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Mein Kind ist kaputt ...
Niemand hat geholfen !
- Oder: Wie die deutsche Justiz ihrem "Wächteramt"
für Kinder nachkommt ...
PAS-Fall "Mutter ohne Sohn" - Auszüge aus: Matthias Matussek, Die vaterlose Gesellschaft - Briefe, Berichte, Essays, Rowohlt, 1999 - gleichzeitig paPPa.com-Fallsammlung - Nr. 53 - Wenn die Mutter entzogen wird. - Stand Ende 1998
Monika V. ist Mutter von drei Kindern, zwei Töchter aus erster Ehe, inzwischen erwachsen - und ein Sohn, Matthias, heute 14 Jahre. Nach langjähriger Ehehölle mit H. - zuletzt lebt die 5-köpfige Familie in Italien - geht Monika V. mit ihren beiden Töchtern zurück nach Deutschland, den Sohn lässt sie beim Vater. Ohne Unterstützung durch ihren Ex-Mann baut sie sich und den beiden Kindern mühsam eine neue Existenz auf.
Der Kontakt mit Sohn Matthias läuft schleppend. Dann darf er doch besuchsweise zur Mutter - und entschliesst sich zunächst zu bleiben. Der Vater reist an - und Matthias will doch wieder mit ihm gehen. Seitdem hat Monika V. keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Jetzt hat auch sie ein Kind, dass sie "nicht mehr sehen will".
Meine Situation: Ich habe keinerlei Kontakt zu meinem 14jährigen Sohn, der im Ausland lebt, noch nicht mal ein aktuelles Foto. Ich zahle Unterhalt, lebe hier, trotz gutem Verdienst, mit zwei weiteren Kindern am Rande des Existenzminimums, mein Ex-Mann arbeitet nicht, weil er von seinen Zinsen lebt - ich habe aus der Ehe noch nicht mal einen Waschlappen mitgenommen und ... ich bin Meisterin in Verdrängen geworden, wenn ich nicht gerade am Verzweifeln bin. Mein einziges Verbrechen: Ich habe geheiratet und für mich war es Liebe.
Womit soll ich anfangen ? Mit meinen Träumen und Vorstellungen einer glücklichen Familie, die ich als 14jährige hatte oder gleich mit heute Morgen, als ich meinen Arbeitgeber angerufen habe, um ihm mitzuteilen, dass ich in meinem Zustand nicht in der Lage bin, das Haus zu verlassen?
Nein, es ist nichts passiert, es überkommt mich manchmal "grundlos". Ich wache mitten in der Nacht auf und spüre im Halbschlaf Wut und Trauer. Eine interessante Mischung, die einem die Nerven raubt. Mittlerweile habe ich mich recht gut im Griff, ich habe gelernt, damit umzugehen. Ein Schulterzucken hier, eine Verdrängung dort und ein gutes Papiertaschentuch und raus in die Welt. Ich funktioniere meistens gut.
Ein Blick auf die Uhr - in einer Stunde muss ich hier weg und wenn ich die Sonnenbrille aufsetze wird man nichts merken, schnell, abtrocknen, anziehen, Haare trocknen, was steht heute an?
Eine halbe Stunde später liege ich immer noch in dieser verfluchten Wanne und heule noch mehr. OK, ich komme zu spät, na und ? Wirklich raus, wirklich abtrocknen, wirklich Haare trocknen, und dann eine Zigarette, und noch eine und noch eine und noch ... die Uhr ! Jetzt ist alles zu spät. Monika, Du hättest vor einer Stunde schon am Arbeitsplatz sitzen müssen und Du sitzt hier und Du weinst und weinst und weinst.
Im Januar ist es fünf Jahre her. Es war der 3. Januar 1994 um 8 Uhr 10. Da habe ich meinen 9jährigen Sohn verlassen, verraten, im Stich gelassen.
Oder habe ich das Leben von fünf Personen gerettet, in dem ich mir die zwei wehrlosesten geschnappt habe und sie weit, weit weg vor dem Unheil gebracht habe?
Heute würde ich anders handeln, aber heute bin ich auch eine Andere. Ich bin nicht mehr verheiratet, ich habe eine ganze Menge ganz alleine auf die Beine gestellt. Ich würde mich nicht mehr tagtäglich anhören wollen wie dumm, unfähig, unattraktiv und unausgeglichen ich bin. Das ist endgültig vorbei. Und das war ausschließlich meine Schuld. Ich war es, die es zugelassen hatte, warum auch immer.
Ich war bereits zum zweiten Mal verheiratet. Aus der ersten Verbindung habe ich zwei Töchter. Mein erster Mann war zum Zeitpunkt der Trennung 30 Jahre alt. Er war bestimmt kein schlechter Mensch. Leider war ich es, die nicht in der Lage war zu erkennen, dass er mit dem Leben und mit der hiesigen Gesellschaft nicht zurecht kommen konnte. Wir haben uns beide aneinander geklammert, und ich glaube auch, dass wir uns geliebt haben. Wir bekamen diese beiden Kindern, sie waren erwünscht und ich denke, wir haben es miteinander auch wunderbar geschafft, ein kleines eigenes Reich hinzubiegen.
Irgendwann hat er sich zu einer Sekte bekehrt und übernahm nach seiner neuen Namensgebung auch eine neue Identität. Wir haben uns getrennt, er ist seinen Weg weitergegangen, und vermutlich war es für ihn auch der Richtige, denn er ist heute noch dabei. Die Kinder blieben bei mir, da sie in der Sekte nichts verloren hatten.
Stolz betone ich, dass ich niemals Unterhaltszahlungen von meinem ersten Mann erhalten habe, weder für mich, noch für die Kinder, dass die Scheidung niemanden ruinierte, demoralisierte, oder sonstwie am Rande des Abgrundes gerichtet hat. Ich war einfach zu jung, als ich das erste Mal geheiratet habe, heilfroh einer schlechten Kindheit voller Elend, Missbrauch, samt Waisenhaus- und Heimaufenthalten entfliehen zu können, um endlich eine eigene, schöne und warme Familie zu haben.
Um zu leben, habe ich abends in einem Restaurant als Kellnerin gearbeitet, meine Babysitter erhielten grundsätzlich immer die Hälfte meines Tageseinkommens, das war abgemachte Sache, womit wir beide prima zurechtkamen. Gab es weniger, dann betraf es uns beide, gab es mehr, dann haben beide davon profitiert. Und damit war die Miete und die festen Kosten abgesichert. Für den sonstigen Lebensunterhalt habe ich während meine freien Tage über Übersetzungen gegrübelt, die wurden recht gut bezahlt, dafür waren aber die Aufträge nicht sicher. Natürlich war die ganze Situation nicht einfach, aber im Grunde eine gerechte Angelegenheit. Niemand hat sich irgendwie jemanden gegenüber schuldig gefühlt.
Als frisch geschiedene junge Frau von 25 Jahren lernte ich H. kennen. Er wollte mich unbedingt haben - und ich hatte es satt, ständig in diesem täglichen Provisorium hin und her zu pendeln - und liebte ich ihn, und er versprach mir, endlich eine richtiges, anständiges Familienleben zu führen. Wir würden eine grosse Wohnung nehmen und ein eigenes drittes Kind haben. Ich habe es gerne getan und ich war glücklich - Mutter von drei Kindern, keine finanziellen Sorgen mehr, ein Mann, um dem ich mich kümmern wollte. Bis zuletzt habe ich alles gegeben, um diese Beziehung aufrechtzuerhalten und ich habe auch bis zuletzt geliebt.
Schon immer sprach er davon, dass er "aussteigen" wollte, raus aus Deutschland, und eines Tages war es tatsächlich so weit. Er hatte angespart, eine Erbschaft war ihm zugefallen, und wir zogen um nach Italien, wo er sich auf dem Lande ein Haus gekauft hatte.
Am Beginn unserer Ehe konnte ich nicht voraussehen, wie er sich entpuppen würde. Aber: H. war Alkoholiker und er begann, sich zu verändern. Er begann, mich und die zwei Kinder, die ich in der Ehe mitgebracht hatte, zu Sündenböcken zu machen für alles, was ihm missriet. Was auch geschah, es war für ihm nie richtig, nie gut genug - am Ende funktionierten wir alle auf sein Kommando. Kein Tag verging ohne Kränkung, ohne Drohung. Er war einfach nur gemein.
Er zwang uns zu reden, bzw. zu schweigen, zu lachen, bestimmte Wörter zu benutzen, bzw. nicht zu benutzen ... Wir durften nicht essen, wir durften nicht baden, wir mussten auf Kommando erscheinen und schwere Arbeit verrichten, Betonsäcke schleppen, schwere Metallbalken transportiere. Er schlug mit Absicht meine jüngste Tochter mit solch einer Platte und stieß Morddrohungen aus. Sie fiel um und konnte eine Weile nicht mehr aufstehen. Es war unbeschreiblich schlimm. Ich spüre heute noch den Hass in mir, wenn ich darüber schreibe ... Und alle haben zugesehen, auch Matthias, unser Sohn.
Täglich gab es Tränen, die Familie war krank. Alle haben sich behandeln lassen, nur er, der es am meisten nötig gehabt hätte, hat sich hartnäckig geweigert - und tut es bis heute noch.
Zwischendurch hat er versucht, sich zumindest für einige Stunden zu ändern. Dann gab es immer Versprechungen: "Ich liebe Dich doch" und "Ich werde immer für euch sorgen" und "Du sollst wissen, dass mich die Sorge um Euch noch in dem Wahnsinn treibt", aber "Ich werde mein Bestes geben, es tut mir so leid". Ich habe es immer geglaubt und mich daran festgehalten.
Im Laufe solcher Jahren vergisst man seinen Verstand. Ich stand völlig neben mir, nur noch damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass alles zu seiner Zufriedenheit bereitläge, falls er unerwartet kontrollieren kommen sollte.
So kam es, dass er am Ende mich und meine zwei Töchter von heute auf morgen - am 3 Januar 1994 um 8 Uhr 05 war es - ich werde das nie vergessen - mitten im einem Acker in Italien ausgesetzt hat. So, das war's. Ich wusste wirklich nicht wohin. Ich hatte keine Wohnung, ich hatte kein Geld, ich hatte keine Arbeit. Nur Kummer und Angst und meine zwei Töchter, die damals 15 und 17 Jahre alt waren.
In dieser Situation habe ich überraschenderweise eine Chance gesehen. Eine Chance zu einem neuen Leben. Und ich habe die Chance genutzt. Alles innerhalb von Sekunden. Die Sonne schien, die Natur um uns herum war wie immer unverändert: Es hat Peng! gemacht und ich habe mich gespürt - zum ersten Mal. Ich dachte zum ersten Mal "Ich".
Und unser Sohn? Er ist heute 14 Jahre alt. Bis zum 3. Januar 1994 war ich seine Mutter und habe mir dabei nicht viel gedacht - es war normal sozusagen, ihm jeden Tag zu sehen, mit ihm zu sprechen, ihm zu beschäftigen, seine Kleider zurechtzulegen, seine Vorlieben für bestimmte Lebensmittel zu berücksichtigen, seine Schrammen zu versorgen, sein Zimmer aufzuräumen ...
Nach dem 4. Januar 1994 war alles anders. Als ich auf dem Acker stand, hatte ich zwei entsetze Kinder neben mir stehen, auf meiner linken Seite, die mit grossen Augen um mein Leben zu fürchten schienen ... Rechts von mir stand ein Haus, unser Haus ? - drinnen sah ich von ganz weit weg durch die Fensterscheibe des Schlafzimmers die plattgedrückte Nase meines Sohnes. Er hat noch nicht "Komm Mama" gesagt, ich hätte es sowieso nicht hören können, aber ich weiss, dass er es nicht einmal sagen konnte. Es war nur diese platte Nase. In der Mitte stand mein Mann und ich las nur Hass in seinen Augen. Ich bin mir ganz sicher, er hätte einen von uns umgebracht.
Es hat heute keinen Sinn zu hinterfragen, ob es richtig war. Es war einfach so. Wir drei sind zu Fuß in eine völlig unbekannte Zukunft gegangen. Einfach gegangen, und ich habe einfach eine Richtung gewählt. Man kann im Grunde nur geradeaus, auch wenn man sich ein wenig dreht.
Es war sehr sehr schwer. Das einzige was wichtig ist: Wir haben es geschafft. Wir hatten nichts mehr, noch nicht mal mehr einen Waschlappen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich das allererste Mal eine Wohnung mieten konnte - in München. Das erste Gehalt ... Das Zimmer war komplett leer. Ich erinnere mich noch, wie ich in meinem Übermut im Kaufhaus eine Kaffeemaschine gekauft habe.
Heute habe ich einen relativ gut bezahlten Job. Dafür arbeite ich allerdings auch hart. Meine Töchter studieren noch. Und sie haben damit Erfolg. Luxus können wir uns nicht leisten. Urlaub, Autos und Luxusartikel - wie eine komplett neue Waschmaschine oder eine schöne Küchenzeile - sind nicht vorhanden.
Ich denke auch nicht an die Zukunft - so etwas wie Rentenversicherung und überhaupt - das kümmert mich nicht. Ich habe keine Angst davor. Schliesslich ist mir das Schlimmste, was mir passieren konnte, bereits geschehen - ich habe ein Kind verloren.
Zwei mal fuhr ich nach Italien, um Matthias zu sehen. Beim zweiten Mal mietete ich ein Hotelzimmer in der nächsten Kleinstadt und bekam meinen Sohn auf eine Parkbank am Marktplatz abgeliefert. Bis um 20.00 Uhr haben wir dann Mutter-Kind-Zeit gehabt. Wir gingen in die Pizzeria und der Junge war kaum ansprechbar. Schliesslich wollte er dann ins Kino, wir haben "Independence Day" gesehen. Was sonst ? Er redet kaum, er findet alles lästig und lächerlich - ich meine, wir bräuchten sehr viel länger, damit er überhaupt zu einem normalen Kontakt mit mir kommen kann. Das Kind weiss noch nicht einmal, wer ich wirklich bin und was ich alles mache. Umgekehrt weiss ich von ihm im Grunde genommen gar nichts mehr.
Der Vater von Matthias behauptet damals zwar immer, dass ich mich jederzeit melden kann - aber damit ist das Problem nicht aus dem Weg geschafft. Es sind die unterschwelligen Botschaften, die die Beziehung zwischen meinem Kind und mir zerstört haben. Klar kann ich anrufen, aber was nutzt es wenn danach der Junge gefragt wurde "Was will sie schon wieder ?" oder "Macht sie noch immer ihre blöde Astrologie ?". Die Botschaft lautet immer: Deine Mutter und Deine Schwestern sind dumm, lächerlich, uninteressant, unausgeglichen und unfähig. Frauen, hahaha. Jetzt fährt so was auch noch Auto und macht die Straßen unsicher".
Ich habe das immer gehört, und mein Sohn - leider - auch.
Ein Jahr nach der Trennung konnte ich meinem Sohn dann doch zwei bis drei Mal im Jahr für einige Tagen - IM JAHR ! - bei mir haben. Im April 1998 war er zuletzt bei mir. Die ersten Stunden war es zunächst ganz schrecklich. Am nächsten Tag aber sagte er mir ganz überraschend, dass er gerne bei mir in Deutschland bleiben würde. Kein Problem, habe ich gesagt. Du kannst gerne bleiben. Leider waren die drei oder vier Tage, wie immer allerhochfeierlich - Ostern! Weihnachten! - bitte lächeln - wer kennt das nicht ? Alle Behörden, Jugendämter, Schulen, Beratungsstellen radikal geschlossen. Wir hatten nur einander, um die Entscheidungen zu treffen.
Ich schrieb damals in mein Tagebuch:
| Ostern 98 - Mein Sohn bleibt bei
mir.
Endlich geschafft? Es ist Ostersonntag. Leise treibt der Wind Wolken über den Himmel, und liebevoll regnet es. Sehr viele graue, gute Tränen...es wird lange dauern, bis ich ihn wirklich wieder bei mir habe. Will er wirklich bleiben? Etwas mehr als vier Jahre war ich verrückt. Entrissen aus der Selbstverständlichkeit des Alltags. Etwas mehr als vier Jahre lang habe ich mein Leben nicht gerne gelebt. Es begleitete mich der wohl vertraute Schmerz. Selbst wenn ich tanzen ging, schlich sich sein Schatten um mich und um meine Mitmenschen. Es ist jetzt 12 Uhr 42. Ich werde mich anziehen, das Haus verlassen und die ganze Isar entlang im Regen laufen und solange weinen bis ich wiederkommen kann. Geschafft? |
Damals habe ich meinem Ex-Mann angerufen, um ihm die Botschaft (schonend) zu vermitteln. Er weinte am Telefon, zeigte seltsamerweise plötzlich menschliche Gefühle und bat mich darum, mit seinem Sohn sprechen zu dürfen. Selbstverständlich habe ich das zugelassen.
Anschließend haben wir uns alle drei zusammengesetzt, um über alles zu reden. Er ist extra deswegen nach München gekommen. Und - er tat mir entsetzlich leid. Ja, ich hatte wahrhaftig Mitleid mit ihm. Wusste ich doch, was er empfinden musste. Ich versprach ihm aus voller Überzeugung, dass er jederzeit , immer wann er und das Kind es wolle, die Möglichkeit bekommen sollte, mit dem Jungen zusammensein zu dürfen.
Warum hat mein Sohn in der letzten Nacht, bevor ich irgend etwas für seinen Daueraufenthalt bei mir unternehmen konnte, furchtbar geweint? Ich weiss es nicht (schliesslich ist mir nie mehr die Möglichkeit gegeben worden, darüber zu sprechen). Er wollte zurück zu Papa. Ich habe ihm gehen lassen.
War das mein zweiter Fehler? Hätte ich das Kind manipulieren sollen? Hätte ich von meinem gemeinsamen Sorgerecht Gebrauch machen sollen? Hätte ich, um einmal stolze "Besitzerin" eines menschlichen Wesens zu sein, als "Siegerin" hervortreten müssen?
Auch damals noch glaubte ich, dass wir durch die anstrengenden Erfahrung der letzten Tage in der Lage sein könnten, alles auf vernünftige Art und Weise zu klären - zum Wohle des Kindes. Und schliesslich hatte mein Ex-Mann unmittelbar mitbekommen, dass ich immer fair geblieben bin.
Dann habe ich von Matthias nichts mehr gehört. Kein Brief, kein Telefonat - gar nichts mehr.
Kurze Zeit darauf verlangte mein Mann plötzlich Unterhaltszahlungen für meinen Sohn. Mit Rechtsanwalt, Drohung, Gericht und allen Fanfaren. Schliesslich arbeitete ich jetzt - und es ging mir gut. Für den Vater von Matthias eine unerträgliche Tatsache - seine Frau, sein Besitz, sein Objekt kommt ohne ihn bestens zurecht.
Ich kann mich leider nicht dagegen wehren. Ich muss mein Einkommen offenbaren und davon wird restlos alles gestrichen, was ich nicht dringend zu meinem Lebensunterhalt brauche. Ob ich noch meine zwei Töchter habe oder nicht, das spielt keine Rolle, denn laut Gesetz hat immer das minderjährige Kind Vorrang. Ich muss zigtausende von Mark nachzahlen, und seinen Rechtsanwalt auch noch! Das Geld habe ich nicht. Aber ich werde bezahlen müssen. Also heisst es: "Liebe Töchter, seht dass ihr weiterkommt, denn Mama muss weiterhin sehr hart arbeiten für einen Mindestlohn." Alles was übrigbleibt - und wenn es nur eine Prämie von meinem Betrieb ist - geht zu meinem Mann.
Für mich ist es unglaublich verletzend. Ich kann mir nun wirklich nichts mehr leisten. Gerade als ich mit allem einigermaßen gut zurechtkam, hat sich dieser Mensch, der mir sowieso alles genommen hat, noch auf mein armseliges, eigenes Gehalt gestürzt.
Ich habe seinem Rechtsanwalt geschrieben, dass der Vergleich zwischen den beiden Lebensstandards unmoralisch sei, mein Mann kümmert sich den ganzen Tag nur um die Wassertemperatur seines Pools, arbeitet nicht, lebt auf einem paradiesartigen Grundstück in seinem 11-Zimmer-Haus, erhält Zahlungen und Mieteinnahmen, hat sogar noch meine persönlichen kleinen Habseligkeiten behalten, und mir und meinen Töchtern bleiben nach Abzug von Miete, Telefon, Strom und Unterhaltszahlungen noch 880 Mark übrig. Die Antwort des Anwaltes: Ich hätte um meine Rechte kämpfen müssen ...
Muttertag ! Da erhielt ich ein erneutes Schreiben des Rechtsanwaltes. Die Unterhaltszahlungen seien immer noch nicht geleistet worden und ich müsse mich bis zum so-und-sovielten dazu verpflichten, in dem ich meine Schuld anerkennen würde - sonst gebe es gerichtliche Schritte.
Pflicht - Schuld - Geld - Gericht - Zwang - wer kennt solche Briefe nicht.
Nach dem Lesen dieses Schreibens bin ich zusammengebrochen. Ich rief meinen Ex-Mann an um zu fragen, ob dieses Schreiben vielleicht ein Versehen oder auf eine allzu harte Sprache des Rechtsanwaltes beruhen würde. Er hat nichts anderes gesagt als "Nur noch über meinen Rechtsanwalt". Peng, Hörer aufgelegt.
Ich dachte, er ist irre geworden. Was soll denn dieser plötzliche Umstellung? Einigen Wochen vorher weinte er noch und sprach die ganze lange Nacht mit mir über seinen Kummer, darüber, das Kind zu verlieren.
Jetzt zahle ich brav den Unterhalt.
Aber es reicht noch lange nicht. Da ich bereits vor zwei Jahren dazu angehalten wurde, zu bezahlen, fordert mein Ex-Mann alle rückfälligen Unterhaltszahlungen auf einmal von mir. Seine Begründung, er hätte lange genug Geduld geübt und er könne es meinem Sohn nicht mehr zumuten. Was denn nicht mehr zumuten? Wieder ein Ultimatum - sonst Pfändung. Mein Rechtsanwalt rechnete nach, dass mir von meinem Gehalt noch 250,- DM im Monat gepfändet werden könnten - danach wäre ich bis zum letzten ausgequetscht.
Diese 250 Mark überweise ich, zusätzlich zu den regulären Unterhaltszahlungen nun auch noch "freiwillig" an meinem Ex-Mann. Ich meine, warum sollte ich meinen Arbeitnehmer darüber informieren lassen? Das wirft kein gutes Licht auf mich und es würde sowieso gnadenlos gepfändet werden.
Ich lebe zur Zeit von 400 Mark im Monat. Wenn ich das Kindergeld erhalten sollte, käme ich auf 880. Das ist sicher nicht sehr viel, aber 400, das ist die Hölle auf Erden. Im Grunde stimmt es, ich wäre besser dran, wenn ich aufhören würde zu arbeiten und zum Sozialamt gehen würde. Aber das will ich nicht. Ich kann nicht zulassen dass mein Ex-Mann mir noch das allerletzte nimmt - meine Würde, meine Anerkennung im Berufsleben, welches ich erst vor fünf Jahre angefangen habe. So arbeite ich weiter und hoffe ... auf was denn eigentlich?
Da ich von meinem Sohn überhaupt kein Lebenszeichen mehr erhielt und ich nur vermuten konnte, was dahinter steckt, schrieb ich seinem Vater und legte Aufsätze zum PA-Syndrom bei. [Anmerkung des Herausgebers: Siehe zur induzierten Eltern-Kind-Entfremdung - Parental Alienation Syndrome (PAS) den Beitrag von Wera Fischer.]
Die Antwort des Vaters:
| Monika,
heute habe ich Dein Kuvert mit den Seiten zum PA-Syndrom erhalten. Mir ist diese Thematik seit langem bekannt und ein Buch darüber habe ich bereits gelesen. Trotz Bedenken, dass meine Äußerungen auf fruchtbaren Boden fallen würden, möchte ich doch letztmalig zu den ständig wiederkehrenden Vorwürfen Stellung nehmen. Ich habe Matthias noch nie daran gehindert, mit Dir Kontakt aufzunehmen. Matthias kann Dich jederzeit anrufen, auch ohne, dass ich mithöre. Ebenso wurde Matthias von mir angehalten, auf Briefe und Geschenke zu antworten, aber er macht es nun mal nicht. An Geburtstage, sofern ich es nicht selbst vergessen hatte, habe ich ihn erinnert. Besuche in München bei Dir entstanden durch Initiative, aktive Mithilfe und Organisation meinerseits. Es dürfte Dir auch nicht unbekannt sein, dass Kinder in Matthias' Alter häufig so reagieren. Sie sind häufig egoistisch und gehen den einfacheren Weg. Der Kontakt muss durch den anderen Elternteil hergestellt und gestaltet werden. Es liegt allein an Dir, einen befriedigenden Kontakt zu Matthias aufzubauen. Du kannst schreiben, anrufen, e-mailen etc. ... Nach meiner Einschätzung liegt Matthias aber nicht viel an einem Kontakt, weil er nun mal die Erfahrung gemacht hat, dass dies häufig mit Ärger verbunden ist. Matthias war Anfang September knapp zwei Tage (ohne mich) bei seiner Oma in München und hätte Dich jederzeit (ohne Beeinflussung!!) anrufen oder besuchen können. Er wollte jedoch nicht. Auch in den Weihnachtsferien möchte er nicht nach München kommen. Was Matthias dringend braucht, ist Ruhe und Kontinuität. Im letzten halben Jahr hat er grosse Fortschritte gemacht. Seit diesem Schuljahr besucht er die "Zweigschule" von V. und ist dort nun, nachdem er in V. einer der auffälligsten Schüler war, ein "braves" Kind geworden. Der Direktor der Schule hat mir gestern berichtet, dass es keinerlei Probleme mit dem Betragen von Matthias mehr gibt. Solange Du nicht zwischen einem vorurteilsfreien Kontakt mit Matthias und den nachehelichen Schwierigkeiten unterscheiden lernst, wird es Dir nicht gelingen eine belastungsfreie Situation für Matthias und Dich entstehen zu lassen. Solange Du ihm gegenüber meine Autorität und Integrität in Zweifel ziehst und ihn versuchst, auf Deiner Seite zu ziehen, wird eine gute Beziehung nicht zu Stande kommen. Wenn Du wieder einen guten Kontakt zu Matthias herstellen möchtest, dann wende Dich ohne Umwege direkt an ihn und erspare mir und meinem Rechtsanwalt, der für diese Angelegenheit übrigens gar kein Mandat von mir hat, diese ständigen Unterstellungen und falschen Behauptungen. H. |
Was mit jemanden geschieht, der solche Briefe erhält, kennst Du bestimmt. Drei Stunden lang habe ich es geschafft, ganz ruhig zu bleiben, ein wenig ferngesehen, Knöpfe an einer Bluse genäht: Phase der Verdrängung.
Gegen 22:00 Uhr brach ich zusammen und heulte.
Um 23:00 Uhr tippte ich wutentbrannt einen Antwort voller Vorwürfe, Verletzungen und Enttäuschungen: Phase des Abreagierens und nicht abgeschickt.
Gegen Mitternacht begann ich dann schliesslich nachzudenken und stellte eine vernünftigere "Antwort" auf - was mir sehr schwer fiel. Damit fertig geworden bin ich erst vier Tage später - dann war ich irgendwie ziemlich ratlos.
Meine Antwort an den Vater:
| Hallo H.,
aus Deinem Schreiben habe ich von Matthias Schulwechsel erfahren. Obwohl ich mich zweifelsohne darüber freue, dass Matthias in der Zweigschule von V. offensichtlich besser aufgehoben ist, wundere ich mich allerdings warum ich nicht zur Rate gezogen worden bin bzw. nicht früher darüber erfahren habe. Auch mir haben seine Schulprobleme Sorgen bereitet - und nach mehrmaligen Anfragen nach der Adresse, bzw. der Telefonnummer der Psychologin, bei der Matthias in der Konsultation war, habe ich immer noch keine Antwort erhalten. Daher bitte ich Dich, mir die Adresse, bzw. den Werdegang dieser Beratung zu erklären bzw. zu belegen und Dich in der Zukunft daran zu halten, mit mir über Matthias Werdegang zu besprechen. In Anbetracht des gemeinsamen Sorgerechtes bin ich, denke ich, der richtige Ansprechpartner für einen Schulwechsel. Nun gut, es ist nichts Schlimmes passiert, Matthias ist scheinbar zufrieden, und ich nehme an, dass Du es in der Zukunft berücksichtigen wirst, damit ich erfahren kann, wo er sich aufhält und wie er sich verhält. Wenn Du mich am Telefon grundlos abweist mit einem "Nur noch über Rechtsanwalt", kann ich gut verstehen, dass Du nicht in der Lage bist, mit mir darüber telefonisch zu sprechen, aber Du hast e-Mail, Fax und schliesslich gibt es immer noch die Post. Dass Du Dich mit dem PA-Syndrom beschäftigt hast, finde ich sinnvoll. Nur hast Du, meiner Meinung nach, Dich nicht genügend mir der Materie befasst. zu Hier geht es geht in der Regel nicht mal in erster Linie um Eltern, die den Kontakt zum anderen Elternteil offensichtlich boykottieren, das tust Du in der Tat auch nicht (und das ist im Grunde das undurchdringliche daran), sondern um eine unausgesprochene Botschaft, die dem Kind permanent gegeben wird. Aus Deinem Brief kann man ziemlich gut herauslesen, wie sehr ich Dich und Deinen Rechtsanwalt "belästige". Darf ich das mal als Anknüpfungspunkt nehmen ? Ein Elternteil, der es als "Belästigung" empfindet, wenn der andere Elternteil einen Kontakt - egal in welcher Form auch immer - zu seinem von ihm getrennt lebenden Kind versucht herzustellen , befindet sich, meiner Meinung nach, bereits voll in dem negativem PAS-Prozess. Ich will versuchen, Dir das zu erklären. Matthias ist Dein Kind. Dein Kind hat das Recht auf Vater und Mutter. Ich bin die Mutter Deines Kindes und demzufolge eine wichtige Bezugsperson für Dein Kind. Du müsstest, wenn Dir daran liegt, Dein Kind so glücklich wie möglich aufwachsen zu sehen, alles dafür tun, um Matthias den Kontakt zu mir zu erleichtern. Wenn ich Dir damit "lästig" bin, dann bedeutet das nichts anderes, als dass Dir die wichtigen Angelegenheiten Deines Kindes "lästig" sind. Ich bin und war wichtig für Matthias , ich werde in der Zukunft immer wichtig bleiben, er wird sich im Leben niemals eine andere Mutter beschaffen können, auch nicht wenn ich sterben sollte. Erinnerst Du Dich noch, damals, als Matthias Ostern 98 bei mir bleiben wollte und Du geheult hast ? Du hast gefragt, ob Du mit ihm sprechen darfst. Deine Frage hat mich sehr betroffen gemacht - nicht weil ich je daran denken würde, Matthias nicht mit Dir sprechen zu lassen, sondern weil Du die Frage überhaupt gestellt hast - weil Du daran gedacht hast. Erinnerst Du Dich noch an meine Antwort ? Meine Antwort war : Jederzeit ! Ich wusste, das ist für Matthias sehr wichtig. Mehr nicht. Auch Du bist ohne Vater aufgewachsen. Egal ob dieser Mensch nun interessant, liebevoll oder abweisend geworden ist, er und Du, ihr habt noch nicht einmal die Gelegenheit bekommen, zumindest zu versuchen eine Beziehung aufzubauen. Man wird nicht als Vater und Mutter geboren, so etwas wächst im Laufe der vielen Jahren heran. Im Falle von Matthias wäre der Versuch gegeben, beide Eltern sind vorhanden und bekunden ein Interesse. Man kann diese Chance für das Kind doch nicht so einfach freiwillig wegwerfen. Zu Deinem Ratschlag, Dich nun doch endlich mal mit meine Anfragen zu verschonen und mich direkt an Matthias zu wenden (finde ich von Dir übrigens eine absolute Unverschämtheit - und möchte Dich nicht an meiner Stelle erleben) - muss ich Dir sagen, dass der Weg zu Matthias, solange er noch von Dir abhängig ist, nur über Dich gehen kann. Er ist noch zu jung, um vorurteilsfrei zu entscheiden. Darf er denn Papa und Mama gleichzeitig lieben, oder denkst Du nicht, er befindet sich tatsächlich in einen Loyalitätskonflikt wenn er annimmt, er würde den Einen verraten für den Anderen ? Natürlich braucht Matthias Ruhe und Kontinuität - aber er wird sie niemals finden, wenn er nur als halber Mensch herumläuft, mit einem Auge, mit einem Bein, mit einem halben Herzen - ein Kind ohne Mutter, ein Kind, dass so leben muss, wie viele bedauernswerten Kinder, deren Mutter oder Vater gestorben sind, und in diesem Fall leider noch nicht einmal mit dem Mitleid und dem Verständnis der Gesellschaft rechnen können. Sobald ein Kind halb verwaist ist, wird sehr viel Rummel darum gemacht - bei Matthias entsteht im Grunde eine Verwaisungssituation auf Grund der Unfähigkeit, sich mit nicht verarbeiteten Problemen auseinandersetzen zu wollen oder zu können. Ruhe und Kontinuität - übrigens auch typische PAS-Begriffe. Glaubst Du, dass das Kind - als es sich im September für zwei Tage in 1000 Meter Luftlinie von mir entfernt bei seiner Großmutter aufgehalten hat und nachdem es mich nicht einmal angerufen hat, Ruhe und die Kontinuität fand?...Was denkt ihr euch eigentlich dabei ? Ihr tut ja geradezu so, als ob ich das Kind schlagen, misshandeln, erpressen oder sonst noch was mit ihm anstellen würde. Wenn Matthias nicht schreiben will, wenn er nicht antworten will, wenn er nicht anrufen will ("das schwierige Alter"), dann wäre es Eure Pflicht, ihn darauf hinzuweisen, dass er es tun sollte, um den Kontakt zu seiner Mutter nicht gänzlich zu verlieren. Was hindert Dich daran, ihm mitzuteilen, dass seine Mutter kein schlechter Mensch ist, sich durchaus freuen würde über eine Geburtstagskarte und ihn bestimmt sehr, sehr lieb hat ? ... Mich wundert Deine plötzliche Toleranz "jugendlichen Anwandlungen" gegenüber übrigens sehr - damals, Anne und Marie gegenüber, gab es sofort Sanktionen, wenn sie nicht sofort pariert haben. Im Grunde hat das alles mit Matthias gar nichts zu tun. Es liegt ausschließlich an Dir, richtig zu handeln. Wenn ich Dir "lästig" sein sollte, dann hast Du in Deiner Erziehung jämmerlich versagt - ich war Dir auch nicht "lästig", als Du das Kind gezeugt hast. Ziehe heute eine verantwortungsbewusste Konsequenz daraus - NUR FÜR DAS KIND UND SONST FÜR GAR NICHTS. Es ist nicht richtig, dass ich mit gesenktem Haupt wie eine Schwerverbrecherin um die Gnade eines Telefonates mit meinem Sohn zu bitten hätte. Letztendlich habe ich nichts verbrochen - ich habe nur geheiratet und wurde auf ziemlich brutale Art und Weise beiseite geschafft, ein absolutes Unrecht ohne Beispiel. Übrigens, alles was ich über PAS geschrieben habe, gilt auch noch für die "Geschwister" von Matthias, die er auch einmal hatte und lieb hatte, vergiss das nicht. Denke darüber nach, aus Liebe zu Deinem Kind. Wir drei haben nichts verbrochen, H. Niemals. Wir hatten nur das Pech, an Dich zu geraten. Monika |
Wenn ich jetzt meinem Sohn anrufen würde, dann käme ein zögerndes Gespräch mit ihm zustande, etwa so:
Wie geht es Dir?
Gut.
Was machst Du gerade?
Nichts.
Und wie geht es in der Schule?
Gut.
Wie ist das Wetter?
Schön.
etc. ...
Das bringt uns nicht weiter, außer dass der Junge tatsächlich denkt, seine Mutter ist völlig bekloppt.
Jetzt bin auch ich soweit. Ich, eine der fürsorglichsten, fantasievollsten, liebsten, geduldigsten, erfahrensten und flexibelsten Mütter der Welt habe nun auch ein Kind, dass "mich nicht mehr sehen will".
Obwohl ich noch zwei Töchter aus erster Ehe habe, die mich über alles lieben und mit mir einen regen, intimen, liebevollen Kontakt ohne Angst und Hemmung aufrechterhalten ... stehe ich da als jämmerliche Versagerin gegenüber einem monströsen Syndrom, gegen welches ich nicht anzukämpfen weiss.
Was soll ich tun?
Wie geht es mir jetzt?
Irgend etwas in mir ist gebrochen. Es wird nie mehr so wie es früher war. Ich habe kein Vertrauen mehr ... ich traue jedem alles zu. Ich bin depressiv.
Wenn in der U-Bahn Jungen einsteigen, die um die 14 Jahre alt sind, dann steige ich einfach aus. Wenn im Fernsehen Werbung kommt oder ein Spielfilm mit Jungen, dann schalte ich ab. Ich habe keinen Kontakt zu Leuten, die Kinder haben. Das will ich nicht.
Seit vier Jahren spüre ich etwas beklemmendes in meiner Herzgegend. Vor einem Jahr wurde ich Asthmatikerin. Ich denke, das hat mit dem "Stein" zu tun. Als ich vor drei Jahren einen Knoten in meiner Brust entdeckte, da war es mir egal. Der Frauenarzt hat mir voller Freude erzählt, dass es nichts Schlimmes sei. Das war mir auch egal. Heute ist es mir nicht ganz so egal wie damals, aber ich weiss, dass ich immer noch nicht normal mit mir selbst umgehe.
Ich habe keine Freude.
Mein Leben scheint mir sinnlos zu sein.
Es versteht kaum jemand. Da, wo normalerweise Männer betroffen sind, bin ich als Frau doppelt betroffen. Als Rabenmutter. Alle gute Mütter versichern, dass sie bis zum blutigen Ende um ihre Kinder gekämpft hätten. Das hört sich gut an. So richtig dramatisch. Aber da ist für mich der springender Punkt ... bis zum blutigen Ende? Ist das gut fürs Kind ?
Aber das versteht keiner. Keine Frau, kein Mann. Für Frauen bin ich eine Art Monster, die ihr Kind in Stich gelassen hat. Für Männer kann ich keine gute Frau sein, ja, sie werfen es mir insgeheim ein klein wenig vor ...
Was mich von den anderen Menschen massiv unterscheidet, das ist der unglaublicher Schmerz, der mich ab und zu überfällt. Und die Wut. Eine Wut, die ich nicht los kriege, die immer größer wird, die mich zerfrisst, die mich manchmal gefährdet. Ich bin immer noch wütend auf mich, auf die Enttäuschung erleben zu müssen, wie ein Mensch, mit dem ich aufs intimste zusammengelebt habe, mit dem ich alles geteilt habe, mit dem ich mein ganzes Leben geplant hatte, dem ich grenzenloses Vertrauen geschenkt habe, immer noch so brutal und gnadenlos mit mir umgeht. Es gibt niemanden und nichts im Vergleich zu diesen Lebensabschnitt - meine Ehe - das mir so sehr geschadet, mich verletzt und zerstört hat. Und: Man kommt nie über den Verlust eines Kindes hinweg.
Nicht nur, dass ich ein Kind verloren habe (aber nein, es ist doch nicht so schlimm, er ist schliesslich nicht gestorben, nicht wahr ?) - ich weiss nichts von dem Jungen. Weg. Verschwunden. Gibt's nicht. Als ob man so einfach einen Strich darüber ziehen könnte. Oder doch? Man sieht es tagtäglich an den vielen Beispielen von weggeworfenen Vätern und Müttern, die, wie ich, zusehen müssen, wie sie damit mehr oder weniger gut weiterleben müssen, um zu funktionieren. Alles Menschen, die nichts anderes verbrochen hatten als zu heiraten und Kinder zu bekommen.
Auch hier hat der Gesetzgeber keine Lösung. Niemanden kann helfen. Niemand weiss, was zu tun ist.
Kind weg - Basta !
Aktualisierung zu diesem Fall, Januar 2001: "Mein Sohn stand von Heute auf Morgen vor der Tür (mit 15 1/2 Jahren) und ist geblieben. Das Problem ist nur - er ist völlig kaputt."
Stand dieser Seite: 18.02.2001 - Fundstelle: http://www.paPPa.com/kinder/monikaV-mm2.htm
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