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Frankfurter Neue Presse vom 30. Mai 98

 

Mehr Brutalität und Kinder-Kriminalität

Bonn. Mehr als 144 000 Kinder unter 14 Jahren sind im vergangenen Jahr als Straftäter ermittelt worden, 10,1 Prozent mehr als 1996. Zur Hälfte seien sie als Ladendiebe aufgefallen, sagte Bundesinnenminister Manfred Kanther bei der Vorstellung der Kriminalstatistik für 1997.

 Auch Gewalttaten wie Straßenraub oder schwere Körperverletzung stiegen um knapp vier Prozent, darunter die gefährliche und schwere Körperverletzung um 4,8 Prozent und der Straßenraub um 3,1 Prozent.

 Opfer bekanntgewordener Gewalttaten wurden im vergangenen Jahr 208 249 Menschen in Deutschland, knapp 8000 oder vier Prozent mehr als 1996.

 Insgesamt registrierte die Polizei einen Rückgang der Straftaten um 0,9 Prozent auf fast 6,59 Millionen. Die Aufklärungsquote stieg auf 50,6 Prozent, den höchsten Stand seit 1969.

 Die weitere Zunahme der Zahl von Kindern und Jugendlichen, die einer Straftat verdächtigt werden, bezeichnete der Innenminister als besorgniserregend. Außer den tatverdächtigen Kindern registrierte die Polizei auch 5,4 Prozent mehr Verdächtige zwischen 14 und 18 Jahren.

 Der hohe Anteil von Ladendiebstählen zeige, wie "völlig abwegig" es wäre, dieses "Einstiegsdelikt" zu bagatellisieren, sagte Kanther. Richtig sei eine schnelle Verurteilung, die Ersttäter von einer Wiederholung abhalte.

 Die Zahl des polizeilich bekannten sexuellen Mißbrauchs von Kindern stieg um 7,7 Prozent und die der Vergewaltigungen um 6,6 Prozent. Allerdings sind nach Ansicht von Experten gerade diese Straftaten stark von Anzeigen der Betroffenen und der Bevölkerung angesichts aktueller Fälle abhängig, so daß unklar ist, wie stark ihre Zahl tatsächlich zunahm. Der registrierte Kindesmißbrauch in ganz Deutschland lag 1997 so hoch wie 1970 in der damaligen Bundesrepublik alleine.

 Beim Diebstahl, dem mit rund 3,5 Millionen Straftaten häufigsten Delikt, verzeichnete die Polizei eine unterschiedliche Entwicklung: Der einfache Diebstahl ging um sieben Prozent zurück, schwerer Diebstahl stieg dagegen leicht um 0,8 Prozent. Beim Ladendiebstahl wurden 3,2 Prozent mehr Fälle erfaßt.

 Insgesamt ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr 2,27 Millionen Tatverdächtige, 2,7 Prozent mehr als 1996.

 Dabei nahm die Zahl der deutschen Tatverdächtigen um 3,3 Prozent und die der Ausländer um 1,3 Prozent zu.

 27,9 Prozent aller Verdächtigen hatten nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Es handelte sich überwiegend um durchreisende Ausländer, Illegale oder abgelehnte Asylbewerber - und arbeitslose Jugendliche.

 Die Kriminalitätsbekämpfung könne nie isoliert gesehen werden, sagte SPD-Innen-Experte Otto Schily. Die hohe Zahl der Ladendiebstähle von Kindern aufzulisten, ohne die eine Million Kinder in Sozialhilfehaushalten zu erwähnen, reiche nicht aus.