,
an hoffen und an beten?
Weil es mir nichts nützte -
Ich blieb doch alleine zurück.

 Jennifer Godwin, 1996


Helen aus Ettlingen, 11 Jahre
Die Probleme bei der Scheidung

Ich heiße Karin und bin 7 Jahre alt. Meine große Schwester heist Nina und ist jetzt 13 Jahre alt. Heute bin ich allein zu Hause, weil meine Mutter und mein Vater geschieden sind. Meine Mutter ist einkaufen und meine große Schwester auch. Manchmal fürchte ich mich allein, das geht mir meistens so, doch wenn ich an Paps denke ... der ist immer allein zu Hause.

Endlich kommt Mama, ich will sie heute fragen wann wir wieder zu Paps gehen. "Mama wann gehen wir wieder mal nach Frankreich?" Ich frage sie nie offen ob wir zu Paps gehen, denn sie will nichts von ihm wissen.

Meine Mutter: "Ja, ihr könnt nächsten Samstag fahren. Da gehe ich nämlich mit Hans-Thomas aus." Hans-Thomas ist ihr Freund. Ich finde ihn blöd. Wenn ich mich entscheiden dürfte, würde ich zu Paps gehen, er hat eine viel nettere Freundin. Ja und er ist auch nicht so streng wie Mama. Doch leider war ich erst 5 Jahre alt und dann konnte ich mich nicht entscheiden - ich hatte einfach geweint.

Der Richter hatte nein gesagt als ich ihn gefragt habe. Er meinte das Mama nicht arbeitet und trotzdem Geld von Oma bekommt, aber Paps der muß arbeiten und sonst wäre ich immer bis 15 Uhr allein zu Hause. "Vielleicht", denke ich manchmal "kann ich mit 12 dann zu Paps nach Paris ziehen."


Katrin aus Deizisau, 14 Jahre
Oh Mami, ich vermiss Dich!

Als ich die Türe aufschloß, wußte ich schon, was passiert war. Ich hatte schon den ganzen Tag ein komisches Gefühl und so war es denn auch passiert.

Mami saß in der Küche, den Kopf in die Hände gestützt. Als ich eintrat, blickte sie mich mit rotgeweinten, ausdruckslosen Augen an. Ganz mechanisch ging ich zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern. Es hatte schon immer Streit gegeben, seit ich denken kann, aber im letzten Jahr immer häufiger und jetzt ist ER fort.

Das Sorgerecht für mich ist auch IHM zugesprochen worden, warum, das hat man mir nicht mal gesagt. Ich bin damals gerade 8 Jahre alt geworden. Jeder meinte, ach so ein Kind verträgt das meist besser wie ein Erwachsener. Mich hat damals niemand gefragt wie es in mir aussieht.

Jetzt, nach 6 Jahren kommt das Ergebnis: Magersucht! Mein Psychiater kann sich nur diesen einen Grund erklären. Und ER, mein Vater meinte:"Ich habs ja nicht gewußt, daß Du zu Deiner Mutter wolltest und so darunter gelitten hast!"


Arlette aus Voerde, 14 Jahre
Das Verhalten von Kindern und deren Probleme, wenn Eltern geschieden sind !

Meine Eltern sind selbst geschieden und was ich empfinde, wenn Eltern geschieden sind, daß möchte ich euch erzählen.

Seht es nicht nur aus meiner Sicht, denn alle anderen deren Eltern geschieden sind, fühlen sich sicherlich genauso wie ich. Ich bin jetzt 14 Jahre alt und darüber weg.

Als ich 12 Jahre alt war, haben sich meine Eltern scheiden lassen und das war sehr hart für mich.

Also, es begann alles damit, daß meine Eltern sich aus verschiedenen Gründen stritten. Zuerst waren es nur kleine Streitereien, die man aus der Welt schaffen konnte. Zum Beispiel ging es manchmal um Alltagsprobleme wie "zu wenig Geld", "Probleme mit der Arbeit" usw.

Doch manchmal ging es auch um mich. Meine Schulprobleme und mein Freundeskreis. Und mit der Zeit wuchsen die Probleme über unsere Köpfe. Es kam zu immer heftigerem Streit zwischen meinen Eltern. Aber nicht nur das, sie zogen mich auch noch in ihren Streit herein und das war das schlimmste. An manchen Tagen fetzte ich mich sogar mit meinen Eltern. Es war nicht mehr zum aushalten. Abends, wenn ich dann in meinem Bett lag, dachte ich über unsere Familie nach, ob sie wohl in die Brüche geht oder nicht? Ich war sehr niedergeschlagen und heulte oft. Eines Morgens als schon wieder richtig dicke Luft war, sagte meine Mutter zu meinem Vater, sie halte das nicht mehr aus. Einer von ihnen muß raus aus dem Haus und das schnell, sonst gibt es bald einen Weltuntergang. Damit meinte sie natürlich "Scheidung" und über meinem Kopf ging die Welt jetzt schon unter.

Kurz danach reichten meine Eltern die Scheidung ein, da beide der selben Meinung waren. Jetzt kam das Problem. Wohin sollte ich?

Mit 12 Jahren darf man selbst entscheiden. Und ich wußte es nicht. Ich heulte Tag für Tag und jeder wollte, daß ich zu ihm komme. Ich brauchte sehr lange, bis ich mich entschied. Fast zwei Monate. Doch nun beschloß ich, bei meiner Mutter zu bleiben und das aus verschiedenen Gründen.

1. Wenn ich Probleme hatte, ging ich bisher sowieso zu ihr.

2. Meine Mutter behielt unser gebautes Haus und ich brauchte mein Zimmer und meine Möbel nicht aufgeben. Nicht um alles in der Welt.

3. Ich würde meine Freunde nicht verlieren und bräuchte nicht in eine neue Schule zu gehen. Das waren alles zu viele Umstände. Mein Vater zog nämlich nach Duisburg und meine Mutter und ich wohnen in Voerde.

Natürlich war mein Vater traurig, als ich mich für Mama entschied. Er erlaubte mir jederzeit zu ihm kommen zu dürfen und meine Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden.

Ich fahre oft zu meinem Vater und er freut sich immer sehr, wenn ich dann da bin. Ich nutze fast jede Gelegenheit, zu ihm zu fahren aus, und wenn ich keine Gelegenheit habe, dann fahre ich heimlich mit dem Bus.

Meine Mutter und ich brauchten lange, bis wir uns an das Alleinsein gewöhnt hatten. Ich denke sehr oft an meinen Vater. Vor allem träume ich viel von ihm. Meistens sind es Alpträume. Mir fehlt er sehr, obwohl ich jederzeit zu ihm kann. Aber das ist eben zu wenig. Das Familienleben hat sich geändert. Es ist nicht mehr so wie es früher einmal war.

Kurz danach als mein Vater weg war, hatte ich seelische Probleme. Ich habe Depressionen bekommen und sank in der Schule immer tiefer. Ich wäre fast vom Gymnasium auf die Hauptschule gekommen, so tief bin ich abgerutscht. Jetzt bin ich auf der Realschule und meine Noten sind mittelmäßig. Aber die Zeit damals war sehr schwer für mich. Meine Mutter wollte mich zum Kinderpsychologen bringen.

Ich hoffe ihr könnt euch vorstellen, was es bedeutet zu einem Psychologen zu kommen. Nichts Gutes.

Ich habe ca. 1 Jahr gebraucht, um über die Scheidung meiner Eltern hinwegzukommen. Vor allem habe ich sie beide sehr lieb. Jetzt bin ich wieder einigermaßen glücklich und kann auch wieder mehr lachen.

Aber eins rate ich euch. Verhindert jeden Streit, jede kleinste Auseinandersetzung mit euren Eltern. Versucht es. Ihr müßt euch dagegen stellen und versuchen sie mit Worten zu beruhigen. Wenn das nicht hilft, müßt ihr losheulen, wie ein Schloßhund. Eure Eltern sollen sehen, wie sehr ihr darunter leidet. Ihr müßt euren Eltern beweisen, daß ihr eine Familie seid und das wenn ihr auseinandergeht, die Welt nicht mehr so sein wird wie sie einmal war. Alles ändert sich in eurem Leben. Die Beziehung zu euren Eltern geht kaputt. Ihr verliert das Vertrauen zueinander. Aber das darf alles nicht passieren.

Wenn aber alles nichts hilft, dann könnt ihr nur noch zu einer Vertrauensperson gehen z.B. in der Schule oder Verwandte. Die helfen Euch sicherlich. Besprecht die Sache mit ihnen und ihr könnt zusammen versuchen, das Problem zu lösen, denn wenn ihr fast nichts dagegen tut, dann geht es euch vielleicht so wie mir. Ich habe kaum etwas dagegen getan und nun sind meine Eltern geschieden.

Außerdem könnt ihr ihnen auch ein gemütliches Essen zu zweit spendieren, d.h. soweit euer Taschengeld reicht. Wenn ihr nicht so viel Taschengeld habt, dann könnt ihr ihnen auch so einen gemütlichen Abend machen z.B. mit Kerzenlicht und Musik. Vielleicht bringt es eure Eltern wieder etwas näher zusammen.

Oder bringt sie doch mal zu ihrem Lieblingsort und laßt sie ein paar Stunden allein. Es könnte auch der Platz sein, wo sie sich zum ersten mal getroffen haben.

Also, ich wünsche euch allen, daß ihr eure Eltern wieder zusammenbringt und das es euch nicht so geht wie mir. Ihr müßt versuchen alles dafür zu tun, sonst könnte es nicht klappen. Und denen deren Eltern keine Probleme haben, denen sage ich nur:

"Haltet eure Familie zusammen, laßt es erst gar nicht so weit kommen. Ihr müßt es versuchen, wo ihr nur könnt."


Katharina aus Edingen, 12 Jahre
Wie ich unter der Trennung meiner Eltern gelitten habe

Ich war noch im Kindergarten als meine Eltern beschlossen umzuziehen. Ich freute mich sehr auf das neue Haus und war schon vier Tage vor dem Umzug ganz aufgeregt. Dann sollte ich noch einmal meine beste Freundin besuchen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, daß meine Eltern mich loshaben wollten. Ich fragte meine Mutter: "Was verheimlicht ihr vor mir?". Ich sah, daß es für meine Eltern eine große Überwindung war mir zu erzählen was da vor sich ging. Als meine Mutter es mir dann doch sagte, erhielt ich den größten Schock meines Lebens. Sie sagte nämlich: "Ich und dein Vater, wir haben beschlossen uns zu trennen."

Da hatte ich dann keine Lust mehr zu meiner Freundin zu gehen. Ich rannte in mein Zimmer und fing an zu weinen und als meine Eltern kamen um mich zu trösten, wehrte ich sie ab. Ich fragte nur: "Warum muß das denn sein?" Meine Eltern sagten es mir nicht. Sie meinten ich wäre noch zu klein um das zu verstehen. Aber als dann meine Mutter und ich zu einem Freund meiner Mutter zogen, dachte ich, ich wüsste es jetzt.

Ich meinte, daß meine Mutter meinen Vater nur wegen eines anderen Mannes verlassen hatte. Deshalb haßte ich meinen Zweitvater. Auch jetzt noch bin ich der alten Ansicht, die ich als kleines Kind hatte, denn den richtigen Grund habe ich bis heute nicht erfahren.

Meine Eltern erzählten mir immer neue Versionen, warum sie sich getrennt haben. (Allerdings hasse ich meinen Zweitvater nicht mehr. Ganz im Gegenteil, ich habe ihn sehr gern.)

Als dann meine Mutter und ich nach Edingen zu meinem Zweitvater gezogen waren, habe ich erstmal nur drei Tage lang geweint. Aber langsam habe ich mich beruhigt und als ich wieder fröhlich herumhüpfen konnte, waren die großen Ferien vorbei und ich sollte in die Schule kommen. Ich freute mich darauf, aber als ich dann ein paar Wochen in der Schule war, fand ich es nicht mehr so schön. Ich kam aus Bayern und sprach auch bayrischen Dialekt. Die anderen Kinder hänselten mich sehr damit. Und nun hatte ich mit zwei Dingen fertig zu werden: Mit der Trennung meiner Eltern und mit den Hänseleien der anderen Kinder. Ich fühlte mich elend und hatte nur einen Wunsch: Meine Eltern sollten wieder zusammen kommen (das wünsche ich mir auch heute noch), aber nichts geschah.

Ich musste mich mit meinem Kummer herumschlagen und verlor immer mehr Vertrauen zu meinen Eltern. Auch wurden jetzt aus winzig kleinen Problemen riesengroße. Wenn ich in der Schule eine schlechte Note geschrieben hatte, war das für mich eine Katastrophe. Auch konnte ich es nicht haben, wenn man mich hänselte. Dann flippte ich immer aus und so fand ich lange Zeit keine Freunde. Ich war immer Außenseiter.

Erst als ich in die dritte Klasse gekommen bin, fand ich endlich ein paar Freunde. Ich veränderte mich dann rasch. Ich wurde selbstbewußt. Ich lernte mit meinem Kummer allein fertig zu werden (was ein großer Fehler war) und ich wurde wie ein Junge. Ich ließ mir meine Haare kurz schneiden, trug nur noch Jungssachen, spielte mehr mit Jungen als mit Mädchen und begann mich lebhaft für Fußball zu interssieren. Trotzdem konnte ich nicht fröhlich werden. Immer noch fühlte ich mich einsam. Mein Kummer saß noch tief in mir. Ich konnte einfach nicht damit fertig werden und was das schlimmste war: ich konnte keinem etwas sagen. Ich hatte Angst, daß ich meine Eltern damit traurig machte. Das ging bis zur vierten Klasse. Dann tauchten neue Probleme auf. Ich bekam große Wünsche, die sich bis heute nicht erfüllt haben. Mein größter Wunsch war (und ist) es, bei einem Film mitzumachen. Eine große Rolle spielen. Nach den großen Ferien wollte ich mit Fußballspielen anfangen. Ich wollte mit den Jungs spielen, aber das ging nicht, weil ich schon 11 war. Immer wieder dachte (und denke) ich: "Ach könnte ich doch mit den Jungs spielen."

Mit sovielen Problemen konnte ich nicht mehr fertig werden. Ich suchte meinen Trost in Büchern und spielte nur wenig mit Kindern. Aber bald hatte ich auch zu Hause keine Ruhe mehr. Meine Mutter und mein Zweitvater stritten sich ständig. Ich hatte immer Angst, auch sie könnten sich trennen. Meine Mutter wurde immer genervter und dann bekam mein Opa auch noch einen Schlaganfall. Von da an hatte meine Mutter immer weniger Zeit für mich. Ich fühlte mich einsamer denn je. Gerade in dieser hätte ich einen sehr guten Freund gebraucht. Einen Hund. Hätte meine Mutter auf mich gehört und mir geglaubt und mir geglaubt, daß ich dringender als sonst einen Hund brauchte, hätte ich es bestimmt viel, viel leichter gehabt.

Jetzt bin ich 12. Langsam beginne ich mich mit der Trennung meiner Eltern abzufinden. Ich habe gemerkt, daß ich von meinen Wünschen träumen muß und das ich nie aufhören darf an sie zu glauben. Ich rede mehr mit meinen Eltern über meine Probleme. Ich weiß, daß Kinder von getrennten Eltern mehr Probleme haben als andere. Aber diese Kinder dürfen sich nicht unterbringen lassen. Sie sollten mit ihren Eltern und Freunden über ihre Probleme reden und die Eltern müssen versuchen ihre Kinder zu verstehen. Ein Kind das nicht verstanden wird, fühlt sich einsam. Ich bin in meiner Einsamkeit oft krank geworden. Oft wußte ich nicht mehr was ich machen sollte. Das muß man verhindern. Und wenn ein Kind einen Freund hat, der in so einer Situation ist wie ich, dann sollte dieses Kind seinem Freund beistehen und ihm helfen, anstatt ihn zu hänseln und zu sagen er sei wehleidig. Das ist mir oft passiert und ich habe mich dann noch elender gefühlt. Kinder von getrennt lebenden Eltern müssen von jedem verstanden werden, sonst werden diese Kinder nicht mehr richtig fröhlich. Kinder brauchen Verständnis für ihren Kummer. Ein Kind was nicht verstanden wird, verliert immer mehr das Vertrauen zu den Eltern und Freunden. So ein Kind muß mit dem Kummer in sich leben. Es wird oft krank, vor Kummer.

So etwas ist eines der schlimmsten Sachen die man einem Kind antun kann. Darum bitte ich alle die meine Geschichte gelesen haben:

Versteht eure Mitmenschen!


Simone aus Brühl, 15 Jahre

Nein, jetzt streiten sie ja schon wieder. Ich halte das bald nicht mehr aus. Meine Mutter provoziert meinen Vater so lange, bis er ausrastet. Dabei bleibt es meistens nicht nur bei einem Wortwechsel. Ich stehe dann immer zwischen beiden und weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Ob das bei anderen Familien genauso ist? Ich würde ja gerne mit jemandem darüber sprechen, aber meine Schwester ist noch klein und meine Freundinn? Na, ich weiß nicht.

Seit ein paar Wochen geht meine Mutter immer häufig abends weg. Wir spielen dann meistens mit meinem Vater oder fahren mit ihm irgendwohin. Das sind dann immer die schönsten Stunden.

Ich glaube meine Mutter bekommt in letzter Zeit nicht so viel mit, denn sie trinkt sehr viel und führt endlos lange Telefongespräche, bei denen man nichts versteht, weil sie andauernd zu weinen anfängt.

Zimperlich mit uns war sie nie, wir haben desöfteren eine gescheuert bekommen, aber das sie jetzt noch meinen Vater andauernd mit Messern oder Gabeln in irgendwelche Körperteile sticht, finde ich nicht in Ordnung. Irgendwann ist mein Vater dann ausgezogen. Nun waren wir also desöfteren abends alleine, denn unsere Mutter ging immer noch regelmäßig weg.

Ihren ganzen Frust ließ sie dann immer an uns aus. Sie zerkratzte mir mein ganzes Gesicht (Narben noch heut sichtbar) und haute hin wo es nur Platz hatte. Eine Verbindung zwischen Mutter und Töchter gab es nicht mehr, höchstens eine Verschwörung zwischen mir und meiner Schwester. Denn seit ich mich mit unserer Nachbarin angefreundet hatte, waren wir so oft wir konnten dort. Die ganze Familie war bald unsere neue Familie. Sie alle halfen uns in der Schule, denn wir waren beide abgefallen, gaben uns zu essen, aber das wichtigste, sie hatten alle immer für uns Zeit. Meine Mutter konnte sie aber alle nicht leiden.

Mein Vater reichte dann die Scheidung ein und wir bekamen des öfteren Besuch vom Jugendamt. Wir durften dort auch äußern, ob wir unseren Vater sehen möchten. Das ließen wir aber erst mal bleiben, denn wir haben das ja so eingeredet bekommen von unserer Mutter. Unsere ganze Familie ist in dieser Zeit ziemlich herunter gekommen und im Dorf zerriß man sich die Mäuler über uns. Unsere neue Familie versuchte nicht nur uns zu helfen, sondern auch meiner Mutter, die nicht nur den Männern verfallen ist, sondern auch dem Alkohol. Aber alles vergeblich. Sie wollte es einfach nicht kapieren.

Wir durften unseren Vater desweiteren nicht sehen, denn wir getrauten uns erstens nicht den Wunsch dem Jugendamt zu äußern und zweitens nicht, weil uns unsere Mutter das nicht erlaubt hätte, vorher hätte sie uns lieber tot geschlagen.

Irgendwie hat uns unser Vater dann doch aus dem Teufelskreis herrausgeholt. Er kam einfach eines Abends und nahm unsere wichtigsten Sachen mit. Am nächsten Mittag holte er uns ab und nahm uns mit zu unserer Oma. Seit diesem Tag leben wir wieder glücklich. Mein Vater beantragte dann beim Jugendamt unser Sorgerecht. Unsere Mutter wollte uns zwar jede Woche sehen, aber ich habe einfach Angst, sie wieder zu sehen. Mein Vater redete uns zwar nicht ein, daß wir sie nicht besuchen dürfen, aber wir wollten einfach nicht. Es sind mittlerweile 2,5 Jahre vergangen, seit wir von unserer Mutter weggezogen sind. Sie läßt es auch fast bleiben uns mit Telefonanrufen zu belästigen.

Ich würde sagen, daß bei uns trotzdem noch Schäden sichtbar oder vielmehr festzustellen sind. Wir sind beide ziemlich nervös, kauen an den Fingernägeln und sind sehr schreckhaft.

Ich hoffe ich werde nie wieder Kontakt zu meiner Mutter haben!! Nie!!


Pascale aus Mannheim, 11 Jahre
Mein Leben ohne Paps

Mein Vater und meine Mutter leben getrennt. Sie heirateten nie und mein Papa ging zurück nach Italien als ich 2 Jahre alt war. Jetzt lebe ich allein mit meiner Mutter. Mutter spricht zwar mit mir über Vater, aber oft kommt es zu Tränenausbrüchen. Ich habe keinen Kontakt zu meinem Vater. Bis kurz nach meinem 10. Geburtstag dachte ich, daß er in Italien lebt. Meine Mama belehrte mich einen besseren. Er wohnt in Schwäbisch Hall. Das kann ich mir schwer vorstellen.

Ich bin ein Einzelkind, und meine Mutter muß den ganzen Tag arbeiten. Daher bin ich oft allein. Ich habe viel Zeit um über mein Leben nachzudenken. Da mir mein Vater so gut wie unbekannt ist, mischt er sich in meinen Gedanken aus Unmengen von Phantasie, fast gar keine Realität (Name, Beruf) zusammen. Diesbezüglich, ein sich von jedem Kind gewünschter liebevoller Vater. Wenn er uns damals auch im Stich gelassen hat, als ich ihn am meisten brauchte, empfinde ich keineswegs Haß, sondern unendliche Liebe für ihn. Je mehr ich mich mit ihm beschäftige wächst meine Liebe. In meinen tiefsten Träumen, laufe ich ihm auf einer verlassenen Straße im Herbstwind weinend vor Glück in die Arme.

Doch meine größte Angst ist jedoch, daß er verheiratet ist oder andere Kinder hat. Ich schrieb zwei mal, doch er antwortete nicht.

Lange Zeit danach erfuhr ich ungewollt, daß mich mein Vater als ich ein kleines Mädchen war, entweder ganz haben wollte oder garnicht. Ab da zahlte er keinen Unterhalt mehr für mich. Dafür bekam er drei Monate Gefängnisaufenthalt, daß war ein großer Schock, doch jetzt schon überwunden. Ob er noch an mich denkt? Das frage ich mich oft , denn ich habe 9 Cousins und Cousinen, zwei Tanten und eine Oma und Opa in Italien die ich nur vom sehen kenne.

Ich hoffe sehr auf ein Treffen mit Papa.

Meine Mama findet es zwar noch zu früh, aber wird mir trotzdem helfen, denn sie meint ich sollte nichts auf eigene Faust beginnen.

Ich versuche jetzt mit ihm Kontakt aufzunehmen und hoffe sehr, daß es mir gelingen wird. Ich würde alles dafür geben, wenn ich ihm endlich nach 9 Jahren gegenüberstehen würde.


Lena aus Ettlingen, 11 Jahre

Bums! Die Tür war zu. Schon wieder hatte es Streit gegeben. Und das schon am Morgen. Warum können sie nicht einmal friedlich miteinander sein. Diesmal war es wegen den Messern. Mein Vater sammelt Messer aller Art und meine Mutter findet das schrecklich. Sie meint, man müsste alles schön ordentlich und sauber haben. Mir war das egal, also ich meine die Sache mit den Messern. Es war mir auch egal, daß wir an einer lauten Straße wohnten, oder das mein Vater soweit weg arbeitet.

Aber jetzt ist das nicht mehr so egal. Seitdem ich in der Nacht nicht mehr schlafen kann, und deshalb auch in der Schule ziemlich müde bin, finde ich, geht mich das auch was an. Letzte Woche habe ich meine Eltern darauf angesprochen, aber die haben nur abgewinkt und gesagt, daß wäre noch nichts für mich. Leider kann ich dann auch nichts mehr dagegen tun. Und meine kleine Schwester ist im Moment auch sehr hilflos. Jetzt sitzen wir also in der Küche, Mama, Nina (meine kleine Schwester) und ich. Papa ist vor ein paar Minuten wütend hinausgerannt. Ich starre auf mein Brot. Mein Hunger ist vergangen. Wie soll das weitergehen? Ich glaube, ich halte das bald nicht mehr aus. Wäre es vielleicht doch nicht besser, wenn unsere Eltern sich trennen oder scheiden würden? Ich stand auf und ging ins Bad um mich zu waschen.

3 Monate später

"In fünf Tagen kommt euer Vater und holt euch ab", erklang Mamas Stimme. Darauf freuten wir uns wie toll. Endlich mal wieder zum Papa. Aber irgendwie habe ich auch ein bisschen Angst davor. Nicht weil ich Angst vor'm Papa habe. Nein, weil meine Mutter wahrscheinlich wieder sagt ich soll ihm ausrichten, daß er noch Schulden bei ihr hat. Aber das traue ich mir nicht. Denn ich weiß nicht wie er reagiert.

Vielleicht ist er böse auf mich und brüllt mich an oder er sagt, die Mama solls ihm selbst sagen.

Auf jeden Fall sage ich es ihm nicht. Ich erfinde dann immer Ausreden wie: Ich hatte keine Zeit, oder ich habs vergessen. Meine Mutter glaubt mir das aber nicht immer. Am besten wäre es natürlich wenn sie ganz aufhören zu streiten und wenigstens friedlich sein würden. Auch in der Schule habe ich es nicht so ganz leicht. Ich kann mich im Unterricht nicht ganz so konzentrieren, bekomme dadurch schlechte Noten und werde dann ausgelacht. Ich würde gerne auch öfters zum Papa gehe, aber ich darf ja nur einmal im Monat und das ist schon reichlich wenig.

Aber ich glaube irgendwann, wenn ich größer bin und meine Schwester auch, dann werden wir uns vielleicht damit abfinden, daß unsere Eltern geschieden sind.


Norbert P. aus Aachen, 18 Jahre

Hört auf die Kinder. Hört man Kinder? Was hört man? Hört man was?

Stumm. Elefanten. Delphine. Fledermäuse. Abfallkinder. Schrei ins Nichts. Und leiden als westlicher Luxus. Kein zusammenreißen mehr und ich - ? Hänge selbst ganz mit drin.

Rauskommen. Sich zusammenreißen. zusammen reißen. Aufreißen.

Schnitt.

Alle ganz normal. Mit besonderen theatralischen Talenten und den Luxus zu leiden. Alles versuchter Egozentrismus. Wer hört was? Das Fallbeil entscheidet wer leidet.

Schnitt.

Hört auf die Kinder: "Mama, hast du bitte ein Stück Schokolade für mich. Bitte!?" "Nein,...; nicht vor dem Essen ." "Och! Bitte."

"Nein." "Mam ich will aber." "Iß lieber einen Apfel" "Nein ich will nicht" "Nach dem Essen kannst du dann ja auch ein Stück Schokolade haben." "Nein, ich will aber jetzt Schokolade haben, und nicht nach dem Essen!" ... Hört auf die Kinder?

Schnitt.

Sie ist 16. Schläft 16 Stunden am Tag.

Psychosomatisch.

Für jedes Jahr ihres Lebens eine Stunde ?

Ihre Augen sind ganz klein, ihr Kopf hängt immer zwischen ihren Händen. Ihre Mutter ist schwanger.

Schnitt.

Kinder sind Plappermäulchen, Schnattergänse, Quatschstrippen, Tratschtanten.

Schnitt.

Die Macht der Kinder über ihre Eltern. (Hör auf die Eltern).

"Beim Papa darf ich das aber, so spät fernsehen"

"Bei mir ist das eben anders, ich find das nicht richtig, daß du so spät noch fernsiehst."

"Mit dem Papa ist das aber immer viel lustiger".

"Dann geh ich eben zum Papa!"

Hör auf die Kinder?

Schnitt.

Sie ist ironisch. Ihre Ironie ist die Mauer, die sie davor bewahrt zu leben. All jene Phasen des jugendlichen Lebens Pank, Poolo, Assi, Rocker, Grufti, Schicki-Micki, Öko, Musel... Ironie und praladultäres Gehabe. Leben.

Schnitt.

Unter ihren Klassenarbeiten steht, daß sie positiver sehen soll. Ins Leben. In die französische Revolution.

Schnitt.

Im zweiten Stock sind Kinder zu laut.

Im Keller mißhandelt. Im Aufzug zu frech. Ab in die Ecke.

Schnitt.

Mixed-Up Argumentation. Hätten sie das hören wollen? Liebe? Einträglicher? (welch Narzismus) Die Erwachsenen hören nicht auf die Kinder. Natürlich sollte man auch nicht s o auf die Kinder hören (Erpressung, Launen), man muß vielmehr richtig hören ... patatie patata... hör auf die Kinder.

Schnitt.

Sie lebt bei ihrem Vater. Dominat. Sie ist eher klein und endlich 18.

Das Leben beginnt und der Stunk ist endlich gleichberechtigt .

Schnitt.

Sie lebt auf der Straße. Obdachlos nennen Zeitungen es, falscher Journalismus.

Sie ist nicht die arme Kleine. Mutter kämpft und wartet. Selbstbewusst. Das fehlt ihr. Keine Regeln mehr, kein Vertrauen, keine Familie, nur pure Freiheit. Freiheit? Glück?

Schnitt.

Bitterkeit. Absolution für das Unglück. Das wirkliche Unglück.

Offene Pulsadern. Offene Wunden. Offene Schenkel. Es tut mir leid.

Leiden ist in. Ich kann nicht mehr denken, arbeiten, meinen Geist zum arbeiten bekommen.

Schnitt.

Das Leben ist heilig. Wunsch: Ruhe und Gelassenheit und ein ironisches Lächeln auf den Lippen und trotzdem Leben.

Schnitt.

PS: Hör auf die Kinder! Tun sie doch. Konsumkinder. Wirtschaftliches Neuland. Geschiedene Kinder haben zwei Familien = doppelte Geschenke, doppelt so viel Geld. Konsumscheidungen. Oder Armut?

Natürlich beides.

Hört auf die Kinder. Hört...! Hört auf.

Alles ausgespien aus roten Lippen.


Nicola aus Diellheim, 11 Jahre
Tagebuchabschnitt

"Wo warst Du?" "Warum kommst du so spät".

Mitten in diesen Diskusionen bzw. kindischen Fragen, knallte es und gleich darauf die überflüssige Frage: "Bist du noch ganz normal?" Er sah nahezu zum totlachen aus, wenn man das verzweifelte, schmerzverzerrte Gesicht meiner Mutter nicht mit einbezog. Gewalttätig ging es eigentlich nie zu, aber diesmal offensichtlich schon. Meine Mutter hatte mal wieder die blödesten Fragen der Welt gestellt. Der Knall war nichts anderes als eine Ohrfeige gewesen. Nach diesem Tag ging es immer schlimmer zu. Ganz harmlos war doch die Ohrfeige gewesen. Es ging über Schläge und Tritte bis hin zum würgen. Sie, meine Eltern stritten, schlugen sich und argumentierten schreiend miteinander. Meine Schwester und ich wurden immer in Mitleidenschaft gezogen, beide versuchten uns auf ihre Seite zu ziehen. Mein Vater hatte schon unmögliche Versprechungen gegeben, doch diese waren unmöglich. Er hatte uns einen Hund versprochen. Ich persönlich hätte gern einen Hund und fragte deshalb meine Mutter. Als sie das hörte, geriet sie ganz außer sich und fragte, wer mir das gesagt habe. Ich gab ihr keine Antwort. Ich war so beleidigt, doch dann erzählte sie mir was unglaubliches. Das hier klingt schon wie ein Tagebuchabschnitt, deshalb will ich nur noch eins sagen: In meiner Familie wird es nie mehr so sein, wie es einmal war und ich finde, man sollte nicht geheimhalten, daß sich die Eltern streiten. Es spielt schließlich keine Rolle, ob verheirate oder nicht. Man selbst ist auch wichtig.


Sandra aus Oberhausen, 16 Jahre

So sehr eine Scheidung die Eltern auch schmerzen mag, die Kinder trifft es immer am härtesten, sowie vor als auch nach der Scheidung.

Wenn Eltern sich immer öfter streiten, sich anschreien und deswegen oft deprimiert sind und schlechte Laune haben, beginnt für die Kinder eine schreckliche Zeit. Die ständige Angst, daß es bald zur Trennung kommen könnte, oder das jemand den anderen verletzen könnte, wenn Vasen und andere Gegenstände durch die Luft fliegen, ist für die Kinder eine derart seelische Belastung, daß sie nicht selten unter Schlafstörungen, Unkonzentriertheit und anderen Dingen leiden. Schlechte Noten in der Schule, keine Freude mehr an Aktivitäten und vieles mehr sind die Resultate dieser Horrorzeit. Kommt es dann wirklich zu einer Scheidung müssen viele Kinder entscheiden, bei wem sie bleiben wollen. Sie werden mit dieser für sie sehr schwierigen Frage einfach konfrontiert und es wird von ihnen eine schnelle, klare Antwort verlangt. Aber keiner fragt sie nach ihren Gefühlen, ihre Meinung. Die meisten Kinder haben bei Scheidungen Null Mitspracherecht.

Außer das sie sich in den meisten Fällen aussuchen dürfen, bei wem sie bleiben wollen. Besonders schlimm ist es wenn beide Elternteile versuchen ihre Kinder auf ihre Seite zu bringen, so daß ihnen die freie Entscheidung genommen wird.

Ist die Scheidung mit einem Umzug für die Kinder verbunden, müssen diese auch noch ihr gewohntes Umfeld verlassen und verlieren gegebenenfalls ihre Freunde, und müssen vielleicht auch noch die Schule wechseln. Wie soll ein Kind mit solchen Tatsachen fertig werden?

Nach der Trennung ist es wichtig, daß die Kinder den Elternteil bei dem sie nicht leben oft genug besuchen dürfen und die Möglichkeit haben diese Beziehung zu pflegen. Wenn alles geregelt ist, sollten es beide Elternteile vermeiden in Gegenwart der Kinder über ihren ehemaligen Partner herzuziehen und zu schimpfen.

Viele Scheidungskinder leiden auch sehr darunter, wenn von dem Elterteil bei dem sie leben nicht mehr die nötige Zeit für sie aufgebracht werden kann um ihre Probleme und ähnliches zu bereden, weil die Mutter bzw. der Vater den ganzen Tag arbeiten muß.

Und dann ist da noch die Angst der Kinder, daß die Eltern wieder neu heiraten könnten und sie so die Liebe ihrer Mutter bzw. ihres Vaters mit jemand anderes teilen müsste.

Würden die Meinungen des Kindes mehr berücksichtigt werden und würden die Kinder nicht immer von wichtigen Gesprächen und Entscheidungen ausgeschlossen, so nach dem Motto: So etwas versteht ihr noch nicht und eure Meinung ist hier völlig unmaßgeblich, dann würden die Kinder eine eventuelle Scheidung besser verkraften. Sie könnten ihre Gefühle zum Ausdruck bringen, statt alles in sich hineinzufressen und hätten das Gefühl, mitreden zu dürfen und verstanden zu werden. Und wer weis, vielleicht würde es ihnen durch die Gespräche mit den Eltern sogar gelingen, eine scheinbar kaputte Ehe wieder zu erneuern.

Ich würde in so einer Situation größten Wert auf mein Mitspracherecht legen und mich dafür einsetzen Vorschläge machen zu können, wie es weitergehen soll.


Aline aus Ettlingen, 13 Jahre
Das schrecklich Ungewisse

Es war vor einem Jahr. Da hat es nämlich angefangen. "Was" wirst du jetzt bestimmt fragen. Mein Vater hat eine Freundinn, sie heißt Lydia.

Ich hasse sie. Sie bringt meine Eltern auseinander. Meine Mutter möchte nicht, daß mein Vater eine Freundin hat. Das kann ich gut verstehen. Aber ich kann nicht verstehen: WARUM?

Warum gibt es SIE überhaupt in meinem Leben? Ist dem Papa meine Mutter nicht mehr gut genug? Ganze 20 Jahre hats geklappt! Warum jetzt nicht mehr?

Ich weiß es nicht. Ich weiß vieles nicht. Es ist schrecklich! Mein Vater sagt, da sind noch andere Probleme, die jetzt erst richtig zum Vorschein kommen, es ist nicht nur wegen der Freundin. Nächsten Donnerstag geht er wieder hin. Zu IHR! Warum?

Meine Mutter sagt, sie kann die Freundin nicht länger ertragen. Von anderen Problemen hat sie nicht gesprochen. Jetzt geht sie zu so einem Psycho-Typen! Um die Probleme zu lösen, wenn der Papa weiter diese Auerochsenkuh (L.H.) trifft?

Es ist schrecklich!

Sobald ich etwas lautere Stimmen höre, frage ich mich:
"Streiten die jetzt wieder, oder doch nicht!?"

Das schlimmste aber ist: ich weiß nicht mehr genau wo vorn und hinten ist! Ich weiß nicht wie es morgen, in einer Woche, in einem Monat oder nächstes Jahr sein wird!?

Wie geht es weiter? Kann es noch schlimmer werden? Oder doch besser? Zieht der Papa aus, in eine kleine Wohnung? Wie wird es sein, wenn ich ihn besuchen gehe? Oder bleiben die Eltern zusammen? Wie lange?

Ich weiß es nicht!

Sie wissen beide, daß ich darunter leide. Es tut ihnen sehr leid! Aber das nützt doch nichts.

Sie hätten sich eben früher überlegen müssen, ob sie zusammenpassen und es auf Dauer zusammen aushalten. Ob sie unbedingt ein Kind wollen?

Als ich sie daraufhin angesprochen habe, war die Antwort: "Damals wussten wir ja noch nicht, daß ...!"

Wenn nicht bald etwas passiert, ich glaube, dann platze ich.


Anne aus Voerde, 15 Jahre

Also hallo erstmal. Ich bin Anne und 14 Jahre alt. Als ich von der Aktion "Hört auf die Kinder" gehört habe, ist mir eingefallen, daß sich meine Eltern auch mal getrennt haben. Da war ich jung.

Klar, da wird so mancher sagen: "Lang, lang ist' s her wie soll die sich denn noch daran erinnern?" Tatsache, an alles kann ich mich auch nicht mehr erinnern.

Wie auch? Aber an das schlimmste und wichtigste kann man sich immer erinnern. Ich habe auch damals gar nicht verstanden, wieso sich meine Eltern nicht mehr vertragen haben.

Ich kann mich noch erinnern, wie sie sich gestritten haben. Meine Mutter stand hysterisch kreischend vor meinem Vater und hat geschrien:

"Ich bring dich um, ich bring dich um" und mein Vater hatte einen unserer Stühle über dem Kopf und hat gebrüllt: "Ich hau hier alles kaputt!" Jetzt kann ich mich darüber totlachen und nur denken, wie kindisch sich doch Erwachsene verhalten können. Aber ich habe früher nie verstanden, wieso sie das machen und deswegen konnte ich auch nicht darüber lachen.

Irgendwann hat dann ein Möbelwagen vor unserer Haustür gestanden und meine Mutter ist mit mir weggezogen, das war von allem am schlimmsten.

Ich hatte keine Freunde mehr und meine Geschwister auch nicht mehr. Und vor allem: Nicht mehr beide Elternteile Mama + Papa.

Ein Jahr später ungefähr sind wir dann wieder nach Hause zurückgezogen. Klar, manchmal kracht es noch gewaltig, aber das hält sich langsam in Grenzen. Ich glaube, es ist egal wie alt man ist oder bei welchem Elternteil man lebt, es tut immer weh.

Man braucht immer beide und nicht nur eine Hälfte. Ich bin froh, daß meine Eltern sich nicht damals scheiden haben lassen, jedenfalls nicht sofort. Ich glaube, daß es für Eltern auch bestimmt schwierig ist dauernd zusammen zu leben. Ein ganzes Leben lang. Und blöd find ich es auch, wenn Eltern sich nur nicht trennen, weil sie Angst haben, ihren Kindern weh zu tun. Was sollen sie denn machen? Es muß doch eine Qual sein für zwei Leute die sich im Grunde nicht mehr leiden können und dann auch noch zusammen leben, essen, schlafen und etwas unternehmen müssen. Aber andererseits ist das für die Kinder auch eine Qual, zu merken das sie Eltern nur zusammen bleiben, weil sie sie nicht verletzen wollen.

Vielleicht hilft es ja, wenn die Eltern noch vor der Entscheidung zu einer Trennung oder Scheidung einmal ernsthaft mit ihren Kindern darüber reden. Sie müssen ihren Kindern erklären wieso sie sich trennen wollen und das es so besser ist. Das ist bestimmt besser, als einfach den Möbelwagen vor die Tür zu stellen und wegzuziehen.


Jenny aus Hannover, 16 Jahre

Ich finde, daß ihr bei eurer Aktion einen wichtigen Aspekt vergessen habt. Eltern führen oft ein getrenntes Leben, obwohl sie noch eine Wohnung teilen. Diese Situation kann für Kinder noch mehr Probleme bringen, weil ständig Spannung zwischen ihren Eltern herrscht. Auch unter diesen Bedingungen ist es schwer einen guten Kontakt zu einem, oder gar beiden Eltern zu haben. Wahrscheinlich ist es den meisten diesen Kindern lieber, ihre Eltern werden gerichtlich getrennt. Auch in einer Ehe können Mami und Papi getrennt leben.

Eigentumswohnung Karierre und Kind
Ach wie gut das wir glücklich sind.

Papa liebte Mama sehr
doch die war hinter dem anderen her.

Papa schlägt Mama weil er sie so sehr liebt
so kommts wenn man sich den Kopf verdreht.

Vorm lieben Kind da wird geschwiegen,
darf nichts erfahren von den bösen Intrigen.

Schlafzimmertür zu und dann gehts rund
böses Geschrei quillt aus dem Mund.

Morgens spielen sie das Theaterstück
von dem tollen Familienglück

Vor der Arbeit den feuchten Abschiedskuß,
weil man das schöne Bild erhalten muß.

Viele Steuern sind so zu sparen,
bald kann Papi den Porsche fahren.

Nur einen Fehler haben sie gemacht,
das Kind mit Gehirn auf die Welt gebracht.

Diesem Kind würde es wohl besser gehen, wenn sich die Eltern scheiden ließen. Ihr fragt wie wir Kinder das Problem lösen könnten sollen wir uns zur Aufgabe zu machen die Eheprobleme unserer Eltern zu lösen?

Kein Kind soll Minderwertigkeitskomplexe haben, weil sich seine Eltern offen zu ihrer Trennung bekannt haben. Das ist aufrichtiger als sich selbst und den anderen ein Familienglück vorzugaukeln. Kinder die ich aus solchen Familien kenne weisen oft mehr Verhaltensstörungen auf, als die Kinder der gerichtlich getrennten Eltern. Mein Anliegen ist es euch deutlich zu machen, daß Scheidung nicht immer negativ ist. Wenn das Kind natürlich zum Schiedsrichter oder Streitobjekt umfunktioniert wird, sollte es sich überlegen seine Eltern zu verlassen bis die wieder klar denken können. Optimal wäre es wenn Eltern vor der Planung und Zeugung eines Kindes an einem Kurs teilnehmen müssten, wo sie über menschengerechte Erziehung informiert werden.


Jessica aus Schöningen, 16 Jahre

Viele Kinder werden bei der Scheidung zum Streitpunkt der Eltern. Beide Partner kämpfen um das Sorgerecht des gemeinsamen Kindes, wobei es meist weniger darumgeht, ob es das Kind bei ihm oder ihr besser hat, als darum ein persönliches Erfolgserlebnis gegenüber seinem Partner zu erlangen.

Dabei wird kaum bedacht, daß das bei dem Kind schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Sie merken, daß die Eltern sich um es streiten und glauben nun, daß sie an der Trennung der Eltern schuld sind. Sie haben Angst einen Elternteil zu verlieren und klammern sich noch enger an sie.

Es ist heutzutage leider so, daß bei der Scheidung der Eltern die Kinder nicht zu Wort kommen und sie über ihren Kopf hinweg einem Elternteil zugesprochen werden. Es wird somit vor vollendete Tatsachen gestellt und hat keine Möglichkeit sich zu wehren.

Man sollte deshalb vielmehr die persönliche Meinung des Kindes in den Mittelpunkt stellen, denn es geht ja schließlich um ihr Wohl. Sie sollten selbst entscheiden bei wem sie wohnen wollen. Schon 2 - 3 jährige Kinder haben das Gefühl dafür bei wem sie sich wohler fühlen und sollten deshalb zu Wort kommen.

Warum meinen die Erwachsenen nur sie wüßten immer alles besser? Manchmal sollte man nach dem Herzen gehen und nicht nach dem Verstand. Es handelt sich nämlich um keinen Kleiderschrank oder ein Bett, nein es geht hier um ein menschliches Wesen, das Liebe und Geborgenheit braucht. Es ist ihr Leben, das in die Hände der Juristen und Richter gegeben wird und ich bin der Meinung, sie sollten ruhig ein Wörtchen mitzureden haben.

Also: "Hört auf die Kinder und laßt sie mitreden!"


Cesare aus Kelkheim, ohne Altersangabe
Scheidung

Ich habe nie gedacht, daß eine Scheidung für meine Eltern in Frage kommt, was sich aber als falsch herausgestellt hat.

Seit einiger Zeit haben sich meine Eltern sehr oft gestritten. Es ging um Kindererziehung, viel Geld ausgeben, Ausgehen usw. Mein Vater ist manchmal abends alleine ausgegangen. Am nächsten Morgen ist meine Mutter immer launisch gewesen. Sie hat jeden gleich angemotzt, egal wegen was. Meine Schwester hat mir erzählt, daß sie unsere Mutter beim weinen überrascht hat und ich habe ihr erzählt, daß ich unseren Vater mal beim telefonieren erwischt habe, als er sich mit einer fremden Frau verabredet hat. Von da an ist er noch öfter ohne Mutter ausgegangen und Mutter hat davon gesprochen, wieder in ihrem alten Beruf zu arbeiten.

Ein paar Tage später habe ich zum ersten mal bei uns zu Hause die Worte Trennung, Scheidung, Wohnungssuche von ihnen gehört. Einmal habe ich dann sogar Vater mit seiner Freundin in der Stadt getroffen. Außerdem hat er mich gefragt, ob ich ihm helfen könnte, die Wohnungsanzeigen durchzulesen. Nachdem er eine Wohnung gefunden hat, ist er ausgezogen. Nun hat sich alles verändert, nichts ist so wie es früher war: Weihnachten, Geburtstage, andere Feste.

Nachdem meine Eltern geschieden sind, darf ich Vater zweimal im Monat besuchen. Meine Mutter ist wieder berufstätig und arbeitet den ganzen Tag. Abends, wenn ich so im Bett liege, frag ich mich, ob ich auch Schuld daran bin, ob ich sie auseinandergebracht habe.

Ich kann Papas neue Freundin und Mamas neuen Freund nicht ausstehen, weil sie immer versuchen, mich mit Geschenken auf ihre Seite zu ziehen und gegen den anderen aufzuhetzen.

Wenn die Kinder bei einer Scheidung entscheiden dürften, sollten Eltern alles versuchen, ohne Streit miteinander zu leben. Jeder müßte mal nachgeben. Ich würde aber Eltern, die sich gar nicht mehr vertragen können, sich scheiden lassen, weil es ja doch keinen Zweck hat, wenn sie mit einer gewissen Spannung und Streitigkeiten zusammen leben müßten.


Julia aus Ettlingen, 11 Jahre

Ich heiße Vanessa und bin 12. Meine Eltern sind geschieden und ich lebe bei meiner Oma. Nun will ich erzählen wie das vor der Scheidung war.

Meine Eltern stritten sich Tag und Nacht. Immer versuchte einer den anderen runter zu machen. Ohne Gnade flogen die Wörter durch das Haus. Ich schaffte es halbwegs zu verstehen, aber meine kleine Schwester Mina, die erst 8 war, weinte andauernd. Es war die Hölle, in der einen Ecke heulte meine Schwester und in der anderen stritten sich meine Eltern. Doch irgendwie wirkte es sich dann doch aus, daß zu Hause was nicht stimmte, in der Schule schrieb ich nur noch schlechte Noten. Innerlich war ich total fertig, immer wenn ich an meine Eltern dachte, bekam ich ein Stechen in meinem Herzen. Ich sagte zu ihnen immer und immer wieder: "Hört doch bitte auf zu streiten, ihr macht euch, Mina und mich nur kaputt."

Aber anstatt aufzuhören, stritten sie nur noch mehr. Sie merkten, daß es keinen Zweck hatte, wenn sie sich nur noch stritten und ließen sich scheiden.

Das Gericht beschloß, daß Mina und ich bei Papa wohnen sollten. Ich wollte aber nicht bei einem meiner Elternteile wohnen, sondern bei meiner Oma. Sie war einverstanden. Ich kam in eine neue Schule im Ort meiner Oma und alles war gut. Meine Mutter baute sich ein neues Leben auf, sie heiratete noch einmal und bekam noch zwei Kinder. Mein Vater heiratete ebenfalls noch mal und Mina hatte so wieder eine vollständige Familie.

Die Beziehung zu meinen Eltern ist nur noch so stark, wie die zu meinen Freunden. Ich besuche sie ab und zu. Bei meiner Oma führe ich ein anständiges Leben, in dem nie gestritten wird.

Die Geschichte ist erdacht.


Deborah aus Neuenburg, 13 Jahre

"Dein Vater hat ein Verhältnis!" Auch ihre zärtliche Umarmung konnte mich nicht trösten. Ich wollte es doch gar nicht wissen. Ich wußte es doch auch schon so lange und hatte mir die größte Mühe gegeben, es zu verdrängen. Die heimlichen Telephonate, die Überstunden im Büro übers Wochenende (und immer aufs feinste angezogen...), auch eine siebenjährige merkt so etwas. Meine Mutter sah mich an, "wir müssen jetzt ganz stark sein!"

Stark sein? Hatte ich das nicht schon einmal in einem Film gehört? Das paßte doch gar nicht zu uns! Wir waren doch so eine tolle Familie, wir hatten alles was wir brauchten ..., vielleicht zu perfekt.!?

Das ist nun etwa sechs Jahre her. Meine Eltern ließen sich scheiden, und meine Mutter und ich zogen aus, obwohl das Haus meiner Mutter gehörte. Das Problem war nur, es stand auf dem Grundstück meines Vaters. Aber die Probleme fingen erst an.

Meine Eltern hatten sich darauf geeinigt, daß mein Vater mich alle zwei Wochen sehen durfte, aber diese Besuche sollten nicht in unserem Ex-Haus, sondern in einem neutralen Restaurant o.ä. stattfinden. Es waren Besuche von zwei Stunden, in denen ich demonstrativ lange zu einem Lokal gefahren wurde, aß und nach Hause kutschiert wurde - mit der Begründung, daß mein Vater keine Zeit habe. Aber war es zuviel verlangt, seiner Tochter insgesamt vier Stunden zu schenken am Wochenende?

Meine Mutter riet mir, einfach nicht mehr mit ihm zu sprechen, wenn ich diese Besuche leid hätte. Ich tat es und es wirkte. Mein Vater rief nicht mehr an, sondern schickte nur noch diverse Ansichtskarten und mein Unterhalt kam immer häufiger erst gegen Mitte des Monats.

Mein Vater heiratete wieder und wie ich erfuhr zum dritten mal. Meine Mutter war also nicht seine erste Frau und was mich viel mehr erschütterte: ich war auch nicht seine erste Tochter . Ich hatte noch eine Halbschwester.

Unerwarteterweise schrieb er mir, daß zu Hause bei ihm Geschenke auf mich warten würden. Ein Lockungsversuch!?

Es ist verständlich, daß meine Mutter darüber in Wut geriet und es kam immer häufiger zu Streitereien zwischen ihr und mir. Plötzlich wollte sie, daß ich ihn wieder besuche und auch bei ihm übernachte. Nach einem solchen Besuch sah ich meinen Vater nicht mehr so als den Zerstörer unserer Familie und seine Frau, unsere ehemalige Sekretärin, nicht mehr als "Corpus delicti", sondern fast als Freundin oder große Schwester, denn sie ist erst Mitte zwanzig. Ich tat meiner Mutter, mit dem plötzlichen Mitleid meinem Vater gegenüber, sehr weh.

Mitleid in dem daß er mich, so schien es, sehr vermißte. Sie verstand und versteht mich nicht, aber ich verstehe sie jetzt. Immer wieder war sein Name für sie ein Reizwort. Sie versuchte mir klarzumachen, daß er mich um das Erbe meiner Urgroßmutter bekippte. (Zehntausend Mark, die ich zur Geburt bekam, leider ohne Quittung ...)

Mein Vater verwendete es zum Aufbau der Firma, was sollte auch ein Säugling mit soviel Geld? Es sollte mir ein Sperrkonto eingerichtet werden. Jetzt erinnert er sich nicht mehr an das Geld ...

Ich bin darüber nicht halb so entrüstet wie meine Mutter. Deswegen gibt es auch immer wieder Streit, weil ich in solchen Angelegenheiten wahrscheinlich zu gutmütig bin.

Aber das war nur ein kurzer Ausschnitt!

Ständig wurde ich von einer Seite auf die andere gehetzt. "Dein Vater tat dies!", "Deine Mutter tat das!". Ich fand und finde mich immer noch nicht zurecht, wem ich wann glauben soll. Meine Mutter ist sehr verletzt, weil ich auf das Theater meines Vaters hereinfalle, aber es ist sehr schwierig, zwei Menschen zu vertrauen, die beide das Gegenteil behaupten und einem sehr nahestehen.

Es wäre mir vieles leichter gefallen, wenn meine Eltern in Frieden auseinandergegangen wären, aber bis jetzt kenne ich solche Familien nur aus dem Fernsehen, in denen die Sprüche wie: "Wir müssen jetzt stark sein!" einfach klingen und sich ganz einfach in die Tat umsetzen lassen, ... denn kaum ein Autor hat eine Scheidung als Kind je "live" erlebt.

Doch ich wünsche allen Scheidungskindern eine Bärenstärke.


Uticha aus Baltmannsweiler, 13 Jahre

Das Problem nur bei Vater oder Mutter zu wohnen, ist nicht immer so schwerwiegend für die Kinder, wie es oft dargestellt wird. Natürlich gibt es Kinder, für die die Scheidung der Eltern sehr schlimm ist, aber es gibt auch Kinder, die froh sind, bzw. denen es nichts ausmacht, wenn die Eltern geschieden sind. Ich lebe seit drei Jahren bei meinem Vater. Wann ich mich für ihn entschieden habe?

Ganz einfach. Meine Geschwister (15 und 18 Jahre alt) hätte sich schon für den Wohnort (Vater oder Mutter) entschieden, als ich erst von der Trennung - später Scheidung - meiner Eltern erfuhr. Ehrlich gesagt, ich habe mich so entschieden, weil ich bei meinen Geschwistern bleiben wollte und weil ich das übliche Problem mit meiner Mutter hatte. Ich kam mir zu umsorgt vor, was nicht heißen soll, daß ich sie nicht mag.

Meine Eltern haben uns Kindern die Wahl gelassen, bei wem wir wohnen wollten, was ich wirklich loben muß, denn viele Eltern handeln in solchen Fällen egoistisch. Natürlich habe ich anfangs auch Probleme gehabt. Es war eine große Umstellung für mich, meine Mutter nur noch jedes 2. Wochenende und in den Ferien zu sehen. Ich habe in dieser Zeit sozusagen aus Kummer relativ viel gegessen und auch zugenommen, was jetzt nicht mehr der Fall ist. Mein Vater hat mir in dieser Zeit sehr geholfen. Außerdem hat er uns jede Zugfahrt bezahlt, damit wir zu unserer Mutter fahren konnten. (Sie wohnt 2,5 Std. per Zug von uns entfernt.)

Er hat es uns keinesfalls erschwert, Kontakt zu unserer Mutter aufzunehmen. Das einzige Problem, was ich immer noch habe ist, den Boten in finanziellen Dingen spielen zu müssen. Und oft die Frage zu hören: "Wann kriege ich das Geld?"

Das will mein Vater jetzt glücklicherweise auch direkt mit meiner Mutter regeln. Und obwohl diese Frage manchmal ganz schön nervt, bin ich mit der Scheidung meiner Eltern doch relativ gut zurecht gekommen. Und ich muß sagen, ich glaube, ich hätte genauso wie meine Eltern gehandelt und den Kindern, bzw. dem Kind die Wahl gelassen, wo es wohnen will. Denn in diesem Fall dürfen Eltern auf keinen Fall egoistisch handeln, sondern müssen an das Kind denken.

Meine Eltern reden glücklicherweise auch nie abfällig übereinander, um uns Kinder nicht dazu bringen zu müssen, Partei für den Einen oder anderen Elternteil zu ergreifen, was für mich selbstverständlich wäre.

Ich hoffe mit meinem Brief ein paar Kindern oder Jugendlichen gezeigt zu haben, daß man versuchen sollte aus der Scheidung, oder auch Trennung der Eltern das Beste zu machen. Irgendwann wird jeder damit zurechtkommen.

Und ein Leben mit sich ständig streitenden Eltern ist doch auch nicht schön?


Mirko aus Rheinberg, 17 Jahre

Eigentlich kenne ich es nicht anders. Ich bin 17 Jahre alt und lebe seit ungefähr 12 Jahren allein mit meiner Mutter. Obwohl, so ganz genau stimmt das nicht, nach der Scheidung ihrer ersten Ehe mit meinem Vater war sie noch zweimal verheiratet, aber alle drei Ehen sind letztendlich gescheitert, so daß wir jetzt wieder auf uns selbst gestellt sind.

Meine Mutter ist berufstätig, was zur Folge hat, daß ich recht viel alleine bin, was mir allerdings nicht allzuviel ausmacht, weil ich wahrscheinlich daran gewöhnt bin. Offen gestanden, ich könnte mir es fast überhaupt nicht vorstellen, noch einmal Teil einer intakten Familie zu sein. Es ist alles schon so lange her, und ich komme ja jetzt so ganz allmählich in das Alter, indem man sich von zu Hause zu lösen beginnt, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Es liegen zwar noch knapp drei Jahre Schule und wahrscheinlich ein Studium vor mir, aber in meinem Fall ist es so, daß meine Mutter im Oktober diesen Jahres eine Ausbildung im Bereich der Altenpflege beginnt, sozusagen als letzte Gelegenheit, aus ihrem Leben noch etwas zu machen. Für diese Ausbildung will sie nach Hessen ziehen, und da es mir lieber wäre hier in meinem Heimatort die Schule zu beenden, kann ich bei meine Großeltern bleiben.

Nun aber zu den Sachen, mit denen ich mich hauptsächlich beschäftigen möchte. Es ist ja so, daß es auch in unserer so aufgeklärten Gesellschaft eine Menge Vorurteile gegenüber Kindern geschiedener Eltern gibt. So wird zum Beispiel von vielen behauptet, solche Kinder haben Schwierigkeiten in der Schule, seien scheu im Umgang mit Menschen oder übertrieben aggressiv, haben ein gestörtes Verhältnis zu ihren Eltern und werden niemals fähig sein, selbst einmal eine glückliche Ehe zu führen.

Gegen solche Verallgemeinerungen kann man sich nur selten wehren. Was ich aber voll bestätigen kann ist, daß eine Scheidung nie ohne Nebenwirkungen, in welcher Hinsicht auch immer, verlaufen kann. Eine Scheidung scheint immerwährendes Unglück auszulösen, Scham, Zorn, Schuldgefühle, Angst und Einsamkeit. Sicherlich reagieren viele Kinder geschiedener Eltern ihre Traurigkeit und Frustationen durch schlechtes Benehmen ab, als ob sie ihre Eltern für die Scheidung bestrafen wollten. Das schlechter werden in der Schule ist dann nur die Folge eines komplizierten Problems. Aber das ist längst nicht bei allen so, was ich ja vor allem bei mir selbst sehe. Zwar bin ich während der Scheidung der dritten Ehe meiner Mutter in der achten Klasse sitzengeblieben, doch ich denke, das stand in keiner Relation zu den privaten Vorgängen in meiner Familie. Auf jeden Fall hab ich von der Wiederholung dieses Schuljahres nur Vorteile gezogen.

Nur, was ich nicht ertragen kann, sind diese ständigen Bemitleidungen von Außenstehenden, "Oh, du Ärmster, mußt ohne Vater leben", "Wie kommst du damit bloß zurecht?".

Na ja, es ist nun mal so, und damit muß ich eben leben.

Leider habe ich zu meinem leiblichem Vater keinen Kontakt mehr, ich hab keine Ahnung, woran das liegt. Mich plagt zu sehr die Angst, daß er nichts mehr von mir wissen will. Ich habe ihn nie richtig kennengelernt. Aber irgendwann will doch jeder mal wissen, "Wer bin ich, wo ist mein Ursprung?", und all diese Fragen.

Aber ich habe noch etwas erfreuliches zu berichten: Vor etwa einem Jahr hat meine Mutter mir offenbart, daß mein Vater, bevor er sie geheiratet hatte, eine Romanze mit einer Frau hatte, aus der ein Kind namens Sandra hervorging. Ich habe keine Geschwister, und deshalb fand ich es um so aufregender, eine Halbschwester zu haben. Vor genau drei Wochen hab ich mich endlich getraut, sie anzurufen und zuerst war sie natürlich ziemlich überrascht, aber wir haben uns dann recht bald getroffen und sehen uns jetzt ziemlich oft. Das witzige daran ist, daß ich meiner Mutter bis Dato noch nichts davon gesagt habe und sie ihren Eltern auch nicht.

Nicht, daß ich meiner Mutter so was nicht anvertrauen könnte, aber ich möchte mein Glück vorerst ganz für mich behalten. Ich hab sie wirklich lieb gewonnen, wie eine "echte" Schwester; sie ist mir so ähnlich, obwohl wir unter völlig verschiedenen Bedingungen aufgewachsen sind.

Ich sehe, jetzt bin ich ein bißchen vom Thema abgekommen. Abschließend möchte ich noch sagen, daß ich Scheidungen keinesfalls als etwas gutes betrachte. Es ist wohl kaum vorteilhaft, eine Scheidung mitzuerleben.

Aber man kann schlechte Erfahrungen zu seinem Vorteil verwenden. Ich hab mal gelesen, daß das emotionale und intellektuelle Wachstum bei Scheidungskindern durch familiäre Krisen beschleunigt werden kann.

Da kann ich nur zustimmen. Bei mir ist es so, daß ich aus den Erfahrungen meiner Eltern gelernt habe und Möglichkeiten finden will, wie ich Fehler meiner Eltern vermeiden kann, in meiner zukünftigen Ehe. Ich bin sehr religiös , beschäftige mich intensiv mit der heiligen Schrift und den Lehren Jesu und bin sicher, daß die Einrichtung der Ehe eine Sache ist, die ewig bestehen sollte, ewig.

Als 17 jähriger ist das natürlich leicht dahergesagt, aber ich werde alles versuchen, meine Ideen zu verwirklichen.


Lucas aus Ettal, 19 Jahre
Minidrama einer Zweidrittelfamilie

(Vorhang geht auf. Ein etwa 9 jähriges Kind sieht die neue Serie von Huckle Berry Finn im Fernsehen, macht plötzlich leiser und fragt; die Mutter ist in Hektik und antwortet)

Kind: Mama, wo war mein Vater, als ich vier Jahre alt war?

MUTTER: Was fragst du das!
Ich habe es doch gerade eilig!
Ich muß mich um meine Arbeit kümmern!
Ich bin unter Druck!

KIND: Ja, das bin ich -glaub ich- auch. Unter dem Druck deiner Laune?

MUTTER: Ich bin nicht launisch! Sei jetzt still!

(Nach ein paar Minuten)

KIND: Mama, warum ist Papa damals aus dem Haus gegangen?

MUTTER: Was, daran erinnerst du dich noch?
Wir haben uns doch geschieden, für immer!

KIND: Das darf man doch nicht oder?
Das ist böse, hat meine Lehrerin gesagt, nicht?

MUTTER: Ja, es ist böse, jedoch kann man es nun nicht mehr ändern!
Aus, vorbei.

(Nach einigen Minuten des Schweigens des Kindes, beginnt es wieder...)

KIND: Aber kann ich ihn nicht irgendwann einmal richtig kennenlernen, meinen Papa?

MUTTER: Er wohnt weit weg von hier!

KIND: Wie weit?

MUTTER: Frag mich nicht dauernd, du siehst doch, ich hab zu tun!

KIND: Aber Mama, ich hab die doch lieb.

Reflexion:

Diese kurze Abhandlung ist nicht aus meinem eigenem Leben herausgenommen. Sie ist aber auch nicht fiktiv, denn oft sind solche Gespräche auf die Gesichter der davon betroffenen Menschen gezeichnet.

Liebe ist der Mittelpunkt einer Beziehung, einer Familie mit einem Kind, einer Dreiecksbeziehung. In solch einem Dreieck reflektiert das Kind stets die erfahrene Liebe von der Mutter - vor allem in den ersten beiden Lebensjahren in der Rolle als Ernährerin - und auch vom Vater, denn seit dem Alter von vier Jahren wird er für das Kleinkind nicht nur Beschützer, sondern auch großes Idol und Vorbild sein. Fällt in diesem Dreieck durch Trennung oder Scheidung nun eine Ecke heraus , findet die reflektierte Liebe des Heranwachsenden keinen Empfänger mehr und es entstehen Spannungen. Launenhaftes Verhalten und viele Zurechtweisungen von dem nun alleinerziehenden Elternteil, welcher womöglich noch mit der Arbeit materiell unter Druck steht, können schließlich in eine stets unbefriedete, dann auch psychisch gefährdete Entwicklung des Kindes führen.


Tina und Magdalena aus Neuenheim
Scheidung

Jedes Jahr verlieren ca. 100.000 Kinder in Deutschland ihre Elternhäuser und werden zu Scheidungsweisen, deshalb ist fast jedes 10. Kind ein Scheidungskind. Bereits 1955 gab es pro Jahr 45117 Scheidungsweisen in Deutschland; 1991 hat sich die Zahl auf 91808 mehr als verdoppelt.

Im Falle einer Scheidung sollte das Kind über seine Rechte informiert sein. Das Kind darf allerdings nicht gezwungen werden, sich zu entscheiden, zu welchem Elternteil es will.

Wenn es seine Eltern gleich sehr liebt, sollte es dazu beitragen, daß keine Auseinandersetzungen um das Sorgerecht entstehen. Es wird hin und her gerissen zwischen Vater und Mutter, weil jeder das Recht auf das Kind haben will. Scheidungskinder haben mehr Probleme als die Kinder, die in normalen Familien aufwachsen. Sie leiden sehr lange unter der Scheidung und bekommen Schwierigkeiten mit dem Elternteil, bei dem sie wohnen, weil sie denken, daß sie an der Scheidung Schuld sind.

Aus Verzweiflung greifen sie zu Tabletten, Drogen, Alkohol und Zigaretten, denken an Selbstmord und neigen zu Depressionen. Das führt zum Leistungsrückgang in der Schule. Sie werden unaufmerksam, weinen oft und leiden unter Brechreizen, deshalb verlangen sie mehr Aufmerksamkeit und Liebe. Wenn Eltern ihren Kindern besser zuhören würden, auch im Falle von sich auf die Kinder beziehenden Scheidungsproblemen, würde die Anzahl der Scheidungsfälle zurück gehen, denn die Kinder haben auch schon zu manch "Wundern" verholfen.

Wenn wir das Gesetz zur Scheidung machen dürften, würde es so lauten: zuerst wird ein Treffen organisiert, um die Probleme und vielleicht auch Mißstände zu diskutieren. Vielleicht wird dort den Eltern bewußt, was sie falsch gemacht haben, oder was sie falsches vom Partner verlangt haben; dabei sollte man auch versuchen nachzugeben.

- Wenn es nicht klappt, sollten die Eltern versuchen auch etwas für ihre Kinder zu tun, z.B. einen Ausflug, der den ganzen Tag dauern soll. Sie sollten sich auch einmal Gedanken machen, was bei einer Scheidung auf die Kinder zukommt und nicht immer nur an sich denken.

- Falls das alles nichts gebracht hat, ist die Scheidung wirklich nicht zu umgehen und sollte vor Gericht geklärt werden.


Nina aus Steinhagen, 18 Jahre
Scheidungskind

Ich bin drei Jahre alt. Eine fremde Frau versucht vergeblich ein Spiel mit mir anzufangen. Aber ich will nicht, diese Frau ist mir unsymphatisch. Sie holt ein Foto aus ihrer Tasche und hält es mir unter die Nase. Es zeigt einen Ausschnitt aus dem Arbeitszimmer meines Vaters. Wo das denn sei, möchte sie wissen. "Papa", sage ich nach einigem Drängen ihrerseits, die Frau scheint endlich zufrieden, packt ihre Sachen zusammen und verschwindet für immer aus meinem Leben. Was die nächsten zehn Jahre allerdings mein Leben bestimmt, ist ihr Gutachten das sie aufgrund oben beschriebener Szene erstellt und das im Sorgerechtsstreit meiner Eltern die Richterin zu folgendem Urteil kommen läst: Da ich offensichtlich sehr an meinen Vater hänge, soll ich zu meinem Wohle die Gelegenheit haben, ihn jedes zweite Wochenende zu besuchen.

Die Realität sah leider anders aus. Jeden zweiten Samstag morgen holte er mich um 9.oo Uhr ab, wobei er immer ein viertel Stunde eher kam und im Hof laut den Motor laufen lies. Dann fuhren wir zu seinen Eltern, bei denen ich dann ohne ihm das Wochenende verbrachte.

Sonntag abends brachte er mich dann wieder zurück. Ein Vater war er für mich nicht. Er war der Mann der mich von zu Hause wegholte und auf den ich eine große Wut hatte. Meine Mutter lebte wieder mit einem Mann zusammen, den ich gern als Vater akzeptiert hätte, aber es dauerte lange bis dieser Mann mich als Tochter annahm. Da war ja noch mein leiblicher Vater, dem er seiner Meinung nach nicht einfach das Kind wegnehmen konnte ...

Jedes zweite Wochenende von zu Hause weg zu müssen, hat mich die ganzen Jahre lang stark belastet. Die Eltern meines Vaters erzählten mir bei jedem seiner Besuche, daß ich mit 12 Jahren endlich zu ihnen ziehen würde, da ich dann ja selbst entscheiden könne. Ich war damals fünf Jahre alt und hatte große Angst irgendwann zwölf Jahre alt zu werden. Ich hatte das Gefühl wie ein lebloses Ding zwischen zwei Welten hin und her geschoben zu werden, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.

In mir staute sich große Wut auf, aber ich war immer ein liebes und folgsames Kind, daß keinerlei Gefühlsausbrüche zeigte. Stattdessen bekam ich eine starke Neurodermitis und kratzte mich nachts blutig. Wenn ich damals hätte entscheiden dürfen, hätte ich mich für ein richtiges Familienleben bei meiner Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten entschieden, weitab von jemandem, der nur vor dem Gesetz mein Vater ist und sich bis auf die rein biologische Tatsache der Vaterschaft nie um mich gekümert hat.

Ich hätte viel reifer sein müssen, um unbeschadet der Problematik, die eine Scheidung für Kinder mit sich bringt, zu begegnen.

Eines jedenfalls steht fest: sollte ich jemals in die Lage kommen, mich mit Kind scheiden zu lassen, dann nehme ich es an die Hand und gehe weit fort an einen Ort, an dem man das Besuchsrecht nicht gerichtlich erzwingen kann. So viel bin ich dem Wohle eines Kindes schuldig.


Claudia aus Ettlingen, 11 Jahre

Petra wachte mitten in der Nacht auf. Sie hatte Durst. So stand sie auf und tappte in die Küche. Plötzlich hörte sie im Schlafzimmer ein Schreien. Der Vater schrie: "So geht das nicht mehr weiter. Wir müssen uns scheiden lassen. Wir sagen es den Kindern morgen früh am Frühstückstisch."

Petra fing an zu heulen. Sie rannte in ihr Zimmer. Karin, ihre kleine Schwester, die mit ihr ein Zimmer teilte, wachte auf und fragte was los sei. Petra berichtete Karin was sie gehört hatte. Auf einmal fing Karin an zu heulen. Plötzlich ging die Tür auf und die Mutter stand da. "Morgen werden wir alles besprechen, schlaft jetzt."

Karin legte sich in ihr Bett und schlief sofort ein, doch Petra konnte lange nicht einschlafen.

Am nächsten Morgen wurde Karin und Petra gesagt, daß sie - die Eltern - sich scheiden lassen, da sie sich nicht mehr verstehen.

2 Monate sind jetzt vergangen, als die Eltern sich haben scheiden lassen. Petra, Karin und ihre Mutter wohnen zusammen in einer kleinen Wohnung. Alles ist jetzt viel anders für Petra und Karin geworden.

Petras einziger Trost ist ihre kleine Schwester. Doch Petra dachte eines Abends mal nach.

Wenn ich entscheiden dürfte wie die Welt aussehen sollte, wären meine Eltern jetzt nicht geschieden!


David aus Passau, 18 Jahre:
..., scheiden tut weh

Das mir mein Vater vor nun acht Jahren eröffnete, er wolle sich von meiner Mutter scheiden lassen, war verständlicherweise ein großer Schock und warf meine bis dahin gehegte Auffassung, wir repräsentieren ebenso das Bild einer glücklichen Familie wie auch andere Familien, völlig über den Haufen.

Enttäuschen muß ich jedoch die möglicherweise aufkommende Erwartung, daß es mit meinem Leben von da an steil bergab ging, den Statistiken über Scheidungskinderkriminalität konnte ich bisher leider nicht dienen.

Natürlich hat sich nun einiges in meinem Leben geändert, so war ich vor der Scheidung mehrere Male im Jahr im Urlaub, danach war mein letzter gemeinsamer Urlaub mit meiner Mutter vor 7 Jahren. Das nächste Problem war das des Unterhalts. Nach langem Kampf vor Gericht zahlte mein Vater gerade soviel, daß wir knapp am Existenzminimum aneckten, womit natürlich auch mein Sozialleben beträchtlich beschnitten wurde.

Auf einige Ausflüge , etwa durch Einladungen von seiten mancher Schulkameraden, mußte ich leider verzichten, für eine Romfahrt in der neunten Klasse mußte sich meine Mutter auf die sehr erniedrigende Rolle einer Bittstellerin um einen Schulzuschuß begeben.

Aber ich gewöhnte mich schnell daran, auf meine Kleidung gut aufzupassen, so schnell würde ich keine neue bekommen, und wenn, dann aus zweiter Hand.

Im Jahre 1989 kam ein großes Problem auf meine Mutter, somit indirekt auch auf mich, zu: Mit meinem vollendetem 14. Lebensjahr verfiel ein Teil der Aufsichtspflicht (bis dahin galt ich ja gesetzlich als Kind, auf das aufgepasst werden mußte, Jugendliche hingegen unterliegen diesem Schutz jedoch nicht mehr), d.h. meine Mutter mußte sich nach einer Arbeit umsehen, ihr Unterhalt war ja von da an gestrichen.

Da sie nun 14 Jahre lang gezwungenermaßen keinem anderen Beruf als dem der Hausfrau/Mutter nachgegangen war, fiel dem Arbeitsamt nichts besseres ein, als sie an eine Fabrik zu vermitteln. Das waren sehr harte sechs Monate. Weil sie Schichtarbeit leisten mußte, sah ich sie praktisch während dieses Semesters nicht. Die eine Woche arbeitete sie von 14 - 23 Uhr, d.h. morgens sah ich sie vielleicht hochgerechnet eine halbe Stunde, von der Schule kam ich gerade so, daß ich sie abfahren sehen konnte und die Heimkehr erlebte ich auch nur tief schlafend. Die andere Woche fing sie um 5 Uhr morgens an - bei meinem aufwachen war sie also schon längst weg- und kam um 15 Uhr heim.

Das sie dann erschöpft und ausgelaugt war und lieber zu Bett ging, konnte ich ihr denn auch nicht verübeln.

So schlimm das auch war, ich konnte dieser Situation nicht nur schlechtes abgewinnen. Da ich wußte, wieviel Geld ein- und leider wieder herausging, bekam ich zwangsweise ein viel gesünderes Verhältnis zu dem wenigen vorhandenem Geld. Meine Mutter war zu den Geschäftszeiten nicht präsent, also "lente" ich, einkaufen zu gehen. Ich verwaltete sozusagen das Wirtschaftsgeld und ging damit, meine Mutter wird dem jederzeit zustimmen, namensgerecht um, No-name-Produkte waren und sind meist nicht vor mir sicher und ich fand, was wahrscheinlich nicht viele Kinder kannten, eine nahezu diabolische Freude daran, beim Vergleich zweier Geschäfte in dem einen ein Produkt zu einem günstigeren Preis anzutreffen als in dem anderen.

Von 1990-92 machte meine Mutter eine Umschulung, wodurch die "Besuchszeiten" bei meiner Mutter zwar familienfreundlicher, aber die Hoffnung, daß sich die finanzielle Situation zu unseren Gunsten nach oben hin verändere, nur in sehr geringem Maße erfüllt wurde.

In meiner neuen Schule, ich wechselte in der 10. Klasse wegen Umzugs dorthin, wurde ich fast wie ein zur Todesstrafe Verurteilter beäugelt, ich erhielt herzzerreißendes Mitleid, ich wurde teilweise sogar bewundert, daß ich "das so locker" wegsteckte und es mir nicht anmerken ließe, daß "meine Eltern auseinander seien".

Wie ich finde, völlig unangebrachtes einseitiges Denken. Diese Denkweise mag vielleicht darauf fußen, daß meine Schule eine Klosterschule ist, somit den Schülern durch konzentriertes kirchliches Gedankengut eine Art Scheuklappen gegenüber der "harten Realität draußen vor der Tür" eingebrannt wird.

Da ich nicht unbedingt ein Gruppenmensch bin, also kein sonderlich ausgeprägtes WIR-Gefühl besitze und somit schwer für ein geselliges Beisammensein in einem Wirtshaus oder wo auch sonst immer zu begeistern bin, wurde meiner Mutter seitens ein paar Freunden nahegelegt, sie müsse mich aus dem Haus schicken, ich andernfalls Gefahr liefe, ödipale Züge zu entwickeln. Die Bezeichnung Muttersöhnchen trifft auf mich aber wahrlich nicht zu.

Dies würde doch heißen, ich wäre allein völlig hilflos und könnte es keinen Augenblick ertragen, von meiner Mutter getrennt zu sein.

Doch wie es schon oben erwähnt - beim einkaufen - bin ich nicht hilflos. Des weiteren habe ich kochen gelernt, so das ich mich, fuhr meine Mutter etwa mal während meiner Schulzeit für ein paar Tage oder gar eine Woche oder mehr weg, sei es nun zu Verwandten oder Freunden, sehr gut über Wasser halten konnte und kann.

Was ich getan hätte, wären mir die Zügel im Jahr '85 in die Hände gelegt worden?

Zu der Zeit hätte ich natürlich wie so manch ekelhaft-unnatürlich süßes Kind in den rührseligen Fernsehgeschichten gehandelt und alle darauf angesetzt, meine Eltern wieder zusammenzukitten, nur damit sie beide da wären. Doch aus heutiger Sicht wäre das nur eine Notlösung gewesen, um mir den Anschein einer harmonischen Familie vorzugaukeln, untereinander hätten meine Eltern natürlich weiter gestritten, und so amüsant wie im "Rosenkrieg" wäre das bestimmt nicht abgelaufen.

Die Regelung, wie sie jetzt ist, halte ich für mich die einzig richtige, ich bin froh darüber, daß das Jugendamt damals meiner Mutter das Sorgerecht übertragen hatte, wir verstehen uns sehr gut, es geht bei uns eigentlich recht lustig zu, mit meinem Vater habe ich keine derartige Kongenialität, da herrschen schon große Differenzen. Übrigens habe ich mich immer gewundert, daß mich nicht diese Symtome trafen, über die überall geschrieben wird: Kriminell bin ich noch nicht geworden, in der Schule bin ich auch nicht schlecht, Kontaktschwierigkeiten habe ich auch nicht. Was mache ich bloß falsch?!

In einem Punkt bin ich schon ein bißchen geschädigt. Da sich meine einstmals engsten Vertrauten, meine Eltern, das Maß aller Dinge für mich als damals zehnjährigen sozusagen, scheiden ließen, bin ich der Vorstellung, selbst einmal zu heiraten, eher abgeneigt, aus der Vorahnung heraus, es könnte mir ebenso ergehen.

Doch wenn sich die Zeit als Rat erweist, finde ich vielleicht die richtige Partnerin die mir diese Gamophobie schon aus dem Kopf zu prügeln weiß ...


Florian aus München, 12 Jahre
Mein Leben - von der Trennung bis heute -

Mein Name ist Florian und ich bin 12 Jahre alt. Ich lebe seit meinem sechsten Lebensjahr mit meiner jüngeren Schwester bei meiner Mutter. Das zwischen meiner Mutter und meinem Vater eine tiefe Lücke klaffte bekam ich am Anfang nicht so richtig mit. Zwar vernahm ich aus meinem Bett oftmals ein Gespräch, aus dem hervorging, daß sie sich stritten.

Aber ich sagte mir, meine Eltern würden sich bald versöhnen. Ein halbes Jahr später zogen meine Schwester, meine Mutter und ich in eine größere Wohnung um, aus Platzgründen wie mir gesagt wurde. Zwar besuchte uns mein Vater, der zu dieser Zeit noch Medizin studierte häufig, doch wir Kinder witterten allmählich Gefahr. Eines der Anzeichen für eine baldige Trennung war z.B. daß mein Vater keinen Schlüssel für die Wohnung besaß, ein anderes, daß er sich bei seinen Besuchen immer weniger meiner Mutter zuwandte, ja sie sogar in einer gewissen Weise ignorierte.

Im Herbst des Jahres 1985 passierte es dann: Meine Mutter fand heraus, daß mein Vater eine Affäre mit einer Nachbarin hatte! Wutentbrannt und zugleich auch ein wenig traurig kappte sie sämtliche Verbindungen zu ihm, verbot ihm uns zu Hause zu besuchen und uns zu sehen. Ein Jahr lang herrschte absolute Funkstille zwischen ihm und uns.

Mutter ist unsere Erziehungsberechtigte. Um uns zu ernähren arbeitet sie im Krankenhaus Bogenhausen.

Meinen Vater sehe ich alle zwei Wochen, meist am Wochenende. In den Sommerferien bin ich drei Wochen bei meiner Mutter und drei Wochen bei meinem Vater. Über Sylvester fahre ich mit ihm nach Österreich, wo mein Vater mit meiner Schwester und mir einen Schiurlaub verbringt. Mit meiner Mutter und meinem Vater, der jetzt wieder eine Freundin hat, habe ich meist keine Probleme. Nur mit meiner Schwester stehe ich oft auf dem Kriegspfad.

Fortuna est domina rerum humanarum

Meine Lösung des Problems wäre:

Ich hätte genauso gehandelt wie meine Mutter. Ich verstehe nämlich nicht, wieso mein Vater uns das angetan hat. Er hätte meine Mutter informieren müssen und sie nicht belügen dürfen. Ich hätte an seiner Stelle mit meiner Mutter geredet und hätte sie um Verzeihung gebeten.

Statt dessen lief er davon. Auch mit der derzeitigen Regelung bin ich vollauf zufrieden.


Julia aus Dettelbach, 11 Jahre
Aischas Flucht

Erleichtert kletterte Aischa aus der Kommodentür heraus. Sie mußten nur noch die ungarisch-bulgarische Grenze passieren, dann waren sie in Bulgarien und somit bei ihrer Mutter, die seit einigen Wochen wieder in Varna lebte. "Leg dich etwas hin", sagte die alte Zigeunerin und schob Aischa auf das kleine Sofa, das im hinteren Teil des Wohnwagens Platzherr war. Aischa war erschöpft, denn in der Kommode war es sehr eng gewesen. Sie legte sich auf das Flicken übersäte Sofa und verfiel in eine Art Halbschlaf, in dem sie ein seltsamer Traum überkam; ihr Lebenslauf:

In Varna war alles noch sehr schön gewesen, doch plötzlich hatte ihr Vater seinen Arbeitsplatz verloren und war arbeitslos geworden. Viele Wochen voll Hunger und Hoffnung gingen an Aischa vorbei, doch da ihr Vater keine Arbeit finden konnte, beschlossen sie und ihre Eltern nach Deutschland auszuwandern, wo sie sich ein besseres Leben wünschten.

Aber als sie fast eine Woche lang dort waren, kam ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben. Nach langer Trauer lernte ihre Mutter einen anderen Mann kennen, der ihr gut gefiel und kurz darauf heiratetet die beiden. Doch das Glück währte nicht lange. Immer häufiger stritten sich ihre Mutter mit ihrem Pflegevater und schließlich ließen sie sich scheiden.

Von diesem Zeitpunkt an begann Aischas schlimmster Lebensabschnitt.

Ihre Mutter wurde wieder nach Bulgarien ausgewiesen. Zuerst freute Aischa sich sehr, denn sie hatte sich von Deutschland falsche Vorstellungen gemacht. Sie wollte anstatt ein gemäßigtes und eingeteiltes Leben zu führen, lieber vor ihrem Haus mit ihren Freunden spielen oder über den Obstmarkt laufen, auf die Feigenbäume klettern und im Schwarzen Meer baden gehen.

Doch aus seltsamen Umständen wurde Aischas Pflegevater das Sorgerecht zugesprochen. Nun war sie ohne ihre Mutter in einem fremden Land, bei einem fast fremden Pflegevater und in einer fremden Umgebung. Aischa wurde in ein Internat gesteckt, wo sie wenig Ausgang hatte und viele Dinge lernen sollte. Jeder Tag war eingeteilt:

Früh mußte sie zum Schulunterricht, nach dem Mittagessen die Hausaufgaben erledigen und der Nachmittag stand ihr allein zur Verfügung. Doch eines Tages kamen die Zigeuner in die Stadt. Jede freie Minute verbrachte Aischa bei ihnen, denn das unbeschwerte Leben der Zigeuner erinnerte sie an ihre Heimat und eines Tages, als sie wieder einmal einen Besuch am Zigeunercamp abstattete, teilte man ihr mit, daß die Zigeuner nach Bulgarien weiterreisen würden. Aischa überlegte nicht lange. Sie mußte alles darauf setzen wieder zu ihrer Mutter zu kommen. Die Zigeuner erlaubten ihr sich ihnen anzuschließen und am Morgen ging die Fahrt los. Jeden Tag ließen sie eine Grenze hinter sich. Aischa mußte jedesmal in eine Kommode klettern, weil ihr Pflegevater ihren Paß verwahrte. Doch in einem kleinen Ungarischen Grenzort wurde die Wagenkolonne von der Polizei gestoppt.

Als man Aischa entdeckte, brachte man sie sogleich zur Polizeiwache, wo ihr Pflegevater sie mit einer gewaltigen Strafpredigt empfing. Dann fuhren beide mit dem Zug nach Deutschland zurück. Bei dieser Fahrt verlor Aischa nicht nur ihren Mut, sondern auch die Hoffnung jemals nach Bulgarien zu kommen, zu ihren Freunden - vor allem zu ihrer Mutter.


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