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Kinder in Angst und Schrecken

Bild der Wissenschaft online, 20.12.2000 Zeitalter der Angst - Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter chronischer Angst Völlig normale Kinder weisen Symptome auf wie solche, die in den 50er Jahren als psychisch krank galten - "(...) Besonders belastend ist die zunehmende soziale Isolation. So führte während des Untersuchungszeitraums eine stetig wachsende Scheidungsrate zu weniger intensiven sozialen Kontakten. Allein zu leben, sagt Twenge, gibt den Betroffenen zwar auf der einen Seite einen größeren individuellen Spielraum, auf der anderen Seite wächst aber der Druck, die damit einhergehende Isoliertheit zu verarbeiten. ..."

DIE WELT 17.12.2000 Kinder werden immer ängstlicher - Ärtze beobachten einen dramatischen Anstieg der Ängste und Depressionen bei Heranwachsenden - "(...) Als Gründe für die Zunahme von Ängstlichkeit und Depressionen bei Kindern vermutet US-Psychiaterin Twenge vor allem (...) aber die Abnahme sozialer Bindungen. Früher, sagt Professor Goodwin, wuchsen Kinder im Netzwerk der Familie auf (...)"


GREENPEACE Magazin 6/00, Seiten 30-31
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Die großen Sorgen der kleinen Seelen
Rund eine Million Kinder ringen in Deutschland um ihre psychische Balance.

Von mancher Seelenpein ihrer Kinder haben viele Eltern offenbar keine Ahnung: Als Kölner Wissenschaftler 1757 Jugendliche nach psychischen Problemen fragten, gestand die Mehrzahl der Elf- bis 18-Jährigen ein, dass sie unter Ängsten, Depressionen oder Zwängen litten. Ihre Eltern hatten lediglich Schul- und Beziehungsprobleme, trotziges oder unkonzentriertes Verhalten bemerkt. Dabei übertrieben die Heranwachsenden ihre Probleme keineswegs, betont die Psychologin Julia Plück, die gemeinsam mit Kollegen die Studie leitete. "Die Kinder sagten schließlich Dinge über sich selbst, die niemand gerne zugibt."

Mittlerweile zeigt ein Fünftel aller Kindergartenkinder zwischen drei und sechs Jahren Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen, Konzentrationsprobleme oder Ängstlichkeit. Zwar fehlen vergleichbare Statistiken von früher. Professor Christian Eggers weiß jedoch aus 21 Jahren Erfahrung als Kinder- und Jugendpsychiater an der Essener Uniklinik, dass sich die Situation verschärft hat. Sein Berufsverband schätzt die Zahl der taumelnden Kinderseelen auf inzwischen rund eine Million. Vor allem depressives und destruktives Verhalten nimmt zu, aber auch Drogenmissbrauch und Essstörungen. Seelisches Leid maskiert sich bei Jungen und Mädchen unterschiedlich: Während männliche Heranwachsende oft gewalttätig werden - von Fachleuten "acting out" genannt -. ziehen sich Mädchen in ihr Schneckenhaus zurück. Viele hungern bis zum Umfallen, manche verletzen sich selbst, schlitzen sich etwa Arme und Beine auf.

"Die Kinder erfahren Leere und Langeweile," sagt Christian Eggers, "dadurch sind sie seelisch verarmt." Wer den Schmerz nicht aushalte, bedrohe oftmals andere oder verweigere und schwänze die Schule - solange, bis jemand den Hilferuf höre. Eggers, der auch als Gutachter im Prozess gegen die jugendlichen Brandstifter von Solingen auftrat, scheut sich nicht vor simpel anmutenden Erklärungen: Den Kindern fehle die "gemüthafte Bindung in der Familie". Wo früher vorgelesen, gespielt und gemeinsam gewandert wurde, regierten heute Fernsehschocker und Computerspiele Jugendforscher wie der Bielefelder Klaus Hurrelmann beklagen, dass Kinder heute zu viel Stress, zu wenig Schlaf und zuwenig Bewegung haben. Laut Hurrelmann greift ein Drittel der Grundschüler - angeregt und unterstützt durch ihre Eltern - regelmäßig zu Schmerz-, Aufputsch- oder Beruhigungsmitteln.

Kein rein deutsches Problem: Die US-amerikanische Ärzte Zeitschrift JAMA veröffentlichte jüngst eine Studie, wonach sich die Zahl der Zwei- bis Vierjährigen, die Psychopharmaka schlucken, zwischen 1991 und 1995 verdreifacht habe. An der Spitze der Verschreibungen steht dabei das Aufputschmittel Ritalin, das Kindern hilft, die an Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität leiden. Amerikanische Spezialisten rechnen damit, dass inzwischen jedes dritte bis siebte Kind unter sieben Jahren entsprechende Symptome aufweist. Das würde bedeuten, dass allein in den USA sechs bis neun Millionen kleine Zappelphilippe leben.

Ein Fünftel aller Kinder zwischen drei und sechs Jahren leidet unter Angst, Aggressionen oder Konzentrationsschwäche.

Allerdings sind psychische Erkrankungen bei jüngeren Kindern schwer zu diagnostizieren. Die Mehrzahl der deutschen Experten schätzt die Zahl hyperaktiver Schulkinder hier vorsichtiger auf maximal sieben Prozent - was freilich immer noch 630.000 Fällen entspräche. Was die Kinder so zappelig macht, ist unklar. Erklärungsversuche reichen von Hirnschäden und Gendefekten über falsche Ernährung und Bewegungsmangel bis zu Reizüberflutung. Möglicherweise liegt der Fehler aber auch bei den Ärzten. Michael Huss von der Berliner Charité moniert, die Mode-Diagnose Hyperaktivität werde allzu leichtfertig gestellt. Er lehnt das Verschreiben der poppig-gelben Ritalin-Dragees, die als Nebenwirkung Schlaf und Appetit rauben können, zwar nicht ab, rät aber bei Kindern zu Zurückhaltung - zumal das Medikament süchtig machen kann.

Vorerst also bleiben Psycho-Pillen für Kinder ein Bombengeschäft. Novartis beispielsweise hat den Absatz von Ritalin im vergangenen Jahrzehnt weltweit um 700 Prozent gesteigert. Auf den Markt mit den kranken Kindern sind auch andere Firmen scharf - manchmal erfolglos. So musste die Biotech-Firma Cephalon jüngst einen Einbruch ihrer Aktienkurse hinnehmen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ihr Wachhaltemedikament Provigil nicht gegen kindliche Hyperaktivität hilft.

Damit die Psyche der Kinder erst gar nicht krank wird, setzen viele auf die Schule. Die Weltgesundheitsorganisation finanziert Unterrichtsprogramme, in denen sich Schulkinder ein stabileres Selbstbewusstsein antrainieren sollen. Jugendforscher Hurrelmann fordert sogar ein eigenes Fach "Gesundheitserziehung", das Stressmanagement und vernünftiges Essverhalten lehrt. Womöglich ist der Klassenraum jedoch der falsche Ort, um mit Pubertierenden über psychische Probleme zu reden. Diese Erfahrung machte Psychologe Rolf Manz, als er das an der Universität Dresden entwickelte Programm "GO! Für Gesundheit und Optimismus" sächsischen Schülern nahebringen wollte. Sobald Manz die 15- bis 17-Jährigen auf heikle Themen wie Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht ansprach, brach allgemeines Kichern aus. "Niemand redet über sich, wenn er fürchten muss, dass die Probleme in der Pause auf dem Schulhof platt getreten werden", bilanziert Manz. Der Dresdner will künftig mit sogenannten "at risk"-Gruppen arbeiten - Kindern und Jugendlichen, deren Leidensdruck stark genug ist, dass sie Hilfsangeboten offen gegenüberstehen.

KERSTEN BRODE

Kranke Babys als Testobjekt

Manchmal kommt Martin Hulpke-Wette gerade noch rechtzeitig. Wenn den erfahrenen Kinderarzt nachts etwa ein Kollege von der Intensivstation anruft und fragt, welche Dosis eines Medikaments der frisch am Herzen operierte Säugling wohl verträgt. "Hätte das Kind wie bereits angesetzt die dreifache Dosis bekommen, wäre es an Nierenversagen gestorben", sagt Hulpke-Wette, der seit elf Jahren an der Unikinderklinik in Göttingen arbeitet. Er vermutet, dass jedes Jahr die Gesundheit zahlloser junger Patienten riskiert wird, weil spezielle Kinderarzneien fehlen und die Ärzte am Krankenbett experimentieren müssen. Denn 80 Prozent aller Arzneimittel, die Kinder bekommen, sind nicht für sie getestet - egal ob Schmerzzäpfchen oder Antitumormittel. Arzneien für Erwachsene werden jahrelang geprüft, bevor sie zugelassen werden - in der Regel an 20- bis 40-jährigen Probanden. Babys, Kleinkinder und Teenager bleiben außen vor. Das Arzneimittelrecht fordert solche Prüfungen nicht.

Nun rebelliert die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Sie fordert kindgerechte Prüfverfahren. Doch die Pharmaindustrie winkt ab. Für sie sind die 16 Millionen Kinder hier zu Lande kein lohnendes Geschäft, denn schwere Leiden sind selten bei ihnen und die Arzneimittelumsätze damit begrenzt. In den USA lockt die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Industrie deshalb mit dem Bonusprinzip. Firmen, die sich verpflichten, Arzneimittel auch für Kinder zu testen, genießen längeren Patentschutz. Und Kliniken, die sich auf pharmakologische Studien spezialisieren, erhalten einen Zuschuss. Ein Modell, das nach Vorstellung der Kinderärzte auch in Europa Schule machen könnte.


Weser-Kurier vom 05.01.2001
Männer sind weitaus mehr als nur Erzeuger
Bremer Autor wertete wissenschaftliche Studien über die Bedeutung von Vätern für die Erziehung aus
Von unserem Redakteur Jürgen Wentler

Bremen. „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr." Dieser Satz von Wilhelm Busch ist offenbar zutreffender denn je. Wer ein guter Vater sein will, muss sich anstrengen, doch oft ist es damit nicht getan. Nach Trennungen und Scheidungen fällt es vielen Vätern schwer, weiterhin den Kontakt mit ihren Kindern zu pflegen - ein Problem, das schwerwiegende Folgen haben kann, wie nicht nur der Bremer Autor Detlef Ax betont.

Ax ist 33 Jahre alt und arbeitet als Sozialpädagoge seit langem mit Kindern und Jugendlichen. Unter dem Titel „Verwundete Männer. Zu vaterloser Kultur und männlicher Identität in den westlichen Industriestaaten" [ISBN 3-89821-041-3; Paperback; 39,80 DM] hat er jetzt im Stuttgarter ibidem-Verlag ein Buch veröffentlicht, das all das akribisch auflistet, was Forscher weltweit an Erkenntnissen über die Bedeutung des Vaters gesammelt haben.

Man muss sich nicht in die Steinzeit zurückversetzen, um zu erkennen, dass sich auch die Vaterrolle verändert. Noch vor wenigen Jahrhunderten arbeiteten die Menschen in der Regel dort, wo sie lebten. Das Sagen in den meist bäuerlichen Haushalten hatte der Vater, Kinder wurden nebenbei erzogen und arbeiteten schon im Alter von wenigen Jahren mit.

Mit der industriellen Revolution im ausgehenden 18. Jahrhundert, der Entstehung von Fabriken und Industrieunternehmen, begannen immer mehr Väter einen Großteil ihrer Zeit außer Haus zu verbringen. Die Folgen dieser Entwicklung sind laut Ax auch heute noch zu erkennen: „Erziehung ge schieht weitgehend durch Frauen in Familie und Kindertagesstätten. Als Vorbilder für Jungen dienen abstrakte Medienhelden und Jugendgangs."

Als Inbegriff einer ebenso modernen wie fragwürdigen Sichtweise erscheint dem Bre- mer die Schauspielerin Jodie Foster. Sie hat- te sich mit Hilfe einer Samenspende den Wunsch nach einem Kind erfüllt, eine Beziehung zu einem Mann wollte sie nicht. „Dem Kind wird offensichtlich die überfordernde Aufgabe zugewiesen, für die Mutter Erfüllung zu sein", sagt Ax dazu. Bei einer Vielzahl von Untersuchungen hat sich gezeigt, wozu eine solche Überforderung in vielen Fällen führt. Mädchen, die ohne Vater aufwachsen, leiden häufiger unter einem gestörten Selbstbewusstsein, werden öfter schon in sehr jungen Jahren schwanger und verlassen häufiger ohne Abschluss die Schule. Jungen, die ohne Vater auskommen müssen, neigen eher zu Gewalttätigkeit, bekommen leichter Schwierigkeiten in der Schule, werden häufiger kriminell und schließen sich eher Teenagergangs an.

Wie Ax betont, spielen Väter bei der Herausbildung der männlichen Identität von Jungen eine entscheidende Rolle. Fehle der väterliche Einfluss, so führe dies nicht selten zu einer erhöhten Anfälligkeit für Ersatzfiguren wie Gurus, Gangleader und politische Führer. Angesichts der steigenden Scheidungszahlen - jede dritte bis vierte Ehe wird inzwischen geschieden - und der Tatsache, dass der Kontakt zwischen Vätern und Kindern häufig nach der Scheidung abbricht, könnte sich dieses Problem noch verschärfen.

Der Bremer Autor glaubt gute Gründe für die Annahme zu haben, dass zwischen „vaterloser Kultur" und der "destruktiven Lebensweise " vieler Jungen und Männer ein enger Zusammenhang besteht. Weil der Vater fehlt, werden andere wichtiger. Doch was in der Gesellschaft als männlich gilt, muss deshalb noch längst nicht richtig sein. Viel Alkohol zu trinken, sich nicht um seine Ernährung zu kümmern, keine Gefühle zu zeigen oder gesundheitliche Probleme zu ignorieren kann böse Folgen haben: Nicht von ungefähr haben Männer eine geringere Lebenserwartung als Frauen.

Um das Blatt zu wenden, bedarf es laut Ax gesellschaftlicher Veränderungen. Männer und Frauen müssten sich stärker als bislang Erwerbs-, Haus- und Erziehungsarbeit teilen.

Folgt man dem Hamburger Magazin "Geo", so gibt es mittlerweile tatsächlich einen deutlichen Trend in diese Richtung. In der Januar-Ausgabe des Magazins ist von der "Re-Familiarisierung" des Mannes die Rede. Männer übernähmen mehr häusliche Aufgaben, die Zahl der Hausmänner und Tagesväter sei gestiegen. Und: Väter seien für Kinder nicht nur weitaus wichtiger als lange Zeit angenommen, sondern zudem besser als ihr Ruf.


BILD-Serie Januar 2001: Schicksal Scheidungskind - 8.-10.1.001

"Unsere Kinder sind kaputt !"


Siehe zum Thema auch schon Scheidungs-/Trennungsfolgen für die Kinder - Presseberichte 1999/2000


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Stand dieser Seite: 17.02.2001 - Fundstelle: http://www.paPPa.com/kinder/kinder-psyche.htm

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