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Kinder ohne Vater - Verletzungen bleiben das ganze Leben
Ein Erwachsener erzählt:
Peterchens Mondfahrt
Geboren wurde ich in Australien als Kind deutscher Auswanderer. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, so glaube ich, dass ich in relativ geordnete Familienverhälnisse hineingeboren wurde. Mutter war Mutter und Vater war wohl Vater. Mutter hat für mich gesorgt und Vater kam spät von der Arbeit.
Wie jedes Kind habe ich mich gefreut, wenn er nach Hause kam (meine Kinder tun das heute auch.) Auch wenn es Streitigkeiten gegeben hat, so waren sie mir nicht bewußt oder waren einfach da. So, wie ein Kind dies Alles erleben kann. Ich habe mich gewiss in den ersten drei Lebensjahren geborgen und geliebt gefühlt. Tatsächlich frage ich mich heute, wie dieses Gefühl wirklich war. Dazu später mehr. Es war sicherlich aus meiner Sicht als Kind, alles "normal". Die Welt war für mich in Ordnung.
Eines Tages gab es irgendwas besonderes oder auch nicht. Lange Autofahrten habe ich sicherlich vorher schon erlebt. Wir kamen auf ein Schiff. Von oben winkten Leute und von unten winkten sie zurück. Sicherlich habe ich auch gewunken. Daddy war wohl nicht dabei. Auch das ist für mich nichts Aussergewöhnliches gewesen. Mein Daddy war wohl auch schon mal ein paar Tage nicht anwesend gewesen. Auf dem großen Bulldozer hat er große Flächen Land geklärt. Da bin ich auch schon mitgewesen, habe da sogar in seinen Armen geschlafen. Überhaupt, so weiß ich aus Erzählungen von meiner Mutter und von meinem Vater, dass mein Vater und ich "ein Herz und eine Seele" waren.
Auf der langen sechswöchigen Schiffsfahrt werde ich sicherlich die ersten Fragen gestellt haben. Wo ist Daddy? Ich kann mich an keine Antworten erinnern. In Deutschland angekommen, wohnten wir bei den Grosseltern meiner Mutter. Hier werde ich auch wieder die Frage gestellt haben: wo ist Daddy? Irgendwas habe ich vermißt. Als drei- bis vierjähriger werde ich sicher auch selbst angefangen haben, mir Erklärungen zu geben. Nur, auf welchen Sachverstand mögen diese Erklärungen beruht haben? Was für ein Wissen kann ein Kind haben, um sich sowas selbst zu erklären. An Antworten von meiner Mutter oder Grosseltern kann ich mich nicht erinnern. Meinen Vater habe ich nach einem halben Jahr nochmal gesehen. Dies weiss ich zumindestens aus Erzählungen. Auch hier habe ich keine Antworten erhalten (Halt: hier merke ich schon, dass ich damals schon mehr als nur einen Vater vermisst habe.)
Von nun an erlebe ich zwei Hochzeiten und zwei Scheidungen meiner Mutter (damit war sie dreimal verheiratet und geschieden.) Ich war kein agressives Kind. Ich war aus der Sicht z. B. meiner Tante ein sehr lieber Junge. Es gab für einen Laien kein auffälliges Verhalten auf meiner Seite. Nach der Grundschule habe ich das Gymnasium besucht, bin aber nach drei Jahren in die Hauptschule gegangen. Hier habe ich dann auf dem zweiten Bildungsweg die mittlere Reife geschafft. Dann habe ich die Ausbildung zum Vermessungstechniker geschafft. Also eigentlich alles normal. Noch während der Bundeswehr habe ich meine erste Frau kennengelernt und geschwängert. Heirat und zweites Kind. Doch dauerte es nicht lange und die "üblichen" Streitigkeiten begannen. Wir glaubten, dass das am Umfeld lag und wanderten nach Australien, zu meinem Vater, aus. Auch hier gab es Streitigkeiten. Obwohl es finanziell gut aussah (wir hatten genug Geld, um ein Haus zu kaufen), entschlossen wir uns, nach Deutschland zurück zu gehen. Hier suchte sich meine Ex einen Liebhaber und ich trennte mich von ihr. Mit dem üblichen Scheidungkrieg.
Kurze Zeit nach der Trennung, lernte ich meine jetzige Frau kennen. Auf der zweiten mündlichen Verhandlung der Scheidung gab ich die Geburt meines dritten Kindes mit meiner neuen Freundin bekannt. Ich wurde geschieden und heiratete kurze Zeit später meine jetzige Frau. Mein viertes Kind kam zur Welt (zwei aus erster, zwei aus zweiter Ehe). Doch auch nach kurzer Zeit stellten sich die "üblichen" Streiterein ein. Irgendwie schaffte ich es, meine Frau davon zu überzeugen, zur Eheberatung zu gehen. Im Vorgespräch stellte mir die Beraterin die Frage: "Können Sie sich eigendlich selbst leiden?" Meine spontane Antwort: "Nein!" Ergebniss: Seit zwei Jahren befinde ich mich in psychotherapeutischer Behandlung.
Hier ist sicher auch ein Grund dafür zu finden, warum dies ein Tabuthema ist. "Der hat ja einen Knacks weg etc." Zwischenergebnis der Therapie: Ich bin ein Narzist. Grund: traumatisches Kindheitserlebnis, genauer: Verlust der Liebe zu dem Vater. Weitere Erklärung des Therapeuten: Ich bin elternlos aufgewachsen. Meine Mutter ist nur eine biologische Mutter und hat nur ihre eigenen Interessen verfolgt. Seit dem dritten Lebensjahr war ich auf der Suche. Ich wusste nur nicht, nach was ich gesucht habe. Nachdem mir der Therapeut dies erklärt hat, bin ich sofort nach Australien, um meinen Vater zu besuchen. Obwohl ich ihn schon ein paar mal wieder gesehen habe, war dies aus meiner heutigen Sicht ein grosser Moment: In seinem Garten lag ich eines Nachmittags in der Sonne. Mein Vater nahm ebenfalls eine Liege und legte sich neben mich. Nach einer Weile streckte ich meinen Arm aus und beruehrte seinen Arm. Dabei dachte ich, wie sehr mag ich das wohl als Kind vermisst haben. Die Tränen liefen auf beiden Gesichtern. Es war der Moment: nach vierzig Jahren suchen, habe ich wieder gefunden, was ich verloren habe.
Heute weiss ich, dass dies mein innigster Wunsch war. Immer wenn ich in Filmen oder Erzählungen das Grundmotiv erkenne, laufen mir die Tränen runter: Wiedervereinigung. Wenn Heidi endlich wieder zu ihrem Grossvater in Berge kann, wenn Lassie nach langer Reise wieder nach Herrchen zurückkommt und Peterchens Mondfahrt ...
PS: Zum Verhaltensmuster des Narzisten gibt es natürlich eine Menge zu berichten, doch sollte dies im Moment noch nicht das Thema sein. Nur dieser Hinweis: Psychologen sind sich einig: Wir sind eine narzistische Gesellschaft.
Wir möchten an dieser Stelle gerne weitere Berichte veröffentlichen - wer etwas beizutragen hat, melde sich bitte!
Siehe zum Thema auch:
Die Suche nach dem verlorenen Vater - Wie eine "Rabentochter" ihren zweiten Elternteil wiederfand und dahinterkam, daß sie von der Mutter ein Leben lang belogen wurde
Erste Begegnung mit Vater - Aus dem Reisetagebuch eines Besatzungskindes
Helga Levend, Ein Patriarchat ohne Väter - Verletzte oder ungelebte Beziehungen zum Vater sind "offene Wunden", unter denen Töchter lebenslang leiden.
"Lieber Papi!" Leseprobe aus Karin Jäckel, Furcht vor dem Leben - Wenn Jugendliche den Tod als einzigen Ausweg sehen
Wenn Mama den Papa nicht mag, will ich ihn auch nicht sehen Wie Kinder unter dem Entzug eines Elternteils nach der Trennung leiden. Das neue Sorgerecht will Abhilfe schaffen. - Badische Zeitung 22.6.98
"HERR, zeige uns den Vater, und es genügt uns. Joh. 14,8" Gemeindebrief 7+8/1998
"Der Mann als Vater" Wilhelm Faix, Dozent an der Bibelschule Adelshofen
Familienstrukturen in literatur-, rechts-, wirtschaftsgeschichtlicher und psychologischer Sicht Interdisziplinäres Seminar - Teil II: Psychologie und Germanistik
Markus Hofer, Kinder brauchen Väter (Vortragstext)
Christine Brinck, Wo ist Vati? Der Trend zur Ein-Eltern-Familie ist ungebrochen. Dabei zeigen neueste Forschungen: Kinder ohne Väter haben es ungleich schwerer im Leben, Focus 30. Jan. 95
KIDS - Warum Väter zählen Der Niedergang der Familie wird weltweit zum Thema. Experten suchen Rezepte dagegen + New York Times, August 1997: Fatherless America: 17 million have no dads / Trends `threaten nation´s future´
Wade F. Horn, "Die Wichtigkeit der Väter" + "Auswirkungen der vaterlosen Gesellschaft - Ein Fisch names Vater oder Angst essen Seele auf?"
Rezension von Cristiane Olivier: Die Söhne des Orest - Ein Plädoyer für Väter
DIE VATERLOSE GESELLSCHAFT - VATERLOSIGKEIT ALS PROBLEM MÄNNLICHER IDENTITÄTSBILDUNG Manuskript im Fachbereich Psychologie