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Rezension von Petra Malwitz: Karin Jäckel,
"Lieber Papa, mit geht´s gut."
(Gesendet im Süddt. Rundfunk SDR 1 am
15.12.1996)
Kindern ein Buch zu schenken ist gar nicht so leicht. Natürlich soll es spannend sein, schließlich will man den Kleinen ja die Lesefreude nicht verderben. Doch nur Spannung und Abenteuer - das ist vielen Eltern und Verwandten dann auch zu wenig. Irgendeine Botschaft darf das Buch schon haben! Aber bloß nicht mit erhobenen Zeigefinger. Petra Mallwitz hat eine Geschichte entdeckt, die spannend ist und die gleichzeitig ein kritisches Thema aufgreift. "Lieber Papa, mit geht´s gut." ist der Titel.
Wem geht es denn da so gut?
Diesen Satz "Lieber Papa, mir geht´s gut", schreibt ein Junge in einem Brief an seinen Vater. Der Junge ist 10 Jahre alt, er heißt Tim und ihm geht es alles andere als gut. Seine Eltern haben sich nämlich scheiden lassen. Nun wohnt er mit seiner Mutter in einer neuen Wohnung und geht in eine neue Schule. Dort hat er keine Freunde, außerdem wird er immer dicker, denn das einzige, worauf sich Tim noch so richtig freuen kann, ist Essen. Als seine Mutter ihn dann auch noch auf Diät setzt, ist das Desaster perfekt.
Ist die Scheidung der Eltern die Ursache für die ganze Misere?
Die Scheidung ist zwar Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Aber in dem Buch werden die Eltern nicht verurteilt im Sinne von "seht ihr, die Kinder sind eben immer die Leidtragenden. Hättet ihr Euch nicht getrennt, würde euer Kind jetzt nicht so viele Süßigkeiten essen müssen." Für mein Empfinden hätte das Buch eine sehr fragwürdige Botschaft, wenn die Eltern am Ende wieder heiraten würden und das Buch mit Friede, Freude, Eierkuchen endet. Aber die Geschichte verläuft ganz anders. Die Autorin Karin Jäckel beschreibt die Situation nämlich sehr überzeugend aus der Perspektive von Tim. Das Wort Scheidung fällt da überhaupt nicht.
Tim hofft natürlich die ganze Zeit, daß die Eltern sich wieder mögen und alle drei wie früher zusammenleben, aber gegen Ende der Erzählung begreift er, daß sie nie wieder eine Familie sein werden. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig für ihn, denn nun kann er seine Energie für etwas anderes einsetzen, als für den Wunsch, daß die Eltern sich wieder versöhnen. Außerdem schafft es Tim schließlich sogar, trotz Scheidung, seine Lebensfreude zurückzugewinnen.
Und wie macht er das?
Das ist eine sehr spannende Geschichte. Als Tims Mutter ihn auf Diät setzt, haut er nämlich einfach von Zuhause ab. Das ist zwar nicht die Lösung der Probleme, aber abhauen, das ist ein Thema, das fast alle Kinder mal bewegt hat. Ich selbst habe mich erinnert, daß ich als Kind auch mal abhauen wollte. Und ich konnte dann so richtig mitfiebern, wie sich der kleine Tim, nun ohne Eltern, durchschlagen will. Kurz und gut: Er versteckt sich eine Zeit lang in einer Burgruine und entdeckt dort einen Hasen mit gebrochenem Bein. Dem möchte er natürlich helfen. Auf vielen Umwegen lernt er dabei einen Jungen kennen. Dessen Großvater hat eine Hasenzucht. Und der kümmert sich fachmännisch um den Hasen. Der andere Junge heißt Hannes. Und wie es der Zufall so will, sind seine Eltern auch geschieden. Hannes meint "man gewöhnt sich dran." Aber das entscheidende ist, daß dieser andere Junge jemand ist, der zu ihm hält. Er lacht nicht, weil Tim so dick ist und er möchte sogar, daß Tim bei ihm bleibt und mit ihm in seine Schule geht. Am Schluß ist klar: Diese Freundschaft ist für Tim der Neuanfang.
Ab welchem Alter können denn Kinder diese Geschichte verstehen?
Es ist ein Buch für Kinder, die schon zur Schule gehen. Große Schrift, einfache Sätze und einige Illustrationen. Auf dein Klappentext steht: Ab 10 Jahren. Zu den Illustrationen muß ich allerdings sagen: die finde ich weniger gelungen. Als ich die Zeichnung auf dem Einband gesehen habe, hätte ich das Buch beinahe wieder aus der Hand gelegt. Hinterher war ich froh, daß ich es doch aufgeschlagen habe, denn ich habe es in einem Zug bis zum Schluß gespannt durchgelesen. Es ist eine ausgesprochen einfühlsame Geschichte und lebendig geschrieben. Und ich muß sagen, als Tim den anderen Jungen kennenlernt und er in ihm einen Freund findet, war ich richtig gerührt.
"Lieber Papa, mir geht's gut", heißt das Buch, das Petra Malwitz uns gerade ans Herz gelegt hat. Eine Geschichte von Karin Jäckel. Herausgegeben vom Herder-Verlag und es kostet 14.80 Mark.
Zu zwei weiteren Veröffentlichungen von Karin Jäckel: