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Kölner Stadtanzeiger vom 23. März 1998 - Auszüge
Immer mehr Kinder sind lebensmüde
- Erziehungsberatung: Dramatischer Wandel der Probleme
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Von unserem Redakteur Jürgen Wase
An Schuldzuweisungen fehlt es nicht, die Ursachen kann indes niemand genau bezeichnen. Nur eines steht fest: Das Klima ist wesentlich rauher geworden. "Drastischer und dramatischer", sagt Egon Schleusener, Leiter der katholischen Erziehungsberatungsstelle, seien die Probleme geworden, denen sich Eltern und Pädagogen - und letztlich die Berater gegenübersehen. Und das äußert sich zum Beispiel so:
Eine "erschreckende Entwicklung", wie Schleusener und seine Kolleg(inn)en feststellen müssen, und eine zumal, die immer schwieriger steuer- und beherrschbar erscheint. Als laufe diese Entwicklung unmittelbar parallel zur allgemeinen Tendenz in der Wirtschaft und Gesellschaft, vollzieht sich ein immer schnellerer Wandel auch der sozialen Probleme. Der Leiter der Erziehungsberatung erinnert sich noch - gleichsam wehmütig - der Situation vor Jahren, als Eltern die Beratung aufsuchten, weil ihre Kinder "nur" trotzten, sich bockig und ungehorsam zeigten. Schleusener: "Heute geht es viel härter zur Sache."
Kinder, die nach Trennung und Scheidung ihrer Eltern in ein tiefes Loch fallen; sexueller Mißbrauch und/oder Gewalt in der Familie, zunehmend viele Alleinerziehende, die kaum wissen, wie sie ihre Kinder durchbringen sollen - das ist das dunkle Szenario, in das die Experten Licht bringen sollen. Wie ein böser Indikator mutet vor solchem Hintergrund an, daß die Zahl der selbstmordgefährdeten Kinder und Jugendlichen in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen ist; im vergangenen Jahr wurden allein 24 solcher Fälle gezählt. Und all diese statistischen Angaben stellen nur die "Spitze des Eisbergs" dar, wie auch Andrea Röhrig, Sozialpädagogin, und Familientherapeut Friedhelm Müller versichern.
(...)
Bei der ohnehin steigenden Zahl von Beratungs- und Therapiestunden - fast 3000 waren es im vergangenen Jahr - erwartet die Beratungsstelle künftig einen zusätzlichen Schub, ausgelöst durch das neue Kindschaftsrecht: Im Fall einer Trennung sollen Eltern sich außergerichtlich über das Sorgerecht einigen - und dabei besonders die Hilfe von Beratungsstellen in Anspruch nehmen.
Siehe auch: Karin Jäckel, Furcht vor dem Leben - Wenn Jugendliche den Tod als einzigen Ausweg sehen